Mit ISDN-Geschwindigkeit

von Eva Biringer

Wien, 24. März 2018. Es soll Autoren geben, die sich beim Arbeiten mit Hilfe von Apps selbst aus dem Internet verbannen. Vorsichtige Vermutung: Enis Maci gehört nicht dazu. Ihr Stück "Mitwisser" gleicht in der Struktur seinem Gegenstand, der unendlichen Randomness des Internets. Ein brillanter, unverschämt überfordernder Text über Schuld, Gewalt und Rache, über Drogenparties und Ehrenmorde, der vom Ästchen aufs Stöckchen kommt oder, in der Sprache des Web 2.0, von einem offenen Tab zum nächsten. Im Zentrum stehen drei wahre Begebenheiten. In einer Rentnerenklave in Florida bringt ein Jugendlicher seine Eltern um und lädt danach die halbe Schule zur Homeparty ein. Auf die Frage nach dem Grund für seine Tat antwortet er: "Warum nicht?"

Unter den Gummimasken

In der Türkei tötet eine Frau ihren Vergewaltiger und präsentiert der Dorfgemeinschaft dessen Kopf mit den Worten: "Das passiert, wenn man meine Ehre beschmutzt." Im nordrhein-westfälischen Dinslaken steht ein Mann vor Gericht, der auf Geheiß des IS Menschen gequält hat. Hinzu kommt eine eher beliebig wirkende Hooliganepisode, die immerhin zeigt, was für ein Quatsch herauskommt, wenn man Rechte reden lässt. Umwolkt (stellen Sie sich bitte die cloud vor) werden diese Handlungsstränge, von denen jeder für sich schon einen Theaterabend füllen könnte, von Systemtheorie, Elementen der antiken Tragödie, Wikipedia-Artikeln und Netzkommentaren. "Mitwisser" ist das verschriftlichte Gegenwartsgefühl des "Ich-wollte-nur-schnell-was-im-Internet-nachschauen-und-drei-Stunden-später-habe-ich-vergessen-was-es-war".

Mitwisser1 560 Matthias Heschl uNetz-Alltagswahnsinn im Quadrat © Matthias Heschl

Als Regisseur eines solchen rhizom-artig wuchernden Texts kann man eigentlich nur verlieren. Zu Beginn wärmt das flamingofarbene Licht dieser Uraufführung noch ganz vielversprechend, irritieren die fünf Darsteller in Plateauschuhen und Regenbogen-Hoodies mit ihren Gummimasken recht produktiv. Oftmals sprechen sie chorisch als rätselhaftes "Ökosystem", einer Art überzeitlicher Bürgerinstanz. Elisabeth Weiß zeichnet neben den angemessen abgedrehten Kostümen auch für das Bühnenbild verantwortlich, einer Gitterfläche mit waagrechten Leuchtstoffröhren an der Decke. Die verschiedenen Orte – Dinslaken, Port St. Lucie, Koruyaka Köyü, "der Chat, der leider, leider keine Koordinaten hat" – werden als Geodaten auf eine Leinwand projiziert. Seinen Status als Schauspielhaus-Ensemblemitglied der Herzen verteidigt Simon Bauer zum wiederholten Mal, als Highschoolpartygast ist er genauso großartig wie als "Deutschland den Deutschen"-Pöbler. Lili Epply erinnert in ihrer Rolle als Selbstjustizia im bodenlangen Paillettenkleid an Uma Thurman in "Kill Bill", die trotz moralischer Fragwürdigkeit der Inbegriff von Coolness ist.

Je weiter der Abend voranschreitet, desto offensichtlicher werden allerdings seine Schwächen. Manchmal fiel dem an der Schauspielschule Ernst Busch ausgebildeten Regisseur Pedro Martins Beja offenbar nichts ein, dann beschränkt sich das Ensemble aufs bloße Rezitieren, was zu luftleerem Raum im Zuschauerhirn führt. Andere Regieeinfälle bestechen nicht gerade durch Originalität, etwa das wiederholte In-die-Luft-Schlagen mit einem Schlagstock als Zeichen sinnloser Gewalt oder die Geste des Kapuze-Überziehens, die immerhin ein Kommentar zum kürzlich in Wien beschlossenen Vermummungsverbot ist.

Wie Odysseus im Sirenengesang

Enis Maci wurde 1993 in Gelsenkirchen geboren und hat in Leipzig Politik und Literarisches Schreiben studiert. Anders als viele zeitgenössischen Dramatiker und Dramatikerinnen verfügt sie über das Talent, den Wahnsinn unserer digitalen Gegenwart in eine Bühnensprache zu überführen. Wer sind die titelgebenden Mitwisser? Die Menschen, die sich allein durch ihr Am-Leben-Sein schuldig machen am Zustand der Welt, damals genau wie heute, denn eines steht fest: Grausamkeit hat es immer schon gegeben, bloß halt keine Enthauptungsvideos. Früher, so Macis Theorie, stifteten "über Erdspalten hockende, Dämpfe einatmende Orakel" zum Mord an, heute sind es Designerdrogen und Stimmen im Kopf. Dass Martins Bejas Inszenierung eher mit ISDN-Geschwindigkeit surft als mit LTE, liegt allein an der Unaufführbarkeit seiner Vorlage. Lesen Sie dieses Stück! Da wird die Flucht deutscher IS-Anhänger mit jener der antiken Helena verglichen, Klytämnestras Ehegattenmord mit dem Stoff türkischer Boulevardmedien, der Ennui amerikanischer Teenager mit den Shisha-Boys vom Ruhrpott. Ganz abgesehen von den gedankenschleifigen, in der Bühnenfassung größtenteils gestrichenen Regieanweisungen und dem auf Links basierenden Quellenverzeichnis.

Mitwisser2 560 Matthias Heschl uGlitzert alles so schön hier © Matthias Heschl

"Ich schaue ein paar YouTube-Videos, weil ich mehr erfahren will" heißt es gegen Ende, als ein Vorhang mit dem ikonografisch gewordenen Windows-Bildschirmschoner quer über die Bühne flattert. Anschließend zitieren die fünf Schauspieler Kommentare von Internetnutzern, die Augen vom vielen Bildschirmschauen pink gerötet. Von wegen "ein paar Videos": Mitunter verliert man sich im Netz wie Odysseus im Sirenengesang, auch das legt die Digital Native-Autorin nahe. Offline gehen wäre eine Lösung. Hauptsache, Enis Maci hört nicht auf, darüber zu schreiben.

 

Mitwisser
von Enis Maci
Regie: Pedro Martins Beja, Bühne und Kostüme: Elisabeth Weiß, Musik: Markus Steinkellner, Dramaturgie: Tobias Schuster.
Mit: Simon Bauer, Lili Epply, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Enis Macis uraufgeführter Dramentext, mit allerlei Preisen wie dem Hans-Gratzer-Stipendium behängt, kann sich nicht recht entscheiden. Will er die uralte Frage menschlicher Gewaltbereitschaft diskutieren, oder möchte er lieber den verführerischen Erlebnishorizont des World Wide Web zur Darstellung bringen? Seltsam akribische Ortsbeschreibungen wechseln sich ab mit sauer schmeckender Dritte-Welt-Poesie. - derstandard.at/2000076786075/Mitwisser-im-Wiener-Schauspielhaus-Rette-sich-wer-googeln-kannEnis Macis Text, "mit allerlei Preisen wie dem Hans-Gratzer-Stipendium behängt", könne sich nicht recht entscheiden. "Will er die uralte Frage menschlicher Gewaltbereitschaft diskutieren, oder möchte er lieber den verführerischen Erlebnishorizont des World Wide Web zur Darstellung bringen?", so Ronald Pohl im Standard (26.3.2018). "Seltsam akribische Ortsbeschreibungen wechseln sich ab mit sauer schmeckender Dritte-Welt-Poesie." Man komme aus dem  zustimmenden Nicken gar nicht mehr heraus. "Der Schluss dieses Stückes gehört dann Zombies aus den Chat-Rooms, Emojis auf Beinen mit – Ödipus sei Dank! – auch ausgestochenen Augen. Todschick, das Ganze, mit Bildungsresten verquirlt (Heiner Müller!) und viel echter Anteilnahme inszeniert. Aber eben doch auch todlangweilig, da "postdramatisch" und somit ästhetisch auf der sicheren Seite. - derstandard.at/2000076786075/Mitwisser-im-Wiener-Schauspielhaus-Rette-sich-wer-googeln-kann""2Der Schluss gehört dann Zombies aus den Chat-Rooms, Emojis auf Beinen mit – Ödipus sei Dank! – auch ausgestochenen Augen." Fazit: "Todschick, das Ganze, mit Bildungsresten verquirlt (Heiner Müller!) und viel echter Anteilnahme inszeniert. Aber eben doch auch todlangweilig, da 'postdramatisch' und somit ästhetisch auf der sicheren Seite."

"Maci bindet antike Tragödie mit aktuellen Kriminalfällen zusammen. Pedro Martins Beja inszenierte mit einigen starken Bildern", so der Untertitel von Barbara Petschs Kritik in der Presse (26.3.2018). Antworten gebe der Abend keine, "das ist auch gut so, denn sie könnten nur banal ausfallen." Im Programmheft sei eine blendende Reportage des Magazins 'Rolling Stone' aus Port St. Lucie abgedruckt, doch auch sie könne das Grauen nicht erklären. "Aber die Produktion, die anfangs etwas spröde wirkt, rundet sich alsbald zu einem sehenswerten Abend, der das jüngere Publikum – und Ältere, die modernes Theater mögen – interessieren könnte."

 

Kommentar schreiben