Historiendrama modern verstrickt

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 2. Mai 2009. Bekannt ist Marieluise Fleißer für ihre kritischen Volksstücke, die meist in ihrer bayerischen Heimat Ingolstadt spielen. Die 1901 geborene Schriftstellerin konnte aber auch ganz anders: "Karl Stuart" ist vor allem ein historisches Schauspiel, ein Königsdrama um Karl I., Enkelsohn der Maria Stuart und ab 1625 Herrscher über England, Schottland und Irland. Karls Krone fehlt Geld. Seit Jahren regiert er ohne Unterhaus, jetzt will er sich mit dem Parlament versöhnen. Das aber geht nicht auf seinen Plan ein, sondern verhaftet Karls engsten Vertrauten, den Grafen Strafford. Der König leidet, seine Frau Henrietta, die Prinzessin aus dem katholischen Frankreich, kann den Verlust – auch wenn sie sich noch so sehr bemüht – nicht ersetzen. Das Parlament will den König stürzen. Hier handelt jeder nur aus egoistischen Gründen. Fleißer schrieb das Stück um Krieg, Hinrichtungen im Namen der Gerechtigkeit und Machtmissbrauch während des Zweiten Weltkriegs. Erst jetzt, über 60 Jahre später, bringt es Philipp Preuss im Dortmunder Schauspiel zur Uraufführung.

Die biografische Begebenheit der engen Bekanntschaft Marieluise Fleißers mit Brecht, scheint den Regisseur nachdrücklich animiert zu haben. Er inszeniert kein Historiendrama, er thematisiert das Spielen auf dem Theater an sich. Der Verfremdungseffekt setzt gleich zu Beginn des Abends ein: Zwar stehen die Schauspieler in historischen Kostümen auf der Bühne, treten aber aus ihrer Rolle heraus, bevor sie die überhaupt einnehmen konnten. "Andreas" (das ist der Vorname des Karl-Darstellers), "kommst du?" Dann wirft Anne Breitfeld pretiös ihre Locken aus dem Gesicht und spricht mit französischem Akzent. Jetzt also spielt sie Königin Henrietta.

"Hier ist nichts Festes, Frau"

Was folgt, ist eine Vereindeutigung jeglicher Andeutungen der Autorin. Fleißer spürt die unmenschlichen Strukturen der Macht auf, beim König, der um ihretwillen Kriege führt, bei der Kirche, die mit ihrer Hilfe andere unterdrückt, bei den fanatischen Verfechtern der Demokratie. Die Schriftstellerin bearbeitet die großen Themen, andere ihrer Sätze aber weisen überraschend für kurze Momente ins eigenwillig Poetische. Karl: "Das macht, mich schwindelt oft. Ich halte mich an meinem Kummer ein. Es könnte sonst mich durch die Lüfte tragen ins Wesenlose. Hier ist nichts Festes, Frau. Alles ist hohl." Oder: "Ich bin verstrickt, daß ich, will ich mich ungebunden wenden, am Zerren den Strick merke, der meine Regung knapp macht."

Leider verschluckt die Inszenierung solche Stellen. Dafür verstricken sich die Schauspieler ganz anschaulich, nämlich in den Unmengen an Tonbändern, die auf der Bühne verteilt sind. Speichermaterial der Moderne, aus dem Anträge gelesen werden, in dem Gefangene aber auch versinken können wie im Moor.

In glitzernden, dichten Schwaden hängen die schwarzen Tonbänder von der Decke und geben Ramallah Aubrechts Bühne so einen Rahmen. Von oben ragt noch die Spitze eines riesigen Mikrofons oder eines Scheinwerfers vielleicht in diesen Raum. Ein Tonstudio? Ein Filmset? Preuss bringt das alles im Irgendwie zusammen.

Kirche raubt Handtasche

Für den Regisseur ist Fleißers Text vor allem ein Stück voller aktueller Bezüge, die er gnadenlos ausspielen lässt. Der Protest der politischen Gegner wird bei Matthias Heße (Pym) und Günther K. Harder (Lilburn) zum Wahlkampf-Happening mit bedruckten Luftballons und selbst komponierten Gitarren-Songs.

Superwahljahr, Abwrackprämie und Internet-Zensur werden in Form von Online-Kommentaren zum Thema "Deutschland und die Demokratie" verwurstet. Die Kirche (Bernhard Bauer) trägt knubbelige Narben im Gesicht als hätten all die Untaten, die in ihrem Namen stattfanden, ihre sichtbaren Spuren hinterlassen. Und geldgierig ist sie natürlich auch: Die Handtasche einer Zuschauerin reißt sie kurzerhand an sich.

König Karl dreht sich derweil gelangweilt auf seinem Schreibtischstuhl-Thron oder schwingt sich mit großer Geste den roten Samtmantel um. Andreas Vögler zeigt den Herrscher als schmollenden großen Jungen. Wie soll er das Leben auch ernst nehmen, wenn sogar das Gericht, das ihm später an den Kragen will, bloß noch die passenden Mundbewegungen zu einer Playback-Aufnahme formt und der Tod hier aus der Effektblut-Flasche kommt.

Fleißers antimilitaristischen und antiklerikalen Gestus treibt Preuss weiter bis ins Klamaukige. Und wie konsequent seine komödiantisch glänzenden Schauspieler das Konzept ausführen, zeigt eine Panne am Premierenabend. Nach jedem Akt schließt sich der Vorhang. Nur einmal gibt es einen Rumms und der Vorhang lässt sich nicht mehr öffnen. "Soziale Unruhen" sind gerade das Thema – wie passend. Die Überleitung funktioniert, zwei Techniker halten fortan den Vorhang beiseite und die Schauspieler beglückwünschen sich zu gelungener Improvisationsleistung. Zu Recht. Nur von der kunstvollen Nüchternheit des uraufgeführten Stücks ist nicht viel übrig geblieben. Da birgt die viele Verfremdung einen Entfremdungseffekt.

 

Karl Stuart (UA)
von Marieluise Fleißer
Regie: Philipp Preuss, Ausstattung: Ramallah Aubrecht. Mit: Andreas Vögler, Anne Breitfeld, Christian Higer, Bernhard Bauer, Matthias Hesse, Günther K. Harder, Alexander Gier.

www.theaterdo.de

 

Zuletzt besprach nachtkritik.de aus Dortmund Kathrin Rögglas worst case, inszeniert von Hermann Schmidt-Rahmer.

 

Kritikenrundschau

Regisseur Philipp Preuss wage angesichts von Marieluise Fleißers erstmals aufgeführtem Stück "Karl Stuart" "den Ausbruch nach vorn, ins Eigenständige, Kontroverse, durchaus auch Schwierige", schreibt Nadine Albach in der Westfälischen Rundschau (3.5.). Fleißers Nüchternheit setze er "abgedrehte Rasanz" entgegen und zeige Menschen, "die, ob Aristokrat oder Parlamentarier, mit allen Mitteln Macht wollen und sich von ihr korrumpieren lassen". Dabei zwinge er den Zuschauer "in permanente Reflektion", indem er die Schauspieler aus den Rollen treten, improvisieren, Zuschauer ansprechen, Passagen wiederholen und sich "über die Situation oder das Theater selbst lustig" machen lässt. Diese Brechungen seien jedoch "nicht reiner Selbstzweck", sondern würden von Preuss zum "Parforce-Ritt durch die Zeiten" genutzt. Die Inszenierung sei "so voller Andeutungen, dass sie zu kopflastig werden könnte – würde dem nicht ein gut aufgelegtes Ensemble entgegensteuern". Besonders Andreas Vögler, Günther K. Harder und Matthias Hesse steuerten "durch Improvisation und Situationskomik einen überdrehten Witz" bei, "der die Abgründe abfedert". Fazit: "Humor und Hirn, spannend vereint."

Auch Andreas Schröter von den Ruhr Nachrichten (4.5.) schreibt von den überall in diesem Theaterabend auftauchenden Brechungen. Da sei vieles "Theater über das Theater". Die Panne mit dem Vorhang, der sich eine Viertelstunde vor der Pause nicht mehr öffnen lässt, bezögen die Darsteller ebenfalls "geschickt in ihr Spiel ein und beweisen Improvisationstalent". Bei den der Gegenwart entnommenen Anspielungen, wie etwa Zitaten aus Internet-Foren über Macht und Demokratie, ergebe sich nicht immer ein "stimmiger Bezug zum 17. Jahrhundert". Insgesamt eine Inszenierung, "die durchaus gelungene Einzelszenen hat, aber letztlich kein geschlossenes Ganzes ergibt". Der Rezensent wünscht sich Kürzungen.

Preuss zeige das Ganze von Anfang als "abgekartetes Spiel", meint Achim Lettmann im Westfälischen Anzeiger (3.5.). "Hier wird nichts aus dem Moment entwickelt, hier ist alles schon mal dagewesen. Der König, der Krieg führt. Die Kirche, die mitmacht." Undsoweiter. Vögler spiele dem Karl "launig, selbstgefällig. Ein Mann ohne Format, aber einem Eigensinn, der ihn zum Aktionismus verhilft. Showtime. Er reagiert, wie es Könige immer getan haben: Sie sind Figuren im Machtspiel". Dabei setze der Regisseur "auf Parallelen zu unserer Zeit". "Fleißers persönliche Dimension", die Stück-Entstehung in der NS-Zeit, werde in dieser Uraufführung "nicht spürbar". Stattdessen setze Preuss die Bühne "als aufklärerische Anstalt in Szene" und stilisiere das Königsdrama zum "Polittheater". Seine "Systemkritik fußt auf einer Desillusionierung. Auch die Königsgegner (...) ergehen sich in Hohlformen". Im zweiten Teil werde "Preuss' Politstoff" dann dünner, was aber nicht am "erstklassigen Ensemble" liege.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.5.) gibt Andreas Rossmann zu Bedenken, dass "Karl Stuart" bislang vielleicht einfach als nicht gut genug betrachtet wurde, um es aufzuführen. Vielleicht wollte man das Werk der Marieluise Fleißer durch eine Aufführung nicht schmälern. Wer also "dennoch meint", es aufführen zu müssen, "sollte triftige Gründe haben". Die Inszenierung von Philipp Preuss weise diese triftigen Gründe nicht auf, offensichtlich handele es sich um eine Spekulation auf die öffentliche Aufmerksamkeit. "Dem Kampf um Macht und Glaube, Monarchie und Parlamentarismus, in dem sich Karl taktierend und lavierend um Kopf und Kragen bringt, fehlt es, … an spielerischem Potential, um daran zeitgenössische Fragen der Politik zu verhandeln." Konstruktion und Diktion wirkten "bemüht, nur epigrammatisch blitzt die Sprachkraft der Volksstücke auf". Dabei begriff Fleißer ihr Stücknicht als Historiendrama, sondern als aus den zwölf Jahren der Nazizeit "herausgewachsen". Von den Schwierigkeiten allerdings , die auch Fleißer hatte, "den entlegenen Stoff für die Gegenwart zu erschließen", lasse die Dortmunder Aufführung nichts spüren, schreibt Rossmann. Der Regisseur Philipp Preuss gebe das "Thema Macht und Machtmissbrauch" für "allzeit aktuell aus" und so liest man auf dem Vorhang "London 1641, Ingolstadt 2009, Dortmund 1944". "Strafford reicht den Zuschauern … Schnapsgläser mit 'Schottenblut', Pym strampelt als Kleinbürger im grauen Zweireiher, und Lilburn klampft auf der Gitarre, bis er sie zerschlägt." Luftballons, Popsongs, Firmen-Bilanzen, Online-Kommentare würden zitiert. Die "Leiche eines Stücks" werde hier unter "Klamauk begraben".

 

 

 
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