Auf der andern Seite des Monds - Theater und Orchester Heidelberg
Ein Bett auf dem Gefühls-Trapez
19. April 2026. Hilde Domin, die 1932 nach der Lektüre von "Mein Kampf" ins dominikanische Exil ging, gilt als "Dichterin des Dennoch": Menschlichkeit war ihr ein Anliegen. Für ihre Texte schafft Marcel Kohler einen künstlerischen Umraum – mit Musik, Luft-Artistik und Rhönrad-Turnen.
Von Steffen Becker
"Auf der andern Seite des Monds" von Marcel Kohler am Theater Heidelberg © Susanne Reichardt
19. April 2026. "Verschiedene Zugänge schaffen" möchte Regisseur Marcel Kohler, "sowohl für jene, die mit Domins Werk vertraut sind, als auch für jene, die ihr das erste Mal begegnen". Dieser Text betrachtet Letzteres als "challenge accepted". Aber von vorne: Hilde Domin ist eine Lyrikerin, die als Hilde Löwenstein in Heidelberg studierte. 1932 wanderte sie mit ihrem Mann aus, und nach einer Odyssee bis in die Dominikanische Republik (daher der neue Nachname Domin) kehrte sie 22 Jahre später nach Heidelberg zurück. "Auf der anderen Seite des Mondes" ist ein Abend nach Motiven aus der Welt ihres Werkes und Lebens. Er beginnt mit einer Eloge an Tauben.
Leben wie ein Drahtseil-Akt
Intelligente Tiere, die ihre Heimat aus tausenden Kilometern Entfernung wiederfinden (mittels Sonnenstand, Landmarken und dem Magnetfeld der Erde). Hilde Domin hatte eine Taube mit gebrochenem Flügel über ihrem Schreibtisch. Darunter schrieb sie die Zeilen: "ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft unter den Akrobaten und Vögeln: mein Bett auf dem Trapez des Gefühls wie ein Nest im Wind auf der äußersten Spitze des Zweigs." Das vertreibt dann auch die Fragezeichen der Domin-Neulinge im Angesicht von Luft-Artistik und Rhönrad-Turnen: Hilde Domins Leben war ein Drahtseil-Akt, eine Gratwanderung, die (relativ) spät in die Straße "Exil- und Nachkriegsliteratin" einbog.
Die Kunst des Abends liegt aber weniger im Geschichtsunterricht als in der Übersetzungsleistung: Was bleibt von Domins Werk? Oder besser: Wie wirkt ihr Werk, von heute aus betrachtet?
Handeln, bevor die Angst überwältigt
In den stärksten Momenten treten die Darsteller ans Mikro und interpretieren Domins literarische Motive ganz persönlich. Hans Fleischmann reflektiert über "Mut", dass er in einem System wie den USA unter Trump Menschen in Gefahr helfen würde. In Deutschland 1933–45 hätte er es aus Angst aber unterlassen. Daher sei es die Pflicht derjenigen, die keine Helden sind, aktiv zu werden, bevor die Angst überwältigend werde. Vladlena Sviatash spricht über "Hoffnung" als etwas, das man hat, wenn man sonst nichts mehr hat. Und auf Ukrainisch über ihre Heimat – was man nicht versteht, aber erfühlt.
Bunter Blick aufs Leben, trotzdem: die Damen des Opernchors des Theaters und Orchesters Heidelberg vor einem Vorhangmotiv von Domins künstlerischem Weggefährten Andreas Felger © Susanne Reichardt
Die Verbindung zwischen Gestern-Heute-Morgen findet ihren Ausdruck auch im künstlerischen Cross-Over des Abends. Linn Reusse malt live am Tablet Motive, die aufs Bühnengeschehen projiziert werden. Diese greifen oft Elemente eines im späteren Verlauf enthüllten Theatervorhangs auf, den der Künstler Andreas Felger – ein Weggefährte Domins als Illustrator gemeinsamer Bücher – gestaltet hat.
Grundvertrauen in musikalischer Form
Highlight des Abends ist die Vertonung der Gedichte durch Christoph Bernewitz. Auch das ein Drahtseilakt, der leicht daneben hätte gehen können. In "Auf der andern Seite des Monds" begeistert jedoch der Damenchor der Oper musikalisch und agiert als Ausdruck der Vielstimmigkeit in Domins Lyrik wie er auch die Bedeutung ihrer Literatur nicht nur für die zeitgenössisch Betroffenen verkörpert.
Eine dreiköpfige Band setzt Klarinette, Gitarre, Querflöte ein, um mit Sängerin Juli Gilde an der Spitze einen Sound zu treffen, der die "Haltung des Grundvertrauens" (Begleitheft über Domin) in Musik überträgt – was mit einer Mischung aus 2raumwohnung, psychedelischem oder Deutsch-Pop und melancholischer Lebensfreude passend beschrieben wäre.
In Heidelberg erlebt man so die Adoptiv-Tochter der Stadt tatsächlich mit allen Sinnen. Und hat nach zwei Stunden Spielzeit Lust, mehr über Hilde Domins Leben zu erfahren und in ihr Werk einzutauchen.
Auf der andern Seite des Monds
mit Texten von Hilde Domin
Regie: Marcel Kohler, Komposition und musikalische Leitung: Christoph Bernewitz, Bühne: Torsten Gerhard Köpf, Theatervorhang: Andreas Felger, Kostüme: Anne Schartmann, Lichtdesign: Karsten Rischer, Livemalerei und Video: Linn Reusse, Dramaturgie: Deborah Raulin, Orina Vogt.
Mit: Hans Fleischmann, Lisa Förster, Helene Krüger, Katharina Quast, Linn Reusse, Vladlena Sviatash, Band: Christoph Bernewitz, Damian Dalla Torre, Juli Gilde, Luftartistik: Iryna Bondarchuck, Vanessa Vilchis Garcia, Gabriela Schwab Veloso, Rhönradturner*innen: Johanna Bischof, Nils Emmerich.
Premiere am 18. April 2026
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause
www.theaterheidelberg.de
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