Das Risiko eines anderen Zugangs

Interview: Esther Boldt

6. Juni 2018. Vögel zwitschern durch das offene Fenster, ein kurzer Schauer hat Frische gebracht. Xavier Le Roy scheint bereits angekommen zu sein in seinem Büro im Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft – das derzeit in einer alten Villa im Stadtzentrum residiert, während die Waschbetonbauten auf dem Campus saniert werden. Anfang Mai hat der französische Künstler und Choreograph hier als Nachfolger von Heiner Goebbels die Professur "mit Schwerpunkt für Praxis performative Künste" angetreten; bekannt wurde Le Roy Mitte der 1990er Jahre mit Performances, die den Körper und sein Bild fragmentierten und Wahrnehmungsgewohnheiten aufs Spiel setzten.

xavier le roy 2011 280 emma picq uXavier Le Roy (2011) © Emma PicqEsther Boldt: Was bedeutet es für Sie, nun in Gießen zu arbeiten?

Xavier Le Roy: Mich interessiert es besonders, hier eine andere Beziehung zu Zeit zu entwickeln. Die Professur ermöglicht es mir, mit einer Dauer zu arbeiten, die nicht von der Projektökonomie vorgegeben ist. Natürlich gibt es noch andere Aspekte: Die Tatsache, dass es ein kleineres Institut ist, das einen besonderen Status innehat innerhalb der Universität, das "autonomer" agieren kann. Dass dieser Ort begründet ist in der Idee und dem Wunsch, sowohl von der Theorie als auch von der Praxis aus zu arbeiten. Und schließlich die Tatsache, dass hier nach anderen künstlerischen Beziehungen gesucht wird – das sind alles Punkte, die das Institut für mich sehr attraktiv machen.

Sie haben in der Vergangenheit bereits an verschiedenen Orten gelehrt, unter anderem waren Sie 2007 und 2008 Direktor des Programms für zeitgenössischen Tanz ex.er.ce in Montpellier.

Ja, ich war zwei Jahre lang assoziierter Künstler in Montpellier, das war ein befristetes Experiment. Länger hätte ich nicht bleiben wollen. Aber heute ist eine andere Zeit – auch aufgrund von Veränderungen in der künstlerischen Produktion, die härter geworden ist. Man steht sozusagen unter dem Imperativ der Koproduktion, und diesen möchte ich infrage stellen. Ich habe in den letzten Jahren Arbeiten wie die Ausstellungen "Retrospective" oder die Theaterarbeit "Public (in) Rehearsal" gemacht, die 10 bis 24 Künstler involvieren. Alle Mittel hierfür kamen jeweils von einer Institution. Ich hatte nur einen Ansprechpartner und den Eindruck, dass ich wirklich mit der Institution zusammenarbeite, nicht nur von ihr produziert werde. Es unterscheidet sich stark von der vorherrschenden Koproduktionsform, in der wir ein bisschen Geld von diesem Festival bekommen, ein bisschen von einem anderen, etwas von einem Theater, und dann noch dort eine Residenz machen … Ich fühle mich damit nicht wohl, es reproduziert Probleme und Arbeiten, die auf eine sehr bestimmter Weise gedacht sind. Es besteht ein Unterschied zwischen "produzieren" und "zusammenarbeiten". Ich möchte gemeinsam mit den Studenten und meinen Kollegen recherchieren und andere Arten und Weisen des Arbeitens entwickeln.

In den letzten Jahren wurden einige Institutionen gegründet, die an das Gießener Modell anknüpfen, und auch Institute für Theaterwissenschaft pflegen die künstlerische Praxis auf Probebühnen. Hat das Auswirkungen auf das Institut?

Das weiß ich noch nicht, ich bin gerade erst angekommen. Aber in der Geschichte dieser Institution gab es den Wunsch, einen Ort zu schaffen, an dem eine andere Art von Theater gemacht und gedacht wird und der sich auf etwas anderes bezieht als auf das Stadttheater. Wenn wir die Entwicklung von Gießen analysieren möchten, können wir sagen, dass dieses Unterfangen erfolgreich war. Heute ist dieses andere Theater integriert und akzeptiert. Nun könnte man darüber nachdenken, was das Institut jetzt tun kann. Soll es weiterhin an den Formen arbeiten, die hier etabliert wurden? Vielleicht ist es der richtige Moment, kritisch über diese Formen nachzudenken. Es gibt die Notwendigkeit für etwas, von dem ich noch nicht weiß, was es ist, aber ich bin interessiert daran, Gedanken oder Handlungsweisen zu kultivieren, anstelle etwas fortzusetzen, das schon existiert. Ich möchte das Risiko auf mich nehmen, einen anderen Zugang zu finden.

Welche weiteren Pläne haben Sie für das Institut?

Ich komme weniger mit einem Konzept als mit Fragen, die sich stellen, und an denen gearbeitet werden muss. Ich habe kein Rezept. Einer meiner Vorschläge ist, durch die performative Praxis über die Arbeit mit Kunst im Allgemeinen nachzudenken. Bauhaus und Black Mountain College waren interessante Ansätze, um auf eine bestimmte Weise verschiedene Disziplinen zusammenzubringen. Jetzt befinden wir uns an einem Zeitpunkt, an dem wir dies überschreiten oder transformieren müssen, diese Idee von Disziplinen und Experten kombinieren, neu ordnen oder nach neuen Namen und Kategorien suchen müssen. Ich möchte die Frage nach dem Kunstmachen stellen. Wie, warum, wo, wann? Für mich ist Gießen dafür ein guter Ort, weil es hier bereits ein Umfeld für Experimente gibt.

LeRoy Retrospective 5 Foto Lluis Bover 560 Fundacio Antoni Tapies. Available under a CC BY NC SA license uXavier Le Roy-"Retrospective". Foto: Lluís Bover © Fundacio Antoni Tapies CC BY NC SA

Ihre eigene künstlerische Arbeit ist sehr offen, Sie arbeiten in Museen, im vergangenen Jahr haben Sie bei den Skulptur-Projekten in Münster gearbeitet, inszenieren aber auch Werke zeitgenössischer Musik oder Strawinskys "Le Sacre du Printemps" in einem Konzertsaal. Sie bewegen sich leicht und elegant zwischen diesen Feldern.

Danke. Schon bald nachdem ich begonnen hatte, meine Arbeiten im Bereich der choreographischen Künste zu zeigen, hatte ich die Chance, sie in Kontexten verschiedener Disziplinen zu präsentieren. Dies ermöglichte mir, Fragen der Spezifizität und der Inter- oder Trans-Disziplinarität zu beobachten und zu reflektieren. Ebenso wie bestimmte Werke von einem Kontext zum anderen wandern könnten, indem sie diesen oder jenen Ort in ein "Theater" verwandeln, ist jede Umgebung, in der man Kunstwerke herstellt und zeigt, an sich ein Material. Sie bringt unterschiedliche, spezifische Beziehungen hervor, und es interessiert mich, ihre Eigenschaften auszudehnen und zu hinterfragen. In meiner Arbeit geht es nicht darum, mein Können in einer bestimmten künstlerischen Disziplin zu zeigen und zu bestätigen, sondern darum, etwas für eine bestimmte soziale Situation und für die Konventionen eines Ortes zu machen, an dem ein Künstler sein Publikum trifft.

Was braucht es, um Künstlerinnen und Künstler auszubilden?

Es ist interessant, dass Sie Künstlerinnen und Künstler sagen, denn das Institut ist genauso für Wissenschaftler gedacht.

Ja. Aber ich habe das Gefühl, dass es in den letzten zwanzig Jahren eine klare Verschiebung in Richtung künstlerischer Praxis gab. Als ich hier 1999 zu studieren begann, war die Studierendenschaft sehr heterogen, aber in den letzten Jahren ist das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft mehr und mehr zu einer Theaterakademie geworden.

Ja, Sie weisen auf eines der Probleme hin, auf eine der Fragen, die ich habe. Das Institut wurde immer mehr zu einem Ort für Menschen, die Künstler werden wollten.

Es ist üblich geworden, dass Studierende ihre künstlerischen Arbeiten auf Festivals zeigen. Diese Praxis war unter den Studierenden sehr umstritten, als ich hier anfing, heute ist sie etabliert.

Ja, auch das ist eine Frage für mich: Sollen wir so weitermachen? Oder nicht? Aber es hat noch eine weitere Auswirkung, die auch eine Konsequenz aus dem Imperativ der Produktion und Koproduktion ist. Wenn wir uns die Ausbildungslandschaft in den Künsten etwas breiter anschauen, gibt es viel mehr Masterstudiengänge als noch vor wenigen Jahren. Man könnte sagen, es ist toll, dass es mehr Möglichkeiten gibt. Aber es führt auch dazu, dass viele, die versuchen, mit ihrer künstlerischen Arbeit Fuß zu fassen, zurück an die Hochschulen gehen, um einen Master zu absolvieren. Auf eine Weise ist das gut, sie brauchen mehr Theorie oder Praxis, um ihre Ausbildung zu vervollständigen und um in der Lage zu sein, ihre Arbeit machen zu können. Aber es führt auch dazu, dass immer mehr Kunst innerhalb der Masterstudiengänge produziert wird und außerhalb der Hochschulen die Mittel hierfür begrenzt sind. Es ist ein bisschen pervers, dass Masterstudiengänge diese Art, Kunst zu produzieren, reproduzieren. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, sich diese Frage zu stellen: Sollen wir das weiter tun oder nicht? Wie sollen wir Kunst machen und produzieren? Das ist auch das Tolle an diesem Ort, dass man mit den Student*innen und Kolleg*innen an diesen Anliegen arbeiten und neue Formen für die Zukunft ausprobieren und erfinden kann.

Wird das Lehren Ihre künstlerische Arbeit verändern?

Es ist für mich nichts Neues, ich habe 2004 zum ersten Mal einen Workshop gegeben und bin seitdem an der Ausbildung beteiligt, Lehren und Lernen sind Teil meiner künstlerischen Arbeit. Aber natürlich wird es etwas anderes sein, im Rahmen der Angewandten Theaterwissenschaft fortan jede Woche zu unterrichten. Es wird sicherlich meine Arbeit verändern, und ich freue mich darauf zu sehen, wie.

 

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