Am Anfang war die Emotion

von Georg Petermichl

Wien, 7. Juni 2007. Frank Castorf hat in den 1990er Jahren ein "Stahlgewitter" herbeigerufen, um die von ihm erzeugte Bühnenintensität zu definieren. Nun ist er dieser Hardcore-Metapher auch inhaltlich nahe gerückt: Louis-Ferdinand Céline (1894-1961) ist so etwas wie das französische Pendant zu Ernst Jünger. Nur radikaler: Auf einen aufhetzerischen Nazi-Kollaborateur und unverhohlenen Antisemiten könnte man seine Literatenpersönlichkeit durchaus unbedacht reduzieren.

In seinen vier Hetzschriften, beispielsweise "Bagatelles pour un massacre" von 1937, legt sich ein schwer verdauliches Gedankenreservoir frei, ein sprachlich überspitztes – lyrisches – Panoptikum des faschistischen Ideenguts. Zeitgenossen wie der Autor André Gide erkannten in ihm daher einen "politischen Surrealisten". Dennoch, Céline rührt menschliche Bösartigkeit an, und weil er dabei sich selbst beschreibt, bleibt sein Standpunkt letztlich unfassbar. Für Castorf aber, einen der wenigen wahren Grenzgänger des Inszenatorenhandwerks, ist Céline ein zeitgeschichtliches Objet trouvé. Seine Ecken und Kanten lassen sich von keiner Guido-Knopp-Ästhetik verschleifen. Und eben diese Kanten und Ecken werden in "Nord" bei den Wiener Festwochen auf die Bühne gebracht.

Animalische Grundinstinkte

Dafür hat sich Castorf den gleichnamigen, vorletzten Roman des Autors zugrunde gelegt: Céline beschreibt dort seine unbeholfene Flucht aus Frankreich 1944. In Begleitung seiner Frau, seiner Mätresse, seinem Schauspielerfreund, seinem Kater und dem unbändigen Zorn gegenüber seinen Verbündeten und Verfolgern bleibt er stecken, mitten im Bombenhagel um Brandenburg. Rundherum Nationalsozialisten, russische, polnische oder französische Kriegsgefangene. Ausnahmslos sind sie an der eigenen Lebenslust interessiert und haben dafür ihre animalischen Grundinstinkte salonfähig gemacht.

Sie treten dem Publikum als maßloser Körper an Form und Sprache gegenüber: Ein Pulk aus dreizehn Schauspielern und drei Musikern bevölkert die Bühne im Wiener Museumsquartier. Niemand von ihnen möchte den Céline geben, und doch sind sie alle ein Teil von ihm: die beiden Nazi-Schergen (Milan Peschel, Matthias Schweighöfer), die sich – mit Fistelstimme und in Frauenklamotten kostümiert – für den unbescholtenen Grenzübertritt vorbereiten möchten etwa oder jene Divengestalt (Annekathrin Bürger), die sich im Bombenhagel um die Passgenauigkeit ihres Badeanzugs sorgt oder auch der aufgekratzt röhrende Soldat (Lars Rudolph), der, scheint’s, die Betriebsanleitung für ordentliche Nazis verschluckt hat. "Servus trauernde Familie!" schreit er ins Nirgendwo.

Persönlichkeitssplitter

Diese Momentaufnahmen der ersten Stückminuten stellen entlehnte Versatzstücke derselben Persönlichkeit Célines dar. Später besetzt sie dauerhafter Bernhard Schütz und Milan Peschel. Sie entwickelt sich aber auch als Massenorgan zwischen den Figuren weiter. Zusammengehalten wird der Menschentross dabei vor allem vom gemeinsamen Hantieren mit dem Verschiebewaggon. Ein provokant aus der Holocaust-Geschichte entlehntes Requisit, das hier in die gewünschte Glückseeligkeit weiterfahren soll. In übermannsgroßen Lettern wurde das alleinige Reisemotto in den Bühnenhintergrund (Bühne: Bert Neumann) geschrieben: "die another day".

Für Regisseur und Texterarbeiter Castorf ist es typisch, solche Überforderungen auf der Bühne atmen zu lassen: Wenn Schauspielerstimmen im Tonteppich, im Sprachgewirr oder in Schrecksignalen untergehen, dann führt das irgendwann zu bestechend fokussierten Folgeszenen. Castorf kann sich dabei auf die großartige Leistung des Berliner Volksbühnen-Ensembles verlassen. Neben den oben genannten sind es: Young-Shin Kim, Irina Kastrinidis, Marc Hosemann, Silvia Rieger, Norbert Stöß, Michael Klobe, Sir Henry und Lore Richter. Gemäß der ausgerufenen "Grandguignolade", also der bewusst übersexuellen und blutrünstigen, kurz abgeschmackten Darstellungsweise, sind sie gehörig mit Eigensinn aufgetakelt und doch präzise in feinere inszenatorische Überlegungen gepasst.

Dabei hat sich in den Nebeneffekten der etwa dreieinhalbstündigen Performance ein Verständnis für die französische Ungestalt ausgebreitet. Wenn Hosemann den letzten Céline-Part in leer geräumter Bühne übernimmt und von emotionaler Wahrnehmung als Basis menschlicher Reaktion brabbelt, dann hat man Céline, dem emotional geleiteten Weltzerstörer, bereits einen Platz in eben dieser eingeräumt. Die Logik dahinter: Menschen sind wie Urtierchen – sie reagieren, wenn man sie berührt. Für diesen Céline im gellend-weißen Umfeld darf die Berührung "eine wirklich Aufsehen erregende Vergewaltigung, irgendwas Besonderes eben" sein. Klingt eigenartig? Fast hätte man es Castorf abgekauft.

 

Nord
nach Louis-Ferdinand Céline
Regie und Bearbeitung: Frank Castorf, Bühne und Kostüme: Bert Neumann.
Mit:Annekatrin Bürger, Frank Büttner, Irina Kastrinidis, Young-Shin Kim, Michael Klobe, Christoph Letkowski, Inka Löwendorf, Thorsten Merten, Milan Peschel, Trystan Pütter, Silvia Rieger, Lars Rudolph, Sir Henry, Herman Herrmann (Gitarre, Mandoline), Boris Jöns (Mandoline) und Ole Wulfers (Gitarre, Mandoline).

www.volksbuehne-berlin.de
www.festwochen.at

Kritikenrundschau

Margarete Affenzeller, die Theaterredakteurin des österreichischen Standard, ist in diesem Fall in der Berliner Zeitung (11.6.2007) zu lesen. Die Vorlage von Céline nennt sie einen "jeden Anflug von political correctness Lügen strafenden Prosaüberfall", für den es "Gaukler vom Schlage der Volksbühnenschauspieler" brauche. Und gegaukelt werde dann auch, allen voran vom "fabelhaft existenzialistisch aufgeladenen Milan Peschel". Was schon Spaß zu machen scheint. Aber: "Castorf stand noch nie im Ruf, Dinge zu entwirren, und so bleibt dieser Menschenhaufen an verzweifelten SS-Leuten, russischen Kriegsgefangenen, Zigeunern, Huren, Bibelforschern, Dorfbewohnern einfach nur ein Knäuel Zukunftsloser, die sich irgendwann ineinander auflösen".

In der taz (11.6.2007) erinnert Uwe Mattheiß daran, dass Frank Castorf "in der Betrachtung geschichtlicher Prozesse" bislang immer versucht habe, "die Perspektive der Verlierer synchron einzubeziehen, ohne sie sich anzueignen". In "Nord" jedoch mache er sich "gemein mit einem vor Selbst- und Fremdverachtung brüllenden Greis". Schauspielerisch sei daraus nur Plakatives entstanden: "Hacken zusammenknallen, Losbrüllen mit Pengpeng, Ratata und Célines atemlosen Auslassungspünktchen." Bert Neumanns Bühne rund um den Reichsbahnwaggon allerdings schaffe Bilder, die erst einmal verdaut werden wollen." Im Verlauf gewann die Inszenierung für Mattheiß dann aber doch theatrale Eigendynamik. "Der ganze Abend eine Implosion, aus der sich neue, rare Schönheit noch unscharf abzeichnet."

Rüdiger Schaper hält im Berliner Tagesspiegel (9.6.2007) den dicken Roman von Céline ("man liest sich schlapp") für "die genialisch-künstlerische Überhöhung einer ekligen Biografie". Bei Castorf rutsche sie "ins Skurrile, mehr ist es nicht." Die Inszenierung leide am Alter der Darsteller: "Es wird endlos gebrüllt, gehetzt, gerannt. Castorfs Körpertheater war immer ein Mehrkampf – einmalig und grandios, solange die Athleten den Wettbewerb beherrschten. Mittlerweile aber macht sich der Verschleiß bemerkbar." Dafür glaubt Schaper aber am Horizont schon eine neue Castorf-Etappe entdeckt zu haben: Die mystische Phase scheine vorüber zu sein, man spüre bereits Castorfs Sehnsucht nach Komödie.

Auch Karin Cerny sieht (in der Süddeutschen Zeitung, 9.6.2007) etwas zu Ende gehen: "Die Zeit der Großaufnahmen ist bei Frank Castorf vorbei. Die Körper müssen sich jetzt wieder ohne das Vergrößerungsglas der Handkamera durchsetzen. Kein Gesicht, an das wir herangezoomt werden, kein Innenraum, in den wir verstohlen und indirekt über Video hineingucken. Castorf will es wieder pur haben." Er klaue damit aber letztlich bei sich selbst. "Na und?", kommentiert Cerny. "Die Frage ist nur: Warum? Ist er auf der Suche nach der verlorenen Energie?" Gut möglich, dass Castorf – wie er selbst sagt – mit Céline den "dadaistischen Prügler und Kotzer" in sich entdeckt habe. Aber: "Castorf hat das Kotzen verlernt. Man erkennt noch den Würgeimpuls – aber es kommt nichts."

Norbert Mayer beginnt seine Kritik in Die Presse (9.6.2007) mit einem Gerücht: In einer Wiener Buchhandlung habe in dieser Woche die Assistenz von Frank Castorf nachgefragt, ob es etwas zur Biographie von Céline gebe. Mayer dazu: "Anscheinend ist man nicht fündig geworden. Bei der Premiere (...) blieben sowohl Céline als auch die Intentionen des Volksbühne-Chefs ein Rätsel." Denn die Handlung sei an diesem Abend "nicht nachvollziehbar". Ein "verschenkter Abend", findet Mayer, um dann – sehr unvermittelt – im selben Text Eric Hobsbawn zum 90. und Claus Peymann nachträglich zum 70. zu beglückwünschen (wir haben pünktlich gratuliert), der "nun ausgerechnet in Berlin in Rente" gehe.

Es sei kein "gefälliger Theaterabend" befindet Petra Rathmanner in der Wiener Zeitung (9.6.2007): "Chaos herrscht von Anfang an, und die Verwirrung nimmt im Lauf des Abends zu." Zudem sprächen die Schauspieler "häufig nicht mit-, sondern gegeneinander." Es werde gebrüllt, gekreischt, gekrächzt, geröchelt. Dennoch findet sie aber – erstaunlicherweise! – das Ensemble "bestens aufeinander abgestimmt", obwohl die Inszenierung "insgesamt etwas ermüdend" sei. Castorf nennt sie gleichwohl einen "fantastisch eigenwilligen Theatermacher".

"Tobenden Irrsinn, in den sich gelegentlich das Geknatter von Maschinenpistolen mischt", hat Roland Pohl (Der Standard vom 9.6.2007) erlebt. Nicht von ungefähr: In Célines Roman glimme eine "reichlich bizarre Erlösungssehnsucht". Sie enthalte auch den "Glutkern von Castorfs Überlegungen". Denn: "Es ist die Logik der Stellvertretung, die der Anarchist Castorf eindrucksvoll denunziert: Für jedes Verbrechen muss seit Heilands Zeiten ein Sündenbock herhalten. Folgerichtig gibt es auch keinen personal festgelegten "Céline" in dieser Inszenierung, die zum Aufregendsten gehört, was diese Festwochen bieten (...)." Dabei seien „die Volksbühnen-Schauspieler (...) noch immer die vergleichslos großartigen Entfesselungsartisten, die gegen Widerstände, über widrige Texte hinweg ein Ballett der Entäußerung veranstalten." Pohl ist begeistert: "Mit Castorfs Theater kann man seine Probleme haben. Hätten wir nur mehr solche."

Martin Lhotzky urteilt in der FAZ (9.6.2007) dagegen, Castorfs Fassung des Céline-Romans sei "abstrus genug, um der Vorlage gerecht zu werden". Man sehe das "übliche, höchst selbstreferenzielle Castorf-Ding während quälend langer drei Stunden". Alles sei "hurtig, hektisch und vor allem laut" inszeniert. "Fast jeder des runden Dutzend an Darstellern darf für ein paar Minuten Céline spielen, die Übersetzung lautet: In jedem von uns steckt ein Mitläufer." Lhotzky kommentiert dies abfällig: "Für diese rasend originelle Erkenntnis zahlt man selbstverständlich gerne mit einem Hörsturz." Das Schlüsselwort des Abends dürfte, so das Schlussurteil, "meschugge" gewesen sein.

Barbara Villiger Heilig schreibt in der NZZ (9.6.2007), man bekomme keine "Grandguignolade", sondern "Kasperltheater" zu sehen, "denn die kindische Freude am krachend Grobianischen ist vorrangiges Stilmerkmal." Dafür habe Bert Neumann "den perfekten Spielplatz" entworfen: "Im Zentrum steht ein Eisenbahnwaggon, der (...) die aus Büchergestellen gebaute vierte Wand (...) mit ungebremster Wucht rammt. Fortan wird über Bücher getrampelt, die als assoziationsreicher Trümmerhaufen im Lauf der Theaterschlacht von Sperrmüll überlagert werden." Schließlich möchte Castorf auf keinen Fall "korrekt" sein. "Eine monumentale Bilderorgie servieren Frank Castorf und Bert Neumann, wild, krass und augenblicksweise lyrisch. Diese Qualität des Abends ist gewaltig in jedem Sinn; sein ideeller Gehalt hingegen löst sich auf in dröhnende Leere."

"Dieser Abend ist eine einzige Überschreitung", meint Stephan Hilpold  in der Frankfurter Rundschau (9.6.2007). Neu auch für Castorf: Denn "die Worte stundenlang rausgebrüllt, gekrächzt und geröchelt" wurde bei ihm noch nie. "Von psychologischer Figurenzeichnung" sei er dabei "weiter weg als sonst". Vielmehr drehe sich diesmal alles um die Eruption. Die Schauspieler "hetzen, rotzen, kotzen und brüllen sich die Worte aus dem Leib". Schließlich sei es unmöglich, doziere der Schauspieler Marc Hosemann, heute einen Stil zu haben. "Castorf hat aus den Trümmern trotzdem einen gezogen. Einen hochgradig nervösen, nervigen, von anderen Schauspielern als der bewährten Volksbühnen-Crew kaum nachzuahmenden Stil." Man erlebe "einen Exzess, verstehen muss man das nicht. Mögen kann man es aber."

 

 
Kommentar schreiben