Blackfacing revisited

von Andrea Geier

1. August 2018. Sollte das Theater auf Blackfacing verzichten? Macht man sich bewusst, dass es sich um eine Darstellungspraxis mit einer langen rassistischen Tradition handelt, lässt sich diese Frage klar beantworten: Ja. Aber ist das die einzig mögliche und sinnvolle Form des Umgangs mit diesem Problem? Wäre es nicht ebenso eine Aufgabe des Theaters, die eigenen ästhetischen Produktionsmechanismen von Schwarz-Weiß-Symboliken kritisch zu reflektieren? Sollte das Theater versuchen, Blackfacing rassismuskritisch zu bearbeiten?

Kann eine diskriminierende Repräsentationpraxis subversiv wirken?

Beginnend mit den Minstrel Shows im 19. Jahrhundert in den USA ist das Auftreten schwarz geschminkter weißer Personen auch in Deutschland Bestandteil stereotypisierend-diffamierender Repräsentationen von Schwarzsein: Von der "Schwarzen Schmach" Anfang der 1920er Jahre bis zum Plakat zur Entarteten Musik der Nationalsozialisten, vom Kolonialkitsch der Konsumkultur bis zu Faschingskostümen der Gegenwart, die in kolonialistischer Manier zum Beispiel einen 'schwarzen Kannibalen'’ vorführen, gibt es dafür eine Fülle von Beispielen in Kunst, Alltags- und Unterhaltungskultur. Solche Bilder verweisen direkt oder indirekt auf die deutsche Geschichte des Rassismus im 19. und 20. Jahrhundert und jede einfache Wiederholung aktualisiert diese Tradition.

unschuld1 280 arno declair hEine Inszenierung, die 2011 die Debatte mit auslöste: Andreas Döhler und Peter Moltzen in Michael Thalheimers Inszenierung Unschuld am Deutschen Theater Berlin © Arno DeclairWieso ist die Frage, ob Blackfacing im Theater verwendet werden kann, aber dann bis heute umstritten? Diejenigen, die die Praxis einsetzen, führen dafür an, dass es historisch durchaus auch andere Verwendungsweisen gegeben habe. Dies trifft zu. Allerdings ruft jede Wiederholung die wirkungsgeschichtlich dominante Verwendungsweise auf – in diesem Fall die diskriminierenden und verletzenden Implikationen dieser Repräsentationspraxis und nicht etwa seltenere Verwendungsweisen aus spezifischen Kontexten, die weder als bekannt beim Publikum vorausgesetzt werden können noch in der Gegenwart reproduzierbar sind.

Ein anderer Einwand ist, dass es zwar eine rassistische Tradition von Blackfacing gebe, dass sie im Raum des Theaters jedoch grundsätzlich anders wirke: Als theatrales Mittel seien Maskeraden immer schon in ihrer Künstlichkeit und Hergestelltheit erkennbar, also nicht naturalistisch. Deshalb transportierten sie keine rassistische Bedeutungen. Seit den 1990er Jahren wird manchmal versucht, diese Behauptung durch einen stark verkürzten und irreführenden Rekurs auf Judith Butlers Performanztheorie zu stützen: Gender-Performances führten vor, dass Geschlecht eine soziale Zuschreibung sei und keine unverrückbare Natur. Jeder performativen Wiederholung sei deshalb ein kritischer, denaturalisierender Effekt eigen, und dies gelte analog zur Darstellung von Geschlecht auch für Hautfarbe. Dies ist allerdings ein Missverständnis der Performanztheorie: Butlers Ausgangspunkt ist die machtstabilisierende Funktion von Wiederholungen, mit der sich die ungeheure Zählebigkeit von Geschlechtervorstellungen in der Gesellschaft erklären lässt. Umgekehrt macht Butler deutlich, dass performative Wiederholungen auch subversive Potentiale haben. Es hängt jedoch vom konkreten Gebrauch innerhalb eines sozialen Kontextes ab, ob und wie sich diese entfalten können. Keine Performanz ist per se subversiv. Darüber hinaus geht Butler keineswegs davon aus, dass sich Geschlechter- und Hautfarbendiskurse einfach ineinander spiegeln lassen.

Rassismen werden im Spiel gehalten

Wie funktioniert also Blackfacing auf der Bühne? Wer im Raum des Theaters ein weißes Gesicht schwarz anmalt, um zu markieren, dass es sich um eine Schwarze Figur handelt, arbeitet mit einem naturalisierenden Effekt. Das ist besonders augenfällig, wenn man diese 'schwarze Figur' nicht isoliert betrachtet: Weiße Schauspieler*innen verkörpern 'natürlicherweise' weiße Figuren und ein schwarz geschminkter Schauspieler soll innerhalb dieser Logik vom Publikum als schwarze Figur angesehen werden. Die schwarze Markierung zielt also auf eine Plausibilisierung von Schwarzsein und gerade nicht darauf, die Zuschauer*innen zum Nachdenken über Hautfarben und ihre kulturellen Wertungen anzuregen. Damit aber werden die rassistischen Konnotationen einfach im Spiel gehalten. Ob dies mit einer rassistischen Absicht geschieht, ist für die Wirkungsweise unerheblich. Zu dieser Art Naturalismus passt das pragmatische Argument, warum man auf Blackfacing nicht verzichten könne: Es gebe zu wenig Rollen für schwarze Schauspieler*innen, als dass man diese fest in ein Ensemble holen könnte.

Für dieses Problem scheint eine strukturelle Lösung nahe zu liegen: Die Schauspieltheater-Ensembles müssten diverser werden, dann ließe sich Blackfacing vermeiden. Nun, diverser werden sollten sie auf jeden Fall! Doch diese Art der Repräsentationslogik muss gleichzeitig mit auf den Prüfstand: Andernfalls werden schwarze Schauspieler*innen weiterhin ausschließlich auf Rollen für schwarze Figuren festgelegt. Eine schwarze Schauspielerin muss aber auch Iphigenie oder Gretchen spielen können. Ethnische Maskeraden zu vermeiden, sollte daher weder das einzige noch überhaupt ein zentrales Argument für mehr Diversität sein. Theater findet in einer pluralisierten Gesellschaft statt und als Weiße Institution wirkt es darin anachronistisch.

mittelreich2017 3 560 c judith buss uAnta Helena Reckes Schwarzkopie (2017) der Inszenierung Mittelreich von Anna-Sophie Mahler (2015) an den Münchner Kammerspielen ©  Judith Buss

Versuche, Theater als einen traditionell Weißen Raum mit ästhetischen Mitteln sichtbar zu machen, gibt es, wie die viel beachtete Mittelreich-Inszenierung von Anta Helena Recke an den Münchner Kammerspielen zeigt. In dieser "Schwarzkopie" von Anna-Sophie Mahlers Inszenierung waren alle Rollen mit schwarzen Schauspieler*innen besetzt. Gerade innerhalb einer Geschichte, in der es um Bauernfamilien und u.a. um den Umgang mit dem Nationalsozialismus geht, eröffnet diese Schwarzkopie die Möglichkeit, zum Nachdenken über Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen anzuregen: In diesem Fall über eine kulturell etablierte Farbsymbolik, in der das 'Eigene' mit 'Weißsein' und das 'Fremde' mit 'Schwarzsein' assoziiert wird.

Unter welchen Bedingungen (ethnische) Maskeraden gelingen

Rassismus ist eines der gesellschaftspolitischen Themen, für die sich das Theater der Gegenwart immer wieder zu einem produktiv-kritischen Verhandlungsraum macht. Nicht nur in Bezug auf Diskurse der eigenen Zeit, sondern auch im Umgang mit dem kulturellen Erbe können Inszenierungen bewusst machen, dass sprachliche und visuelle Repräsentationen stets Bedeutungen mit sich führen, die man kennen und zu denen man sich kritisch ins Verhältnis setzen sollte. In diesem Zusammenhang könnte sich das Theater jenseits einer thematischen Auswahl von Stücken auch kritisch mit eigenen institutionalisierten rassistischen Praktiken befassen. Im Falle von Blackfacing kommen beide Aspekte zusammen: Selbst wenn Theater ganz darauf verzichtete, kommt diese Praxis weiterhin im Alltag und in Unterhaltungsmedien zur Anwendung, und es muss immer wieder erklärt werden, warum es sich um eine rassistische Praxis handelt. An dieser aufklärerischen Arbeit könnte das Theater mitwirken. Wie kann dies aber gelingen, ohne Rassismus zu reproduzieren? Hier lohnt noch einmal ein Blick auf unterschiedliche Funktionen von literarischen Maskeraden.

zofen 560a ArnoDeclair uGeschlechtermaskerade: Samuel Finzi und Wolfram Koch 2017 als Genets Die Zofen am Deutschen Theater Berlin © Arno Declair

Werden Maskeraden in Prosa- oder Theatertexten als kurzzeitiges Mittel genutzt, um einer Figur z.B. den Zugang zu einem Handlungsraum zu eröffnen oder eine bestimmte Handlungsdynamik in Gang zu setzen, rückt meist eine Identitätskategorie ins visuelle und erzählerische Zentrum, also Geschlecht, Ethnizität oder Klasse. Damit eine Figur andere Figuren über eine dieser Gruppenzugehörigkeiten kurzzeitig täuschen kann, muss mit Zeichen gearbeitet werden, die die Umwelt braucht, um die entsprechende Zugehörigkeit zu erkennen und zu akzeptieren. Dies sind die Gelingensbedingungen: 1. Das kulturelle Wissen, dass das Geschlecht (die Klasse, die ethnische Zugehörigkeit) einer Person an ihrem Erscheinungsbild abzulesen sei (Zeichenhaftigkeit), 2. die Existenz von spezifischen Rollenvorstellungen bzw. Gruppeneigenschaften, die eindeutige Zuordnungen ebenso erlaubt wie verlangt (Eindeutigkeit), 3. die Klugheit und Geschicklichkeit einer Person, welche diese Regeln kennt und für eine eigene Inszenierung zu nutzen vermag. Dies ist für unterschiedliche Arten von Maskeraden verschieden komplex, und verschieden können auch die Funktionen ihrer Verwendung sein: Es gibt aufklärerische, ambivalente, aber auch exotisierende und rassistische Verwendungsweisen.

In diesem Zusammenhang muss man noch einmal daran erinnern, dass auch die explizite Thematisierung von Gelingensbedingungen nicht automatisch subversiv wirkt. Dass Mechanismen erkennbar sind, bedeutet nicht, dass sie kritisiert werden. Insbesondere Geschlechtermaskeraden werden im Drama häufig als kurzzeitiges humoristisches Element eingesetzt, das am Ende die bestehende Geschlechterordnung bestätigt. Nicht kurzzeitige Maskerade an sich, sondern die Art des Umgangs damit entscheidet also darüber, ob Geschlechtervorstellungen positiv bestärkt oder die damit verbundenen Wertungen kritikfähig werden.

Dušan David Pařízeks kritisches Blackfacing in "Die lächerliche Finsternis"

Blackfacing hat keine ambivalente oder gar kritische Motivtradition ausgebildet. Daher bietet es sich an, an den oben genannten Gelingensbedingungen für Maskeraden anzusetzen und ihr Funktionieren zu stören. Nur wenn sich der Fokus auf Schwarz-Weiß-Dichotomien richtet, kann ein Publikum zum Nachdenken darüber motiviert werden, wie Rassismus funktioniert. Die unterschiedlichen Wertungen von Hautfarben müssen in Inszenierungen visuell und sprachlich so bearbeitet werden, dass die etablierten Repräsentationslogiken nachhaltig irritiert und kritisch befragbar werden. Wie bei anderen Maskeraden kann es sinnvoll sein, Modi der Verfremdung in eindeutige Themenfelder und Ästhetiken einzubinden: In eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kolonialismus und seinen Folgen und/oder Befragungen von Theater als Weißem Raum.

finstermis4 560 reinhard werner uMann? Frau? Weiß? Schwarz? Catrin Striebeck 2014 in Wolfram Lotz' Die lächerliche Finsternis  im Wiener Akademietheater © Reinhard Werner

Beide Aspekte verbinden sich für mich in Dušan David Pařízeks Inszenierung Die lächerliche Finsternis nach dem Hörspieltext von Wolfram Lotz. Figuren, die in Lotz' Text als weiße oder schwarze Männer-Figuren markiert sind, werden von vier weißen Frauen gespielt. Die Cross-Gender-Besetzung erfolgt nicht als täuschende Maskerade, sondern offensiv anti-naturalistisch. Die ZuschauerInnen müssen sich aktiv in Bezug auf verschiedene und wechselnde Zuordnungen von Hautfarbe und Sprech-Positionen der Figuren orientieren. Dies ist visuell umgesetzt in Szenen, die durch ihren Umgang mit Licht bzw. Dunkelheit Hautfarbe sichtbar bzw. unsichtbar machen, während auf einer thematischen Ebene (Neo-)Kolonialismus und Zivilisationskritik sowie entsprechende Denktraditionen zur Sprache gebracht werden. In der Kombination von Thema und Visualität werden so auf relativ einfache Weise kulturelle Deutungsmuster erkennbar. Wenn sich gegen Ende der Inszenierung die Darstellerinnen teilweise mit schwarzer Farbe beschmieren, ist dies eine mehrdeutige Geste. Eine Lesart ist die zitathafte Anspielung auf Blackfacing, das hier in dieser Inszenierung gerade nicht als Darstellungsmittel gewählt wurde, um schwarze Figuren zu markieren. Im Rahmen des Kolonialismusdiskurses kann das 'Beschmieren' ex negativo an Blackfacing als rassistische Praxis erinnern.

Mit Blackfacing noch weit expliziter kritisch zu arbeiten, ist zweifelsohne eine Gratwanderung. Schließlich gibt es genügend Beispiele dafür, dass gut gemeint nicht gut gemacht ist. Dass es bis heute keine etablierten kritischen Verwendungsweisen von Blackfacing gibt, heißt jedoch nicht, dass man es nicht versuchen sollte. Wir müssen als Gesellschaft weg von der Frage, wie die 'Fremdheit' der 'Anderen' aussieht hin zu der Frage, wie und zu welchen Zwecken eine weiße Dominanzgesellschaft Bedeutungen von Schwarz- als 'Fremd- und Anderssein’ herstellt. Dies ist der Kern rassismuskritischer Arbeit. Eine produktive Auseinandersetzung mit Blackfacing ist eine Möglichkeit, wie Theater mit seinen Mitteln (selbst-)kritisch Macht- und Gewaltverhältnisse, die rassistischen Darstellungstraditionen eingeschrieben sind, kritisch ausstellen kann.

 

Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den Andrea Geier auf der Konferenz "Staging Blackness. Representations of Race in German-Speaking Drama and Theater" im Mai 2018 in Tübingen gehalten hat.

 

Andrea Geier 180Andrea Geier, geboren 1972, ist seit 2009 Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Genderforschung an der Universität Trier und im Vorstand des Centrums für Gender und Postcolonial Studies (CePoG). Gegenwartsliteratur, kultur- und literaturwissenschaftliche Geschlechter- und Interkulturalitätsforschung sowie Literatur im Medienwechsel sind Schwerpunkte in Forschung und Lehre.


 

Mehr lesen? Hier geht es zum nachtkritik.de-Dossier zur "Blackfacing-Debatte".

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