Mensch, du schillernder Abgrund

19. April 2026. Timon Jansen inszeniert Shakespeares Problemstück über Macht und Sex als Zwitter zwischen Komödie und Tragödie, als Fest der Sprache und makabres Spiel. Gelingt ihm auch der Bezug zum Heute?

Von Harald Raab

Shakespeares "Maß für Maß" in Timon Jansens Regie am Deutschen Nationaltheater Weimar © Candy Welz

19. April 2026. Mit Shakespeare das Hier und Heute zu vermessen, tritt Regisseur Timon Jansen an. In pastellfarbenen, geometrisch strengen Lichträumen und Dekorationselementen im Stil der deutschen Wirtschaftswunderzeit. Einer hierarchisch gestuften Bühnen-Arena fürs Volk vorn, durch einen Vorhang getrennt dahinter die Sphäre der Herrschaft.

Jansen lädt zu einer machiavellistischen Versuchsanordnung ein. Ein Experiment an und mit Menschen. Mittels "Maß für Maß" seziert er Machtmissbrauch und Ohnmacht, Trägheit des Herzens und des Denkens, Verführbarkeit und Flucht aus der Verantwortung in gesellschaftlichen, aber auch sehr privaten Beziehungen.

Klassiker, anhand aktueller Probleme neu modelliert

Eine aus den Fugen geratene hedonistische Spaßgesellschaft, Herrschsucht von Eliten, die "Ich" meinen, wenn sie "Wir" sagen. Man gibt sich hochmoralisch und ist doch bis tief in die Haarspitzen sexualisiert. Liebe ist ein Tauschgeschäft. Was da Lebenstragödie ist, lässt sich auf der Bühne – und nicht nur dort – bloß als Komödie ertragen.

Timon Jansen, Schauspielchef im Intendantenteam des DNT, erkennt die Aktualität des seltsamsten aller Shakespeare-Stücke: "Maß für Maß". Sein Auftrag ist ja, den alten Bildungsbürgertempel Weimars mit seinem pensionistenlastigen Silberlocken-Publikum in die Zukunft zu führen.

Wie kommt man an die Jungen ran, ohne die Alten zu vergraulen? Das Rezept ist nicht neu: Klassiker mit aktuellen Problemen modellieren.

Puppenwelt am Draht

Jansen beweist, dass man Shakespeare in die Erlebniswelt von heute holen kann: Glaubwürdig, ohne ideologischen Bleifuß, traumhaft sicher und intelligent erzählt dazu. Das, was hier verhandelt wird und vor allem, wie, das geht uns alle an. Jansen stützt sich nicht – was in Weimar naheliegend wäre – auf die Wieland-Übersetzung, sondern auf die moderne, sprachlich aber nicht minder brillante Adaption von Thomas Brasch: Der Mensch ist ein schillernder Abgrund voll bizarrer Irrungen und Wirrungen. Alles ist ein makabres Spiel. Die schöne neue KI-Welt ist längst vorbereitet. Die Menschen, manipulierbar wie eh und je, sind um eine entscheidende Dimension mehr Puppets on the Strings.

Mass fuer Mass 2 CCandy Welz uDas Ensemble von links nach rechts: Fabian Hagen (Wächter), Mona Zarreh Hoshyari Khah (Ellbogen), Raika Nicolai (Lucio), Christian Bayer (Mönch Peter), Robert Prinzler (Angelo), Zainab Alsawah (Escalus), Jonas Götzinger (Claudio, vermummt), Nadja Robiné (Isabella), Katharina Hackhausen (Mariana), Sebastian Kowski (Vincentio) © Candy Welz

In diesem Sinn arbeitet der Regisseur das zentrale Problem allen Regierens heraus, das uns aktuell ebenso plagt wie in elisabethanischen Zeiten. Es heißt Machtmissbrauch und Verantwortungslosigkeit.

In den Feuchtgebieten von Lust und Nähe

Sebastian Kowski stilisiert Herzog Vincentio als Abziehbild eines Politikers. Seine Herrschaft hat sich mit Libertinage beim Volk beliebt gemacht und ist jetzt unfähig, das Gesetz der Verantwortung wieder zur Grundlage menschlichen Miteinanders zu machen. Er oszilliert in seiner Rolle zwischen dem nicht von Zynismus freien Beobachter des Ränkespiels der Macht und Gottvater, der zu guter Letzt alles zum Besten einrenkt.

Die Kastanien aus dem Feuer zu holen, dafür engagiert er den Bürokraten Angelo. Robert Prinzler meistert diese Aufgabe als gefallener Tugendbold. Er soll den Staat wieder in Ordnung bringen, mit dem probaten Mittel eines Regiments der Angst, gerät aber selbst tief in Feuchtgebiete der Abhängigkeiten von Lust und Nähe. Angelo macht sich korrumpierbar. Er verlangt von Isabella Sex, damit er ihren zum Tode verurteilten Bruder Claudio (Jonas Götzinger) begnadigt. Nadja Robiné gibt der Isabella das Format einer MeToo-Aktivistin. Mit ihrem Schrei der Empörung endet auch das Stück, nachdem der Herzog sie wie selbstverständlich auch für sich beansprucht hat.

Kultiviert-formsicheres Konzept

Auf diesem Karussell der Begehrlichkeiten nach Macht, Sex und Deutungshoheit drehen sich auch all die anderen Figuren einer psychotischen Gesellschaft – mal subtil feinsinnig, mal grob und direkt. Toxische Macho-Männlichkeit wechselt mit weiblicher List ab. Alle sind irgendwie gebrochene Charaktere. Jede Rolle ist als mehrdimensionales Psychogramm angelegt. Eine großartige individuelle Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler. Es gibt keine Nebenrollen. So ist etwa Christian Bayers Kuppler ein komödiantisches Kabinettstück.

Mass fuer Mass 4 CCandy Welz uJonas Götzinger, Mona Zarreh Hoshyari Khah, Fabian Hagen, Christian Bayer © Candy Welz

Timon Jansens Gestaltungswille gibt jedem und jeder reichlich Spielraum, um ihre Figuren unverwechselbar zu konturieren. Der Regisseur choreographiert große Bühnentableaus, im Wechsel mit spannungsvoll-intensiven Kammerspielszenen. Mal ernsthaft, mal ironisch. So wird der Rhythmus der Geschichte erlebbar. Wegen der reichlich verworrenen und höchst unglaubwürdigen Story wäre "Maß für Maß" wohl kaum noch auf den Spielplänen präsent. Es sind die Sprache und die Gedankenfülle, die das Stück unsterblich machen. Jansens Regiekonzept wird zu einem Fest der kultiviert-formsicheren und immer auch poetischen Sprache.

Alle bekommen ihre Chance und ihr Fett weg: Maß für Maß eben, allen das, was ihnen entspricht – das gilt auch fürs Volk, das auffallend oft die Regierung hat, die es verdient.

Maß für Maß
von William Shakespeare
Übersetzung Thomas Brasch
Inszenierung: Timon Jansen, Bühne und Kostüme: Philip Rubner, Musik: Clemens Rynkowski, Dramaturgie: Theresa Seltner, Licht: Andreas Heptner.
Mit: Sebastian Kowski, Robert Prinzler, Jonas Götzinger, Nadja Robiné, Zainab Alsawah, Raika Nicolai, Christian Bayer, Katharina Hackhausen, Mona Zarreh Hoshyari Kaha, Fabian Hagen, Clemens Rynkowski (Musik).
Premiere am 18. April 2026
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.dnt-weimar.de

Kommentar schreiben