Spiralblog 89 - Denkmäler für Königinnen
Punk-Queen Helene Weigel
25. Juni 2025. London hat Queen Elisabeth II. Fair enough. Aber das Berliner Ensemble hat Helene Weigel! Und die sagt mit den Sex Pistols: God Save the Queen!
Von Christian Rakow
Helene Weigel rupft ein Hühnchen. In "Mutter Courage und ihre Kinder" von Bertolt Brecht | Screenshot
25. Juni 2025. Große Repräsentationsfeiern werfen ihre Schatten voraus! Es ist der Tag der Königinnen. Von der einen können Sie zuerst im Spiegel lesen, von der anderen auf nachtkritik.de.
Sir Norman Foster, der vor Jahren dem Berliner Reichstag seine Glaskuppel verpasst hat, wird laut Spiegel die postume Huldigung der britischen Queen Elisabeth II. besorgen: Die 2022 verstorbene Regentin soll nach Fosters Entwürfen im St.-James's Park nahe dem Buckingham-Palast ein Ensemble mit Reiterstandbild, gläserner Brücke und weiteren Statuen erhalten (vorbehaltlich der Zustimmung des zuständigen Komitees).
Hoch zu Ross. Queen Elisabeth war selbstredend eine Königin alten Schlages, von Gottes Gnaden, wie Fafner auf jahrhundertelang gehorteten Reichtümern hockend, mit beiden Füßen tief im kolonialen Erbe. In ihre Regentschaft fällt der Niedergang des britischen Empires. Die Statuen streben dennoch aufwärts. So will es das Genre der Monarchenverklärung.
Wie anders erreicht uns fast zeitgleich eine Nachricht aus dem Berliner Ensemble. Auch hier ehrt man eine Regentin – allerdings eine Königin der Theaterherzen, der proletarischen Faust womöglich. Das Geld für eine Helene-Weigel-Skulptur ist beisammen. 30.000 Euro hat der Freundeskreis des BE binnen kürzester Zeit gesammelt. Die Meisterklasse Monica Bonvicinis an der Universität der Künste kann zur Tat schreiten. Sie hat gemeinschaftlich einen gläserenen Kubus konzipiert, der mit diversen Materialien aus dem Schaffen Weigels bestückt ist. Zentral darin: ein leerer Regiestuhl, den Weigel selbst entworfen hat.
Dieser leere Stuhl fasst mich seltsam an. Er ist ein Platzhalter für die Imagination. Wird man sich Weigel darauf vorstellen als die Intendantin, die 1949 die Schauspieltruppe "Berliner Ensemble" mit Bertolt Brecht gründete und ihr als Leiterin vorstand, ab 1954 dann auch im Theater am Schiffbauerdamm (dem heutigen Berliner Ensemble)?
Ich persönlich male mir Helene Weigel so aus, wie sie in der "Mutter Courage" auf einem hölzernen Stuhl hockte: erdig, stämmig, aufrecht, rhythmisch ein Suppenhuhn rupfend – ihr ganz persönliches Hühnchen mit den Oberen, die ihren Wohlstand auf dem Leid der kleinen Leut' aufbauen.
Die Meisterklasse Monica Bonvicinis schreibt zu ihrem Plan für die Helene-Weigel-Skulptur: "So vereinen wir in unserem Entwurf Glas, Gummi, Audio und Siebdruck – eine ästhetische Entscheidung mit einer klaren Haltung. Vielleicht ein wenig Punk – aber wir finden: Das passt ziemlich gut zu ihr."
Helene Weigel, 1900–1971, Punk-Queen. Eine schöne Inschrift wäre das.
mehr aus dem spiralblog
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Thyra Uhde Tiefstes Mitgefühl
-
Wokey Wokey, München Virtiosität schlägt Inhalt
-
Frauenliebe und - sterben, Hamburg Leichte Irritation
-
Nach dem Leben, Nürnberg Empfehlung
-
Die Quelle, Wien Claquere unterwegs
-
Leser*innenkritik Black Rider, SHL Flensburg
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend


Vielleicht greifen sie das mit dem Hühnchen ja auf und markieren das mit ein paar zerstreuten Hühnerfedern in Rupfnähe des Stuhles.
Die Brechtskulptur von Fritz Cremer findet auf diese Weise jedenfalls ein angebrachtes Gegenstück, denke ich.
Apropos Fritz Cremer: Es ist mir noch garnicht so lange bewußt, daß die Skulptur „Der Aufsteigende“, die sich (nebst Plauen und Magdeburg) auch in Rostock vor der Kunsthalle finden läßt, eben von diesem Fritz Cremer ist. Nehmen wir das einmal als Omen für Hansa !.
"Ich habe versucht, in meiner Plastik auszudrücken, daß Leiden, Kampf und letztendlich der Sieg des um seine Befreiung von den Fesseln der Vergangenheit kämpfenden Menschen zusammengehören. […] Das Wirken der UNO um den Frieden und Entspannung, die Ergebnisse von Helsinki – das alles erscheint mir als Ausdruck des Wirkens all jener Kräfte, wie sie mein ‚Aufsteigender‘ symbolisiert." (Cremer, freilich im Glauben an einen global siegreichen Sozialismus, 1975 im Neuen Deutschland)
Ob Glas, Gummi, und Siebdruck-Punk da künstlerisch und/oder visionär mithalten werden? Seien wir gespaant.
Ja, seien wir gespannt !
Vielen Dank jedenfalls für Ihre Präzisierung(en) an dieser Stelle; genau: drei Abgüsse sind es, die heute Plauen, Magdeburg und Rostock mit New York verbinden und der Frage, ob es noch eine nennenswert beachtete UN gibt.
Von „Aufstieg und Fall“ und New York ist es nicht weit bis zum „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony“ (seinerzeit , Nachtkritik vom März 2015, eine Johanna-Schall-Inszenierung bzw. „Mobilmachung“ für das Vier-Spartenhaus in Rostock).
Über 10 Jahre ist das auch schon wieder her. Sewan Latchinian führt gerade Regie zu „Ellen Babic“ von Marius von Mayenburg an den HH-Kammerspielen, morgen noch und am Wochenende (für jemanden, der gerade in „Egal“ war, siehe aktuelle Kritik von Reiner Schmedemann, keine üble Option)..