Alternative Unternehmensführung

von Sebastian Linz

20. November 2019. Während auf den Bühnen die Diskurse und Krisen der Gegenwart verhandelt und darstellbar gemacht werden, regieren dahinter: Prekarisierung, Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch, Diskriminierung, Rassismus, Sexismus, Intransparenz, Nicht-Nachhaltigkeit. – Nun gut, dieser Gegensatz mag stark überzeichnet sein. Aber die mitunter große Diskrepanz zwischen künstlerischem und institutionellem Handeln der Theater (und allen anderen Kultureinrichtungen) ist mittlerweile zu Bewusstsein gelangt.

"Was tun. Politisch handeln jetzt" war das Motto der 2016er-Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft im Deutschen Theater Berlin. Der Politologe Ingolfur Blühdorn hielt damals eine bemerkenswerte Keynote, in der er den Handlungsdrang, das all gegenwärtige Gefühl des 'Was-tun-Müssens' angesichts lokaler und globaler und Krisen- und Konfliktfelder, als bedenklich markierte. Möglicherweise, so Blühdorn damals, sei "Nicht-Handeln sogar noch dringender als Handeln"; wobei 'Nicht-Handeln' in diesem Zusammenhang bedeute, sich "gründlich mit den Möglichkeiten, Bedingungen und Grenzen" des eigenen (politischen etc.) Handelns auseinanderzusetzen. Ein Aufruf zur Reflexion a priori, zu gründlicher Analyse und Evaluation des eigenen Tuns, bevor man 'was tut'. – Leichter gesagt als getan. Oder?

Einklang von Werten und Handeln

Seit beinahe zwei Jahren bin ich Künstlerischer Geschäftsführer des unabhängigen Kulturzentrums ARGEkultur in Salzburg – und bin durch diese Tätigkeit auf eine praktikable Möglichkeit gestoßen, die Bedingungen des eigenen Handelns detailliert unter die Lupe zu nehmen und in ehrlicher und selbstkritischer Weise systematisch zu beschreiben bzw. offenzulegen. Die ARGEkultur ist seit jeher bemüht, die nach außen vertretenen Werte mit dem eigenen Handeln in Einklang zu bringen und beschäftigt sich daher seit 2015 mit der Gemeinwohl-Ökonomie. Aktuell ist die ARGEkultur Österreich-weit die bislang einzige und Europa-weit eine von zwei Kulturinstitutionen, die ihr eigenes Tun mit Hilfe eines Gemeinwohl-Berichts bilanziert hat.

  ARGEkultur 560 c Johannes Amersdorfer Lizenz CC BY SA uVeranstaltungszentrum ARGEkultur in Salzburg © Johannes Amersdorfer, Lizenz CC BY SA

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Gemeinwohlökonomie, entwickelt u.a. von dem Volkswirtschaftstheoretiker, ausgebildeten Tänzer und Mitbegründer von Attac Österreich Christian Felber, versteht sich als ethisches Wirtschaftsmodell. Der Wert einer Organisation – z.B. eines Unternehmens, einer Bildungseinrichtung oder einer Gemeinde – wird nicht anhand betriebswirtschaftlicher Parameter, sondern am Beitrag dieser Organisation zum Gemeinwohl gemessen. Dieser Beitrag wird in einer Gemeinwohl-Bilanz festgestellt. Dazu schreibt die Organisation selbständig einen Gemeinwohl-Bericht: Anhand von vier Werten – 'Menschenwürde', 'Solidarität und Gerechtigkeit', 'Ökologische Nachhaltigkeit' sowie 'Transparenz und Mitentscheidung' – werden fünf Berührungsgruppen der Organisation untersucht: 'Lieferant*innen' (A), 'Eigentümer*innen und Finanzpartner*innen' (B), 'Mitarbeitende' (C), 'Kund*innen und Mitunternehmen' (D) sowie das ‚gesellschaftliche Umfeld’ (E). Die somit 20 zu untersuchenden Felder dieser 'Gemeinwohl-Matrix' behandeln nahezu sämtliche Bereiche und Handlungsfelder, die auch für Kulturinstitutionen relevant sind: faire Bezahlung, soziale Teilhabe, Geschlechter-Gerechtigkeit, Inklusion und Barrierefreiheit, ökologisch nachhaltiger Umgang mit Ressourcen etc. – um nur einige Beispiele zu nennen.

Kraftakt Gemeinwohl-Bericht

Der Gemeinwohl-Bericht – erstellt anhand eines komplexen Leitfadens und präziser Berichtsfragen – wird anschließend extern und unabhängig geprüft (entweder durch ‚Gemeinwohl-Audit’ oder Peer-Evaluierung) und in Feedback- und Entwicklungsgesprächen ggf. weiter präzisiert. Das dann am Ende ausgestellte Testat, das die Bewertung der Organisation enthält, ergänzt dann den Gemeinwohl-Bericht zur Gemeinwohl-Bilanz.

Das Verfassen eines Gemeinwohl-Berichts ist ein Kraftakt. Allein der Leitfaden zur Erstellung der Kompakt-Bilanz, mit der wir arbeiten, ist rund 80 Seiten stark und bedarf einer gründlichen Einarbeitung (größere Unternehmen arbeiten mit der weit umfangreicheren Voll-Bilanz). Die Gemeinwohl-orientierte Evaluierung des eigenen unternehmerischen Tuns verlangt Informationen, Daten und Kennzahlen, von denen einige in Kulturbetrieben normalerweise eher selten erhoben werden (siehe unten). Und sie bindet Zeitressourcen von Mitarbeiter*innen, die eigentlich dringend im Tagesgeschäft gebraucht werden.

Und doch lohnt sich die Mühe. Und das liegt schon allein am Perspektivwechsel, der mit dem Schreiben des Gemeinwohl-Berichts einhergeht: Man verlässt die brancheninternen Diskurse und damit auch deren Sprache. Stattdessen blickt man unter Gesichtspunkten auf sein Tun, die sich der eingeübten Sicht entziehen.

Beispiel eins   Wert ‚Solidarität und Gerechtigkeit’ in der Berührungsgruppe ‚Mitarbeitende’ (Feld C2)

Hier wird die Ausgestaltung der Arbeitsverträge abgefragt. Als verpflichtende Indikatoren sind anzugeben: der Mindest- und Höchstverdienst in der Organisation (also die innerbetriebliche Spreizung), der Medianverdienst, ein standortabhängiger "lebenswürdiger Verdienst" (angepasst an die regionalen Lebensverhältnisse), die unternehmensweit definierte Wochenarbeitszeit und die tatsächlich geleisteten Überstunden. Gefragt wird unter anderem nach Möglichkeiten der Selbstorganisation des Verdiensts und der Arbeitszeit durch die Mitarbeitenden und deren Möglichkeiten zu gesellschaftlicher Teilhabe, nach Methoden der Arbeitszeiterfassung, Arbeitsmodellen, der Rolle von Überstunden für den Erfolg der Organisation oder nach Maßnahmen zur Gewährleistung einer Work-Life-Balance. – Je nach Beantwortung der Fragen wird die Organisation in diesem Bereich dann mehrstufig bewertet ('Basislinie', 'Erste Schritte', 'Fortgeschritten', 'Erfahren'‚ 'Vorbildlich').

Man muss also nicht in allen Punkten als 'Vorbildlich' eingestuft werden, um als Gemeinwohl-bilanziert zu gelten. Vielmehr geht es darum festzustellen, in welchen Bereichen man bereits gut aufgestellt ist – und wo es noch Nachholbedarf gibt.

Gemeinwohl3 560 c FOTO FLAUSEN uDiskussionsveranstaltung zur Gemeinwohökonomie © FOTO FLAUSEN

Im oben genannten Bereich ist die ARGEkultur – auf der Basis einer ausführlichen und transparenten Betriebsvereinbarung – vergleichsweise weit entwickelt: Eine geringe Einkommensspreizung von 1:2 (ein GWÖ-Unternehmen weist max. 1:5 auf); ein überdurchschnittliches Netto-Mindesteinkommen im Verhältnis zu den regionalen Lebenshaltungskosten, aber auch zum Branchenschnitt; bei Neueinstellung Bezahlung von festangestellten Mitarbeiter*innen auf Grundlage des Gehaltsschemas der Fair-Pay-Kampagne der IG Kultur; Normalarbeitszeit (38,5 Stunden pro Woche) unterhalb der gesetzlichen Vorschrift (48 bis 60 pro Woche) sowie ausschließlich Teilzeitarbeitsmodelle für alle festangestellten Mitarbeiter*innen (auch die Geschäftsführung); weitgehend flexible und individuelle Gestaltung der Arbeitszeiten und deren Erfassung; Weiterbildungs- und Karenzmöglichkeiten; mehrmonatige Schließzeiten für Urlaub und Mehrstundenabbau ... Und vieles mehr.

Fahrradparkplätze und langlebige EDV

Entscheidend ist aber natürlich, wie die Ergebnisse aus den Bereichen, in denen es noch Defizite gibt, dann im Unternehmen weiterverarbeitet werden. In der ARGEkultur geschieht dies sowohl im Rahmen der Strategiearbeit (die bei uns auf der Leitungsebene stattfindet) – und andererseits im tagtäglichen operativen Geschäft, zum Beispiel durch Workshops mit den Mitarbeiter*innen, in denen wir konkrete Verbesserungspotentiale in dem einen oder anderen Bereich ausloten.

Beispiel 2   Wert 'Ökologische Nachhaltigkeit' in der Berührungsgruppe 'Gesellschaftliches Umfeld' (Feld E3)

Hier wird im Bericht nach der Reduktion ökologischer Auswirkungen gefragt. Als verpflichtende Indikatoren sind folgende Umweltkonten zu nennen und auf betriebsrelevante Größen (z.B. pro Mitarbeiter*in) umzulegen: Ausstoß klimawirksamer Gase (in kg), Transporte (und deren CO2-Äquivalent in km bzw. kg), Benzinverbrauch (in Liter bzw. kg), Strom- und Gasverbrauch (in kWh bzw. kg), Heizenergie (in kWh/°C), Verbrauch von Trink- und Regenwasser (in m3), Verbrauch von giftigen und ungiftigen Chemikalien (in kg), Papierverbrauch (in kg), Einsatz von sonstigen Verbrauchsmaterialien (in kg), Kunstlichteinsatz (in Lumen bzw. kWh), Schadstoffemissionen (in kg). Gefragt wird: Welche dieser Umweltkonten werden erhoben, welche Daten werden wie veröffentlicht? Und wie werden negative Umweltwirkungen reduziert?

Hier ist sicher der größte Nachholbedarf gegeben – auch wenn im Kulturbereich bzw. durch unsere konkrete Tätigkeit sicher weniger negative ökologische Auswirkungen entstehen als beispielsweise in der Industrie. Dennoch haben wir begonnen (auch in Ermangelung brancheninterner Vergleichsgrößen), diese Daten zu erheben und im Rahmen des Gemeinwohl-Berichts zu publizieren. – Wichtiger ist aber, dass wir alle Mitarbeiter*innen aufgefordert haben, Vorschläge zu erarbeiten, wie ihr jeweiliger Arbeitsbereich, das Haus und auch die mit dem Programm zusammenhängenden Faktoren (z.B. Anreise der Künstler*innen oder Zuschauer*innen) ökologisch nachhaltiger gestaltet werden können: Verzicht auf Dienstautos, weitgehender Verzicht auf Flüge, Fahrradparkplätze, Benutzung langlebiger Computer und gebrauchter Server, sparsamer Umgang mit Druckerpapier, Benutzung von Umweltpapier und regionale Produktion bei den Drucksorten, Verwendung von Sonnenschutzfolien an den Fenstern zur Wärmedämmung usw..

THE EUROPEAN BALCONY PROJECT 02 560 c Wolfgang Lienbacher u"The European Balcony Project" im Rahmen des Festivals OPEN MIND an der ARGEkultur 2018 © Wolfgang Lienbacher

Die konkreten Maßnahmen sind kleinteilig und mögen banal und unspektakulär erscheinen, tragen aber dennoch zu einer sichtlichen Reduktion unserer Klimabilanz bei – so ist z.B. der Stromverbrauch in 2017 auf 20.616 kWh pro Mitarbeiter*in (im Vgl. zu 2015: 21.405 kWh), die Heizenergie in 2017 auf 18.690 kWh (im Vgl. 2015: 19.807 kWh) gesunken (bei gleichbleibender Mitarbeiter*innen-Stärke und Bespielung des Hauses). Entscheidend dabei ist auch die mittelfristige Bewusstseinsbildung der Mitarbeiter*innen für die ökologische Nachhaltigkeit ihres eigenen Tuns.

Damit ist die ARGEkultur (noch) kein 'vorbildliches' Unternehmen im Sinne der GWÖ. Angestoßen durch unsere Kaufmännische Geschäftsführerin Daniela Gmachl und begleitet von Workshops im Rahmen der Salzburger Gemeinwohl-Regionalgruppe (in der alle bilanzierenden Unternehmen der Region aus verschiedenen Branchen versammelt sind), hat die ARGEkultur die Arbeit mit der GWÖ aber seit beinahe fünf Jahren fest im Unternehmen verankert – und damit bislang ausschließlich gute Erfahrungen gesammelt. Aktuell stellen wir unseren zweiten Gemeinwohl-Bericht fertig und haben damit profunde Erkenntnisse über unser Tun generiert, mit denen wir kontinuierlich weiterarbeiten können.

Sicher: Die Gemeinwohl-Ökonomie ist nicht das einzige alternative Wirtschaftsmodell. Aber in ihrer Komplexität und thematischen Breite, als ganzheitliches Analyse- und Strategie-Tool, ist sie für den einen oder die andere möglicherweise ein gewinnbringender Beitrag auf dem Weg zu nachhaltigem Handeln – auch für Kulturinstitutionen.

 

Sebastian Linz 170 c Johannes Amersdorfer u Sebastian Linz studierte Theaterwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Germanistische Linguistik in München. Er ist Absolvent der Weiterbildung 'Theater- und Musikmanagement' an der LMU München und des Universitätslehrgangs 'Kuratieren in den Szenischen Künsten' an der Paris-Lodron-Universität Salzburg. Berufliche Tätigkeiten u.a. in den Bereichen Regie, Dramaturgie, Produktion, Vermittlung und Lehre. Stationen u.a. an den Münchner Kammerspielen, dem Bayerischen Staatsschauspiel, den Salzburger Festspielen, den Festivals SPIELART, DANCE und der Münchner Biennale, der Bayerischen Theaterakademie August Everding und der LMU München. Seit 2018 ist Sebastian Linz Künstlerischer Geschäftsführer der ARGEkultur in Salzburg (www.argekultur.at).
Foto © Johannes Amersdorfer

 

Alle Downloads – darunter auch die aktuelle Kompakt-Bilanz mit der GWÖ-Matrix 5.0 – findet man auf der Webpräsenz des Gemeinwohlökonomie-Projekts.

 
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