Was können Medien heute kulturjournalistisch noch leisten?  Oder: Wir müssen reden!

von Petra Kohse

Berlin, 18. August 2021. Wenn das freie Theater anruft und sagt: "Hast du Zeit? Wir müssen reden!", dann ahnt der Kulturjournalismus, was die Stunde geschlagen hat. Beziehungsweise, dass dieselbe der Wahrheit gekommen ist. Denn ja, es stimmt: Das freie Theater kommt im kulturjournalistischen Tagesgeschäft kaum noch vor. Also eigentlich: nicht. Im Sinne einer kontinuierlichen Berichterstattung kommt es nicht mehr vor.

Aber lässt sich das in einem Gespräch ändern? Kann man es überhaupt ändern? Muss man es ändern? Das freie Theater ist ja, anders als der Kulturjournalismus traditioneller Medien, ein Gewinner der allgemeinen Plattformisierung. Wie alle Institutionen und Kultureinrichtungen heutzutage kann es mit seinem internetfähigen Publikum direkt kommunizieren. Es braucht den Umweg über die Theaterkritik nicht mehr, sondern kann eigene Newsletter und Inszenierungstrailer und Tweets aussenden.

Petra Kohse 600h Antonia Aurin uPetra Kohse © Antonia AurinUnd wenn es jetzt mit dem Argument kommt, das freie Theater, dass es die Kritiken und Interviews und Künstler:innenporträts aber nicht nur weiterhin brauche, weil sie ihm lieb geworden sind, sondern weil es, um den nächsten Förderantrag stellen zu können, Belege einer traditionsöffentlichen Wahrnehmung und womöglich Wertschätzung vorlegen müsse, dann möchte der Kulturjournalismus doch mal klarstellen, dass er selbst keinerlei staatliche Förderung bekommt. Er agiert privatwirtschaftlich und das bei weitem nicht luxuriös. Bekanntermaßen haben sich die Auflagen der Tageszeitungen in Deutschland in den letzten 20 Jahren mehr als halbiert. Zahlreiche Kolleg:innen haben ihre Anstellungen schon verloren. Insofern könnte es vielleicht sogar umgekehrt Zeit für das Theater, auch das freie, sein, sich nicht länger zu fragen, was der Kulturjournalismus für das Theater, sondern was dieses für den Kulturjournalismus tun könne.

Kampf um Aufmerksamkeit und Abos

Wobei auf der Hand liegt, was hier das Mindeste wäre: Das Blatt abonnieren, Printabo, E-Paper oder auch nur den Online-Zugang buchen für zehn Euro im Monat, statt bei Anfragen wegen Veranstaltungshinweisen (in Klammern: anstelle von bezahlten Anzeigen) immer hinzuzufügen, selbige, also die Veranstaltungstipps, den PR-Beauftragten nach Vollzug doch bitte auch als pdf zukommen zu lassen – für die Unterlagen, denn nein, leider habe man das Medium, in dem man vorkommen möchte, nicht abonniert.

Au weia, wie verbittert klingt das denn, schämt sich der Kulturjournalismus jetzt aber doch für seine Gedanken. Kann er die prekären Zustände des freien Theaters nicht erkennen? Und ist er ihm nicht immer verbunden gewesen? Waren es nicht die freien Produktionen, über die etliche Berufsanfänger:innen seiner Zunft als erstes schreiben durften, in die sie ihr Herzblut gossen und die auch tatsächlich immer wieder neue Impulse gaben?

Ja, vielleicht, aber damals, sagen wir im vorigen Jahrhundert oder so, gab es auch noch nicht so viele Staatstheater in der Stadt, die die Aufmerksamkeit mit jeweils bis zu 20 Produktionen pro Spielzeit absaugen und im Bewusstsein der ohnehin immer weniger werdenden Leser und Leserinnen viel präsenter sind als eine Kompanie, deren Namen kaum jemand kennt – und nein, liebe freie Theatermacher:innen, das kann einem heute nicht mehr egal sein und ist auch nicht bloß eine Annahme, denn das Stichwort Plattformisierung ist ja schon gefallen.

Willkommen in der Blase!

Längst sind die Betreiber:innen der großen sozialen Plattformen, die Tech-Gigant:innen Google, Amazon, Facebook etc. zu "quasihoheitlichen" (1) Akteur:innen der öffentlichen Kommunikation aufgestiegen, wie der Medienwissenschaftler Peter Eisenegger es nennt, und die traditionellen Zeitungsverlage, die ihrer ehemaligen Gatekeeper-Funktion enthoben sind, weil jetzt einfach jeder mit jedem kommuniziert und der Diskurs dereguliert ist, die traditionellen Zeitungsverlage also befolgen nicht nur auf den Plattformen die dort herrschenden Regeln, um überhaupt noch vorzukommen im Chor der Schreibenden. Sondern sie ahmen die Plattform-Strategien zunehmend auch auf ihren eigenen Webseiten nach.

Die Reichweitenorientierung etwa: Am besten platziert wird nicht das, was die Redaktion am wichtigsten findet, sondern was die Nutzer:innen am häufigsten anklicken. Und dazu gibt es dann auch immer weitere Beiträge, Follow-ups genannt – willkommen in der Blase.

Nicht schön. Aber was tun? Die Leser:innen sind jetzt keine Black Boxes mehr, in die man hoffnungsvoll Bildung hineinstopfen kann, bis sie die Zeitung wieder abbestellen, sondern Kund:innen, die mit ihrer Datenspur klarmachen, welchen Text sie lesen und welchen nicht. Und da ist man als Kulturjournalistin eben auch Ladenmädchen und heilfroh, wenn aus dem Theaterregal mal überhaupt etwas über die Theke geht, und das klappt naturgemäß eher, wenn man einen Namen in die Überschrift packen kann, der aus Film und Fernsehen bekannt ist. So sehr Beteiligten alle Bretter die Welt bedeuten – Unbeteiligte von einer Relevanz von Theater zu überzeugen, ist, offenbart die Datenanalyse, kaum noch möglich.

Der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit

Wobei so etwas wie ein Dienstleistungsverhältnis, und das möchte ich ganz laut sagen, weil es an diesen beiden Tagen auch um "Influencer:innen" und "neue Bündnisse" ging, nur zwischen dem Journalismus und also auch dem Kulturjournalismus und seinen Leser:innen besteht. Zwischen denen, die schreiben, und jenen, die das Geschriebene kaufen. Gegenüber dem Gegenstand der Berichterstattung, also etwa dem Theater, auch dem freien, hat der Journalismus unabhängig zu sein oder er ist keiner mehr. Bündnisse kann es nicht geben, ohne die Identität des Journalismus zu beschädigen. Über Bündnisse in Form von Vorabsprachen oder womöglich Aufträgen, auch nur moralischen Verpflichtungen, muss man auch dann nicht reden, wenn man reden muss! Also, man kann schon reden müssen. Aber nicht darüber. Soviel Rest-Gate-Keeping zumindest an der eigenen Kinderzimmertür und noch im dritten Hinterhaus ist der Kulturjournalismus seiner Selbstachtung schuldig.

Aber bleiben wir noch einen Moment bei der Digitalisierung der öffentlichen Kommunikation, ihrer Einebnung auf Plattformen. Der bereits erwähnte Mark Eisenegger spricht von der Plattformisierung als einem "dritten, digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit" (2). Mit dieser Wendung schließt er an den Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas an, der vor 60 Jahren seine zum Klassiker gewordene Kulturtheorie zu Aufstieg und Niedergang bürgerlicher Gesellschaften vorlegte. Ein erster Strukturwandel von Öffentlichkeit fand, wenn der kurze Rückgriff erlaubt ist, im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert statt. Ab der Zeit erschienen Zeitungen regelmäßig und in wachsender Auflage und schufen ein Publikum, dessen Mitglieder sich – anders als es etwa bei Versammlungen der Fall gewesen war – nicht mehr im gleichen Raum befanden. Die Öffentlichkeit wurde jetzt durch Zeitungen vermittelt, sie wurde medial.

Der nächste Wandel vollzog sich Mitte des 20. Jahrhunderts, als journalistische Inhalte immer stärker kommerzialisiert wurden. Die Öffentlichkeit sei damals zu einer PR-getriebenen Scheinöffentlichkeit geworden, die Empfänger:innen nur noch als Konsument:innen ansprach. Und jetzt die Kehrtwende: der begeisterte Zuspruch zu digitalen Plattformen, auf denen jeder, der oder die einen Internetzugang hat, kommunizieren kann – der Sturm des Publikums auf die Bühne gewissermaßen.

Journalismus als Pflegling der Legislative

Demokratisch verfassten Regierungen macht diese Entwicklung Angst. In einer Situation, in der die "Einhaltung journalistisch-ethischer Standards nicht mehr als Maßstab, sondern als eine Möglichkeit unter vielen erscheint", wie es im aktuellen Medien- und Kommunikationsbericht der Bundesregierung heißt, könnten, so hofft man im Hause Grütters, vielleicht geeinte Kräfte den bevorstehenden Ausverkauf dieser Standards abwenden. Aus diesem Grunde soll jetzt diskutiert werden, wie man "kooperative Medienplattformen" für Qualitätsjournalismus anstiften und fördern kann – ein Unterfangen, das viele Klippen passieren müsste, von denen die journalistische Unabhängigkeit, das Kartellrecht und die Asymmetrie der deutschen Medienlandschaft nur einige wären.

Der Journalismus, gerade eben noch die vierte Gewalt im Staat, ist zum Pflegling der Legislative geworden, die mit den Strukturen der herkömmlichen Medien womöglich schon ihre eigenen schwinden sieht. Eine Art "Spotify für Journalismus" (3) wird erwogen, ein Flatrate-Modell also für ein Angebot aus vielen Quellen, das zwar im Internet, aber dennoch geschützt vor Gezwitscher und "alternativen Fakten" an den Mindestanforderungen einer seriösen Berichterstattung festhielte, die da sind: Binnenpluralismus, Unparteilichkeit und Transparenz. (4)

Interessanterweise kommt das Spotify-Prinzip, das hier als rettendes Floß gehandelt wird, aus dem Hafen der Kulturwirtschaft, und Pflegling zu werden so wie die Kultur ja auch, wäre zumindest für den Kulturjournalismus sicher nicht das schlechteste. Denjenigen, die dann rufen: Und was ist mit der Unabhängigkeit? könnte man mit der Gegenfrage antworten: Und was ist mit dem Status Quo, mit der alltäglichen Wirklichkeit? Ja, was ist mit dem Feuilleton, in dem es in vielen Fällen nicht mehr für alle Kunstarten Fachleute gibt. Sondern in dem vielleicht zwei bis drei Übriggebliebene die Allrounder mimen, als solche für Print und Online schreiben, was das Zeug hält und immerzu die Blase füllen müssen. Was heißt unter solchen Umständen Binnenpluralismus, Unparteilichkeit und Transparenz?

Scheren im Kopf

Oder was ist mit der Theaterkritikerin, die, wenn sie online nicht wieder nur 400 Klicks bekommen will, ein in der Inszenierung eher nebensächlich behandeltes Gender-Thema zur Hauptsache aufplustert, was ist mit dem Literaturkritiker, der sich nicht traut, den woken, also politisch hochsensibel korrekten, aber schlecht geschriebenen Roman zu verreißen, um nicht zum Ziel eines Shitstorms zu werden? Es gibt inzwischen so viele Scheren, Leitplanken und Vorfahrt-Schilder im Kopf, dass das Design der Berichterstattung im digitalisierten Alltag fast wichtiger geworden ist als die Beschäftigung mit künstlerischen Inhalten.

Parallel zu diesem, nun ja, warum darum herumreden, zu diesem: Verfall wurde aus dem ehemals gewissenhaft kunstrichternden Feuilleton eben der Kulturjournalismus geboren. Der hier auf dieser Tagung ja auch explizit angesprochen ist, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob allen klar ist, dass Kulturjournalist:in kein Synonym für Kritiker:in ist. Das ist es nicht.
Kulturjournalist:innen haben aus verschiedenen Gründen, darunter auch die eben genannten, die Kunst etwas aus den Augen verloren – eignen sich aber dafür mit ihrem ja noch vorhandenen Instrumentarium die Welt immer großflächiger an.

Beziehungsweise werden sie immer häufiger um Hilfe gerufen, wenn es darum geht, die heutige, performative Wirklichkeit zu entschlüsseln. Begann es mit Gerhard Schröders Brioni-Anzügen, anhand derer Feuilletonisten um die Jahrtausendwende die zwei Körper des Kanzlers erkundeten? Oder gab Frank Schirrmachers Wissenschafts-Feuilleton in der FAZ den Startschuss? Daran, dass Themen wie Sexismus, Rassismus, Kolonialismus, der Armutsreport oder Demokratieverfall Kulturthemen sind, besteht seit Jahren kein Zweifel mehr. Auf diese Weise nimmt der Kulturjournalismus inzwischen selbst am Kulturschaffen teil und ist, wie es der Journalist und Kulturwissenschaftler Stefan Lüddemann ausdrückt, zu einer "Agentur des Zeitgeistes" (5) avanciert. Das Intendant:innenstürzen überlässt er derweil den sozialen Medien, kommt dann aber gern hinzu, wenn es gilt, die Sache zu kommentieren.

Teilnehmende Beobachtungsinstanz

Und so möchte der Kulturjournalismus – zumindest soweit er sich in meiner Person hier und heute zu Wort meldet – denn auch angesprochen werden, wenn es um sein Verhältnis zum freien Theater geht. Nicht als Vehikel zu mehr Öffentlichkeit für einzelne Akteur:innen des Betriebs. Sondern als teilnehmende Beobachtungsinstanz im Meer des Möglichen, als Bewohner:in des benachbarten Treibholzes in den digitalisierten Strömungen von hier nach dort und zurück.

Gemeinsam ist beiden, dem Kulturjournalismus wie dem freien Theater, der geringe Grad an Institutionalisierung, die Schnelligkeit also und Verantwortlichkeit für das eigene Tun sowie die potentielle Grenzenlosigkeit des Horizonts.

Wir müssen reden? Bestimmt. Aber vielleicht nicht über unser Verhältnis zueinander, sondern über unsere jeweiligen Blicke auf den Rest der Welt.

 



(1) Mark Eisenegger: Dritter, digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit als Folge der Plattformisierung, in: Eisenegger, Mark/Prinzing, Marlis/Ettinger, Patrik/Blum, Roger (Hrsg.): Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit. Historische Verortung, Modelle und Konsequenzen, Wiesbaden 2021, S.17 ff.
(2) ebenda
(3) Christian-Mathias Wellbrock: Ein "Spotify für Journalismus?" Eine ökonomische Perspektive auf abonnementbasierte anbieterübergreifende Plattformen im Journalismus. In Wellbrock, C.-M. & Buschow, C. (Hrsg.): Money for nothing and content for free? Paid Content, Plattformen und Zahlungsbereitschaft im digitalen Journalismus (S. 151-176). Baden- Baden, 2020.
(4) Vgl. Anna Maria Theis-Berglmair: Die Sichtbarkeit des Journalismus in der digitalen Welt – Überlegungen zum Gegenstand der Kommunikationswissenschaft, in: Eisenegger, Mark/Prinzing, Marlis/Ettinger, Patrik/Blum, Roger (Hrsg.): Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit. Historische Verortung, Modelle und Konsequenzen, Wiesbaden 2021, S. 507 ff.
(5) Stefan Lüddemann: Kulturjournalismus. Medien, Themen, Praktiken, Reihe Kunst- und Kulturmanagement, hrsg, von A. Hausmann, Wiesbaden 2015, S. 3.

 

Petra Kohse ist promovierte Theaterwissenschaftlerin, war in den Neunzigern Kulturredakteurin der taz, ist Mitgründerin des Portals nachtkritik.de, hat Bücher über Friedrich Luft und Marianne Hoppe geschrieben, war 2010-2017 Leiterin der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste in Berlin und ist seit 2017 Redakteurin der Berliner Zeitung.  

Der Vortag wurde auf dem Symposium Zwischen Verriss und Marketing – Die Zukunft des Kulturjournalismus im Dialog mit der Freien Szene am 11. und 12. August 2021 in Berlin gehalten. Das Symposium wurde vom Performing Arts Programm Berlin, einem Programm des LAFT – Landesverband freie darstellende Künste Berlin e. V., veranstaltet.

 
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