Großlektion in Geschichte

23. Mai 2023. Marina Davydovas Installation "Museum of the Uncounted Voices" erzählt von ehemaligen Sowjetrepubliken und ihrer Neuerfindung als Nationen, es geht um (post)kommunistische Verwerfungen und die Blutspur der Macht. Sie fragt aber auch, was im Strudel der Geschichte mit den Menschen passiert.

Von Petra Paterno

22. Mai 2023. Wo liegt Tiflis? Von welchem Land ist Baku nochmals die Hauptstadt? Wer hat von der Existenz Bachmuts etwas geahnt, bevor die ukrainische Stadt zum Kriegsgebiet wurde? Wie ist es eigentlich um das Wissen um Werden und Zerfall der Sowjetunion bestellt? Und warum ist Russland heute eine tickende Zeitbombe?

Marina Davydovas theatrale Installation "Museum of Uncounted Voices", die im Rahmen der Wiener Festwochen uraufgeführt wurde, greift hochpolitische Sujets auf, verwebt diese zu einer Großlektion in Geschichte – und verheddert sich dabei bald in allerschönste Widersprüche: Geschichte schnurrt hier nicht als Kontinuum ab, sondern wird ständig neu konstruiert und dekonstruiert.

Blutige Spur

Ein fingierter Museumsbesuch liefert die Rahmenhandlung für die rund zweistündige Aufführung, die sich in fünf Episoden gliedert. In der Eröffnungsepisode betritt das Publikum zunächst die Bühne des Wiener Odeon Theaters. Der Bühnenbildner Zinovy Margolin gestaltete den Innenraum des Theaters als klassischen Ausstellungsraum: entlang der Wände befinden sich Vitrinen mit Duplikaten russischer Kronjuwelen aus der Zarenzeit. Entlang der Geschichte der präsentierten Objekte erzählt eine Stimme aus dem Off im Schnelldurchlauf den 1000 Jahre währenden Kampf um das russische Zarenreich: von Iwan dem Schrecklichen über Peter den Großen bis zu Katharina der Großen wird Nationenbildung als einziges Schlachtfeld porträtiert.

Episode Nummer zwei, bei der das Publikum im Zuschauerraum Platz nimmt, entwickelt sich anschließend zur Lecture-Performance. Hinweg mit den Vitrinen, die museumsähnliche Bühne setzt sich nun aus fünf Ausstellungskästen zusammen, die, bestückt mit Trachten und Souvenirs, symbolisch für die Ukraine, Belarus, Georgien, Aserbaidschan und Armenien stehen. Wieder Stimmen aus dem Off.

Kakophonie der Meinungen

Die fünf ehemaligen Sowjetrepubliken kommen miteinander ins Gespräch, sind bald heillos über Kreuz: Armenien wirft der Ukraine vor, den Genozid der Türken an den Armeniern nicht anzuerkennen, während die Ukraine kontert, Armenien schere sich keinen Deut um den Holodomor, die große Hungersnot in den1930er-Jahren, die Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer das Leben kostete.

Museum Uncounted Voices 2 Nurith Wagner Strauss uMarina Weiss  © Nurith Wagner Strauss 

Geschichte als Kakophonie von Meinungen und Gegenmeinungen, ein tönendes Wimmelbild gegensätzlicher Gesichtspunkte. Den Krieg Putins in der Ukraine spricht Davydova nicht explizit an, zwischen den Zeilen ist er dennoch permanent präsent, als eine Spätfolge des Zerfalls der Sowjetunion, grundverschieden jedoch von Putins historischen Auslassungen: Das Imperium made in Russia, hinterlässt in Geschichte wie Gegenwart eine blutige Spur voller Gräuel, sei es mit Schwertern, Kanonen oder Panzern.

Fünf Einzelschicksale

Als gewiefte Dramaturgin hat Davydova ihrem Theaterabend, bei dem sie als Autorin und Regisseurin in Personalunion agiert, einen durchdachten Ablauf verordnet, der bisweilen papieren wirkt: In den ersten beiden Episoden werden die Zeitläufte mit großer Geste überblicksartig skizziert, was immer wieder einmal dröge ist; die Episoden drei bis fünf rücken Einzelschicksale in den Mittelpunkt, die weitaus packender sind. Zunächst werden dabei auf Museumswänden kommunistische Revolutionäre und Politführer präsentiert, die sich dem Sozialismus verschrieben haben, und später, der Logik von Gewaltregimen folgend, selbst hingerichtet wurden. Beispielweise Leo Trotzki und der weniger bekannte türkische Rebell Mustafa Subhi. Von den ermordeten Bolschewiki führt einen das "Museum of Uncounted Voices" zu zahllosen Opfern des Sowjetregimes, ausgestellt als Bildergalerie des Schreckens.

Ein Mensch im Strudel der Geschichte

In der finalen Episode schließlich, die mit Abstand fesselndste des Abends, nehmen die Zuschauer*innen auf der Bühne und in den Zuschauerrängen Platz. Die Schauspielerin Marina Weis berichtet in einer Solo-Performance die Lebensgeschichte von Regisseurin Davydova, in der sich Entstehung und Zerfall der Sowjetunion wie in einem Prisma spiegelt: Davydova wurde in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, geboren, ihr Vater war Armenier. Die Eltern starben früh, Davydova übersiedelte mit 16 Jahren nach Moskau, fast so wie in Tschechows "Drei Schwestern". In Russlands Hauptstadt wurde sie bald Teil der dortigen Theaterwelt. Davydova war Chefredakteurin der Zeitschrift TEATR und organisierte ein Vierteljahrhundertlang das Moskauer NET-Festival.

Nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs wird sie staatenlos: "Ein Mensch, der nicht existiert", wie es im Stück heißt. "Ich wollte den Zerfall des Sowjetimperiums, gleichzeitig wurde ich zum Opfer des Zerfalls", wird Davydova im Programmheft zitiert. Das Leben als ein Hin- und Her zwischen Armenien, Aserbaidschan und Russland, ein Mensch im Strudel der Geschichte, für den sich keine Behörde und kein Passamt mehr zuständig fühlte. Grenzübertritte wurden für sie zu einem Spießrutenlauf.

Seit Februar 2022 ist Davydova als ausgewiesene Kriegsgegnerin wieder auf der Flucht. Als designierte Schauspielchefin der Salzburger Festspiele tritt sie in der Saison 2023/24 die Nachfolge von Bettina Hering an. Zuerst unternimmt die Theaterfrau aber im Bühnenerlebnis "Museum of Uncounted Voices", das auch im Berliner HAU und im Theater Freiburg gastieren wird, noch den rundheraus geglückten Versuch, vom Leben auf den Trümmern des Sowjetregimes zu erzählen.

Museum of the Uncounted Voices
von Marina Davydova
Regie: Marina Davydova, Bühne: Zinovy Margolin, Kostüme: Marcus Barros Cardoso, Vera Liulko, Aleix Llusa Lopez, Musik: Vladimir Rannev
Mit: Marina Weis
Premiere am 22. Mai 2023
Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

Kritikenrundschau

Marina Davydova nutze sehr konsequent das Leitmotiv des Museums, um ihr Wissen zu vermitteln, berichtet Martin Thomas Pesl im Deutschlandfunk Kultur (22.5.2023). "Es wäre verschenkt gewesen, die persönliche Erzählung nicht in diesen vielschichtigen Abend einzubinden", meint der Kritiker zum Inszenierungskonzept. Die "Geschichtslektion" des Abends funktioniere aber nicht immer. Die Passage, in der fünf Länder "einander Fakten um die Ohren werfen", sei für Laien extrem schwer zu verfolgen und bildungsgesättigt. Ingesamt weiß der Kritiker den Abend aber in "seiner Konzeption, seiner Dramaturgie und auch im Spiel von Marina Weis" zu schätzen.

"Die Geschichtsstunde beginnt feierlich, pathetisch: mit Insignien der russischen Macht (...)  Diese Parodie ist doch etwas plump, denkt man schon, als sich die nächste Stimme meldet, eine ukrainische, und ruft: Kiew ist die wahre Mutter aller russischen Städte", berichtet Thomas Kramar von dem Abend (Die Presse, 24.5.2023). Aus  Lautsprechern schallen dann auch die Ansprüche weiterer Länder, "die Auf- und Abrechnungen, die gegenseitigen Vorwürfe der Kooperation mit den Bolschewiken". Man könne keinen Überblick wahren, "Geschichte ist kein Konzert, man kann kein Narrativ daraus bauen, keine Moral daraus lesen".

"Museum Of Uncounted Voices" wirke zwischenzeitlich wie eine kleine Geografiestunde, schreibt Eva Sager in der Wiener Zeitung (24.5.2023). Die designierte Schauspielchefin der Salzburger Festspiele mache "die Vergangenheit selbstreflektiert, düster und schonungslos lebendig. Besucherinnen und Besucher sind Teil des Stücks, Teil der Kulisse, Teil der Geschichte. Ein Besuch in einem 'Museum', der sich lohnt."

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