BRECHT NACH 2026

von Ivo Eichhorn

22. Dezember 2015. "Über literarische Formen", so Brecht, und ich bin geneigt zu sagen: auch über theatrale Formen "muß man die Realität befragen, nicht die Ästhetik, auch nicht die des Realismus. Die Wahrheit kann auf viele Arten verschwiegen und auf viele Arten gesagt werden. Wir leiten unsere Ästhetik, wie unsere Sittlichkeit, von den Bedürfnissen unseres Kampfes ab."

Ausgehend von solch einer Formulierung kann nicht ohne weiteres über das Jahr 2027 spekuliert werden: Die Faschisierungsprozesse in einigen Ländern der EU, der in ganz Europa zunehmende Rassismus und nach wie vor die "Wirtschaftskrise" usw., diese Themen zu behandeln (auch mit Kunstfertigkeit und durch eine Praxis der Verfremdung) ist heute das Bedürfnis unserer Kämpfe gegen Herrschaft, gegen Ausbeutung und gegen die Unterwerfung der Subjektivität (vgl. Foucault). Der Ausgang ist offen, also auch die Lage im Jahr 2027 und damit die Frage, was wir in diesem Jahr mit Brecht anfangen können. Eines ist klar, es wird endlich die Möglichkeit geben, mit Brechts Texten alles zu machen, was man auch mit anderen Texten machen kann. Man wird sie fragmentieren, remixen, umarbeiten usw.

Ob das gelingt hängt weniger von den Ausgangstexten ab, die historisch zu beurteilen sind, als von dem Können derer, die sie fragmentieren, remixen und umarbeiten werden.

Offener Ausgang

Festgehalten werden kann heute nur, dass eigentlich hinter Brecht nicht zurückgegangen werden kann, wenn es darum gehen soll, die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht zu naturalisieren, sondern in ihrer Veränderbarkeit und ständigen Selbstveränderung ("die kapitalistische Produktionsweise revolutioniert sich beständig selbst" Marx/Engels) kenntlich zu machen. Dennoch fällt die meiste Theaterkunst hinter Brechts Versuche weit zurück. Wie das im Jahr 2027 aussehen wird, muss offen bleiben.

Versteht man Verfremdung tatsächlich als Praxis mit zugehörigen Techniken und nicht als eine Addition von neuen Theatereffekten, denn tatsächlich haben fast alle formalen Neuerungen Brechts ihren Platz im herrschenden Regietheater und in den Spielarten des sogenannten performativen Theaters gefunden, so bricht diese Praxis mit der ideologischen Evidenz des Theaters und seinen ideologischen Effekten, indem sie zugleich "das Theater in bezug auf die Ideologie des Theaters", die Konzeption des Stücks und "das Spiel der Schauspieler" verfremdet. In dem "Zweiten Nachtrag zur Theorie des Messingkaufs" hat Brecht die Wirkung des V-Effekts wie folgt beschrieben:

"Die Selbstverständlichkeit, das heißt die besondere Gestalt, welche die Erfahrung im Bewußtsein angenommen hat, wird wieder aufgelöst, wenn sie durch den V-Effekt negiert und dann in eine neue Verständlichkeit verwandelt wird."

"Das Ergebnis all dieser Verfremdungen hat eine neue Beziehung zwischen Theatervorstellung und Publikum zur Folge. Es ist eine verfremdete Beziehung. Brecht hat diesen Effekt der Verlagerung als V-Effekt, im Publikum selbst, als Ende der Identifikation ausgedrückt. Das Publikum muß aufhören, sich mit dem zu identifizieren, was ihm auf der Bühne präsentiert wird, es muß eine kritische Position einnehmen, selbst Partei ergreifen, urteilen, sich entscheiden und eine Wahl treffen. Das Stück nimmt ihm keine Entscheidung ab.“ (Althusser, Über Brecht und Marx)

Ideologische Konfiguration

Verfremdung heißt, etwas genauer mit Benjamin gesagt, die Dinge auf dem Theater und das Theater nicht mehr in ihrer Evidenz darzustellen, sondern die dargestellten Zustände erst zu entdecken, indem man sie unterbricht und so ermöglicht, sich von ihnen zu distanzieren. Die Verfremdung, durch eine solche schockhafte, retardierende Unterbrechung, führt also zu einem Staunen, ob der entdeckten Zustände, das erst die kritische, nämlich nicht mehr in der allgemeinen Evidenz befangene, Stellungnahme des Publikums zu den Vorgängen, wie auch zur Art der Darstellung ermöglicht.

Wenn es 2027 endlich ohne textliche Limitierungen wieder möglich wird in diesem Sinne mit Brecht zu arbeiten, dann könnte man seine Texte so verwenden, wie er selbst z.B. den Hofmeister von Lenz verwendet hat. In der Absicht "Ideologiezertrümmerung" zu leisten. Aber nicht irgendeine historische ideologische Formation (die zur Zeit Lenzens) wollte Brecht angreifen, sondern die 1952 in der DDR aktuelle (die sich sicherlich historisch auch aus der von Lenz geschilderten Zeit entwickelt hat). So gilt es, die herrschende Ideologie heute zu zertrümmern und ihre "singuläre" Geschichte, die mit der ideologischen Konfiguration auch zu Brechts Zeiten verbunden ist, aufzuarbeiten.

Aus dem Turandot-Stück und dem Tui-Komplex beispielsweise könnte ein neues Stück über die postmodernen Intellektuellen (besser Tuis) zwischen gesellschaftlicher Apathie und Zynismus, zwischen flexiblem Expertentum und Warenzaubererei werden. Einzelne Szenen aus dem Tui-Komplex könnten unverändert übernommen, andere müssten um- und neugeschrieben werden. Es wäre ein Umbau mit dem Ziel, mithilfe der Praxis der Verfremdung auf die wirklichen Verhältnisse und die postmoderne Vergesellschaftung der Intelligenz zu verweisen. Ob dies allerdings 2027 noch auf der Tagesordnung stehen wird, weiß ich nicht.

Brechts Materialwert, um seine eigene Formulierung in Bezug auf die Klassiker aufzugreifen, wird ein hoher bleiben, denn die meisten seiner Texte sind von der Praxis der Verfremdung durchtränkt. Es sind dezentrierte Stücke (Althusser) und deshalb lehren sie die Schriftsteller nach wie vor etwas (vgl. Benjamin): ihre literarische Technik, die wir brauchen werden, nach 2027 auch.

 

Ivo Eichhorn, geboren in Frankfurt am Main, studiert Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen. Zur Zeit arbeitet er an einem Stück über die wilden Streiks des Sommers 1973.

 

Hier die anderen Beiträge zur Ausschreibung: von Ligna, copy & waste, Kevin Rittberger, Alexander Karschnia und friendly fire

 
Kommentar schreiben