Ohne Anstand und Benehmen

15. April 2026. Aus der Abteilung "Nachrichten, die Sie auf nachtkritik.de eigentlich nicht vermisst haben."

Von Christian Rakow

Ort der Reichen, Schönen & Kunstvollen: Hofstallgasse während der Salzburger Festspiele © SF/Andreas Kolarik

15. April 2026. Zum Glück wurde die Vermögenssteuer in Deutschland 1996 ausgesetzt. So war jetzt genug Geld für Druckerpapier vorhanden, um einen Solidaritätsbrief der besonderen Art aufzusetzen: "Milliardärinnen kämpfen für Markus Hinterhäuser", titelt die "Bild"-Zeitung in gewohnt großen, gefühlt jedoch extragroßen Lettern. Denn wann geht es schon einmal um Milliardärinnen auf Barrikaden?

Die Schützenhilfe für Hinterhäuser, den als Pianist begnadeten, als Kulturmanager aber in Ungnade gefallenen Leiter der Salzburger Festspiele, kommt von so illustren Streiterinnen wie Anita Müller, Ehefrau des Drogerieketten-Gründers Erwin Müller. "Der Umgang mit Markus Hinterhäuser, die Art und Weise, die Gründe der Absetzung aus seinem Amt sowie die unsäglichen, einhergehenden Demütigungen seiner Person sind für uns, die nachfolgend aufgeführten Unterstützer dieses Schreibens, absolut inakzeptabel und lassen jede Form des Anstandes und Benehmens schmerzlich vermissen", zitiert die Bild-Zeitung aus dem Schreiben.

Dass Hinterhäuser unter anderem selbst etwas demütigend die Schauspieldirektorin Marina Davydova geschasst hatte, darf hier getrost verschwiegen werden. Dass der Grande einen robusten Umgang in der Festspielleitung pflegte, recherchierte unlängst der Spiegel und die Bild-Zeitung flicht die einschlägige Stellungnahme Hinterhäusers aus der Reportage ein: "Ich bin ein impulsiver Mensch. Das bestreite ich gar nicht." Aber: "Es ist nicht so, dass ich wie ein Berserker durch das Festspielhaus gelaufen bin."

Offene Briefe kennen wir auf nachtkritik.de eigentlich nur von den Erniedrigten und Entrechteten des Betriebs. Deshalb soll dieses von einem Hauch des Klassenkampfes von oben umwehte Schreiben Ihnen nicht vorenthalten sein. Es trifft einige Tage verspätet ein. Der uns vertrautere Teil der Haute Volée um Elfriede Jelinek und Peter Handke war bereits in der ersten April-Woche zur Stelle und warf sich für Hinterhäuser in die Bresche.

Wenn sich der Staub an der Salzach wieder gelegt hat, wird übrigens die neue Festspielleiterin ihre Geschäfte aufnehmen: Ex-Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann, die Markus Hinterhäuser eigentlich als Schauspieldirektorin installieren wollte (ein wenig nach Gutsherrenart, was ihm Intransparenz-Vorwürfe einbrachte) und die nun unverhofft eine Leitungsetage höher steigt. Bergmann ist ein Gewächs des Ruhrgebiets, Tochter eines Grubenarbeiters, geboren auf Kohle, also nicht auf Zaster, sondern auf der ganz handfesten Steinkohle. Ihre erste Aufgabe wird sein, Milliardärin Anita Müller zu besänftigen. Die hat nämlich laut Bild ihre finanzielle Unterstützung für die Festspiele gekündigt.

Mit diesem offenen Ende sind Sie einstweilen vollumfänglich informiert. nachtkritik.de ist seiner Aufgabe als "Gala des Theaters" nachgekommen, wenn auch mit kleinen Lettern und ohne Fotos. Denn um die Promi-Bilder von Getty Images zu bezahlen, müssten wir drei regionale Nachtkritiken streichen. Und solche Absetzungen widerstreben uns zutiefst.

Kommentare  
Spiralblog Milliardärinnen-Protest: Haute Volee & Wanderlust
Naja, Ulrich Rasche etwa und Ersan Mondtag haben auch gezeichnet; gerade bei Mondtag muß ich dann ein wenig an sein „Wanderhuren“-Statement denken, das garnicht recht nach Haute Volee klingt im Grunde. Kritisierte man nicht auch gerade, wie Hinterhäuser Frau Bergmann „installieren“ wollte, und nun „installiert“ man sie selbst ? Etwas verwirrend ist das schon, oder ? Läuft dann irgendwie darauf hinaus, daß der Ottonormalbürger und die ihn befeuern Könnenden mit Obelix sprechen werden:“Die spinnen, die Römer ! (hier die Salzburger und , schlimmer, die Theaterleute)“. Ach, wo ich schon dabei bin: Was ist aus der mir viel sympathischeren Petition um Elfriede Jelinek und Peter Handke (der doch eigentlich bekannt dafür war, öffentlich eher wenig dergleichen zu zeichnen) bezüglich des Latein-Unterrichtes geworden ??
Spiralblog Milliardärinnen-Protest: Richtiges Parteibuch
@Zarthäuser, Hinterhäuser: Völlig richtig. Zuerst wirft man ihm vor, dass er Bergmann holen will, und entlässt ihn, dann holt man Bergmann, weil man plötzlich entdeckt, dass man sich in eine Sackgasse manövriert hat. Salzburg reimt sich eben auf Provinz. Die dortigen Politiker haben vor etlichen Jahren den wirklich herausragenden Festspiel-Intendanten Peter Ruzicka ohne Not demontiert. Dafür, dass dadurch ein jahrelanges Chaos mit diversen Interimslösungen und wenig befriedigenden Produktionen provoziert wurde, mussten diese Leute niemals die Verantwortung übernehmen. Denn Österreich ist ein Land, wo etwas zentral ist, worüber fast nie gesprochen wird und das Ausland kaum Bescheid weiß: Mit dem richtigen Parteibuch gelangen auch höchst mittelmäßige und noch weniger begabte Nichtskönner in Ämter auf fast allen Ebenen der Republik und dürfen dort ungestraft Entscheidungen mit jahrelangen Konsequenzen verüben und werden dafür auch noch teilweise fürstlich bezahlt. Ohne Parteibuch und ohne politische Beziehungen ist man praktisch chancenlos, irgendeine Art von Karriere im Staate Österreich zu erringen. Auf Kompetenz kommt es nur am Rande an, manchmal gar nicht. Die Ministerien sind voller leitender Beamter, die aus längst verblichenen Ministerkabinetten übrig geblieben sind und vor dem Abgang des Chefs rasch als Beamte installiert wurden. Über das schamlose Benehmen der österreichischen Parteien, die das Land verwalten wie ihren Privatbesitz, hat schon Thomas Bernhard gewitzelt und geschimpft, es hat sich daran nichts geändert.
Noch etwas zu Hinterhäuser: Es mag schon sein, dass er mitunter nicht gerade extrem rücksichtsvoll agiert hat, aber in der Tendenzu lag er durchaus richtig. Etliche Schauspielprogramme der letzten Jahre waren eher mittelmäßig, boten bestenfalls deutsches Stadttheater in der Sommerfrische und waren rasch wieder vergessen. Dass Hinterhäuser nun als für eine Saison dilettierender Schauspielintendant etwas zustande gebracht hat, das die Bezeichnung "festspielwürdig" mehr verdient als viele vergangene Schauspiel-Sommer, ist bezeichnend ...
Spiralblog Milliardärinnen-Protest: Keine Entschuldigung
Lieber Rainulf Arner,
unabhängig von der Qualität Ihrer Einschätzungen zu Österreich im Ganzen und Salzburg im besonderen, ist diese Aussage von Ihnen: "Es mag schon sein, dass er mitunter nicht gerade extrem rücksichtsvoll agiert hat, aber in der Tendenz lag er durchaus richtig." einfach nur hochproblematisch. Hinterhäusers "Führungsstil", der mittlerweile schon mehrfach in der Presse dokumentiert wurde, seine Ausfälle gegenüber Frau Davydova, die sie nun auch bereits mehrfach öffentlich zu Protokoll gegeben wurden, entschuldigen sich nicht über ein Programm, das sie für nicht ausreichend gut halten. Nein, man darf Untergegebene nicht mehr derartig behandeln, weil man ihre Arbeit nicht gut findet. Auch nicht mehr in der Kunst. Das ist jetzt hoffentlich endlich mal vorbei!
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