Die Quadratur des Ringofens

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 5. September 2008. Bevor es anfängt, fängt es gut an. Denn die Bühne ist großartig. Lenhart und Böhler lassen den "Lohndrücker" in einem quadratischen Ringofen spielen. Er ist aus Pappe gebaut, und die Zuschauer gucken von den vier Seiten hinein: Auf die malochenden Schauspieler hinunter. Im Laufe des Abends wird viel Alkohol verschüttet (weniger getrunken), die Pappe wird durchnässt, und der Wodka- und Bierdunst zieht hinauf ins Publikum.

Dieser durchdringende Geruch – man fragt sich zunächst, ob es vielleicht der Sitznachbar ist – bleibt der stärkste Eindruck des Abends. Denn die Quadratur des Ringofens scheitert, leider noch nicht einmal besonders grandios. Es ist ein hektisches Scheitern, und die Schauspieler fangen ziemlich schnell an, einem Leid zu tun. Sie tragen Uniform: Overalls, natürlich rot. Schließlich geht es um den Aufbruch in den Sozialismus. Ständig beginnen sie unvermittelt zu singen – und zerstören dadurch jedes Mal die jeweilige Grundstimmung der Szene, auf die man sich gerade einzulassen begann.

"Das hat der wirklich geschrieben!"

Der Inszenierung fehlt eine Basis, die Entscheidung, von wo aus sie ihre Geschichte erzählen will. Und vor allem welche. Geht es nun um die Geschichte vom Kampf des "Aktivisten Balke" für eine neue Norm und damit den sozialistischen Fortschritt, samt der Probleme, die dieser Kampf mit sich bringt? Oder um Müllers Bericht über eine Gruppe von Arbeitern, die in einem "volkseigenen Betrieb" durch fleißiges Ziegel-Brennen ihren jungen Arbeiterstaat aufbauen sollen, womit die Arbeiter (noch?) ziemlich überfordert sind?

Wahrscheinlich um alles zusammen, denn schließlich steht das ja im Text. Aber irgendwie erschien der Regisseurin der 1958 in Leipzig uraufgeführte Text dann wohl doch zu museal: Also müssen aktuelle Bezüge her. Und zwar in Form von Kommentaren wie "Krass, das hat der wirklich geschrieben!" (zu einer von Balkes visionären Reden). Oder von Kindergartengehabe, das bisweilen vermuten lässt, der Regisseurin ginge es vor allem darum, Müllers Text lächerlich zu machen. Deshalb stecken die Schauspieler das Publikum schon bald mit ihrer beinahe panischen Ratlosigkeit an. Das alles wirkt reichlich unausgegoren, und vor allem: Welchen Nerv soll es treffen?

Alte Fragen, neue Fragen

Den Nerv des Prekariats, wie es der Programmzettel behauptet? "Durch die eigene Situation des (aus freischaffenden Theaterleuten bestehenden) Ensembles werden Begriffe wie Selbstorganisation, Autorität, Ausbeutung und Kollektiv von historischen Slogans zu Werkzeugen zur Befragung der eigenen Realität", heißt es da. Ohne Frage befindet sich unsere Arbeitswelt schon seit einiger Zeit im Umbruch. Doch es tut nichts und niemandem gut, wenn man diesen aktuellen Umbruch einfach so den Problemen der jungen DDR beim Aufbruch in eine neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung aufpfropft, um den es im "Lohndrücker" geht – ohne irgendwelche echten Bezüge herzustellen.

Wenn Martina Zinner und Karola Niederhuber plötzlich "aus der Rolle fallen" und so tun, als probten sie die Schlägerei zwischen Balke und Karas zum ersten Mal: geht es da um den schauspielerischen Berufsalltag? Um die Mühen, die man hat, die richtige darstellerische Lösung zu finden? Und wenn ja: Was könnte das mit der Berufsrealität von Müllers Arbeitern im Sozialismus zu tun haben? Lenharts Inszenierung macht nicht den Versuch, diese Frage zu beantworten. Die beiden Zeitebenen – damals und heute – laufen parallel.

Verewigung des sinnlosen Augenblicks

Trotzdem und dank Michael Böhlers Bühne: Einzelne Bilder sind charmant. Doch insgesamt gibt der Abend einem Befund von Heiner Müller recht: "Was man braucht, ist die Zukunft, und nicht die Verewigung des Augenblicks". Aus diesem Grund können einzelne schöne Bilder und Momente dieser Aufführung – in einer Szene beispielweise lümmeln die Arbeiter auf dem Boden und schlürfen ihre "Mittagssuppe" von flachen Papptellern, in ihrer Mitte ein Transparent, auf dem steht "Eine andere Welt ist möglich" – das große Ganze nicht retten.

Schade ist das: denn wenn es einen überzeugenden roten Faden gegeben hätte, dann könnte man es möglicherweise sogar lustig finden, dass das musikalische Ensemble am Ende Johnny Cash's "Ring of Fire" anstimmt.

 

Der Lohndrücker
von Heiner Müller
Inszenierung: Kerstin Lenhart, Bühne: Michael Böhler, Dramaturgie: Jan-Philipp Possmann, Martina Grohmann, Kostüm: Sabin Gröflin, Musikalische Leitung: Mathias Lenz. Mit: Tilla Krachtowil, Mathias Lenz, Karola Niederhuber, Christine Rollar, Jörg Schiebe, Stephan Thiel, Peter Trabner, Martina Zinner

www.sophiensaele.de

 

Kritikenrundschau

Patrick Wildermann sieht im Tagesspiegel (10.9.2008) zwar, dass Heiner Müllers Text viel Bedenkenswertes in sich birgt, "nur kann man leider nicht behaupten, er würde einem hier nahe gebracht". Erzählt werde im "Lohndrücker" von den inneren Widersprüchen des sozialistischen Aufbaus, von einer neuen Gesellschaft, die mit dem alten Personal auskommen muss. "Bei Lenhart arbeiten sich acht sehr unterschiedlich begabte Schauspieler an dieser Szenenfolge ab." Dass die Bühne komplett mit Pappe ausgekleidet sei, solle "wohl den Modellcharakter des Geschehens versinnbildlichen", lasse "aber an einen gewaltigen Umzugskarton denken". Die Spieler in ihren roten Overalls wandern darin wie Möbelpacker der Geschichte umher und entsorgen als Erstes den historischen Kontext, "was bleibt, ist eine maue Parabel auf die eigenen prekären Arbeitsverhältnisse in der freien Theaterszene".

Die Schlüsselszene, der Deckelriss, gelänge dem jungen Regieteam um Kerstin Lenhart und Michael Böhler "spielerisch eindrücklich", wie auch noch so manch andere Szene, findet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (10.9.2008). "Sie haben einen Sinn für spielerisch leichte, doch aussagekräftige Gesten: Rhythmisches Handtrommeln genügt, um schwere Arbeit anzudeuten, und ein auf- und zuklappbares Pappwandgestell als Direktorenbüro attestiert fehlende Bodenhaftung." Und dennoch, wendet Meierhenrich ein, gerate es bald zum Problem, "das sozialkritische Modellstück allein aus witzigen Spieleinfällen zu entwickeln", denn "das bewusst laienhafte, improvisiert scheinende Spiel wird bald zum albernen Selbstläufer von Nummern." Fazit: "Heiner Müllers Schmelztiegel einer überforderten Gesellschaft zwischen Alt und Neu verrutscht hier allzu leicht auf ein Probierfeld für comicartiges Schauspielübungen."

 

 
Kommentar schreiben