Good Girl Gone Bad

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 15. September 2017. Wie entsteht Gewalt? Sie wird gelernt, in der Familie. Beruht auf Missachtung, die es dort, aber auch in der Gesellschaft gibt. Gewalt hat vielfältige Ursachen und Formen. Analysieren kann man das soziologisch. Oder man kann es in einem Roman zeigen. Das hat Fatma Aydemir getan mit ihrem Erstling "Ellbogen", in dem sie die vielfältigen Ursachen von Gewalt zeigt und ihre Wirkung bündelt auf eine Figur: Hazal Akgündüz, ein junge Deutschtürkin auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Kühn ist das, weil Aydemirs Roman auf weibliche Jugendliche fokussiert, nicht auf junge migrantische Männer. Und weil nicht, wie sonst so oft, am Ende die Reue oder der Untergang steht, sondern die Scham. Scham ist die Krise des Selbstwertes, die Abwertung der eigenen Person. Sie ist Ursache von Gewalt und ihre Folge. So ist es bei Hazal. Die Dinge liegen nicht einfach.

Im Dornbusch zu sich finden

Eine simple Sache hingegen ist die Uraufführung von Robert Koalls Theaterfassung des Romans im Depot 2 des Düsseldorfer Schauspielhauses. Regisseur Jan Gehler macht fast keine Mätzchen. Es wird erzählt. Das hat den Vorteil, dass die Komplexität der Figur und die Widersprüchlichkeit, das Hin und Her von Sympathie mit und Erschrecken vor Hazal erhalten bleibt. Es hat den Vorteil, dass die Innenschau, die sprachlich genaue Nachverfolgung der Bewusstseinsvorgänge, nicht (oder nur wenig) veräußerlicht wird.

ellbogen 560 lucie jansch uVier fauststarke Frauen: Cennet Rüya Voß, Tabea Bettin, Florenze Schüssler, Lou Strenger in "Ellbogen" © Lucie Jansch

Die Geschichte ist klar, milieukonform und aktualitätsgesättigt. Hazal will ihren achtzehnten Geburtstag mit ihren Freundinnen im Berliner Club Berghain feiern. Sie werden abgewiesen. Wütend und betrunken schlagen die drei Migrantenmädels einen betrunkenen Studenten nieder, der sie provoziert. Hazal schubst ihn vor die U-Bahn. Und flieht am nächsten Tag zu ihrem Facebook-Freund Mehmet nach Istanbul. Als dessen Mitbewohner Halil wegen prokurdischer Aktivitäten festgenommen wird und Hazal bei dem Polizeieinsatz verwundet wird, bricht auch diese Lebensmöglichkeit zusammen. Ihre Tante Semra, die Sozialarbeiterin, will sie nach Deutschland zurückholen, damit sie nach einem Strafprozess wieder neu anfangen kann. Hazal weigert sich. Ausgerechnet während des Putsches gegen Erdogan findet sie in einem Versteck, in einem Dornbusch, zu sich selbst: "Ich öffne die Augen, sehe ein Stück Nacht und lächle mir selbst zu." Das ist der Schlusssatz des Romans und der Bühnenfassung.

Vom Leben in Hazalia

Dramatisierung kann man diese Fassung nicht nennen. Im ersten Teil wird der Romantext auf vier Schauspielerinnen verteilt (Cennet Rüya Voß, Lou Strenger, Florenze Schüssler und Tabea Bettin). Sie sprechen das Erzählpräsens mit variabler Aufteilung. Mal chorisch, mal in Rollen verschiedener Figuren, mal als vielstimmige Wiedergabe der Gedanken der Ich-Erzählerin. Das wird witzig und unterhaltsam durch die kleinen, prägnant gesetzten Aktionen, durch rhythmisierte Gestik. Zunächst sitzen sie auf einer riesigen Wand von Lautsprechern, die aber nur gelegentlich unheilvoll surren und brummen (Bühne: Sabrina Rox). Einmal, beim Anstehen und Vordrängeln in der Schlange vor dem Klub, stöckeln drei von ihnen auch durch die Reihen des Publikums und ein Zuschauer wird heftig abgeknutscht.

ellbogen 560a lucie jansch uAllein auf Abwegen: Cennet Rüya Voß in "Ellbogen" © Lucie Jansch

Im zweiten, Istanbuler Teil verschwinden die Boxen und ein rechteckiger Vorhang von Leuchtkugeln bildet mit wechselnden Farben die bunte Metropole ab. Hazal ist ganz auf sich gestellt, keine Freundinnen mehr. Cennet Rüya Voß trägt die Last der Hauptfigur alleine. Das kann sie. Sie ist die ideale Besetzung. Energiegeladen, sprudelnd, fähig, die Zuschauer in Hazals chaotische Lebenswelt, die sie Hazalia nennt, hineinzureißen. Diese Hazal bleibt eiskalt nach ihrem Totschlag und doch völlig neben sich. Die Regie verordnet ihr nur nach dem Polizeieinsatz einen großen Ausbruch von Verzweiflung, Schreien, Weinen, Hämmern, Schlagen – minutenlang. Das war nicht nötig.

Im Schlussmonolog kommt ihre ganze Widersprüchlichkeit heraus: Sie versöhnt sich mit sich selbst, sieht ohne Reue ihr Verbrechen und ihre Flucht als Befreiung, als Akte der Selbstfindung. Sie hat keine Illusionen über ein besseres Leben in Istanbul. Und doch glaubt sie in dem Gebetsruf, der während des Putschversuchs gegen Erdogan zu ungewöhnlicher Zeit erschallt, eine neue Melodie zu hören: die von Rihannas Popsong "Umbrella", den die vier Freundinnen schon zu Beginn der Inszenierung a capella im rosaroten Gegenlicht sangen: "You can stand under my umbrella, ella ella". Allah oder nicht: ein Rettungsschirm ist immer noch nötig.

 

Ellbogen
Nach dem Roman von Fatma Aydemir, Theaterfassung von Robert Koall
Regie: Jan Gehler, Bühne: Sabrina Rox, Kostüm: Claudia Irro, Komposition: Vredeber Albrecht, Dramaturgie: Frederik Tidén.
Mit: Cennet Rüya Voß, Lou Strenger, Florenze Schüssler, Tabea Bettin.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.dhaus.de



Kritikenrundschau

"Kühn in der Setzung, dass Gewalt nicht nur männlich ist, ist dieser Stoff. Klug in vielen Beobachtungen, scharfsinnig in den Zuspitzungen und sprachlich stellenweise brillant. Immer dann nämlich, wenn die Macker-Sprache verstummt", schreibt Regine Müller in der taz (17.9.2017). "Womit wir beim Problem des Romans und des Theaterstücks gleichermaßen wären. Die Darstellung eines prekären, gewaltaffinen Milieus glückt in der Kunstsprache ebenso selten wie auf der Bühne. Es liest sich im Roman ebenso gewollt, wie es auf der Bühne gemacht wirkt."

"Mit 'Ellbogen" öffnet das Schauspielhaus die Tür in eine soziale Wirklichkeit, die oft analysiert wird, aber selten erlebt. Die Vorlage bedient zwar manches Klischee, gibt aber unsentimentale Einblicke in eine Lebenswelt, die längst Teil von Deutschland geworden ist." So berichtet Dorothee Krings in der Rheinischen Post (18.9.2017). Regisseur Jan Gehler strebe "nicht nach zweifelhaftem Realismus, sondern lässt ein Gespinst aus Stimmen, Posen, Lebensgeschichten entstehen; und der Zuschauer gräbt sich immer tiefer in ein soziales Feld, das von einem Gefühl beherrscht ist: Frust."

Diese Roman-Adaption sei ""bestenfalls so lala geworden", schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (18.9.2017). Die Schauspielerinnen seien stark, aber die "Bearbeitung ist arg brav ausgefallen". Gehler lasse "sein kleines Ensemble zunächst viel im Chor sprechen, erst nach und nach schälen sich feste Rollen heraus."

 
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