Natürlichkeit ist eine Pose

von Christian Rakow

Berlin, 2. Mai 2018. Mit einer Zeichnung beginnt es: "Ich habe dich da auf dem Platz in der dritten Reihe gezeichnet", hebt Simon Will in seinem bergkristallenen, durch und durch tiefenentspannten britischen Englisch an, "und dann kam mir die Frau neben Dir dazwischen, die mit den lila Haaren, und also habe ich Euch beide gezeichnet. Ihr könnt die Zeichnung jetzt haben, am besten entscheidet Ihr selbst, wer sie kriegt."

creation pictures for dorian6 560 gob squad uSchön dastehen im Scheinwerferlicht: Gob Squad performen frei nach Oscar Wilde über Leben und Abbild © David Baltzer

Er reicht sein Blatt ins Publikum, und es zeigt zwei infantile Dreiecke. Praktisch: Strichmännchen à la Kandinsky. "Ich liebe Dreiecke, weil sie aus den einfachen Gegensätzen ausbrechen", sagt er, und dann extemporiert er über allen möglichen Dreiecksverhältnissen: Vater – Mutter – Kind, die heilige Dreifaltigkeit, Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft und so fort. Und unvermittelt sind wir in die einzigartige Kunst von Gob Squad eingetaucht, wo im scheinbar Dilettantischen die Ordnung der Dinge sichtbar wird, wo jedwedes Großes klein anmutet und das Kleine erhaben und schön.

Verwelken unterm Rotlicht

"Creation (Pictures for Dorian)" heißt der neue Abend der deutsch-britischen Interaktionskunst-Pioniere Gob Squad, der am Berliner HAU herauskommt, ehe er durch die halbe Republik und den Rest der Welt tourt. Nach Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray", wie der Titel schon andeutet. Wobei die fantastische Geschichte des Dorian Gray, der seine Jugend konserviert, indem er sein gemaltes Porträt altern und alle Lebensspuren aufsaugen lässt, kaum Gegenstand ist. Ähnlich wie in der Vorgängerarbeit War and Peace (nach Tolstoi) sind dem Roman allein die tragenden Motive abgewonnen: das Räsonieren über Kunst um der Kunst Willen, das Spiel mit Leben und Abbild, das Balancieren zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit des schöpferischen Akts.

Vor allem aber kommt Wildes Werk in seinem schier unerschöpflichen Vorrat an Sinnsprüchen und Bonmots in den Blick. "Natürlichkeit ist nur eine Pose, die ärgerlichste Pose", lässt Sharon Smith wissen, während sie ein Blumengesteck nach Ikebana-Art arrangiert. Später wird der Strauß unter einer Rotlichtlampe dem Verwelken preisgegeben. Memento mori.

Lokale Produkte aus Berlin

Währenddessen hat längst das begonnen, was den Abend im Kern ausmacht: ein unablässiges Herstellen von Bildnissen, eine "Creation" von Tableau Vivants zur Feier des Zeitlichen. Wo Gob Squad üblicherweise Mitspieler aus dem Publikum gewinnen würden, die dann liebevoll in ihre Arrangements eingebettet werden, arbeiten sie dieses Mal mit vorab gecastetem Personal: sechs Spielerinnen – drei alt, drei jung –, allesamt mit Bühnenerfahrung (darunter die Schauspielerin Susanne Scholl, die zuletzt auch bei She She Pop dabei war). "Lokale Produkte aus der Region, aus Berlin", witzelt Berit Stumpf (wie alle von Gob Squad heute in aktivistischer Stadtguerilla-Kluft).

creation pictures for dorian5 560 gob squad uBlumenbekränzt posieren in Tableau Vivants © David Baltzer

Herausgeputzt und blumenbekränzt, als seien sie Shakespeares "Sommernachtstraum" entsprungen, posieren die Spieler*innen in umhergeschobenen Bilderrahmen gemäß den Anweisungen der Gob Squad-Regieperformer Simon Will, Berit Stumpf und Sharon Smith. Die filmen sie mit Live-Kamera, lassen Betitelungen nach Oscar Wilde einblenden. Mitunter schleicht sich ein Kate-Bush-Akkord herein. Oder ein Katalog mit kleinen Aperçues füllt den Moment, ehe die Fantasie wieder verlischt.

Wuseln und Zauber

Das Posieren der Akteure, ihre Spiegelungen zwischen Alt und Jung, das Zitieren kunstgeschichtlicher Motive und die kleinen Korrespondenzen zu Wildes "Picture of Dorian Gray" sind punktuell ungemein reizvoll, auch erheiternd. Und die ganze Konzeption des Abends eigentlich ein Geniestreich. Aber zu oft gerät die Ausführung bei dieser Berliner Premiere seltsam schlicht und unpräzise. Bildfindungen bleiben blass, Querbezüge zur Instagram-Selfiekultur werden angetestet und verebben schnell, karge Einblicke in die Biographien der Berliner Akteure lassen denken, wieviel mehr hier möglich wäre. Vieles wirkt bloß routiniert: die Kataloge der Selbstbefragungen, die Reflexionen auf das eigene Künstlertum und die Lebenssituation, das ist Solides aus dem Gob-Squad-Werkzeugkasten; oft wuselt man bloß vor sich hin, bis wieder ein Hauch von Zauber gewonnen wird.

Kurzum, der Abend liefert allenfalls eine Vorstudie, kein Bildnis für Dorian. "Is this your best work?", heißt es immer wieder im Schriftzug über den gefilmten Arrangements. Nun ja, bei Gob Squad liegt die Messlatte hoch, höher geht es kaum. Eine Gruppe, die bleibende Arbeiten wie "Super Night Shot", "Gob Squads Kitchen" oder die zum Berliner Theatertreffen eingeladene Kinderstube der Vergänglichkeit Before Your Very Eyes geschaffen hat, muss sich die Antwort gefallen lassen: Is this your best work? Nein, not at all.

 

Creation (Pictures for Dorian)
von Gob Squad
Konzept und Regie: Gob Squad, Sounddesign: Sebastian Bark, Jeff McGrory, Videodesign: Miles Chalcraft, Kostüme: Ingken Benesch, Set Realisation: Lena Mody, Lichtdesign und Technische Leitung: Chris Umney, Dramaturgie und Produktionsleitung: Christina Runge, Künstlerische Assistenz: Mat Hand, Kostümassistenz: Claudia Gali, Set Realisation Assistenz: Julia Buntzel, Produktionsassistenz: Ben Mohai, Regiehospitanz: Patty Kim, Amina Nouns, Gob Squad Management: Eva Hartmann, Tourmanager: Mat Hand, UK Produzentin: Ayla Suveren.
Performance: Gob Squad (Johanna Freiburg, Sean Patten, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will) und Berliner Gästen: Christopher Adams-Cohen, Rojin Anousha, Beatrice Cordua, Parisa Madani, Dietrich Novak, Naomi Odhiambo, Dieter Rita Scholl und Susanne Scholl (die Besetzungen wechseln mit jeder Aufführung).
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Produktion: Gob Squad und HAU Hebbel am Ufer. Entwickelt mit Unterstützung der Center Theatre Group, Los Angeles, CA. Koproduktion: Münchner Kammerspiele, Schauspiel Leipzig, Wiesbaden Biennale, Schlachthaus Theater Bern, LIFT London, Brighton Festival und Attenborough Centre for the Creative Arts. Ein Imagine 2020 (2.0) Projekt, mit Unterstützung durch das Creative Europe Programme der Europäischen Union und Förderung durch den Arts Council of England.

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

Gob Squad heben "das Leben in ihrer Kunst, die Kunst im Leben und das Sprechen darüber auf eine neue Meditationsstufe performativer Komplexität", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (4.5.2018). "Die Tableaux vivants rappeln sich vom Albernen zum Komplexen, vom Kitschigen zum Nackten. Naiv ist das erst, aber am Ende weit und groß." Es sei "hohe Zeit für lockere Bespiegelungsabende wie diesen, denn dass das Performance-Kunst hartnäckig als banale Authentizitäts-Show oder bloße Realitätsverdopplung von Ich-Performern missdeutet wird, gehört zu den Ärgernissen gegenwärtiger Kulturkämpfe."

"Es ist eine eher stille, ziemlich kluge Meditation über Jugend und Alter, Kunst und Schönheitskult, Unschuld und Berechnung", berichtet Ute Büsing im Inforadio des rbb (3.5.2018). Der Zuschauer müsse "sich schon ohne Scheu einlassen auf diese sich allmählich entwickelnde Vorstellung, in der Englisch überwiegt und bei der - das gehört wie die mediale Vermittlung zu Gob Squads Markenzeichen - immer auch das Private mitverhandelt wird (…)."

Während "sich Gob Squad in ihrem Kunstdiskurs verheddern, bleibt die Erzählung über das Altern, die Wunder der Jugend und die Schönheit der Erfahrung blass, ja banal", winkt Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (7.5.2018) ab. Wenig "tiefsinnig – und nur selten unterhaltsam" findet der Kritiker den Abend. Die Gob-Squad-Performer würden sich "penetrant in den Vordergrund spielen", dagegen "erfährt man über die Gäste viel zu wenig".

Gob Squad "zappen sich munter durch die Kunstgeschichte und betreiben überhaupt eine ausgesucht lustvolle Selbstbespiegelung", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (9.5.2018). "Je länger der Abend dauert, desto stärker wird er." Höhepunkte sind für die Kritiker etwa die Erinnerungen der Schauspielerin Susanne Scholl. "Dazwischen allerdings gilt es auch einigen schöpferischen Leerlauf auszuhalten." Die "beste Arbeit" von Gob Squad sei dies nicht.

Die Tableaux vivants rappeln sich vom Albernen zum Komplexen, vom Kitschigen zum Nackten. Naiv ist das erst, aber am Ende weit und groß. – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/30113528 ©2018Es sei "hohe Zeit für lockere Bespiegelungsabende wie diesen, denn dass das Performance-Kunst hartnäckig als banale Authentizitäts-Show oder bloße Realitätsverdopplung von Ich-Performern missdeutet wird, gehört zu den Ärgernissen gegenwärtiger Kulturkämpfe."

 

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