Ist Kunst jenseits der Verschwendung denkbar?

von Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner

25. März 2020. Welche Rolle spielen Überlegungen zu Ökologie und Nachhaltigkeit? Ist klimaneutrales Theater technisch möglich und künstlerisch interessant? Gibt es überhaupt Zeit, sich im Alltagsgeschäft über die obligatorischen Solidaritätsbekundungen hinaus mit der Klimakrise zu beschäftigen? Mit diesen Fragen im Hinterkopf wollten wir uns mit Akteur*innen aus Stadttheater und Freier Szene zu einem Gespräch zusammensetzen, um eine Art Bestandsaufnahme zu machen.

Natur – in Form des neuartigen Covid-19-Virus – durchkreuzt unseren Plan: Der Theaterbetrieb ist lahmgelegt und ein analoges Treffen ausgeschlossen. Also verabreden wir uns online zu drei Gesprächsrunden mit Franziska Werner (Intendantin Sophiensäle), Natalie Driemeyer (Dramaturgin, Hans Otto Theater Potsdam, Welt-Klima-Theater), Aljoscha Begrich (Dramaturg, Maxim Gorki Theater), Sebastian Brünger (Kulturstiftung des Bundes), Holger Ackermann (Technische Leitung, Schaubühne) und Sebastian Hampl (Assistent des Technischen Leiters, Schaubühne). Unsere unter besonderen Umständen geführten Gespräche fassen wir im Folgenden zusammen.

Covid-19 soll hier eigentlich keine große Rolle spielen...

Natalie Driemeyer: Ja, aber ist es nicht verwunderlich, wie schnell im Falle von Corona reagiert werden kann? Plötzlich, weil es um das eigene Überleben geht, ist die Gesellschaft fähig, rational und schnell zu handeln. Und im eigenen Umfeld wird eine Form von Solidarität praktiziert, die im Zusammenhang mit Klimagerechtigkeit auch für die Weltgesellschaft erforderlich ist.

DieWeltohneuns 560 Katrin Ribbe uDas botanische Langzeittheaterprojekt "Die Welt ohne uns" von Tobias Rausch und lunatiks produktion am Schauspiel Hannover 2010 bis 2015 © Katrin Ribbe

Franziska Werner: Unser Meeting mit sechs Netzwerkpartnern sollte jetzt in Wien stattfinden und plötzlich kann es auch via Zoom abgehalten werden. Ich bin gespannt, was nach Corona in den Arbeitsalltag rübergenommen wird. Wenn alle mit Alternativen arbeiten müssen, funktioniert es auch.

Das, was uns im Zusammenhang mit der Klimakrise droht, ist ja existentieller, als das, was wir mit Corona derzeit erleben. Warum führt dieses Szenario zu viel weniger deutlichen Reaktionen?

Sebastian Brünger: Bei Corona wird man schnell aus Schaden klug, weil man den Schaden deutlich sieht. Wenn wir in der Klimakrise allerdings darauf warten, den Schaden noch deutlicher zu sehen, können wir daraus nicht mehr klug werden, weil es zu spät ist.

 

Klima on Stage

Im Theater spielt Klima schon länger eine Rolle, aber eher als ein Thema neben anderen. Warum?

Aljoscha Begrich: Im Theater bewegen wir uns in einem thematischen Gemischtwarenladen. Klima, Kapitalismus, Hunger, Migration – da gibt es keine Ordnung, keine Hierarchie. Erst mit Fridays for Future hat bei mir ein Paradigmenwechsel eingesetzt. Mir ist klar geworden, dass die Klimafrage alles bündelt. Diese späte Erkenntnis ist sicher auch ein Versagen von uns, die wir uns als intellektuelle Programmmacher*innen an den Theatern beschreiben.

Oder bedarf es, wie Tobias Rausch meint, erst einmal neuer dramatischer Formen, um dem Thema gerecht zu werden?

Natalie Driemeyer: Tobias Rausch geht es ja konkret darum, wie wir Natur auf die Bühne bekommen. Neue Formen sind immer gut. Die Stärke des Theaters ist ja das Symbolische, also ist es zentral, welche Symbole wir für globale und auch zeitlich sehr umfassende Phänomene schaffen können.

Aljoscha Begrich: Genau darum ging es uns in der Serie "Die Welt ohne uns", die ich seinerzeit am Schauspiel Hannover mitbetreute. Wie können wir in größeren Zeiträumen denken und diese darstellen, jenseits einer Legislaturperiode, einer Intendanz oder eines Menschenlebens? Dadurch kamen wir auf die Idee eines Langzeittheaters, das fünf Jahre geht. Es ist aber relativ schwierig, die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen über fünf Jahre zu fesseln.

Natalie Driemeyer: Ich bekomme oft Theatertexte zugeschickt und mir sind die Konflikte, die da verhandelt werden, oft zu klein. Ich würde mir wünschen, das Thema groß und global anzugehen. Lieber zu groß als zu klein.

Haben denn aktivistische Formen eher Anknüpfungspotential? Oder geht mit ihnen die Gefahr des Agitatorischen, Didaktischen, Moralischen einher?

Aljoscha Begrich: Naja, man kommt immer schnell in solche Kategorien, die nicht wirklich hilfreich sind. Sicher gibt es misslungene Versuche aktivistischer Kunst, aber die gibt es ja massenhaft auch bei nicht-aktivistischer Kunst.

Natalie Driemeyer: Das Thema Klima hat für mich immer eine politische Intention und wenn es aktivistisch wird, finde ich das gut. Ich möchte Einflussnahme auf die Gesellschaft. In der Arbeitsgruppe, die ich in Potsdam gegründet habe, arbeiten wir eng mit Aktivist*innen, Bürger*innen und Wissenschaftler*innen zusammen. Vielleicht entstehen gerade dadurch neue Formen.

Franziska Werner: Neben aktivistischen, dokumentarischen und konkret politischen Arbeiten gibt es auch immer wieder spannende Versuche, die menschzentrierte Perspektive zu verlassen. Das heißt Ökologie sinnlich-sensorisch, körperlich affizierend erfahrbar zu machen. Bei diesen Ansätzen geht es also weniger um Aufklärungs-Doku-Aktivismus mittels Text, sondern um empathischen Perspektivwechsel, d.h. den Menschen zurückzunehmen hin zu einer Gleichberechtigung und Gleichstellung der Natur und aller Elemente. Hier können wir also über das Faktisch-Didaktische hinaus neue Horizonte eröffnen.

Speaking Volumes 560 Georg Meyer Presse 2 u"Speaking Volumes" von Miriam Sögner © Georg Meyer

So zeigte zum Beispiel im letzten Jahr die Choreogfin Miriam Sögner ihr Stück "Speaking Volumes", ein Abend über Landschaften, die sich verändern, von der Rolle des Menschen in diesem geologischen Gefüge. Die Choreografin Eva Meyer-Keller lässt immer wieder Strukturen und Phänomene der Natur oder des Alltags auf choreografische Anordnungen treffen. So entstehen Konfrontationen, in denen menschliche und nicht-menschliche Körper zu gleichberechtigen Akteur*innen werden. 

Aljoscha Begrich: Eine Erfahrung in Hannover war, dass uns vom Publikum vorgeworfen wurde: Ihr seid zu moralisch, ihr seid zu grün, ihr seid zu politisch. Ich kann da locker antworten: Ja, das ist halt so. Nur, wenn sehr viel weniger Leute kommen, hat man schnell ein Problem und sagt sich: Ach, dann machen wir's halt lieber nicht so politisch, dann kommen die auch wieder. Gerade ist das Thema Klima vielleicht angesagt. Es gibt aber die Gefahr, dass beim Publikum irgendwann eine Übersättigung einsetzt. Darauf hab ich gar keine Antwort.

Natalie Driemeyer: Vielleicht die: Der Klimakomplex verbindet alle Themen – Empathie, Migration, Hunger, Diversität, Kapitalismus. Wenn wir diese Perspektive öffnen, wird es auch nicht langweilig.

Aljoscha Begrich: Ja, die Frage ist, gelingt es uns, diese Zusammenhänge aufzuzeigen, auch im Zusammenhang mit unserem eigenen Lebensstil.

 

Klima Backstage

Reden über Klima macht also kaum Sinn, wenn man sich nicht auch im Alltag dazu verhält. Das Theater trifft dieses Dilemma auf zwei Arten: Erstens ist es schwierig auf der Bühne Dinge zu verhandeln, wenn man zugeben muss, selbst nichts getan zu haben. Und zweitens ist es für den wissensdurstigen Theaterbetrieb höchst unangenehm, nicht einmal zu wissen, was man hätte tun können.

Sebastian Brünger: Hanno Rauterberg hat dies als die "Scheinheiligkeit der Kunst" bezeichnet. Es geht um die Frage, wie Kulturinstitutionen auf den Weg zur Klimaneutralität gebracht werden können. Klima ist also Thema und Aufgabe zugleich.

Welche Rolle nimmt also Nachhaltigkeit im Alltag des Stadttheaters ein?

Holger Ackermann: Vordergründig ist das natürlich nicht die höchste Priorität, weil wir unter Zeitdruck stehen. Insofern ist man froh, dass man die verschiedenen Aufgaben fertig bekommt. Ich möchte die Schuld nicht wegschieben, aber die künstlerischen Entscheidungen fallen sehr spät und man schaut, wie man sie überhaupt mit den Vorgaben bei Geld und Zeit realisieren kann.

atmen 7673 560 stephencummiskey uIn "Atmen" von Katie Mitchell an der Berliner Schaubühne 2013 erzeugten die Spieler*innen radelnd den Strom, der die Halogenlampen über ihren Köpfen leuchten ließ. © Stephen Cummiskey

Wir kommen ja alle in einen Strudel, wenn es losgeht, und dann ist erstmal das Ziel, die Kunst möglichst wenig einzuschränken. Das steht der Kunst auch zu. Gleichzeitig müssen wir manchmal auch sehenden Auges ökologisch unvernünftige Dinge tun: zum Beispiel darauf achten, dass das, was auf die Bühne gebracht wird, noch getragen werden kann. Da ist die Verlockung groß mit leichten Hölzern zu arbeiten, Hölzer, die aus Übersee kommen. Die dortige Abholzung ist natürlich nicht das, was wir forcieren wollen.

Recyclingsinitiativen stecken noch in den Kinderschuhen. Plattformen wie fundusnet.com, die etwa gebrauchte Materialien wie Dekorationen anbietet, sind aber erste Schritte, um einen nachhaltigen Austausch zwischen den Theatern zu schaffen.

Holger Ackermann: Wie viele andere Theater hat die Schaubühne Probleme mit Lagerkapazitäten. Dekorationsteile werden zwar auf fundusnet.com angeboten, allerdings können wir nicht ewig warten, bis sie auch jemand braucht, weil im Lager der Platz frei werden muss. Wir schmeißen weg, weil wir keinen Platz haben und woanders fehlt Geld, Sachen herzustellen.

Konsequent wären also eigene Lagerkapazitäten, wie sie etwa die Hanseatische Materialverwaltung bereithält, um Bühnenbilder, Requisiten, Stoffe  etc. unterzubringen.

Sebastian Brünger: Man könnte sich natürlich erst mal ganz basal das Theater als Gebäude anschauen, das Strom und Wärme braucht und Abfall produziert, also erst mal in die Infrastruktur und dann in die Arbeitsprozesse. Andererseits höre ich: Wir haben gerade so viele andere Themen: Diversität, Hierarchien und Macht, Digitalität, Geschlechtergerechtigkeit. Jetzt kommt auch noch Klima dazu. Angesichts der Masse der Themen, sind die Einrichtungen schlicht überfordert und springen dann einfach zeitgeistig von einem Thema zum nächsten.

Sebastian Hampl: Häufig herrscht in Theatern die Vorstellung, dass die Bühnenbeleuchtung der große Energieschlucker ist. Der Anteil der Bühnenbeleuchtung am Gesamtenergieverbrauch liegt aber Studien zufolge zwischen zwei und fünf Prozent. Die allgemeine Beleuchtung hat mit etwa vierzig Prozent einen viel höheren Anteil, auch die Lüftungs- und die Klimaanlagen.

Sebastian Brünger: Der Hebel ist eben nicht der berühmte Pappbecher in der Kantine, sondern liegt in der Infrastruktur wie Heizung und Kühlung.

Studien, die den Energieverbrauch an verschiedenen Theatern überprüft haben, kommen zu einer einfachen wie effizienten Empfehlung: Heizungen nachts runterregulieren. Die Studien zeigen auch, wie wichtig es ist, Handlungsempfehlungen auszusprechen, die auf einer validen Datengrundlage basieren.

Holger Ackermann Das Gebäude der Schaubühne wird, wie auch viele andere Gebäude des Landes Berlins, durch die Berliner Immobilienmanagementgesellschaft (BIM) betreut. Die BIM hat 2016 die Berliner Energiemanagement GmbH (BEM) mit dem Auftrag gegründet, die Berliner Klimaschutzziele, also Klimaneutralität bis 2050 umzusetzen. Im Gebäude der Schaubühne wurden zum Beispiel die allgemeine Haus- und Sicherheitsbeleuchtung fast vollständig auf LED getauscht. Zudem messen momentan Sensoren das allgemeine Heizverhalten.

 

Umweltsäuisch

Häufig fehlt es aber an Zahlen und Daten, die Theatern eine Orientierung geben könnten. Sie wären notwendig, um nicht bloß einzelne ökologische Überlegungen zu verhandeln, sondern strukturelle Lösungen zu finden.

Franziska Werner: Eine Produktion hat uns neulich gefragt: Könntet ihr uns den Gesamtverbrauch unserer Produktion – Strom, Energie, Wasser, Abfall – für die Zeit, die wir bei euch am Haus sind, nennen? Wir haben gemerkt, wir können das nicht. Wir müssten erst mal sämtliche Ebenen im Haus analysieren, um zu wissen, wo man was verbessern könnte. Andererseits wirtschaftet die Freie Szene permanent am Existenzminimum.

wismut 560 Gerhard Ludwig Presse2 uDas Tanzstück "Wismut" von Jule Flierl + Mars Dietz an den Sophiensaelen beleuchet den Uranbergbau im sächsischen Erzgebirge © Gerhard Ludwig

Obwohl die Frage der Nachhaltigkeit in vielen Produktionen ein großes Thema ist, stehen wir bei der Umsetzung permanent in Spannung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln. Alle Künstler*innen, die bei uns im Doppelpass in den Staatstheater waren, sagen: Du kannst dir nicht vorstellen, was für Gelder und Ressourcen aus dem Fenster geschmissen werden. Einfach, weil Dinge im großen Stil ausprobiert werden, die man später dann nicht braucht. Die Stadttheater sind verschwenderischer, und das bedeutet, umweltsäuischer.

Aber führen begrenzte Ressourcen und Volumina automatisch zu nachhaltigem Handeln? Oder bedingen sie eher ökologische Gleichgültigkeit?

Holger Ackermann: Klar, das effektivste Mittel ist natürlich aus einem Sparzwang agieren zu müssen. Dann kann man es sich nicht erlauben, dass, wie ich es an der Oper erlebt habe, ein Teil des Bühnenbildes aus der Unterbühne hochfährt und ein*e Regisseur*in sagt: "Das sind mir zu viele Bilder”, und schwupps sind 20.000 Euro verpufft. Das erlaubt sich ja keiner, der mit fünf bis zehntausend Euro auskommen muss. Wenn das ökologisch Gute am günstigsten wäre, dann würde alles leichter fallen.

Natalie Driemeyer: Es gibt natürlich unzählige kleine Stadttheater, die sich Verschwendung ebenfalls nicht leisten können und wollen.

Sebastian Brünger: Aber ist denn Kunst jenseits einer gewissen Verschwendung überhaupt denkbar?

Aljoscha Begrich: Das fällt mir jedenfalls sehr schwer zu denken.

 

Unter kapitalistischem Produktionswahn

Fatal scheint die Mischung aus vorhandenen Ressourcen bei gleichzeitigem Produktionsdruck. Ist Zeit unter Umständen ein größeres Problem als Geld?

Aljoscha Begrich: Zu symbolischen Gesten, Briefe oder Petitionen zu unterschreiben, sind sofort alle bereit, aber wenn etwas Konsequenzen für den Produktionsablauf hat, stößt man sofort an Schranken. Als Theater stehen wir, wie die ganze Gesellschaft, unter diesem kapitalistischen Produktionswahn. Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte, dass es an einem mit Steuergeldern subventionierten Theater irgendwann nicht mehr darum ging, sich außerhalb dieser Verwertungslogik zu bewegen, sondern nur noch um Produktions- und Zuschauerzahlen.

Führt Zeitdruck auch dazu, dass innerhalb der Theaterlandschaft zu viel geflogen wird?

Holger Ackermann: Fliegen ist ein Dauermittel, um Gastspiele eintakten zu können. Der Spielplan und auch die Probenpläne sähen anders aus, wenn man die Flugzeuge zumindest im erreichbaren Umfeld ausschließen würde.

Franziska Werner: Aber es kann ja auch nicht darum gehen, dass wir uns selbst wegsparen. Es ist unser Auftrag, kulturellen Austausch zu fördern und da wäre es Quatsch zu sagen: Wir sind nur noch lokal unterwegs. Die Frage ist, welche Lösungen wir finden. Muss ich zum Beispiel fliegen um eine Produktion anzuschauen, oder reicht nicht eine digitale Version? Ich merke auch, dass es beim Touring ein Umdenken gibt. Ich bekomme Anfragen von Gruppen, die sagen: Wir sind nächstes Jahr in Dresden oder Frankfurt, wir reisen dafür extra nach Deutschland, können wir nicht gleich eine Tour machen und die Städte verbinden? Da gibt es schon einen Bewusstseinswandel.

The Maenny 3 560 KerstinSchomburg uKevin Rittbergers "The Männy" am Schauspiel Hannover untersucht die "Menschtierverknotung" nach Theorien von Donna Haraway © Kerstin Schomburg

Natalie Driemeyer: Internationaler Austausch ist wichtiger denn je. Damit ein intensiver Austausch stattfinden kann, ist es aber notwendig, Künstler*innen für längere Zeiträume einzuladen.

Sebastian Brünger: In dem Zusammenhang sind die Sperrklauseln von Veranstaltern, Festivals und Häusern anzusprechen, die sagen: Wenn du bei uns auftrittst, bist du in den nächsten vier oder acht Wochen auf keinen Fall woanders in Deutschland oder Europa zu sehen. Sowas gehört sich nicht mehr.

Fest steht: Wirkungsvolle Maßnahmen erfordern Umdenken, Mittel und neue gesetzliche Rahmen. Die aktuelle Broschüre der Bundeskulturstiftung betont, dass förderrechtlich zwar mehr gemacht werden kann, als man denkt. Von vielen Hebeln und Möglichkeiten wissen aber weder Förderer noch Kultureinrichtungen.

Sebastian Brünger: Die durchaus vorhandenen Investitions- und Fördermittel im Wirtschaftsbereich oder bei der KFW (www.kfw.de) werden von Kultureinrichtungen aus Unkenntnis kaum genutzt. Sinnvoll wäre eine Kompetenzstelle, die man anspricht, die Kontakte vermittelt und einem hilft, so etwas wie einen Footprint überhaupt erst einmal zu erstellen.

 

Blick nach England

Neben Geld braucht es also Wissen und Beratung, um ökologische Alternativen in die institutionelle Praxis einzubinden. Lohnenswert ist der Blick nach England. Der British Arts Council verknüpft seit 2012 Fördermittel mit Umweltauflagen. Das heißt: Wer Förderung möchte, muss Daten über seine eigene Umweltleistung offenlegen. Begleitet und unterstützt werden die Institutionen von der Organisation Julie's Bicycle.

Sebastian Brünger: Es gibt dort dieses geflügelte Wort: What you measure, you will manage. Und das funktioniert. Der Arts Council fördert institutionell um die 800 Kultureinrichtungen, und insgesamt haben die seit 2012 ihren Footprint um 30 Prozent reduziert. Nicht weil ihnen gesagt wurde, ihr müsst dies und jenes machen, sondern allein, weil sie Daten liefern und sich Ziele setzen mußten. Ich war gerade auf einer Veranstaltung von Julie's Bicycle in London. Dort kommen 400 Akteure aus ganz UK zusammen und unterhalten sich mit einer Selbstverständlichkeit über das Thema Nachhaltigkeit, wo mir, aus Deutschland kommend, nur die Augen und Ohren offen stehen, weil ich denke: Da leben wir echt hinterm Mond.

Den Pioniergeist, den dieses Klima-Nudging weckt, kann man am National Theatre sehen. Auf der Website des Londoner Theaters werden Maßnahmen, Zahlen und Prozesse offengelegt, von Materialbeschaffung, Kulissenbau, Infrastruktur bis hin zum Touring.

Aljoscha Begrich: Die entscheidende Initiative muss von der Politik kommen, von den Geldgebern oder der Institutionsleitung. Ich hab mir das angeschaut: Es gibt bei Julie's Bicycle ein Tool, mit dem du selber die Ökobilanz eines Gastspiels erstellen kannst. Aber du kommst schnell an einen Punkt, wo Fragen an die technische Leitung oder Produktionsleitung auftauchen. Und wenn ich die anrufe, wird gesagt: Du, ich hab hier genug anderes zu tun. Es fehlen also Ansagen oder Konsequenzen, die Auswirkungen auf unseren Ablauf haben. Da kannst du als einzelner Dramaturg ebensowenig machen, wie als einzelne*r Bürger*in. Daran glaub ich nicht mehr.

Fazit?

Natalie Driemeyer: Es braucht eine andere Weltwahrnehmung, um zu erkennen, welche Auswirkungen der Klimawandel jetzt schon hat. Damit verbunden das solidarische Gefühl einer Weltgemeinschaft und die Erkenntnis, dass Einschnitte im Leben der Privilegierten nötig sind. Gleichzeitig braucht es ein Bewusstsein dafür, dass Reduktion im Theater ein Mehrwert sein kann. Wir müssen weg von immer mehr, immer schneller, und wer kriegt irgendwo die erste Nennung. Auch die reinen Besucherzahlen können nicht mehr das Maß aller Dinge sein. Es ist ein Mehraufwand, sich mit den eigenen Produktionsbedingungen auseinanderzusetzen und das muss eine Wertigkeit bekommen.

Sebastian Brünger: Vielleicht noch ein Schlaglicht aus England. Die Opera North aus Leeds ist ein großes Tourtheater und wenn die auf Tour gehen, fahren da elf Sattelschlepper mit Bühnenbild durch die Gegend. Die entwickeln jetzt einen Green Rider und in der Produktion beginnen sie, den künstlerischen Teams ganz klare Vorgaben zu machen: Wenn ihr bei uns arbeitet, dann nur zu ganz bestimmten Konditionen, beispielsweise mit Bühnenbilder aus dem Fundus. Aus dem Jahresbericht des Arts Council wird ersichtlich, dass ungefähr 30 von 800 Organisationen für ungefähr ein Drittel des gesamten CO2-Footprints verantwortlich sind. Die großen Einrichtungen machen den großen Effekt. Es macht also Sinn, genau hinzuschauen und nicht zu sagen: Alle müssen jetzt dieses und jenes tun.

2071 560a stephencummiskey uDer Wissenschaftler Chris Rapley in Katie Mitchells Monolog "2071" am Hamburger Schauspielhaus 2014 © Stephen Cummiskey

Aljoscha Begrich: In vielen Theatern oder bei Festivals sind die Leitungen nur sehr kurz da. Für solche Sachen braucht es aber eine längere Perspektive. Und die fängt mit einer Bestandsanalyse an, die eine extrem aufwendige Arbeit ist und Minimum ein halbes Jahr dauert. Aber wenn man als Leitung nur eine kurze Perspektive hat, geht man sowas eher gar nicht erst an.

Sebastian Brünger: Langfristig könnte man ja auch sagen, es gibt ein CO₂-Budget, so wie es jetzt ein Geldbudget gibt. Man kann sich das Budget einteilen, aber ab einem gewissen Punkt ist eben Ende. Veränderungen brauchen beides: Eine mutige Politik, die den Rahmen setzt und die Dinge benennt, und zwar ohne das Versprechen der Schmerzfreiheit. Aber auch uns, als einzelne Akteur*innen, die Forderungen stellen und auch selber gute Beispiele produzieren.

Natalie Driemeyer: Das kleine Arcola-Theater hat gesagt: Wir wissen zwar noch nicht wie, aber wir werden das erste klimaneutrale Theater sein. Allein durch diese Aussage ist eine riesige Dynamik und Vernetzung entstanden. In der Behauptung liegt die Kraft, um Veränderungen anzustoßen

Aber auch das große National Theatre in London möchte bis 2030 komplett klimaneutral zu sein. Wie das möglich ist?

Sebastian Brünger: Vermeiden und reduzieren. Klar ist aber auch, dass Klimaneutralität im Sinne von netto Null noch nicht nur durch Vermeidung und Reduktion möglich ist. Ein Rest wird noch als drittbeste Lösung kompensiert werden müssen. Eine große Frage ist im Moment, was das zuwendungsrechtlich bedeutet.

"Ich bin ganz positiv", sagt Begrich zum Abschluss des Gesprächs. "Am Ende von Corona werden wir eine gute Erfahrung haben, weil wir sehen, was alles möglich ist. Wir werden die Politik dazu bringen, zu sagen: Okay, was hier klimamäßig auf uns zukommt, ist echt krass. Das wussten wir nicht. Aber jetzt werden wir sofort den Flugverkehr einstellen. Und dann werden alle sagen: Ach so, ja, wenn das nötig ist, dann machen wir das so."

 

Musiol Lynn 280 privat uLynn Takeo Musiol wurde 1991 in Leverkusen geboren. Sie studierte Soziologie, Islamwissenschaften und Internationale Kriminologie. Zuletzt arbeitete sie als kuratorische Assistent*in beim Berliner Herbstsalon des Maxim Gorki Theaters, ab der kommenden Spielzeit wirkt sie als Dramaturg*in am Schauspielhaus Düsseldorf. Seit 2019 ist sie Stipendiat*in der Akademie der Künste in Berlin.



Tschirner Christian c bastian lomsche uChristian Tschirner
wurde 1968 in Lutherstadt-Wittenberg geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Tierpfleger, später ein Schauspielstudium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Er erhielt ein Engagement als Schauspieler in Frankfurt/Main, wurde dann freier Regisseur und Autor. Seit 2009 ist er Dramaturg, zunächst am Schauspiel Hannover, ab 2013 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Seit dieser Spielzeit 2019/2020 ist er leitender Dramaturg der Berliner Schaubühne.

 

Die Artikelserie Inside Endzeit von Musiol/Tschirner erscheint vierzehntägig mittwochs auf nachtkritik.de.

Mehr zum Thema: Im April 2019 beschrieb Christian Tschirner auf nachtkritik.de: Wie schlechte Klimapolitik und rechte Demagogie unheilvoll zusammenhängen.

Weitere Essays und Theaterrezensionen zum Thema finden Sie in unserem Dossier Theater und Klimakrise.

 
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