Ein Wiener Original

Wien, 27. Okober 2021. Der Wiener Theatermacher Herbert Lederer ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Das geben mehrere Medien bekannt. Lederer führte 36 Jahre lang die Ein-Mann-Bühne "Theater am Schwedenplatz" in seiner Geburtsstadt Wien.

Nach einer Dissertation über das Moskauer Künstlertheater begann Lederer seine Theaterkarriere 1948 am Stadttheater St. Pölten. Nach mehreren weiteren Stationen als Schauspieler, Dramaturg und Regisseur in Deutschland und Österreich eröffnete er 1970 das Theater am Schwedenplatz, an dem er als Direktor, Schauspieler, Regisseur und Autor zugleich tätig war. Bis zur Schließung im Jahr 2006 stand Lederer in 69 Eigenproduktionen über 6000 Mal auf der Bühne seines Theaters. Lederer wurde 2008 mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien ausgezeichnet.

(Der Standard / miwo)

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#1 Herbert Lederer gestorben: UnikumThomas Rothschild 2021-10-27 16:35
Lederer war ein Unikum. Er hat bewiesen, dass weniger mehr sein kann. Den Begriff "armes Theater" durfte man am Schwedenplatz beim Wort nehmen. Übrigens: das Kellertheater wurde geschlossen und unter dem Namen theater franzjosefskai21 wiedereröffnet. Dort wird es mit großem Erfolg von Alexander Wächter bespielt, wieder als Ein-Mann-Theater und, weil es nur 50 Plätze hat, an den Corona-Beschränkungen vorbei.
#2 Kaufmann von Venedig, Potsdam: vergnüglichPeter Ibrik 2021-10-28 19:21
Ich habe die Vorstellung am 22. Oktober im Hans Otto-Theater gesehen.
Es war ein vergnüglicher und angenehmer Abend, der es ermöglichte, mitzudenken und sich eine Meinung zu den erzählten Geschichten zu bilden, ohne dass man agitiert oder belehrt wurde. Man war als Partner des Spiels gleichberechtigt und zum Mitspielen eingeladen.
Mir scheint, solche Qualitäten werden im Theater seltener - deshalb muss über den Abend berichtet werden.

Die inszenatorischen Maßnahmen:
Eine rabiat aber sinnvoll (also im Sinne des Autors) gekürzte Fassung auf der Basis einer neueren Übersetzung (Werner Buhss).
Ein großer offener Bühnenraum, der entfernt an die Räume des Elisabethanischen Theaters erinnerte und weiträumige Arrangements auch in die Höhe zuließ.
Schauspieler, die angehalten waren, ihre Figuren aus dem Handeln innerhalb der Situationen zu entwickeln, und die entsprechend geführt waren: Mit den Schauspielern war gearbeitet worden.
Der Zuschauer wurde kaum direkt angesprochen (was bei Shakespeare doch leicht möglich wäre) und hatte den Genuss einer freien Betrachtung, was Kunstgenuss überhaupt erst möglich macht.
Es wurde mit klaren erkennbaren Mitteln die Ausgrenzung des Juden Shylock erzählt, die anderen Geschichten korrespondierend und sich gegenseitig durchdringend.

Bilder, die in Erinnerung bleiben:

Das Schlussbild:
Der attraktive Rüpel Bassanio, reuevoll den Kopf in Portias Schoss, weil er bei der ehebrecherischen Weitergabe des Ringes ertappt worden ist, und Portia gleichsam erstarrt: War denn die ganze Gewalttat gegen den Juden unsinnig, mit der sie aus Liebe (die Gier beider aufeinander war deutlich
gespielt) den Wohltäter ihres Gatten retten wollte?
Und:
Im Zentrum des Bildes der durchnässte Shylock, der sich nach der gewalttätigen Wassertaufe langsam wieder aufrafft von Antonio beobachtet.
Und:
Lorenzo in Betrachtung der Mondnacht und in "Erinnerung" an schwierige Liebesbeziehungen vergangener Zeiten. (Jessica fand nicht statt).

Das anscheinend nicht endende Seil, an dem Jessica zur Flucht geholfen wird.

Die Erfindung, den Stückbeginn in einer Sauna zu spielen, die ermöglichte, die erotischen Beziehungen deutlich und geschmackvoll zu zeigen.

Das geradezu "raffinierte" Arrangement, wenn Shylock an der Rampe stehend mit den Partnerinnen in der Tiefe des Raumes über seine Behandlung redet, und man sich als Zuschauer ebenso angesprochen fühlen kann.

Das vorzüglich arrangierte und geführte Gerichtsbild.

Und viele sinnliche Eindrücke mehr.
Ich werde mir die Aufführung ein zweites Mal ansehen.

Aber:
Warum diese langweiligen "heutigen" Kostüme, die nichts über den sozialen Status der Figuren erzählen?
(Ich habe mir in ruhigen Momenten vorgestellt, Kostüme, die eine Historizität andeuten, würden in ihrer möglichen Farbigkeit und Opulenz
die weiträumige Bühne füllen.)
Und warum den Kästchen-Szenen eine dreifache symbolische Bedeutung geben?
Die Kästchen sind der Symbole doch genug. Warum Portia als Symbol für die Geldgierigen und eine "Wahlkabine" für die Bewerber. Die Darstellerin ist, zudem auch die Partnerfigur Nerissa gestrichen ist, weitgehend eingeschränkt in den Spielmöglichkeiten; ich kann nicht verfolgen, wie sie befürchtet, der "Falsche" würde das "richtige" Kästchen wählen. Damit ist auch nur sehr eingeschränkt zu verstehen, warum sie sich so spontan auf Bassanio stürzt. Im Gerichtsbild ist die Schauspielerin dann von einer überzeugenden Kraft.

Ich wiederhole:
Es war ein sehr vergnüglicher Abend, auch trotz seiner pausenlosen Kürze.

Auf Wiedersehen in Potsdam

Peter Ibrik
Berlin-Pankow

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