Es könnte aber auch ganz anders sein

22. / 23. / 25. August 2017. Der prominente russische Theaterregisseur Kirill Serebrennikow ist festgenommen worden. Das berichten diverse Medien, darunter Spiegel Online und die Rheinische Post. Serebrennikow wird vorgeworfen, zwischen 2011 und 2014 staatliche Gelder von 68 Millionen Rubel (umgerechnet knapp eine Million Euro) veruntreut zu haben. Das berichtet auch die russische Nachrichtenagentur TASS. Drei seiner früheren Mitarbeiter wurden deshalb bereits im Mai verhaftet oder unter Hausarrest gestellt. Damals war auch Serebrennikows Wohnung durchsucht, er selbst verhört und sein Pass eingezogen worden. In einen offenen Brief kritisierte im Mai der Deutsche Bühnenverein das Vorgehen der russischen Behörden gegen den Regisseur. Viele russische Künstler haben inzwischen eine Freilassung des inhaftierten Theatermacher gefordert, so die Rheinische Post. 

Begründungen für die Festnahme

Den Medieninformationen zufolge hat Serebrennikow den Vorwurf der Veruntreuung erneut zurückgewiesen. Allerdings habe ihn Nina Masljajewa, die frühere Chefbuchhalterin des von ihm geleiteten Produktionsbüros "Siebtes Studio" in Vernehmungen belastet. Die Frankfurter Rundschau schreibt, die Buchhalterin, die bereits im Mai festgenommen worden sei, habe sich auf eine "vorgerichtliche Einigung" mit der Staatsanwaltschaft eingelassen und sage nun als deren Kronzeuge aus: "Sie habe auf Anweisung Serebrennikow falsche Einträge in der Finanzbuchhaltung getätigt." Nach Angaben der Rheinischen Post werfen die Ermittler Serebrennikow vor, eine bestellte Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" sei nicht zustande gekommen. Die Aufführung sei, von Zuschauern bezeugt, jedoch mehrfach in Russland und im Ausland gezeigt worden.

KirillSerebrennikow 280 OperSTuttgart xKirill Serebrennikow © Oper StuttgartDeutschlandfunk Kultur zufolge hat die Sprecherin des Ermittlungskomitees in Moskau, Swetlana Petrenko, mitgeteilt, Serebrennikow werde verdächtigt, die Unterschlagung von 68 Millionen Rubel organisiert zu haben, um damit das Theaterprojekt "Platform‘ zu realisieren." Der Frankfurter Rundschau zufolge bestätigte Serebrennikow selbst, er habe "Platform" mit diesen Geldern realisiert.

Theatermann und Filmer

Der 1969 geborene Kirill Serebrennikow ist ein international angesehener Autor, Schauspiel-, Opern-, Tanz- und Filmregisseur. Seine Filme wurden auf Festivals in Cannes, Rom, Warschau und Locarno gezeigt und ausgezeichnet, seine Inszenierungen waren unter anderem bereits bei den Wiener Festwochen und beim Festival in Avignon zu sehen. Seit 2012 leitet Serebrennikow das Gogol Center in Moskau. Dort gibt es Ausstellungen, Performances, Theater, Konzerte und Diskussionen. Das Haus wird öffentlich finanziert. Projekte, die keine Chance auf öffentliche Gelder haben, realisiert Serebrennikow über die, dem Gogol Center angegliederte gemeinnützige Gesellschaft "Siebtes Studio", deren Vorsitzender er ist.

(Rheinische Post / Frankfurter Rundschau / Deutschlandfunk Kultur / Oper Stuttgart / Spiegel online / sle)

Zeit-Online zufolge ist Serebrennikow am 23. August unter Hausarrest gestellt worden. "Der Freiheitsentzug gilt zunächst bis zum 19. Oktober. In diesem Zeitraum muss Serebrennikow eine Fußfessel tragen. Die Verteidigung kündigte Rechtsmittel gegen die Entscheidung an". Serebrennikow legte Berufung gegen den Hausarrest ein – das bestätigte Spiegel online zufolge am 25. August ein Gerichtssprecher. Wann über die Berufung entschieden werde, sei noch nicht bekannt.


Reaktionen auf die Festnahme von Kirill Serebrennikow

23. August 2017. In Stuttgart sollte im Oktober die Oper "Hänsel und Gretel" inszeniert von Serebrennikow Premiere haben. Roland Müller und Stefan Scholl schreiben in den Stuttgarter Nachrichten (22.8.2017): "Das alles können ganz gewöhnliche, ordentliche behördliche Ermittlungen sein, deren Ausgang man in Ruhe abwarten muss im Vertrauen auf den russischen Rechtsstaat." Es könnte, so das Blatt weiter, aber alles auch ganz anders sein: "Hinter den Aktionen von Polizei und Staatsanwalt, vor allem hinter dem Einzug der Reisepapiere kann auch der Versuch stehen, den Putin-kritischen Künstler Serebrennikow zumindest einzuschüchtern, wenn nicht gar von der internationalen Bühne zu holen." Bereits im Juli hatte das Bolschoi-Theater in Moskau eine Produktion Serebrennikows über den legendären Tänzer Rudolf Nurejew abgesagt.

Der Chefdramaturg der Stuttgarter Oper, Sergio Morabito, vermutet im Deutschlandfunk Kultur (23.8.2017) "Akteure hinter den Kulissen", die Serebrennikow mundtot machen wollten. Es solle "ein Exempel statuiert werden an einem freien Geist" mit "internationaler Ausstrahlung". Es gehe dabei um eine Richtungsentscheidung. An der Stuttgarter Oper werde nun internationaler Protest organisiert.

In der Frankfurter Rundschau (23.8.2017) schreibt Moskau-Korrespondent Stefan Scholl: Das liberale Fernseh-Portal TV Doschd titele "Schauterror", der Oppositionspolitiker Aleksei Nawalny spreche von einer "Schaufestnahme", mit der erreicht werden solle, dass die übrigen 'Meister der Kultur' sich keine Frechheiten gegenüber der Staatsmacht herausnähmen. Es stünden ja Wahlen vor der Tür. Die Menschenrechtlerin Olga Romanowa bezeichne Serebrennikows Festnahme als "Unvermeidlichkeit". Die Organe wollten beweisen, dass Wladimir Putin Unrecht hatte, als er die Ermittler im Fall Serebrennikow im Staatsfernsehen scherzhaft als "Deppen" bezeichnet hatte.

Klaus-Helge Donath schreibt in der taz (23.8.2017): "Ob Putin hinter der Hatz auf den Theaterschaffenden steht", sei nicht bekannt. Er habe die Ermittlungen gegen den Star zunächst verurteilt. Auch Parteigänger Putins hätten sich für Serebrennikow eingesetzt. Angeblich sei es Kulturminister Medinski gewesen, der im Juli Serebrennikows Ballett über den russischen Startänzer Nurejew aus dem Programm des Bolschoi-Theaters streichen ließ. Zu denken im Zusammenhang mit der angeblichen Veruntreuung gebe etwas anderes. Das Theater solle staatliche Gelder für eine Aufführung von "Sommernachtstraum" unterschlagen haben. Dass das Stück in Moskau und im Ausland gezeigt wurde, Rezensionen darüber erschienen, habe die Kläger nicht beindruckt. Nur was die Behörde anerkenne, habe auch stattgefunden.

Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper in Berlin, schreibt in einer Presseaussendung: "Kirill Serebrennikov haben wir durch zwei Inszenierungen bei uns an der Komischen Oper Berlin kennengelernt. ... Seine Arbeit findet vor Ort im Moskauer Gogol-Zentrum - einem der wenigen verbliebenen Orte freier Meinungsäußerung im heutigen Russland - großen Zulauf und Zustimmung und ist international hoch anerkannt. Kirills Verhaftung als bisheriger Höhepunkt einer Reihe von staatlich veranlassten Maßnahmen, die augenscheinlich gegen diese erfolgreiche künstlerische Arbeit gerichtet sind, ist skandalös. Offensichtlich wird hier versucht, eine der letzten verbliebenen kritischen Stimmen mundtot zu machen."

Johan Simons, Intendant der Ruhrtriennale, veröffentlicht am 24. August eine Solidaritätserklärung mit Serebrennikow und dem in Spanien festgenommenen türkischen Schriftsteller Dogan Akhanli, in der es heißt: "Wir solidarisieren uns politisch und künstlerisch mit Kirill Serebrennikow und Dogan Akhanli, die gerade zum unfreiwilligen Symbol werden, künstlerische Freiheit und freie Meinungsäußerung zu verteidigen. Europa und die Welt brauchen mutige KünstlerInnen und JournalistInnen, und mutige KünstlerInnen und JournalistInnen brauchen jetzt die Solidarität und Unterstützung Europas."

 

Mehr zur Causa Serebrennikow: Die Zusammenfassung eines SZ-Interviews mit dem Regisseur von Anfang August 2017 sowie Links zu Berichten auf nachtkritik.de seit 2014 finden sich hier.

 

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