Weltkasperletheater

von Simone Kaempf

Berlin, 27. November 2016. Den blutdürstigen Revolutionär Jean Paul Marat sah man natürlich schon großbühnenformatig in der Badewanne sterben. Allerdings ist das lange her, mehr als 15 Jahre im benachbarten Berliner Ensemble, von Philip Tiedemann inszeniert. Martin Wuttke als Marat zappelte, dass das Wasser nur so spritzte. Irrenhaus-Naturalismus auch sonst auf der Bühne, alles wie ein Sargnagel für das Stück über Jean Paul Marat und Donatien-Alphonse-François Marquis de Sade, die so unterschiedlichen Protagonisten der französischen Revolution.

Leichenbelebung zum Besten

Auf der Rechnung hatte man Peter Weiss danach kaum noch, wie überhaupt jene Autoren der 68er-Generation, die genau auf das schauten, was nie wieder passieren soll, die sich tief in die Beziehung zwischen Verantwortung, Gesinnung, Macht und Unterdrückung bohrten. Aber nun zappelt Marat wieder in der Badewanne. Oder genauer: seine dünnen Schaumstoffbeine hängen über dem Rand. Er zieht ein ernst-finsteres Gesicht unter einer Kopfbinde, die an Winnetou erinnert und kommt erst in der finalen Polit-Rede in Fahrt. Und doch sieht man bei Regisseur Stefan Pucher eine Leichenbelebung, die den Stoff von aufdringlichen politischen Bezügen befreit und ihn stattdessen mit witzelndem Galgenhumor zu seinem Besten erhebt.

maratsade 01 560 c Arno Leclair H Im Revolutions-Grand-Guignol: Katrin Wichmann, Daniel Hoevels, Benjamin Lillie, Anita Vulesica, Bernd Moss  © Arno Declair

Puppenbeine baumeln

Video, Hammondorgel, Musikeinlagen spielen in diesem Pucher-Abend wieder eine tragende Rolle. Aber auch Puppenunterleibe und historische Kostüme, die die Schauspieler in verzerrte Posen zwängen. Ein großes Kostümfest im Grand Guignol-Stil, und eine Show der Selbstdarstellung, mit der alle hier um Gunst werben. Felix Goeser als Marquis de Sade fährt als despotischer Wortführer den anderen ins Wort, mal der launische Regisseur, der die Fäden in der Hand halten will, mal der unverdrossen gutgelaunte Aristokrat, der sowieso an nichts mehr glaubt. In dem Streitgespräch mit Marat baumeln ihnen beiden die Puppenbeine von den Hüften herab, denn ja, auch ein großes Weltkasperletheater scheint in der zentralen Szene durch, wenn beide um ihre Prinzipien streiten: Marats gewaltbereiter Kampf für Gleichheit gegen de Sades Einsicht der Sinnlosigkeit allen Kämpfens. Oder sein Glaube ans Individuum gegen Marats Argumente für die gleichen Rechte für alle.

Geklonte Volksmasse

Das Volk tritt auf in grauen Anzügen, Pilzkopfperücken und verwischten Lippenstift. Ein chorischer pop-konformer Chor, latent gewaltbereit. "Wir wollen in Wohlstand leben", knallt es zehn-köpfig mit einer Wucht heraus, die Daniel Hoevels' Marat schmal aussehen lässt - die Irren als geklonte Masse, die sehr genau weiß, was sie will. Und die im Spiel ihre ganz eigene Kraft entwickelt, laut ihre Forderungen herausbellt.

maratsade 02 560 c Arno Leclair H Die Revolution badet ihre Kinder: Michael Goldberg, Daniel Hoevels, Felix Goeser  © Arno Declair

 An einer Guillotine im Bühnenhintergrund lassen sie Köpfe rollen, Puppenköpfe, aber es ist diese überbordende Oberflächen-Ausstattung, die manch trockene Textthese aufgepeppt materialisiert unterläuft. Etwa stehen guillotinierte Köpfe mahnend aufgespießt auf Holzstäben während Marat und Sade über die Schönheit des Sterbens diskutieren. Oder: Marat schwingt seine Rede von der Gleichheit, während seine Frau eine Brotzeit zerschneidet und auf dem Brett herumreicht. Subtile Szenen über die Kluft zwischen Reden und Handeln, Handlung. Ein Abend, der nie so tut, als würden die Brandreden seiner Figuren zu einer Lösung führen. Mit Peter Weiss' weltanschaulich offenem Ende ist es Stefan Pucher ernst. Aber er treibt auch sein Spiel damit.

Keine Revolution ohne Moderation

Am wirkungsmächtigsten agiert nicht Marat, nicht Sade, sondern Anita Vulesica als Conferencier. In einem Kasperlehäuschen leitet sie als kurzbeinige Ansagerin prologisch in die Geschichte ein. Verwandelt sich im schwarzen Frack in eine augenzwinkernd-witzelnde Moderatorin, denn "was wär eine Revolution, ohne eine knackige Moderation". Nicht nur knackig, sondern schlagfertig würdevoll buhlt Vulesica ums Verständnis fürs Bühnengeschehen. Sie ist die große Sympathieträgerin des Abends. Beschwichtigt am Ende das Ausbleiben der Revolution mit komischen Duktus und einer Prise Grand Guignol-Charme. Alles eh' nur Kasperletheater: das Revolutionsstück, politische Umsturzversuche, das Theater selbst, bei dem es in dem Spiel im Spiel auch geht. Aber eines mit erhöhtem Spaßfaktor, und in der ironischen Show schälen sich die unvereinbaren Positionen, das Unlösbare und Absurde, das Irre-werden an all den geführten Diskussionen heraus. Alle Fragen zur Weltlage offen, Pucher baut daraus eine klasse Show höheren Galgenhumors.

 

Marat / Sade   
von Peter Weiss 
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Meika Dresenkamp, Künstlerische Leitung des Chors: Christine Groß, Coaching Puppen: Jochen Menzel, Dramaturgie: John von Düffel, Licht: Matthias Vogel, Maske: Andreas Müller.
Mit: Felix Goeser, Daniel Hoevels, Michael Goldberg, Katrin Wichmann, Bernd Moss, Benjamin Lillie, Anita Vulesica; Studierende der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin: Johanna Meinhard, Tabitha Frehner, Victor Tahal, Viktor Nilsson, Johannes Nussbaum, Thomas Prenn, Mascha Schneider, Sonja Viegener, Daniel Séjourné, Juno Zobel, Musiker: Chikara Aoshima, Michael Mühlhaus. 
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Sie sprechen echt, sie spielen falsch. Und trotzdem richtig. Was für ein Durcheinander!" Und das sei genau die richtige angebrachte Atmosphäre,  schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.12.2016). "Stefan Pucher dreht die Schraube der antiillusionistischen Darstellung noch weiter als Weiss dies ohnedies verlangte und verzichtet völlig auf das historische Hospiz als Tatort." Stattdessen habe er sich von Barbara Ehnes eine Jahrmarktsbühne entwerfen lassen, in der Illusionen und Sensationen angekündigt werden. "Das ist ein bisschen zynisch, aber natürlich auch wahr." Mit filigraner Kirmes-Musik, ein paar Filmeinblendungen und dem demonstrativ unpsychologischen Erzählgestus "vermeidet Pucher jede Einfühlungsästhetik und jongliert mit allerlei Verfremdungstechniken." Fazit: "Damit gewinnt er Weiss’ gewichtigem Diskurs heutige Relevanz ab. Er nimmt sich das Thema undogmatisch zu Herzen und bereitet es gekonnt wie absurd als gnadenloses Kasperletheater auf."

Damit gewinnt er Weiss’ gewichtigem Diskurs darüber, wie ein gutes Leben auf Erden für alle Menschen möglich sein könnte, eine freimütig – heutige Relevanz ab. Er nimmt sich das Thema undogmatisch zu Herzen und bereitet es gekonnt wie absurd als gnadenloses Kasperletheater auf.

"Die Revolution ist vorbei, noch ehe das Stück anfängt. Aufgesaugt von Lustbarkeiten, ausgerutscht auf dieser Ironieschmierseife", so Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (29.11.2016). Mit Felix Goeser habe Pucher einen Sade, der herrlich herrisch werden kann. Er habe mit Daniel Hoevels dazu einen Marat, dem das Melancholische genauso wenig fremd sei wie der Machtwille, daneben noch eine schön schneidende Katrin Wichmann als Charlotte. "Ja, es gibt von Bissigkeit angespitzte Szenen, die das Drama als beißendes Gegenwartsspiel zeigen, atemlose, dichte Szenen." Aber Pucher habe ihnen offenbar nicht vertraut, nicht dem Ernst, nicht der Klugheit des Schau-Spiels seiner Darsteller, habe deshalb alles mit bunten Girlanden behangen. "Schnell wieder lustig sein, das ist das Motto. Die Regie läuft an diesem Abend damit nicht nur vor dem Stück davon, sondern vor der Welt, von dem es erzählt."

"Die Revolutionsfrage des Marquis de Sade aber bleibt, wie alle großen Theaterfragen, offen", so Eberhard Spreng auf DLF Kultur vom Tage (29.11.2016). "Auch wenn das Pucher-Theater am Ende seine Kasperl-Maske ablegt und versucht, seinen Abstand zum blutigen Gegenstand der Geschichte etwas zu verkürzen, es musealisiert den 'Marat/Sade' des Peter Weiss zu einem gegen alle Anfragen aus der Gegenwart abgedichteten, grellen Spaß."

"Linke und rechte Rand-Positionen vermischen sich zu einem populistischen Spektakel, das Regisseur Stefan Pucher viel zu lustig angelegt hat, als dass man es ernstnehmen könnte", kritisiert Ute Büsing vom RBB (28.11.2016). "Der Versuch, Peter Weiss' Denkanstöße ins Heute zu zoomen, verläppert und verplappert sich."

 

 
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