Fauler Zauber  

16. April 2026. Manchmal ist man zufällig im Theater und erlebt ein kleines Wunder. So wie neulich an der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden. 

Von Vincent Koch 

"Kritischer Zustand" an der Bürger:Bühne des Staatsschauspiel Dresden © Sebastian Hoppe

"Kritischer Zustand" an der Bürger:Bühne des Staatsschauspiel Dresden © Sebastian Hoppe

Die besten Theaterabende hat man meistens, wenn man sie nicht erwartet. Mir ging es neulich so, als ich durch eine Absage spontan in "Kritischer Zustand" der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden saß. Das professionelle Theater mit nicht-professionellen Darsteller*innen aus der Dresdner Stadtgesellschaft hat sich dort seit seiner Gründung 2009 zu einer eigenen Sparte entwickelt – die Vorstellungen sind Teil des Repertoires. 

Angekündigt war "eine Gesundheitsshow mit Klinikmitarbeiter*innen" in der Regie von Jonas Egloff und Emily Magorrian. Und was soll man sagen: diese Show haben die elf Dresdner*innen sowas von abgeliefert. "Guten Abend, hier ist die Spätschicht, rufen Sie uns, wenn Sie uns brauchen", sagt der erste und erst als jemand aus dem Publikum den Not-Knopf drückt, der von der Decke baumelt, erscheint das Team. Und legt ein zehnminütiges, durchweg gesungenes Opening hin – mit einer Wucht, dass sich die Balken biegen. 

Egloff und Magorrian haben die Geschichten dieser elf Menschen, die sonst allesamt in unterschiedlichen Bereichen im Gesundheitsweisen arbeiten, miteinander verschränkt und in die Form einer Zaubershow gegossen. Dort stehen also Ärzt*innen, Pfleger*innen, Laborant*innen und Apotheker*innen in den feinsten Pailettenanzügen, funkelnden Röcken und mit Glitzer im Bart. Von Arztkitteln und Hauben keine Spur. In einer rasanten Show – so schnell kann man gar nicht schauen – erzählen sie anekdotisch vom Klinikalltag, der Lust vom Spritzen verabreichen, der Magie der Medikamente, fancy Laborgeräten und als es um eine Operation geht, wird direkt die Nummer der "Zersägten Jungfrau" aufgeführt – mit einer überdimensional großen Säge. Es ist ein großer Spaß, diese Menschen über ihre Passion sprechen zu hören. Battles zwischen Docs, die ja nur Briefe schreiben, und Schwestern, die nur Betten schieben, inbegriffen. 

Während der Abend immer wieder ordentlich auf die Tube drückt, konzentriert er sich in anderen Momenten für individuelle Geschichten, die von den Schattenseiten des Berufs erzählen: die Oberärztin, wie sie eine Frau in den Tod begleitet, die Pflegerin vom Sexismus der Chefärzte, die sie aufgrund ihrer Körpergröße nicht befördern. Die Apothekerin will kündigen, weil sie für diese Art an Überlastung ohne einen Funken Anerkennung nicht studiert habe. "Die Menschlichkeit geht hier verloren", sagt sie. Und so führt der Abend allmählich mitten hinein in die Überlastung unseres Gesundheitssystem, in dem Patient*innen anhand dessen priorisiert werden, wie viel Geld sie der Klinik bringen.

Unmissverständlich erzählt dieser Abend von einem profitgetriebenen System, in denen das Klinikpersonal bis zur Belastungsgrenze Schichten schrubbt, und darüber hinaus. "Ich rette diesem System gerade den Arsch", sagt eine Krankenschwester und fragt, wie es weitergehen soll, wenn sie in Rente geht. Denn eigentlich kann man diese Ausbeutung kommenden Generationen kaum zumuten. Aber "geil", das sei ihr Beruf trotzdem, wirft eine andere ein, die jünger ist, und deshalb geht sie montags trotzdem wieder auf Arbeit. 

Man mache sich bewusst: Die Menschen auf der Bühne stehen 40 Stunden pro Woche in der Klinik, manchmal 19 Tage am Stück, wie einer erzählt, und halten die Gesellschaft am Laufen. Und dann können sie auch noch singen, rappen, tanzen, turnen und jonglieren. Und erzählen, mit einem krassen Sendungsbewusstsein. Was für Persönlichkeiten das sind, die hier den Humor und den Ernst der Lage wunderbar ausbalancieren. Als eine Schwester von einer privaten Fehlgeburt erzählt, wird sie danach von einer Kollegin in den Arm genommen, gepudert, sie zieht ihr auch den Lippenstift nach. The show must go on, im Hamsterrad der Klinik! Manchmal, so dachte ich beim tosenden Applaus, kann ein Abend unter dem Dach des Kleinen Hauses eine viel größere Wucht entfachen als irgendein Abend auf der großen Bühne. 

Kommentare  
Spiralblog Bürgerbühne: Beachtlich
Einfach nur beachtlich, was da geleistet wird, hier offensichtlich sowohl bei der Produktion „Kritischer Zustand“ im Speziellen, wie ganz allgemein bezüglich des Wirkens und der Platzierung der Bürgerbühne in Dresden und auf dem Spielplan am Staatsschauspiel Dresden. „Kritischer Zustand“ wird noch einige Male angeboten; die Nachfrage ist groß, und so finde ich im Spielplan dazu auch regelmäßig das „Ausverkauft“. Auch die Produktionen „Klassenbeste“ und „Feierabend forever“ scheinen ziemliche Publikumsrenner zu sein ! Wer weiß, am 18.4. läuft die 12. Dresdner Theaternacht, „Kritischer Zustand“ soll da um 20 bzw. 21 Uhr laufen; vielleicht besteht da für jene, die umsonst nach einer Karte anfragten bzw. da jetzt rein wollen eine Möglichkeit, ansonsten bietet so eine Theaternacht aber eigentlich stets die Gelegenheit, kleinere Sachen, neue Spielorte, spannende Akteure kennenzulernen (wie etwa, um ein Hamburger Beispiel zu nennen, das „Theater altes Heizkraftwerk“, gelegen zwischen den SIGNA-Spielorten von „Die Ruhe“ bzw. „Das 13. Jahr“ -mit der gruseligen Habergeiß siehe Spiralblog 196-). Viel Glück und schöne Theaternacht, Dresden !!
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