"Ich wollte den Safe Space verlassen"

27. Mai 2024. Nach sieben Jahren künstlerischer Leitung der "Impulse" verlässt Haiko Pfost das große Festival der freien Theaterszene. Im Interview blickt er auf aktuelle Tendenzen des freien Theaters, sagt, was ihm nicht passt, und reflektiert seinen eigenen Klassenaufstieg.

Interview mit Christian Rakow

Haiko Pfost verlässt nach 6 Jahren künstlerische Leitung die "Impulse" © Caroline Schreer

27. Mai 2024. Am Mittwoch, den 29. Mai, beginnt in Köln das Festival der freien Theaterszene "Impulse". Es ist die letzte Ausgabe unter der künstlerischen Leitung von Haiko Pfost, der das traditionsreiche, in verschiedenen Orten Nordrhein-Westfalens beheimatete Szenetreffen seit 2018 leitet.

Aus rund 300 Arbeiten, die sich bewerben konnten oder von Scouts vorgeschlagen wurden, hat eine Jury aus Kurator*innen, Künstler*innen und Publikumsvertreter*innen neun Produktionen ausgewählt: Präsentiert werden, laut Selbstaussage, "herausragende und herausfordernde Positionen, die in verschiedenen Formaten gesellschaftlich relevante Themen zeigen".

Im Interview spricht Haiko Pfost über die aktuellen Tendenzen der freien Szene.

Haiko Pfost, wie erklären Sie Menschen, die nicht aus dem Betrieb stammen, was die freie Szene ist?

Ziemlich einfach: Es bedeutet, dass man als Künstler*in freie Entscheidungen treffen kann, natürlich im Rahmen finanzieller Möglichkeiten. Man initiiert eigene Projekte, sucht sich eigene Themen und Leute, mit denen man zusammenarbeitet. Und man produziert in einem Rhythmus, den man selbst bestimmt.

Die freie Szene war lange Jahre von den Schulen in Gießen und Hildesheim geprägt, von konzeptionsstarken Arbeiten, die Körperlichkeit und Performance betonten, weniger das Geschichtenerzählen. Gilt das noch?

Wir erleben einen interessanten Wandel. Die großen Erfolge derzeit, wie Arbeiten von Florentina Holzinger oder Christiane Rösinger, die wir in diesem Jahr zu "Impulse" eingeladen haben, sind betont populär. Die gehen weg von einem konzeptionellen Ansatz. Man möchte das Publikum stärker erreichen. Holzinger hat keine Skrupel, sich bei der Zirkusästhetik zu bedienen. Und Rösinger zeigt eine Revue – "Die große Klassenrevue", mit der wir das Festival eröffnen.

Welche Tendenzen zeichnen sich noch ab?

Früher gab es eine stärkere Sehnsucht nach Konfrontation. Man versuchte zu provozieren, sich auch körperlich mit dem Publikum auseinanderzusetzen.

Heute sucht die jüngere Generation nach Heilung oder Aussöhnung und Harmonie.

Heute sucht die jüngere Generation nach Heilung oder Aussöhnung und Harmonie. Und das verbindet sich mit einem sehr starken Bewusstsein, wie man miteinander arbeitet. Fragen nach Diskriminierungssensibilität und Inklusion sind da wichtiger als zu sagen: Wir wollen mal auf den Putz hauen!

Für die Jüngeren soll Theater ein Safe Space sein?

Ja, das sehe ich ganz deutlich. Auch in den Diskussionen in unseren Akademien. Wir leben aber auch in einer Welt mit multiplen Krisen, die sehr belasten. Und da sucht man einen Safe Space in der Kunst. Meine eigene Motivation war das nie. Im Gegenteil. Ich wollte den Safe Space verlassen. Aber mir ist bewusst, dass das ein Privileg ist und respektiere, dass es andere, auch aus einer Betroffenheit heraus, für sich anders bestimmen.

Die kommenden "Impulse" zeigen dennoch auch eine provozierende Produktion wie "Die Verwandlung" von Manuel Gerst, in der bei jeder Aufführung ein VW Käfer zerlegt wird. Ein Gruß aus einer alten Zeit?

Im Spektrum des Festivals ist so eine Position total wichtig. Sie erzählt auch davon, wie Gruppendynamiken entstehen und wie Gewalt aufkommt. Es ist ein offenes Spiel und ich will gar nicht so viel davon erzählen, weil es ja auch die Überraschung braucht.

Die freie Szene hat mitunter den Touch des Elitären. Stücktitel sind oft englischsprachig, auf der Bühne vernimmt man Fremdsprachen, vieles ist übertitelt, sodass man gefühlt ständig am Lesen ist. Wie groß ist die Gefahr, klassistisch zu wirken?

Die Mehrsprachigkeit hat mit der Produktionsweise zu tun: Die Szene hat sich internationalisiert, und den Schritt wollen wir nicht zurückdrehen. Ich finde es aber auch ein Unding, dass inzwischen alles englisch übertitelt wird, englische Texte aber nicht deutsch, weil man glaubt, dass eh alle super Englisch können. Das machen wir anders.

Das Populäre ist im Kommen: "Die große Klassenrevue" von Christiane Rösinger eröffnet die "Impulse" 2024 am Depot des Schauspiel Köln © Christoph Voy

Und es gibt auch andere Beispiele: Wir haben bei "Impulse" mit der Karnevalsgarde Düsseldorf zusammengearbeitet und TachoTinta kooperiert jetzt in der "Schwimm City", unserem diesjährigen Stadtprojekt, mit der Unterwasserrugby-Mannschaft Mülheim. Unterwasserrugby wurde in Mülheim erfunden. Ich selbst komme aus einem Dorf und habe einen Klassenaufstieg vollzogen. Mich interessiert es, Mauern einzureißen.

Eine andere Mauer, die regelmäßig eingerissen wird, ist die zum Stadttheater. Florentina Holzinger, die mehrfach bei "Impulse" zu sehen war, koproduziert inzwischen an der Berliner Volksbühne oder am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin.

Ich finde das aus künstlerischer Perspektive total nachvollziehbar, weil das Geld und die Infrastruktur halt andere Möglichkeiten bieten.

Fallen solche koproduzierten Arbeiten für "Impulse" aus?

Pauschal ist das nicht zu beantworten. Einerseits wäre natürlich mit einem Gastspiel wie Ophelia's Got Talent unser künstlerisches Budget aufgebraucht, andererseits suchen wir ohnehin programmatisch immer wieder nach neuen Impulsen. Ein Großteil der Künstler*innen, die wir dieses Jahr zeigen, ist zum ersten Mal bei den "Impulsen".

Ich finde, es braucht gerade an unseren Institutionen immer wieder Wechsel.

Dazu kommen aber auch räumliche Herausforderungen – insbesondere in Köln stellt sich die Frage nach Spielstätten. Wir zeigen in diesem Jahr Marina Davydovas Museum of Uncounted Voices, eine riesige Produktion, in der Bundeskunsthalle Bonn. Im Depot des Schauspiels Köln konnten wir nur zwei Produktionen platzieren: Rösingers "Die große Klassenrevue" und Gersts "Die Verwandlung", weil alles belegt war. Die studiobühneköln – unser Hauptpartner – hat zurzeit überhaupt keine eigene Spielstätte.

Bei der "Impulse"-Auswahl wurde unter Ihrer Leitung mit Publikumsvertreter*innen gearbeitet. Wie stellt sich die Augenhöhe mit den Profis her?

Es sind Zuschauer*innen aus den Häusern, mit denen wir arbeiten. Die sehen auch so sehr viele freie Theaterproduktionen. Seherfahrung und Leidenschaft für die freie Szene sind also vorausgesetzt. In der Jury versuchen wir dann, eine gemeinsame Sprache zu finden, um die Arbeiten zu erfassen und eine konsensuale Entscheidung zu treffen.

Es gibt einen Reiseetat, damit man Produktionen anschauen kann?

Ja. Wir arbeiten mit Scouts in verschiedenen Regionen. Und die Jury sichtet auch viel per Video. Aber Ziel ist es, dass mindestens eine Person in der Jury die Arbeit vor Ort gesehen hat.

Wie steht es finanziell um die "Impulse"? Das Land NRW und der Bund und auch die Kommunen haben ihre Zuwendungen aufgestockt?

Ja, tatsächlich haben wir eine permanente Steigerung geschafft. Auch die beteiligten Städte des NRWKULTURsekretariats haben ihre Förderung erhöht – das ist nicht selbstverständlich. Wir liegen jetzt bei rund 860.000 Euro. Immer noch wenig im Vergleich zum Theatertreffen, und die Kosten sind auf der anderen Seite natürlich auch explodiert. Für die Infrastruktur und für die Menschen. Für uns war und ist "fair pay" immer wichtig.

Ihre Nachfolgerin bei den "Impulsen" wird Franziska Werner. Was wünschen Sie Ihr?

Zunächst finde ich, dass mit Franziska Werner eine großartige Wahl getroffen wurde – ich freue mich sehr, die Impulse an sie zu übergeben. Franziska bringt Expertise und einen neuen Blick mit. Genau das habe ich mir gewünscht. Ich finde, es braucht gerade an unseren Institutionen immer wieder Wechsel. Wir haben in den vergangenen Jahren das Netzwerk in der Region gestärkt, ein tolles Team aufgestellt und damit sehr gute Bedingungen geschaffen. So bleibt mir vor allem, ihr Geduld und Freude an dieser wunderbaren Aufgabe zu wünschen. Ich bin jetzt schon gespannt auf 2025!

 

Haiko Pfost, geboren 1972, arbeitet als Kurator und Programmdramaturg. 2007 bis 2013 leitete er gemeinsam mit Thomas Frank das internationale Koproduktionshaus brut Wien. Er war Mitglied der Programmjury des Festivals "Politik im Freien Theater" 2011 in Dresden. 2018 bis zur aktuellen Ausgabe 2024 ist er künstlerischer Leiter des Festivals "Impulse".

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Kommentare  
Interview Pfost: Interessante Einblicke
Mit großem Interesse habe ich dieses Interview gelesen.
Die freie Theaterszene wird ja nicht so oft in den Mittelpunkt gerückt.
Aber ich denke man sollte ihr doch mehr Aufmerksamkeit widmen.
Mit viel Liebe gestaltet und unter nicht so leichten Bedingungen ist die freie Theaterszene
eine echte Bereicherung unserer Kulturlandschaft.
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