Konsens, was sonst noch?

Berlin, 29. August 2008. Ein Abschiedsfest hat die "Theater heute"-Kritikerumfrage 2008 für Bernd Wilms, den scheidenden Intendanten des Deutschen Theaters Berlin, parat. Denn 10 der 37 KritikerInnen von Rundfunk und Printmedien, die das Fachblatt nach den Höhepunkten der vergangenen Theatersaison befragt hat, kürten die Hauptstadtbühne zum Theater des Jahres (sieben Stimmen gingen an Frank Baumbauers Münchner Kammerspiele; auf dritten Plätzen mit je 3 Stimmen: die Neustarts von Andreas Beck am Schauspielhaus Wien und Karin Beier im Schauspiel Köln). 

Das Ergebnis lag bereits in der Luft, nachdem schon im Juli bei der Jahres-Umfrage der Deutschen Bühne das DT Berlin vorne gelegen hatte. Und es lag auch in der Luft, weil das Thalia Theater Hamburg die greifbar schwächere Saison hatte, und neben dem mehrheitsfähigen Großstadttheater dieser Couleur im Moment anscheinend kaum eine Bühne genügend Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. 

Das Deutsche Theater ist auch der Ort der Inszenierung des Jahres: Jürgen Goschs "Onkel Wanja". Gosch erringt damit nicht nur zum dritten Mal seit 2004 mit 14 Stimmen die Krone, sondern lässt auch die Schauspieler und die Schauspielerin des Jahres glänzen. Mit je acht Stimmen teilen sich Ulrich Matthes als Wanja und Jens Harzer als Arzt Astrow den Titel des Schauspieler des Jahres. Aber damit nicht genug: Constanze Becker siegt mit ihrer Jelena (und der Frau John in den "Ratten") in der Kategorie Schauspielerin des Jahres (7 Stimmen), wo ihr Sandra Hüllers Mamma Medea mit 5 Stimmen und Hildegard Schmahls Prospero mit 4 Stimmen, beide Münchner Kammerspiele, folgen. "Wanja"-Bühnenbildner Johannes Schütz liegt mit 6 Stimmen für seinen einfach-komplizierten Bühnenkasten zwar vor Muriel Gerstner und ihrem Turm von Babel für "Pornographie" in Hannover, verfehlt das Siegerpodest aber knapp. Denn 8 Voten als Bühnenbilder des Jahres erhält Olaf Altmann für seine hölzerne Menschenfalle für Michael Thalheimers "Ratten".

Am Thalia Theater Hamburg wurde Dea Lohers "Das letzte Feuer" uraufgeführt, das mit 7 Stimmen das deutschsprachige Stück des Jahres wird (auch der Mülheimer Dramatikerpreis ging an Loher, Stück-Dossier und ausführliche Kommentare auf www.nachtkritik-stuecke08.de). In Hamburg und Hannover uraufgeführt wurde das ausländische Stück des Jahres, "Pornographie", vom Vorjahressieger Simon Stephens, das 15 Stimmen auf sich vereinigen kann. Einig ist man sich auch beim Nachwuchsdramatiker des Jahres: 10 Voten (und dazu noch 3 in der Hauptkategorie) kann Ewald Palmetshofer für "hamlet ist tot. keine schwerkraft" und "wohnen. unter glas" auf sich ziehen, gefolgt von Philipp Löhle mit "Genannt Gospodin" und "Die Kaperer" (6 Stimmen plus 1 in der Hauptkategorie). 

In Münchnen arbeitete die Kostümbildnerin des Jahres: Annabelle Witt entwarf die Fantasiemode für die versprengten Reisenden in Stefan Puchers "Sturm"- Inszenierung an den Kammerspielen. Will man die Nachwuchsschauspielerin des Jahres sehen, ruft Frankfurt: Dort ist Anne Müller (6 Stimmen) die jüngste der vier Gertruden in Armin Petras' Einar- Schleef-Adaption. Und mit 4 Voten Nachwuchsschauspieler des Jahres ist Niklas Kohrt, der Bruno Mechelke in Hauptmanns "Ratten", wieder vom DT Berlin.

Bei soviel Einigkeit freut man sich richtig, dass anscheinend Uneinigkeit beim größten Ärgernis herrscht. Drei Kritiker nannten die fernsehübertragene Bambi-Preisverleihung, als Frank Schirrmacher ausgerechnet dem Stauffenberg-Darsteller und Scientology-Apologet Tom Cruise den Bambi-Courage überreichte.

(sik) 

 

 
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