"Fusionen sollte man im Winter beschließen"

Volker Arnold im Interview mit Georg Kasch und Christian Rakow

20. März 2019. Theaterfusionen sind der spitze Faustkeil der Kulturpolitik. Wann immer Politiker radikal zum Sparen am deutschen Stadttheatersystem ansetzen, bringen sie die Zusammenlegung von Theatern aufs Tapet. Zuletzt in Mecklenburg-Vorpommern, wo man probierte, das bereits fusionierte Theater Vorpommern (Greifswald, Stralsund, Putbus) mit dem ebenfalls schon zusammengezwungenen Verbund Neubrandenburg-Neustrelitz zum Staatstheater Nordost zusammenzuspannen. Die Pläne liegen inzwischen auf Eis.

Wie steht es um die Funktionalität der Fusionstheater? Im Altenburg-Gera trafen sich Anfang dieses Monats Vertreter*innen fusionierter Häuser in Anwesenheit des Deutschen Bühnenvereins zum informellen Erfahrungsaustausch. Mit dabei die thüringischen Kooperationstheater in Meiningen/Eisenach, Rudolstadt/Saalfeld, Nordhausen/Sondershausen, das Theater Vorpommern (Fusion 1994), das Nordharzer Städtebundtheater (Halberstadt/Quedlinburg, Fusion 1992), das Theater Plauen-Zwickau (Fusion 2000), das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau (Fusion 1963) und das älteste deutsche Fusionstheater Krefeld-Mönchengladbach (Fusion 1950).

Georg Kasch und Christian Rakow sprachen im Anschluss an die Tagung mit Volker Arnold, dem kaufmännischen Geschäftsführer der gastgebenden Theater & Philharmonie Thüringen in Altenburg und Gera (Fusion 1995).

Herr Arnold, wie war der Tenor auf der Fusionstheatertagung: Freude über eine Erfolgsmodell oder doch eher Krisenstimmung?

Nein, Krisenstimmung nicht. Aber wir wissen alle: Eine Fusion hat den Grund, Geld zu sparen. Und da teilte sich das Lager: Krefeld-Mönchengladbach, wo die Theater vor fast 70 Jahren zusammengelegt wurden, wurde als Erfolgsmodell beschrieben. Dagegen mussten wir Theater im Osten sagen: Es kann noch schlimmer kommen. Wenn man denkt, seine Hausaufgaben volker arnold 280 RonnyRistok uVolker Arnold © Ronny Ristok ordentlich gemacht zu haben, kommt der Haustarifvertrag mit Freizeitausgleich dazu. Und wenn es ganz schlimm kommt, gibt es zusätzlich noch Spartenschließungen wie jetzt in Plauen-Zwickau, wo das Puppentheater ausgegliedert wurde. Man darf nicht denken: Einmal fusioniert und die Welt ist heil.

Wie wirkten sich die Einsparungen in Altenburg-Gera seit 1995 aus?

In den Theatern in Altenburg und Gera hatten wir einmal insgesamt 711 Beschäftigte. Jetzt sind wir bei 304. Wohlgemerkt, ein 5-Sparten-Theater. Das heißt, wir haben vom Personal her mehr als ein Theater reduziert. Dadurch entsteht natürlich ein Leistungsabbau. Man kann Oper, Musical, Ballett, Schauspiel, Konzert oder Operette nur an einem Ort spielen und nicht wie früher an zweien parallel. Und um die Wochenendtermine reißen sich sowieso alle.

Die Produktionen laufen abwechselnd in Altenburg und Gera?

Wir haben die Forderung der Träger, alles gleichmäßig in beiden Orten zu zeigen, die Theaterstandorte mit Ausnahmen möglichst gleich zu behandeln. Es gibt andere Theater, wo es nicht ganz so streng gehandhabt wird bzw. möglich ist. In Görlitz-Zittau wird zum Beispiel das Ballett in Zittau ganz wenig oder überhaupt nicht gezeigt.

Sie haben den Personalabbau beziffert. Welche Einsparungen bei den Betriebskosten gab es?

Nach einer Fusion ist das Finanzniveau möglicherweise erst einmal geringer, wenn diese Differenz nicht für Abfindungen und andere Zusatzkosten draufgeht. Aber mit der Zeit frisst sich das wieder auf. Natürlich ist es so, dass nicht nur die Personalkosten steigen, sondern ebenso die Sachkosten. Wir gelangen immer wieder an den Punkt, wo man in Finanzierungsrunden neu überlegen muss. Unser Haustarifvertrag geht derzeit bis 2021 mit einer Option bis 2024. Wir bauen sukzessive den Abstand zum Flächentarif ab. Aber wir werden 2021 trotzdem noch 5,66 Prozent Differenz haben, und wenn man die ausgleichen will/muss, können das schnell ein paar Millionen sein, die dann irgendwoher kommen müssen. Oder es gibt weiter Haustarifverträge, das werden die Verhandlungen zeigen. In der Frage der Auflösung von Haustarifverträgen ist der Druck der vier Gewerkschaften aktuell besonders groß, siehe aktuell in den Kulturräumen von Sachsen.

Wie wirken sich diese Einsparungen aus: Schaffen Sie es, einen Spielplan aufzustellen, der das Gros der Wochentage abdeckt?

Der Spielplan ist das wichtigste Planungsdokument, das wir haben. Das alles mit den vielen Partnern unter einen Hut zu bringen, ist schon schwierig. Es sind ja nicht nur die Vorstellungen an zwei Orten zu koordinieren, sondern ebenso die Proben. Schwerpunkte sind für uns die Wochenenden.

Als eines der wichtigsten Argumente für eigenständige Ensemble- und Repertoiretheater gilt die Identifikation mit den Spielern am Ort. Wird dieser Aspekt durch die Fusion mit letztlich mobileren Ensembles geschwächt?

Deshalb ist die Gleichbehandlung der Theaterstandorte wichtig, um diese Identifikation bei allen damit zusammenhängenden Problemen überhaupt zu erreichen. Früher, gleich nach der Fusion, war es allein in den Theatern schon sehr kompliziert, da hieß es: Du bist Musiker aus Altenburg, du aus Gera. Das wächst sich aber glücklicherweise langsam raus. Doch sobald Probleme aufkommen und es in Richtung Baumaßnahmen, Verträgen oder Bilanzen geht, merkt man jetzt plötzlich bei den Gesellschaftern, dass sie es doch wie getrennte Theater handhaben. Um diese Fusion längerfristig so wie in Krefeld-Mönchengladbach hinzukriegen, muss man es unbedingt als gemeinsames Projekt aller begreifen.

altenburg gera Ronny Ristok 560 uDie Theater in Altenburg und Gera © Ronny Ristok

Gibt es Mentalitätsunterschiede an den Standorten? Altenburg ist ja als Stadt deutlich kleiner als Gera.

Das ist in allen Fusions-Orten kompliziert, nicht nur in Altenburg und Gera. Quedlinburg und Halberstadt sind nur 15 Kilometer entfernt, aber sie unterscheiden sich sehr stark. Oder, wie schon erwähnt, Görlitz und Zittau mit der Ballettsparte, die in Zittau keinen Anklang hat. Es hängt auch damit zusammen, wo die Sparten verortet sind. Bei uns hat das Schauspiel in Altenburg seinen Sitz, entsprechend enger ist die Verbindung zum Publikum dort. Man trifft sich in der Kaufhalle, man fährt mit dem Rad in die Vorstellung, man ist mit dem Puls der Stadt verbunden, auch in politischen Gremien. Alle anderen kommen aus der anderen Stadt nur zu den Endproben und Vorstellungen herüber – und fahren wieder weg. Fast schon witzig ist, dass es in einigen Fusionsorten aus der Historie mehrere Theater-Freundeskreise gibt, die heute noch nicht einmal zusammen eine Tasse Kaffee trinken würden. Zum Glück nicht bei uns.

Zwischen den meisten fusionierten Theaterstädten liegen etwa 30 Kilometer. Gewöhnen sich die Künstler*innen an das Pendlertum?

Gewöhnen kann man sich daran nicht. Es ist eine ungeheure zusätzliche Belastung. Wir versuchen das Problem dadurch zu mildern, dass erst die Endproben in der jeweils anderen Stadt stattfinden. Es gibt so banale Hindernisse: Die Abendproben enden um 22 Uhr. Da gibt’s anschließend keinen Zug mehr, der einen nach Hause bringt, sodass man sich zusammenschließen und mit dem Auto fahren muss. An der Langsamkeit und Unpünktlichkeit der Reichspost ist übrigens 1926/27 die einmal kurzzeitig bestehende Fusion zwischen Altenburg und Gera bereits nach einem Jahr gescheitert …

CO2-neutral ist Fusionstheater also nicht zu haben.

Ja, darüber wollen wir lieber nicht reden ...

Bei der Tagung war auch das Theater Vorpommern aus Stralsund und Greifswald, das nach Plänen des Ministeriums mit Neubrandenburg/Neustrelitz zu einem Staatstheater Nordost zusammengelegt werden sollte. Das wären Distanzen von über 100 Kilometern ...

Das wäre schon allein unter diesem Aspekt der nackte Wahnsinn. Für die Künstler und Mitarbeiter stellt sich natürlich die Frage: Will ich mir das antun? Wie umgehe ich fusionierte Theater? Oder gehe ich lieber gleich zum Amt, als diesen Wahnsinn auf mich zu nehmen. Denn über Lohngefüge haben wir zum Beispiel noch gar nicht gesprochen. Und das hat dann letztendlich was mit künstlerischer Qualität zu tun, damit haben die Fusionstheater zu kämpfen. Ich sage immer halb scherzhaft: Fusionen sollte man im Winter beschließen und nicht im Sommer. Deshalb gibt es Annaberg zum Beispiel wohl noch als eigenständiges Theater, weil die Winterbedingungen oft schwierig sind. Ich habe in Plauen-Zwickau selbst einen Winter erlebt, wo in Plauen so viel Schnee lag, dass man die Hänger nicht mehr von den LKW abkoppeln und auf dem Theaterplatz nicht mehr wenden konnte.

Oedipe 560 Ronny Ristok uGeorge Enescus Opern-Inszenierung "Oedipe" © Ronny Ristok

Roland May, den Sie aus Ihrer Zeit in Plauen-Zwickau gut kennen, hat gesagt, der Spielraum für Experimente schrumpft immens. Ist der Quotendruck inzwischen zu übermächtig, um an überregionale Theaterdiskurse und Ästhetiken anzudocken?

Da ist was dran. Für zusätzliche Projekte ist kaum noch Luft. Wir haben den Theaterpreis des Bundes bekommen und sind außerdem in der "Exzellente Orchesterlandschaft"-Initiative dabei. Das sind zusätzliche Projekte, die den normalen Theateralltag völlig sprengen. Sie sind nur mit ganz, ganz großem Kraftakt zu realisieren. Ich muss da den Hut ganz tief vor dem Ensemble und den Mitarbeitern ziehen. Kunst verlangt Opfer.

Für Ihre Opernsparte haben Sie gerade den Preis der Theaterverlage bekommen, der ja zeitgenössische Kunst auszeichnet. Spielt solche prämierte Arbeit in der Nische oder findet sie ein Publikum?

Das findet erstaunlicherweise sein Publikum. Wenn ich an "Oedipe" von George Enescu denke, haben wir super Auslastungszahlen. Und ich hoffe, dass aktuell Mieczysław Weinbergs "Die Passagierin" in einer atemberaubenden Inszenierung von Generalintendant Kay Kuntze Ähnliches widerfährt. Die Medien und alle bisherigen Besucher waren ausnahmslos voller Lob.

Geht die Exzellenz einer Sparte zu Lasten der anderen? Der Spielplan des Schauspiels in Altenburg-Gera scheint uns doch wesentlich defensiver ausgerichtet, mit populären Stoffen und Well-made-Plays.

Unser Schauspielensemble hat gerade die Uraufführung "Clowns" in einer Koproduktion mit dem Teatrul National "Marin Sorescu" Craiova in Rumänien erarbeitet. Das ist politisches Theater. Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln, Sprachen und Biografien fragen sich gemeinsam: In welchen Strukturen leben wir? Wie wollen wir Europa, wie unsere Welt gestalten? Wir haben am Schauspiel einen neuen Spartenleiter, der derzeit ein eigenes künstlerisches Programm entwickelt. Wir versuchen, innerhalb der fünf Sparten die künstlerischen Ressourcen – mit viel organisatorischem Geschick – zu mischen: Der Chor wirkt dann beim Schauspiel mit, das Schauspiel beim Puppentheater etc.. Diese Möglichkeiten sind eine Riesenchance für einen besonderen Spielplan, die wir gegenüber Ein- oder Zwei-Spartentheatern haben.

Die Passagierin 560 Ronny Ristok 2806aKay Kuntzes Opern-Inszenierung "Die Passagierin" © Ronny Ristok

Vor zwei Jahren gab es in Altenburg eine große Diskussion über Alltagsrassismus. Hat diese Debatte dem Theater geschadet?

Das Altenburger Publikum hat sich nicht einschüchtern lassen und zu uns gehalten. Das Bürgerforum, das verantwortlich war für die ganze Debatte, hat vor einer Woche bekanntgegeben, dass es nicht zur Kommunalwahl antreten wird. Das ist nach der Debatte, in der uns übrigens auch der Deutsche Bühnenverein unterstützt hat, ein hoffnungsfrohes Zeichen. Die kommenden Wahlen waren natürlich auch auf unserer Tagung ein wichtiges Thema: Werden wir uns wieder über die Freiheit der Kunst unterhalten und uns für unsere Spielpläne rechtfertigen müssen? Da ist eine große Sorge unter den Theaterleuten. Aber es macht auch keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken. Es ist wichtig, dass man mit Inszenierungen wie "Die Passagierin" und "Die weiße Rose" Flagge zeigt und dem Publikum signalisiert: Wir ergeben uns nicht, sondern wir stellen uns der Auseinandersetzung, beziehen wie in der Thüringer Erklärung DIE VIELEN Stellung für die Demokratie.

 

Volker Arnold wurde 1963 in Dresden geboren und ist Diplom-Ökonom. Er war nach Positionen an der Semperoper und dem Staatsschauspiel Dresden seit 1992 Prokurist und Geschäftsführer des legendären Dresdner Kabaretts "Herkuleskeule" und von 2009 bis 2015 Geschäftsführer des Theaters Plauen-Zwickau. Seit Beginn der Spielzeit 2015/16 ist er Kaufmännischer Geschäftsführer bei Theater & Philharmonie Thüringen.

 
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