Schlagerernst und Castingknäuel

von Simone Kaempf

Berlin, 15. Oktober 2014. Welch schöne Funken Regisseur Christoph Marthaler aus Verliebtsein, Heiratsanträgen und Eheanbahnung schlagen kann, hat er zuletzt in Das Weisse vom Ei bewiesen. Im höchst bürgerlichem Ambiente speisen zwei Familien zum Abendessen, damit der Sohn um die Hand der Arzttochter Emmeline anhält. Man beobachtet Menschen, denen altertümlich die Perücken stauben oder die über Teppiche stolpern. Aber allen voran führt ihre gehemmte Leidenschaft zu hochkomischen Situationen, in der man auch leise Kritik an verbarrikadierter Bürgerlichkeit ablesen kann.

Nun ist mit "Tessa Blomstedt gibt nicht auf" an der Volksbühne Berlin sogar ein Abend angekündigt, in dem es um Dating-Portale, Speed-Dating und Mailkontakte gehen soll. Die titelgebende Tessa Blomstedt begibt sich auf moderne Partnersuche. Ein Selbstgänger, denkt man und sieht schon die Liebessehnsüchtigen mit den Widrigkeiten der digitalen Welt kämpfen.

Vortrag im Heiratsvermittlungsbüro

Anna Viebrocks Bühnenbild geht streckenweise tatsächlich als Heiratsvermittlungsbüro durch. Ein hoher Raum, links ein Klavier. An der Balustrade fahren Leinwände herunter, auf der eine Diashow mit hochglanz-getunten Paar-Fotos wirbt. Irrt man sich, dass das Motiv der Frau die einen Löwenteppich umarmt besonders lange gezeigt wird? Leiser Spott ist beim Ambiente jedenfalls am Werk, bei den Figuren genauso. Ziemlich retro der Agentur-Chef, der ein Rednerpult auf die Bühne schiebt, sein Jacket zurecht zupft und dann seine todsichere Methode vorträgt, zum ersten Date zu kommen, Titel: "Die ganze Frauenwelt nur eine Textnachricht entfernt." Der einzige männliche Bewerber, gespielt von Clemens Sienknecht, trägt das T-Shirt in der Jogginghose und baut sich breitbeinig auf. Die Frauen üben Yoga und andere sportliche Körperverrenkungen, derweil die titelgebende Tessa Blomstedt (Irm Hermann) hauptsächlich ihre Topfpflanzen umsorgt, ermahnt von einer Stimme, in die digitale Floristik zu wechseln: "Nur digitale Blumen sind wahre Blumen."

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Das ist der Rahmen der Inszenierung, der dem Thema Zwischentöne und höheren Witz abgewinnt. Und doch geraten die Abgründe moderner Partnersuche szenisch bald in den Hintergrund. Marthaler wendet sein Projekt komplett in einen Liederabend. Gleich am Anfang mit einem Gamben-Solo, das warme, mittelalterliche Stimmung verbreitet. Später kommen schmelzende Arien von Purcell dazu, kleine Intermezzi sind das, bis der nächste Schlager anklingt. So wie schon mancher Abend mit Volksliedern bestritten wurde, stehen jetzt Schlagerlieder im Zentrum: Abba, Baccara, aber auch Beatrice Egli und Helene Fischer, quer durch das moderne Lied-Repertoire brennender Herzen. Gesungen von Tora Augestad, Altea Garrido, Olivia Grigolli, Lilith Stangenberg, ein Quartett aus vier Liebessehnsüchtigen, Castingteilnehmerinnen, Modelbewerberinnen, Gesangswettbewerberinnen – so ganz klar wird es nicht.

Wider dem Dating-Ernst

Gestylt sind sie jedenfalls bis zum geht nicht mehr. Anna Viebrock fährt bei den Kostümen so einiges auf: Lederrock und Tigerprintblusen, rosa Sixtie-Kleidchen, kastenförmige Tüllkleider, schwarze Lederleggings und Fönfrisuren. Zu Whitney Houstons "I will always love you" räkeln sie sich schlangenartig im Körperknäuel um die großartige Sängerin Tora Augestad. Legen eine Catwalk-Persiflage vor, in der sie absonderlichste Grimassen schneiden. Den größten Szenenapplaus bekommt "Atemlos durch die Nacht" karikierend in Zeitlupe gesungen und pantomimisch-choreographisch neu interpretiert. Der Partneragentur-Chef mischt sich an der Stelle auch wieder ein, rezitiert die Zeile "Großes Kino für uns zwei" in Shakespeare-Manier wie einen Firmenwerbeslogan.

Das ist unterhaltsam, teils saukomisch wie hier Schlagerlieder vereinnahmt werden, die Volkslieder von heute. Und die Volksbühne brummt an diesem Abend. Selten hat man im Publikum in letzter Zeit eine so ungekünstelt ausgelassene Stimmung erlebt. "Tessa Blomstedt gibt nicht auf" treibt seine Späße mit dem Run auf Glamour, Ruhm und dem Nachsingen von Schlagern in den einschlägigen Shows. Eins-zu-eins genommen verlacht die Inszenierung die Liebessehnsucht der Schlagertexte als ziemlich kleinbürgerliche Sehnsucht, schafft eine Distanz dazu, als hätte das nichts mit einem zu tun – und man wischt den unerklärlichen Erfolg von Helene Fischer einfach zur Seite. Aber man kann es Marthaler nicht übelnehmen, wirkt das von ihm und den Schauspielern doch alles ziemlich frisch erfunden. Ganz und gar aus der medialen Jetztzeit entwickelt, dass man sich daran nicht stören mag. So wirkt der Abend wie eine Art Anti-Programm zum Ernst und zur Perfektion, mit der sich Castingsieger, Schlagersänger und Datingpartner auf allen Kanälen präsentieren.

 

Tessa Blomstedt gibt nicht auf
Ein Testsiegerportal von Christoph Marthaler, Anna Viebrock, Malte Ubenauf und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Henning Streck, Musikalische Leitung: Clemens Sienknecht, Regie-Mitarbeit: Gerhard Alt, Video: Konstantin Hapke, Ton: Klaus Dobbrick, Dramaturgie: Malte Ubenauf.
Mit: Tora Augestad, Altea Garrido, Olivia Grigolli, Lilith Stangenberg, Irm Hermann, Clemens Sienknecht, Ulrich Voß, Martin Zeller, Clara Andrees, Luise Andrees, die Stimme von Josef Ostendorf.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

Von "Bespöttelungslust" schreibt André Mumot in der Zusammenfassung seines Fazit-Beitrags für Deutschlandradio Kultur (15.10.2014) angesichts von Christoph Marthalers "Tessa Blomstedt". "Merkwürdig" sei Marthalers Zugriff auf das Thema: "als greife er nur mit spitzen, leicht angewiderten Fingern danach - und das theatrale Ergebnis ist eine gespreizte, mitleidlose Kälte, ein gehässiges Ausstellen von Portal-AGBs und Internetratgebern für überforderte Single-Männer, wobei alles Digitale grundsätzlich mit großer altväterlich verstockter Fremdheit vorgeführt wird." Ebenso würden die Schlager "halbwegs verfremdet, aber wenig geistreich der Lächerlichkeit preisgegeben (...) – ein viel zu leichtes, viel zu billiges Opfer." Das Marthaler-typische "verschmocktes Aus-der-Zeit-Fallen" sei diesmal "vor allem elitäre Wirklichkeitsflucht, (...) ein selbstgerechtes Abwenden von unserer Zeit, von unseren Problemen und wirklichen Menschen. Ein Theater, das schön aussieht und schön klingt, am Ende aber nicht mehr als ein Ärgernis ist."

Man persifliere "das Geschäft mit der Liebessehnsucht, das Mediengetue, das digitale Business mit Dating-Portalen", so Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (Kultur heute, 16.10.2014). "Wie der Regisseur zu der neuen Zeit steht und mit welchem Charme er hier seine Akteure unter der Unvereinbarkeit ihrer alten Sehnsucht mit dem strengen, technischen und administrativen Diktat der Gegenwart leiden lässt, ist wieder einmal komisch und berührend zugleich". Bei Marthaler dürfe man "keine vollinhaltliche Ergründung des bleischweren Themas erwarten", ihm gehe es "um Humor, Karikatur und gelegentlichen Spott". Nur eins sei dem Regisseur "dann doch heilig": "Das Liebeslied der frühen Neuzeit trägt noch eine Innigkeit in sich, die hier nicht veralbert wird und wie ein unberührbarer Stern die Äußerlichkeiten der Herzensangelegenheiten auf den neuzeitlichen Fernseh- und Showbühnen überstrahlt."

"Die auf und hinter der Bühne haben ihre Sache (...) natürlich wieder ganz toll gemacht", urteilt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (17.10.2014). Er sieht auf der Bühne "ein abgewickeltes Eheanbahnungsinstitut, das sterbend seinen letzten Seufzer in die neue Zeit hinüberhaucht und noch schnell irgendwelche, selbst kaum durchschaute Image-Building-Dienste für das Internetdating vertickt." Andere "Fluchtwege aus der Einsamkeit" gebe es hier nicht mehr. Der Abend gibt dem Kritiker Anlass zu ernsten Fragen: "Ist unsere Seelensoftware längst gehackt und fremdgesteuert? Sind wir schon solche betriebsbereiten, leicht fehlprogrammierten Kommunikationskonsumroboter wie diese vier verhuschten, eingeklemmten Frauen?" Diese schienen "Kandidatinnen in einer Gesellschaftsform zu sein, die nur noch über Castings organisiert ist, die von einem allmächtigen Konzern in Betrieb genommen und dann, nach Absaugung und Verwertung aller Träume, Sehnsüchte und Talente, sich selbst überlassen wurde."

Für den Regisseur sei "das Computerzeitalter schon seiner sprachlichen Auswüchse wegen ein gefundenes Fressen", meint Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (17.10.2014). "Mit Wonne spiesst er es auf". Im Grunde sei "die Online-Dating-Kultur für Marthaler bloss ein Vorwand, um vom altmodischen, ja uralten Menschheitsbedürfnis nach Liebe zu sprechen bzw. zu singen." Dabei bürste Marthaler "gegen den Strich jeder lauernden Mitsing-Gefühligkeit". Dabei scheinen auch "archetypisch-stereotype Gemeinsamkeiten" zwischen elisabethanitscher Liebeslyrik und Schlager auf (Brennende Herzen). Man schwimme "ganz schön beim Geschmackstest (...). Was ist was?" Dieses "sentimentale Wunschkonzert quillt über vor Charme, Witz, Absurditäten und Garstigkeiten." Deren Biss falle allerdings "mehr drollig als kritisch aus", "zu einem zwingenden Ganzen" runde sich die Revue nicht. "Doch ihre Nummern werden so unverkennbar marthalerisch aneinandergehängt, übereinandergelagert, ineinander verquickt, dass jeder Einspruch verstummt."

"Ohne die Inhaltsangabe auf der Theater-Homepage" hätte Stefan Grund von der Welt (17.10.2014) diesen "semiotisch-satirischen Liederabend" kaum begriffen, doch tue das dem Vergnügen keinen Abbruch. In einer "hinreißenden Performance singen, spielen und toben sich die Akteure der Marthaler-Familie" durch Abend, der den Kritiker "an das Schälen einer Bedeutungszwiebel" erinnert: "Oft weiß der Schälende nicht, ob ihm die Tränen vor Lachen oder Weinen kommen." Die Viebrock-Bühne sei umwerfend, ihre "zwischen Trash und Glitzer changierenden Kostüme" genial, "die wir sozial eher in Berlin-Marzahn als an der Zürcher Goldküste verorten". Jede Welt, die analoge und die virtuelle, "denunziert die jeweils andere als irreal". Frauen und Männer blieben "einander alienfremd, und auch die Interaktion zwischen den Mädels bleibt auf innere Dialoge und äußere Verklumpungen, Zuckungen, Umkreisungen beschränkt" – "sehr komisch, bitter".

Zunächst mochte es "so scheinen, als solle hier ein Stück über die Multiplikation von Identität im Netz und die Digitalisierung der Liebesanbahnung und Liebesunordnung gegeben werden. Das aktuelle alte Lied also." Zum Glück aber wurde jenes auf dem Zettel angekündigte Stück gar nicht gegeben, atmet Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung (17.10.2014) auf. Stattdessen spielten die Instrumente die Hauptrolle. Die Damen auf der Bühne seien vor allem dafür da, "die Schlagerwelt seit den 1970er-Jahren zu Gehör zu bringen". Es gelte hier "die Welt zu erkunden, in der sich Herz auf Schmerz reimt und die Liebe und das Leiden Geschwister sind". Die Gefahr sei dabei groß, "dass Kunstlied und Purcell-Arie die Körperkomik, zu der sie gesungen werden, überstrahlen und sich die Schlagerrevue in der Parodie einer Schlagerrevue erschöpft" – was hier auch mehrfach passiere. "Aber darüber trägt den Abend immer wieder die Hellhörigkeit Marthalers und seiner Mitstreiter hinweg, den Schlagertexten ihre Verwandelbarkeit in absurdes Worttheater abzulauschen."

Marthaler blicke "auf das Geschehen von computervermittelten Erstkontakten (...) mit der Gelassenheit von jemand, der gar nicht vorgeben will, er kenne sich in dieser Welt aus", schreibt Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (17.10.2014). Sein Vergnügen sei "das Ausspielen des Befremdens über die seltsamen Rituale dort." Teils verkörpere der Frauenchor "User, teils Agenten von Datingportalen, mechanisiert in Stimme und Ausdruck – ein Stilelement, das Marthaler schon oft genutzt hat, jetzt aber mit absurden Dialogen über die Onlinewelt zuspitzt. Je mehr sie an der Individualität ihrer Profile feilen, desto ähnlicher werden sie sich" – "keine überraschende Erkenntnis mehr, aber liebevoll dargeboten." Man könne sich "zurechtkonstruieren, dass die Lyrik der Lieder ebenso einem ähnlichen Mangel an lebbaren Gefühlen entstammt wie die Nutzungsregeln für Datingportale. Es sind nur zwei historische Schichten eines Verlangens." So sei das Stück "bei aller Verzweiflung an der Gegenwart" nicht kulturpessimistisch – "Denn früher war es auch nicht besser."

Schlager zu parodieren, ergebe "ein extrem risikominimiertes Volksbühnen-Heimspiel", befindet Christine Wahl im Tagesspiegel (17.10.2014). Thematisch schlängele sich der Abend "am sprechblasentechnisch natürlich höchst ergiebigen Kontaktanbahnungssujet entlang" und gewinne "den tagesaktuellen Benutzeroberflächen und Dating-Profilen besonders schräge Pointen" ab. Darin, dass hier Shakespeare so intoniert wird wie Dieter Bohlen, liege "der Witz des Abends". "Die Erkenntnis, dass sich in der Herz-Schmerz-Disziplin der Weg von der Klassik zum Trash besonders kurz gestaltet, ist zwar alles andere als neu, aber dank der tollen Marthaler-Schauspieler durchaus amüsant anzusehen." Gemessen an den großen Marthaler-Volksbühnen-Abenden à la "Murx" wirke "Tessa Blomstedt" "wie eine Fingerübung" mit eigenem "Verbalgeblubber", das "auch entsprechende Rezeptionsdurststrecken zeitigt".

Alles in dieser "konfusen Nummernrevue" klingt für Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.10.2014) "verbal wie musikalisch floskelhaft, trivial, schrecklich trist." Ähnlich belanglos wirkten die "Bewegungsabläufe in ihrer faden Heiterkeit". Marthalers "angestrengte Dekonstruktion der künstlichen Welten (böse!) und ihrer Einflüsse auf den Alltag" funktioniere hier "nicht recht, weil die beschworenen Gegenwelten (gut!) in Form der freien Natur oder hohen Kunstkompositionen etwa von Henry Purcell, John Dowland oder Jakob Regnart eindeutig zu schwach bleiben. Die Inszenierung will die Verlogenheit und Idiotie des Schlagerunwesens zerpflücken und vergisst ganz, wie bekannt dessen Kalkül längst ist." Schon bald erlaube Marthaler dem Ensemble "nur noch wenngleich mitunter bravouröse Parodien". Das sei "leider allzu billig und ein Abgesang in jeder Hinsicht", "zwar punktuell witziger, insgesamt aber biederer Musikklamauk".

 
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