Liebe Künstler, sagt doch auch mal was!

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 17. Juni 2018. Worum kann es überhaupt gehen, wenn die Akademie der Künste (AdK) zu einem öffentlichen Kongress zur Zukunft der Berliner Volksbühne einlädt? Unter dem Titel "Vorsicht Volksbühne" diskutierten am Wochenede Intendant*innen, Professor*innen und Theaterkritiker*innen. Nur die künstlerischen Mitarbeiter*innen der Castorf-Volksbühne hätten alle abgesagt, so Mitkurator Thomas Martin, bis 2017 Hausautor der Volksbühne. Der Schmerz, das Trauma sei noch zu groß.

Worum konnte es also gehen? Jedenfalls nicht um eine Aufarbeitung der kulturpolitischen Fehler, denn der verantwortliche Regierende Bürgermeister Michael Müller war nicht anwesend. Immerhin aber darum, ein Forum zu schaffen, auf dem die Kampflinien, die sich in den vergangenen drei Jahren gebildet haben, zusammenlaufen können. Und das ist im Endeffekt auch gelungen.

Forderung nach Beratungsgremium

Aber gleich zu Beginn forderte die Theaterwissenschaftlerin Evelyn Annuß in einer feurigen Ansprache mehr, und zwar: Mitbestimmung. Annuß, die nach Dercons Ernennung eine Petition initiiert hatte, die über 40.000 Unterzeichner fand, plädierte dafür, ein breit besetztes Beratungsgremium einzurichten, das auch schon in Klaus Dörrs Interimsintendanz bis 2020 aktiv werden sollte – und warf Klaus Lederer implizit vor, in der AdK eine Alibi-Veranstaltung zu inszenieren, Transparenz zu suggerieren, um dann in Ruhe eine Hinterzimmerentscheidung treffen zu können.

adK 560 annuss David BaltzerEvelyn Annuß  © David Baltzer / Bildbühne

Aus dem Publikum heraus verwehrte sich Lederer gegen den "Alibi-Verdacht": Er habe keinen Geheimplan. Da brannte die Luft, aber der Brand wurde schnell phraseologisch erstickt, mittels einer Menge Worthülsen. "Wie lassen sich politische Ereignisse ästhetisch denken?", diese Leitfrage gab zum Beispiel Berliner Festspiele-Chef Thomas Oberender der Volksbühne in seinem Impulsreferat auf den Weg – als zeitlose Herausforderung, auf die dann aber niemand inhaltlich einging.

Von Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft in Abgrenzung zu denen der Vergangenheit, für die das "Ost" auf der "alten Volksbühne" in der Diskussion immer wieder einstehen musste, war stattdessen andauernd die Rede, ohne dass sie je wirklich klar ausbuchstabiert wurden – als schlucke die Volksbühne einem schwarzen Loch gleich alles Erregungspotential und als könne für diese Herausforderungen gar nichts übrig bleiben.

Abarbeiten am Mythos

Noch am deutlichsten benannte sie der Intendant des Deutschen Theaters und Bühnenvereins-Präsident Ulrich Khuon, als er am Samstag von Rechtsruck und Geschlechtergerechtigkeitsdebatte als "paradigmatischen Entwicklungen" sprach und, dann schon wieder recht vage, eine "politisch-theatrale Setzung, die die Gegenwart meint", forderte.

Unter dem raunenden Titel "Mythos Volksbühne" stieg man ab Freitagabend dann zusehends Castorf-glorifizierend in den Keller der Vergangenheit: Da war die Rede von einer "starken Führung, die das Haus mit Ideen ausstattete", und Kostümdirektorin Ulrike Köhler, die mit Video- und Tonchef Klaus Dobbrick zusammen für die Gewerke auf dem Podium saß, zeigte den Mitbestimmungsfans die kalte Schulter: "Unser Theater hat noch nie demokratisch funktioniert." Sie sei unter Castorf froh gewesen, nicht stets in allen Belangen mitreden zu müssen. Lederer bot sie damit eine Steilvorlage, sich nicht mit Evelyn Annuß' Forderungen auseinandersetzen zu müssen.

adK 560 schluepfer David BaltzerSchauspieler Mex Schlüpfer © David Baltzer / Bildbühne

Einen anderen, weniger autoritätsgläubigen Volksbühnen-Geist beschwor in einem Spontan-Auftritt der Schauspieler Mex Schlüpfer, einer der wenigen im Publikum anwesenden Mitarbeiter der "alten Volksbühne". In Bert Neumannscher "Don't look back"-Jacke stellte er sich vor dem "Mythos"- Panel auf und forderte, mit dem "Austausch von Anekdoten" aufzuhören: "Ick will nur, dass die Energie, die sich hier zusammenfindet, nicht sinnlos verpufft." Da war er auf einmal im Raum, der vielbeschworene Geist der Widerständigkeit, an den später auch die brav gewordenen Besetzer*innen lange nicht herankamen.

Mit Schlüpfer nahm jenes "exzentrische Künstlertum" schlagartig Gestalt an, von dem fast sämtliche Diskutierenden glaubten, dass die Volksbühne es brauche, dass der große Raum nur von ihm gefüllt werden könne. Bloß – in der Lage Schlüpfers energetischen Impuls aufzunehmen und mit (neuem) Sinn zu füllen, war die Veranstaltung nicht. Am ehesten noch stärkte sein Spontan-Auftritt die immer wieder durch den Raum geisternde Frage, ob Klaus Lederer und Klaus Dörr sich nicht bemühen müssten, die alten Schauspieler zurückzuholen.

Liebevolle Absage

Auf Nachfrage gab Dörr zu Protokoll, dass er versucht habe, sich mit den Regisseuren Pollesch/Fritsch/Marthaler/Castorf ins Benehmen zu setzen; Pollesch habe ihm "in einer liebevollen SMS" eine Absage für Wiederaufnahmen und Neuproduktionen in der Volksbühne erteilt, er wolle seine Arbeiten in diesem Raum nicht mehr zeigen. Fritsch sei bereit, über die Wiederaufnahme seiner (S)panischen Fliege zu verhandeln. Castorf sei noch nicht persönlich erreichbar gewesen. Mit Marthaler wolle er im Rahmen der Ruhrtriennale kooperieren. Für ein Engagement des Duos Vinge/Müller gebe es zu viel "Widerstand aus den Gewerken". Außerdem sei er mit mehreren Berliner Tanzcompagnien im Gespräch.

Nicht (mehr) im Gespräch ist der kommissarische Intendant mit den Besetzer*innen vom September 2017 – auf dem Podium mit Dörr wurden sie vertreten von Nils Bunjaku, der höflich ein "Theater für die jungen Leute" forderte. Immerhin formulierte er, wenn auch erst auf Nachfrage, die konkretesten Ideen für die Volksbühnen-Räumlichkeiten, die an den zwei Tagen zur Diskussion standen: Man wolle eine "Theaterkonferenz" veranstalten mit Mitarbeiter*innen aller deutschen Theater, in der es um ihre prekären Arbeitsbedingungen gehen solle (Hallo, Ensemble Netzwerk!), man wolle ein Parlament der Wohnungslosen gründen (davon war schon in der Besetzungszeit die Rede gewesen), man wolle aber vor allem Plena abhalten zu "dringlichen Fragen der Stadtgesellschaft", Verdrängung und steigenden Mieten.

adK 560 lederer2 David BaltzerKultursenator Klaus Lederer © David Baltzer / Bildbühne

Diese Plena, so wurde Bunjaku nicht müde artig zu betonen, sollten aber natürlich nicht im großen Haus stattfinden, man sei auch zufrieden, wenn sie irgendwo anders "nebenher laufen" dürften. Es gab ja von Chris Dercon seinerzeit das Angebot, dass die Besetzer*innen den Grünen Salon nutzen dürften. Fast scheint's, als wollten sie es jetzt annehmen – aber Dörr will es nicht erneuern.

Und auch Klaus Lederer solidarisierte sich nicht mit den Besetzer*innen, betonte vielmehr, dass die Volksbühne jenseits "soziologischer oder politischer Exzellenz" "wieder ein Theater" "mit künstlerischer Exzellenz" werden müsse, eines, "in dem Schauspieler im Mittelpunkt stehen und nicht irgendwelche auswechselbaren Masken", was sich durchaus als Absage an eine Intendanz(-beteiligung) Susanne Kennedy lesen lässt – Dörr wiederum hatte vorher noch betont, dass er Kennedy über ihre Vertragsbindung durch Dercon hinaus für eine weitere Produktion verpflichtet habe.

Zeitplan offen

Als weiterer Konfliktpunkt zwischen Dörr und Lederer ließ sich der Zeitplan für die Entscheidung über eine neue Volksbühnen-Leitung erahnen. Dörr mahnte an, was er schon in Interviews gesagt hatte: Um einem neuen Team eine anderthalbjährige Vorbereitungszeit zu garantieren ("sportlich, aber machbar"), müsse die Entscheidung bis Ende 2018 getroffen sein. "Wenn wir es bis Jahresende nicht schaffen, brauchen wir halt länger", verwahrte Lederer sich dagegen in seinem Abschlussstatement.

Er stellte sich darin vor allem an die Seite der Mitarbeiter*innen der Volksbühne, deren Belange er ernst nehmen wolle und denen er keinesfalls "Ideen überstülpen" wolle – mit Ulrike Köhler und Klaus Dobbrick dürfte er keine Probleme kriegen, und Mex Schlüpfer gehört der Volksbühne nicht mehr an, er wurde von Chris Dercon gekündigt.

Zum Fortgang und zur genauen Gestalt des Findungsprozesses könne er noch nichts sagen, so Lederer, aber: "Ich bin beratungsoffen." Die Debatte solle weitergeführt werden, auch wenn er sie nicht allein organisieren wolle. "Alle sind dazu aufgefordert – wir werden zuhören."

adK 560 Buehne David BaltzerAuf dem Podium: Hannah Schopf, Staub zu Glitzer (Nils Bunjaku), Christian Grashof, Silvia Fehrmann, Amelie Deuflhard, Klaus Dörr und Moderator Janis El-Bira  © David Baltzer / Bildbühne

Zuhören, und im nächsten Schritt hoffentlich Stellung nehmen zu den konkreten Vorschlägen zum Findungsprozess, die nach der AdK-Veranstaltung bereits auf dem Tisch liegen:

– Evelyn Annuß' "Beratungsgremium" mit Theaterwissenschaftlern, Vertretern der Freien Szene, Stadtsoziologen, Aktivisten und Vertretern der Volksbühnen-Gewerke. Ein Gremium, das nicht nur eine neue Leitung finden, sondern ab sofort über das Profil des Hauses mitbestimmen soll, wenn es nach Annuß geht.

– Ein Bewerbungsverfahren, in dem die Kandidat*innen sich öffentlich präsentieren, so wie es zum Beispiel auch an Universitäten üblich ist. Diese Idee speiste Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard ein.

– Kathrin Tiedemann vom FFT Düsseldorf schlug vor, nach dem Vorbild der Hamburger PlanBude eine Anlaufstelle für die Stadtgesellschaft einzurichten, in der Vorschläge für die Zukunft der Volksbühne gesammelt werden. Tiedemann fragte sich außerdem laut, "warum wir eigentlich nicht in der Volksbühne sitzen", diese Idee wurde von Evelyn Annuß und aus dem Publikum unterstützt.

Die Künstler sind gefragt

Wenn Klaus Lederer tatsächlich eine Debatte führen will, muss er sich zu diesen Vorschlägen positionieren.

Eine Debatte, die weiter lohnen und wirken soll, wird aber auch inhaltlich gefüllt werden müssen. Sowohl Lederers Claim, er wolle "exzellente Theaterkunst" ermöglichen, als auch Evelyn Annuß' Forderung nach einem Beratungsgremium brauchen das.

Denn Ideen für die Volksbühne zu entwickeln, gar zu spinnen – das traute sich in einiger System- und Funktionstreue niemand auf dem Podium so recht. Es bräuchte dafür wohl mehr Künstler*innen, die freier – und respektloser – mit dem "Mythos Volksbühne" umzugehen wissen. Meldet euch zu Wort!

Und zwar nicht nur in Bewerbungen an Klaus (Dörr) und Klaus (Lederer). Sondern macht eure Ideen und Konzepte öffentlich. Das ist kein übliches Procedere, aber die Volksbühnen-Situation ist auch keine übliche Situation. Sondern eine Krisensituation, die Chancen produzieren kann. Könnte. Soviel wurde klar in der AdK. Nun braucht es den Mut derer, die sich trauen, den Volksbühnenraum mit Ideen zu befüllen. Und zwar möglichst bald.

 

Mehr zum Thema: Die Aufzeichnung aller Beiträge und Diskussionen des Symposiums können Sie hier ansehen.

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Vorsicht Volksbühne: Praterspektakelmartin baucks 2018-06-18 13:46
Liebe Sophie Diesselhorst,

ich habe Ihren Text gleich zweimal gelesen und irgendwie komme ich aus dem Staunen nicht heraus. Formulieren sich dort nicht völlig falsche Wünsche und Erwartungen? Die Künstler sollen sich melden. Gar ihre Konzepte öffentlich machen. Um Gotteswillen „Nein“. Macht das nicht. Man kann sich so nur selber beschädigen.

Der Hammer wurde so hoch aufgehangen, dem kann niemand gerecht werden. Und niemand sollte das wollen. Wozu auch? Sehen Sie, dort sind bei dieser Konferenz im Querschnitt schon die wesentlichen Kompetenzen zusammengekommen. So bekamen Sie einen frühen Einblick, wie es später in einer Findungskommision oder einem Beratungsgremium zu gehen wird. Besser wird es auch dort nicht mehr. Im Gegenteil, denn dann kommt noch das Entrechambrieren hinzu.

Jeder, der Ihnen jetzt sagt, er wüßte, wie es mit der Volksbühne weitergehen könnte, ist schon in sich verdächtig. Und Klaus Dörr, wie könnte es anders sein, greift auf Altbekanntes zurück und versucht mit Susanne Kennedy am Haus Vorhandenes fortzusetzen. Das ist Vernünftig und ihm nicht vorzuwerfen. Er wird das Haus durch teilweisen Rückbau und solide Entscheidungen erst einmal in ruhigere Gewässer zurückführen. Und er wird dabei den Widerspruch hinnehmen müssen, dass die Volksbühne genau dort nicht hingehört, in die ruhigeren Gewässer mit Leander Haußmann, dem „Auftrag“ und Edgar Selge.

Was gäbe es noch für Optionen? Wagemutiges Ausprobieren einer Serie von Low-Budget Projekten mit alten und jungen Künstlern, die an der Volksbühne noch nie präsent waren. Volles Risiko bei gleichzeitigem interessenslosem Wohlwollen des Publikums und der Kritik, welche Erfolge bejubeln und begrüßen, und bei Mißerfolgen nicht gleich die Akteure künstlerisch „lynchen“.

Vor zwanzig Jahren nahm ich zweimal am sogennaten Praterspektakel teil. Eines trug den Titel „Maschinenmenschen“. Heute würde es wohl „posthumane Cyborgs und Roboter“ heißen oder ähnlich. Ein solches Format, wie die, auch historisch schon vor langer Zeit etablierten Spektakel an der Volksbühne in den nächsten zwei Jahren wieder ins Leben zu rufen, wäre natürlich eine Plattform für Künstler. Und dort könnte man dann kleinere Arbeiten besichtigen und eventuell weiterfördern. Arbeiten, die keine Beratung oder transparente Findung jemals hervorbringen können, denn dort werden nur die hinlänglichen Bekannte abgefragt. Und genauso wenig, wie es die Alten der Volksbühne sein können, die sich nun so passgenau in die Spielpläne vom DT, dem BE oder Schausbühne einfügen lassen, genauso wenig können es diejenigen sein, die sich auf dem Karrierekarusell der größeren Stadttheaterbetriebe befinden, die nun das Haus retten könnten. Und das nicht, weil sie schon auf die nächsten drei Jahre ausbucht sind, sondern eben deswegen.

Soviel Mut aber ein solches Format zu struktieren und einzuführen, dürfte man auch schon heute Klaus Dörr und Ulf Frötzschner zumuten dürfen. So entstehen Perspektiven durch konkrete kreative Arbeit, denn wenn man jemandem an der Volksbühne auch heute noch trauen darf, dann den Gewerken, die in der Lage sind solche Formate mit ihren künstlerischen Ansprüchen praktisch umzusetzen, woran manch anderes Haus häufig scheitern könnte.
#2 Vorsicht Volksbühne: Symptom der Leeremartin baucks 2018-06-19 12:30
Und jetzt?! Nachdem Renner Castorf entfernt und im Gegenzug Lederer Dercon entlassen hat! Was nun?! Dringt man nun zu der Erkenntnis vor, dass eine Kündigung noch kein Konzept darstellt, keine Zukunft abbildet. Wenn man in der Lage wäre ganz viel Humor aufzubringen, könnte man sich sogar köstlich amüsieren. Steht Lederer jetzt nicht auch ohne einen Plan da?! Immerhin kennt er das Problem ja nicht erst seit drei Monaten, sondern ist auch schon seit über zwei Jahren am Ball, machte es zum Wahlkampfthema, trat bei der Abschiedsfeier des Hauses ins Zentrum des Bildes. Da hätte man doch vermuten dürfen, er habe mehr zu sagen, als das es jetzt nicht um politische und soziologische Exellenz gehe, sondern um eine Künstlerische. Das er sich Zeit nehmen will, auch wenn es länger als bis zum Jahresende dauert, um einen Nachfolger zu nennen, nun, dieses Zeitnehmen beim Aufbau eines „Ensemble“ und einem künstlerischen Profil, dass kennt man doch auch schon von Dercon und Piekenbrock.

Wo ist da der konzeptionelle Zugewinn nach der Kündigung?

Das Haus erst einmal ruhig stellen und das Zeitfenster weit aufreißen, davon kommt noch keine frische Brise. Ohne eine Idee für die Zukunft jemanden entfernen, ist schon ziemlich kühn. Wir dürfen nicht gespannt sein. Denn allseits ist bekannt, das Feld ist dünn bestellt und alle an sich schon vergeben. Eine Schule für potentielle Nachfolger hat es nie gegeben und der Zeitgeist gibt keinen Anlass dazu auf ein erneutes anarchisches Feuer zu hoffen. Da wo soziale Kämpfe um Gerechtigkeit gegen pädagogisch moralische Revolutionen ersetzt wurden, darf man sich viel Regelungswut und Vorschriften zum menschlichen Verhalten erwarten, viel pietistisches Geplänkel, aber kein künstlerisches Feuer. Moral bleibt eben immer im Kern berechenbar und zirkelt die Kunst ein.

Tja!

Und die Volksbühne einfach mit den Inhalten des Maxim Gorkitheaters auffüllen, ist nun auch nicht mehr innovativ. Was also tun? Die vierzigtausend Unterzeichner sind gebunden an alte Namen und kehren nur als Publikum an das Haus zurück, wenn wenigsten die Epigonen ihrer Helden dort wieder Fuß fassen dürfen, am besten aber noch die alten Meister selber. Die wollen aber gar nicht mehr zurück.

Und all die, welche hier auf Nachtkritik gezetert, geschimpft und geflucht haben, jetzt, wo ihr Feindbild entsorgt wurde, stehen sie da etwa auch mit erschöpften konzeptionellen Händen dar? Man vernimmt gar nichts mehr. Nur noch das stumme Konzert der stumpf gewordenen Messer von soviel Kulturkampf. Wo bleibt euer Aufschrei?! Wo brüllt ihr nun euer besseres Wissen heraus?! All die, welche drei Jahre lang wussten, was eigentlich die Volksbühne ist und es hier lautstark verkündeten, jetzt schweigen sie. Das ist wohl das, was man ein Sympthom der Leere nennt.
#3 Vorsicht Volksbühne: KaninchenIrmela Kammelt 2018-06-19 16:41
@2
Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht folgen. Was werfen Sie wem denn vor? Dass es kein abgekartetes Spiel ist, dass nicht, nachdem Dercon gehen musste, ein fertiges Konzept wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert wurde?
Wer Herrn Lederer etwas mitteilen möchte, kann dies tun, wer mit Herrn Dörr sprechen will, dito. Es muss doch keiner mehr brüllen.
Dazu, dass Herr Dercon gehen musste, sehe ich keine Alternative. Also, braucht das, was kommt, Zeit.
#4 Vorsicht Volksbühne: Kopierdrangundsoweiter 2018-06-19 16:43
Die Veranstaltung war sehr sinnvoll. Eben um die Kommentarspalten mal zu entlasten. Persönlich hätte ich mir weniger Mythos und mehr Künstlerpositionen (oder wenigstens eine) auf dem Podium gewünscht. Auch gern aus der bildenden Kunst, jedenfalls jemand mit Aussenblick.

Künstler zu finden die konkrete Inhalte ohne Absicherung publik machen werden Sie glaube ich nicht finden. Dafür ist der Kopierdrang der Kollegen zu ausgeprägt.
Herr Dörr sagt es liegen bereits tausendundein Vorschläge auf seinem Tisch und man glaubt es sofort. Es könnte über eine Art "open call" / Präsentation kanalisiert werden.

Der gezeigte Mut zur Lücke ist bemerkenswert und ungewöhnlich. Die aktuellen Entscheidungsträger haben keine Lösung parat und geben es auch noch zu- manche mögen das lächerlich finden, ich finde es erfrischend und sogar inspirierend.
#5 Vorsicht Volksbühne: auch unausgegorenOH 2018-06-23 10:00
@2
Lieber Martin Baucks,
das plötzliche Schweigen der lautstärksten Anti-Dercon-Kritiker haben Sie mit Sicherheit richtig beobachtet. Aber ich denke, es wird sich nur um ein Luftholen handeln. Denn auch wenn die Vorstellungen von Klaus Lederer und Klaus Dörr über eine Zukunft der Volksbühne nicht minder unausgegoren sind, wie die von Tim Renner und Marietta Piekenbrock zuvor, haben es die Aktivisten jetzt mit einem völlig anderen Gegner zu tun.
Lange Zeit sahen beispielsweise "Staub zu Glitzer" die Gewerke der Volksbühne als Verbündete an. Und ich finde, diese Naivität kann man jungen Menschen, die erst nach dem Fall der Mauer geboren wurden, nicht unbedingt verübeln. Für Unter-30-Jährige haben Menschen und Seilschaften, deren Weltanschauung irgendwo zwischen Hans Modrow und Christa Wolf anzusiedeln ist, nunmal etwas Gruftig-Exotisches und sehr, sehr Fernes. Deshalb verursachen die Rettungspläne, die Klaus Dörr als neu bestallter Interimschef präsentiert, erst einmal ungläubiges Augenreiben und kein sofortiges Aufjaulen und Loskrakehlen, wie es vielleicht angebracht wäre.
Natürlich hat das Ostalgie-Rollback, das sich mit der Vergabe an Leander Haußmann für eine erste Hausregie an der Volksbühne der Nach-Dercon-Zeit abzeichnet, etwas Gespenstisches. Auch die schemenhafte Fata Morgana, in der Corinna Harfouch künftig am Rosa-Luxemburg-Platz den Drops weiterlutschen soll, den Sophie Rois vor ein paar Monaten unter die Tischplatte geklebt hat, ist völlig obskur. Aber das sind alles Dinge, die man wahrscheinlich nur dann verstehen kann, wenn man um die in der Tasche geballten Fäuste jener DDR-Kunstschaffenden weiß, die sich im wiedervereinigten Berlin nach und nach um die Oberhoheit und Kontrolle der einstigen SED-Kulturtempel BE, DT, zuletzt dem Gorki-Theater und der Volksbühne durch oberschlaue Westintendanzen gebracht sahen.
Interessanter als Klaus Dörrs Notspielplan für die Volksbühne erscheint mir jedenfalls die Liste der "Hausverbote", die die Interimsintendant inzwischen ausgesprochen hat. Neben einer erneuten Besetzung durch "Staub zu Glitzer" findet sich auf dieser "Ehrenliste der Unerwünschten" auch Vegard Vinge, dessen Rückkehr an die Volksbühne laut Dörrs Aussagen den Gewerken nicht zu vermitteln sei. Ähnliches gilt sicherlich auch für die Hedonisten und Raver aus Berlins Clubszene, deren Anti-AFD-Proteste sich im Mai in der Stadt mit dröhnenden Bässen weniger gegen die "Vogelschiss"-Verharmlosungen der Nazizeit durch Alexander Gauland wendeten, sondern eher gegen die AFD-Forderungen nach einer amtlichen Schließung der Dark Rooms im sexuell allzu freizügigen Szeneclub Berghain, Es wird zumindest deutlich, dass die Reise für eine zukünftige Volksbühne noch ganz woanders hinführen könnte, als jetzt von offizieller Seite angedacht. Vielleicht wird das Urteil über Klaus Lederer irgendwann lauten: "Phantasieloser als Tim Renner, ängstlicher als Monika Grütters."
#6 Vorsicht Volksbühne: Erklärung erwünschtD. Rust 2018-06-23 11:35
Das wäre doch sehr interessant, zu erfahren, was die VB-Gewerke gegen Vigard Vinge hevorzubringen haben, wenn Klaus Dörr meint die Gewerke vor ihm in Sicherheit bringen zu müssen?

Es wäre wahnsinnig interessant, von "Staub zu Glitzer" zu erfahren, was für sie "Staub" ist und warum sie auf ausgerechnet "Glitzer" so abfahren, dass sie Staub in solchen verwandeln wollen... und warum ausgerechnet an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz? Leider können oder wollen sie sich offenbar dazu nicht äußern, wenn ihnen - wie in der AdK jüngst - dazu Gelegenheit gegeben wird.

Timm Renner war ja nicht phantsielos, sondern politisch instinktlos und zu stolz auf seinen Dilettantismus, was etliche Bereiche der Kunst betraf. Das ist ja ein unterschied.
#7 Vorsicht Volksbühne: Antwort?Irmela Kammelt 2018-06-23 21:10
#8 Vorsicht Volksbühne: on EkelD. Rust 2018-06-24 13:25
@7: Danke für den Link, das war sehr aufschlussreich.
Trotzdem interessierten mich die Ansichten der Kolleginnen und Kollegen des Bühnenmeisters dazu. Einschließlich die Meinung der Feuerwehr. Meine Meinung: Ekel ist nicht nur "auch ein Gefühl", sondern vermutlich das "selbst-sicherste" Gefühl überhaupt. Also das einer Selbst-Versicherung am dienlichste Gefühl. Wenn einem die Unterscheidungs-Sicherheit über selbst empfundene Gefühle und als empfindungslohnende vom Markt aufgedrängte, vom Ich entfremdete, Gefühle abhanden gekommen ist, kann es daher kathartisch wirken, mit Theater das Gefühl Ekel auszulösen. Es wirkt aber nicht auf Dauer, wenn dies einmal gelungen ist. Dem Zustand der Läuterung ist immer ein Überraschungsmoment innewohnend...
Dann kann man sich auch wieder um andere Gefühle als Ekel kümmern.
Was zumindest gut für Feuerlöscher und diensthabende Bühnenmeister zu sein scheint... Zumindest im Prater...
D.h. Vinge/Müller können sich nunmehr auch um andere Gefühle kümmern, die sie von sich selbst verunsicherten Zuschauern gönnen möchten zu erleben. - (Ich denke, das haben sie mit NT Reinickendorf auch versucht... ) Oder sie tragen den kathartisch wirksamen Ekel im Weiteren durch die Welt an alle jene Orte, wo man sich mit seinen Gefühlen in Zeiten des Informationskapitalismus gesellschaftsrelevant garantiert nicht (mehr) auskennt und ihn deshalb als Theater gerade gut gebrauchen kann. -
#9 Vorsicht Volksbühne: OstalgieOliver Held/Berlin 2018-07-04 01:22
Im "Vorsicht Volksbühne"-Kongress in der AdK überraschte Interimsintendant Klaus Dörr mit dem Geständnis, dass die allererste nicht mehr von Chris Dercon initiierte Eigenproduktion des Hauses - also der "Neuanfang" sozusagen - an Leander Haußmann vergeben wird. Zum Inhalt hielt sich Dörr damals noch bedeckt, veriet uns aber, dass Leander Haußmann ihn angerufen und mit einer "interessanten Idee" überzeugt hätte.

Inzwischen hat Leander Haußmann seine Idee in einem Interview auch der Berliner Zeitung erzählt. Seitdem wissen wir, was Klaus Dörr für "interessant" hält: Eine Stasi-Komödie.

www.berliner-zeitung.de/kultur/leander-haussmann-im-interview-rueckkehr-an-die-volksbuehne-mit-einem-stasi-stueck-30705370

Eingedenk der 40.000 Unterschriften gegen die Dercon-Berufung hätte ich eigentlich vermutet, dass Klaus Dörr Herrn Haußmann am Telefon antwortet: "Schönen Dank, Leander, dass du an uns gedacht hast. Aber wir haben im Augenblick andere Probleme." Vielleicht auch: "Du, ich hab da vielleicht einen Tip für dich. Der Klaus Lederer hat schnell noch das Schillertheater für die Komödie am Kudamm klargemacht. Bleib´doch mal am Apparat. Ich such´dir gerade die Nummer raus."

"Haußmanns Staatsicherheitstheater" am Ernst-Reuter-Platz im Berliner Westen hätte immerhin den Vorteil, dass man bei der Gelegenheit gleich das "Begrüßungsgeld" wiedereinführen könnte. Natürlich nur gegen Vorlage des alten Personalausweises für DDR-Bürger.

Mir bleibt angesichts von soviel Ostalgie offenbar nur übrig, traurig in meiner kleinen Sammlung von Anti-Dercon-Stickern aus dem letzten Herbst zu blättern. WANDLITZ STATT TEMPELHOF ist nicht dabei. Den Sticker muß ich damals echt übersehen haben.
#10 Vorsicht Volksbühne: neue GeschäftsführerinProfi-Hoapitanz 2018-07-19 10:57
Es ist keine Ente(?): Die ehemalige Verwaltungsdirektorin der VB ist mit Senatsabsegnung als neue Geschäftsführende Direktorin berufen und dem Kommissarischen Intendanten Klaus Dörr funktional an die Seite gestellt. Warum ist das hier nach all der Aufregung keine Meldung wert?

(Vielen Dank für den Hinweis! Wir haben die Personalie gemeldet. Mit besten Grüßen, Christian Rakow / Redaktion)
#11 Vorsicht Volksbühne: hat krass AhnungHans Zisch 2018-07-19 20:47
@10: Fände ich eine plausible Entscheidung. Weil sie krass Ahnung von dem Schuppen hat. Weil Dörr auch nur 24 Stunden hat und ihm nach eigenem Bekunden "Schlaf sehr wichtig" ist. Danke für Ihren Input!

Kommentar schreiben