Die Kunst des Deals - Schauspielhaus Bochum
Donald Trump – das Musical
19. April 2026. Vor zwei Jahren landete die Gruppe Wunderbaum beim Berliner Theatertreffen mit "Die Hundekot-Attacke" einen Coup. Nun bringt sie am Schauspielhaus Bochum mit "Die Kunst des Deals" eine Arbeit heraus, die dem damaligen Erfolg in der Form stark ähnelt – aber noch viel kraftvoller und dringlicher wirkt.
Von Sascha Westphal
"Die Kunst des Deals" von Wunderbaum in Bochum © Sophia Hegewald
19. April 2026. Acht Stühle stehen nebeneinander aufgereiht auf der Vorderbühne. Hinter ihnen nichts als eine schwarze Wand. Vor den Stühlen sind Mikrofonständer platziert. An den beiden Stühlen außen rechts lehnen Instrumente, eine Gitarre und ein Cello. Alles wirkt, als ob hier gleich eine Lesung mit Musikbegleitung stattfinden würde.
Doch erst einmal betritt nur die Schauspielerin Mona Vojacek Koper die Bühne. Sie stellt sich als Mona Vojacek Koper vor und erzählt dann eine fast schon klassische US-amerikanische Lebens- und Familiengeschichte, die sie mit privaten Schnappschüssen und Porträts US-amerikanischer Präsidenten beglaubigt. Sie sei 1987 geboren worden, in dem Jahr, in dem Ronald Reagan Präsident war und Donald Trump den Bestseller "The Art of the Deal" veröffentlichte. Darauf folgt ein Abriss ihres Lebens, der auch einer der US-amerikanischen Politik der vergangenen 40 Jahre ist.
Ganz ähnlich begann schon eine andere Arbeit des niederländisch-flämischen Kollektivs Wunderbaum um den Regisseur und Autor Walter Bart. Bei "Die Hundekot-Attacke", die am Theaterhaus Jena entstanden ist und zum Berliner Theatertreffen 2024 eingeladen wurde, war es Linde Dercon, die zu projizierten Fotos eine Lebensgeschichte erzählte, in der sich Wirklichkeit und Fiktion so stark vermischten, dass einem schwindelig werden konnte. Und so ist es auch in "Die Kunst des Deals", der neuen Produktion von Wunderbaum.
Der Regisseur ist abwesend
Mona Vojacek Koper eröffnet ein überaus doppelbödiges Spiel, in das dann Puk Brouwers, Stacyian Jackson, Lukas von der Lühe, Veronika Nicki und Abenaa Prempeh einsteigen. Nachdem sie ihre Plätze an der Rampe eingenommen haben, beginnen sie E-Mails vorzulesen, die anscheinend tiefreichende Einblicke in die Entstehung dieser Produktion geben. Es geht um die Abwesenheit des Regisseurs, um Ideen für das Bühnenbild ebenso wie für einzelne Szenen und natürlich auch um die Frage, ob und wie sich ein deutsches Stadttheater mit Donald Trump und seinem Buch, das in Deutschland unter dem Titel "Die Kunst des Erfolgs" erschienen ist, auseinandersetzen kann.
Die passende Lektüre für alle Lebenslagen © Sophia Hegewald
Nach und nach erfährt das Publikum mehr und mehr darüber, wie sich der Gedanke verfestigt hat, sich Trump und der von ihm geprägten Welt mit den Mitteln des Musiktheaters zu nähern. Kristina Koropecki am Cello und Moritz Bossmann an der Gitarre greifen die Ideen und Assoziationen des Ensembles direkt auf und spielen unter anderem Variationen auf Johann Strauß und Kurt Weill kurz an. Wie schon bei der "Hundekot-Attacke" wird das scheinbar so beiläufig präsentierte "Making-of" des Stücks im ersten längeren Teil des Abends zum Stück selbst. Und natürlich fragt man sich die ganze Zeit, was von all dem tatsächlich so passiert sein könnte und was reine Erfindung ist.
"Wahrheitsgemäße Übertreibungen"
Das Ensemble lässt sich selbstverständlich nicht in die Karten blicken. Es verleiht selbst den absurdesten Momenten dieser Produktionsgeschichte noch eine Aura von Authentizität. Eben darum dreht sich alles an diesem Abend: wie der Schein zur Wirklichkeit wird und sie letztlich ersetzt. Fast könnte man von einer feindlichen Übernahme sprechen. Und damit gelangt man direkt zum Kern von Trumps 1987 veröffentlichtem Buch, das in Wahrheit von dem New Yorker Journalisten Tony Schwartz geschrieben wurde und das all die Strategien offenbart, denen Trump auch heute noch folgt. Eine dieser Strategien beschreibt Schwartz in "The Art of the Deal" mit den Worten "truthful hyperbole", was man mit "wahrheitsgemäße Übertreibungen" übersetzen kann. Selbstverständlich ist das nur eine fast schon poetisch klingende und damit eigentlich gefährliche Umschreibung für all die Lügen, die Trump nahezu ununterbrochen verbreitet. Doch zugleich steckt in diesen beiden Worten auch eine tiefere Wahrheit über Kunst im Allgemeinen und diese Inszenierung im Besonderen.
"Die Hundekot-Attacke" und nun "Die Kunst des Deals" sind tatsächlich wahrheitsgemäße Übertreibungen. Walter Bart und sein Ensemble spielen mit dem, was wirklich ist, und dem, was durchaus sein könnte. In den Übertreibungen, in dem gezielten Zuviel, offenbaren sich zum einen die Mechanismen von Kunst und Theater, zum anderen aber auch die einer Gesellschaft und einer Politik, die "die Kunst des Deals" zu ihrem einzigen Prinzip erheben. Insofern gelingt Bart und dem Ensemble hier ein geradezu grandioser Coup. Sie zeigen nicht nur, wie es Trump und allen, die ihm und seinen Ideen folgen, gelungen ist, die Welt nach ihrem Bild zu gestalten. Sie verwandeln Trumps Strategien zugleich in eine künstlerische Waffe und richten sie gegen ihn. So gesehen entwickelt "Die Kunst des Deals" eine weitaus größere Dringlichkeit und Kraft als "Die Hundekot-Attacke".
Panorama der letzten vier Jahrzehnte
Nach etwa 80 Minuten verlassen die Schauspieler*innen und Musiker*innen die Stühle an der Rampe. Die schwarze Wand fährt nach oben und gibt den Blick frei auf eine riesige Banane. Nun beginnt eine bizarre Revue, die unterschiedlichste Musikgenres und Musiktheaterformen zitiert. Schubert und Strauß stehen neben jamaikanischem Dancehall-Rap und Minimal Music nach dem Vorbild von Philip Glass. Die Choreographien dazu erinnern ebenso an Broadway-Musicals wie an 80er-Jahre-Musikvideos von Michael Jackson.
Bananen-Revue für den Goldkönig: Stacyian Jackson, Lukas von der Lühe, Abenaa Prempeh (v. li.) © Sophia Hegewald
Nach und nach fügen sich die einzelnen Songs und Choreographien zu einem Panorama der Politik und Pop-Kultur der letzten vier Jahrzehnte zusammen, von dem etwas Subversives ausgeht. Die Zusammenhänge zwischen Trumps Politik und popkulturellen Entwicklungen, von denen wir natürlich wissen, die man aber im Wahnsinn des alltäglichen Geschehens immer wieder aus den Augen verliert, werden sichtbar und mit ihnen zugleich auch Trumps "wahrheitsgemäße Übertreibungen" sowie die Strategien hinter ihnen. Und liegen diese erst einmal so offen da, verlieren sie viel von ihrer Macht.
Die Kunst des Deals
von Wunderbaum und Ensemble
Regie, Text: Walter Bart; Bühne, Lichtdesign: Maarten van Ottedijk; Kostüm: Bettina Kirmair; Musik: Moritz Bossmann, Kristina Koropecki; Choreographische Mitarbeit: Gaia Pellegrini; Dramaturgie, Text: Lucien Strauch.
Von und mit: Puk Brouwers, Stacyian Jackson, Lukas von der Lühe, Veronika Nickl, Abenaa Prempeh, Mona Vojacek Koper, Moritz Bossmann, Kristina Koropecki.
Premiere am 18. April 2026
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.schauspielhausbochum.de
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