Ein schwarzer Kopf und zwei weiße Hände

von Elena Philipp

Berlin, 1. Juli 2009. Zwei Texte, ein Abend – Maxim Gorki Theater goes postcolonial. Die Straßentheatergruppe Tablado de Arruar aus São Paulo und eine deutsche Truppe mit Stadt- und Staatstheaterhintergrund um den Regisseur Tilmann Köhler zeigen einen Zwischenstand ihres dreijährigen Kooperationsvorhabens. 2008 wurde in São Paulo eine erste Aufführung präsentiert, 2010 wird das Projekt noch einmal in der brasilianischen Metropole sowie in Dresden gastieren. Stationen einer Annäherung zweier Kulturen, die ihr postkoloniales Verhältnis feinjustieren wollen.

Alexandre Dal Farra und Tine Rahel Völcker haben für die Berliner Aufführung auf Grundlage des Medea-Mythos zwei diskursdurchwobene Texte verfasst, in denen alte Machtverhältnisse nachwirken. "Zu einem weißen Kopf gehören zwei schwarze Hände", formuliert Völcker die gegenseitige Abhängigkeit. Ist es wirtschaftlich ganz klar, wer seine Haut zu Markte tragen muss, so ist die persönliche Rollengestaltung weit komplizierter.

Alte Machtverhältnisse, komplizierte Rollengestaltung

Völckers Glauke (Antje Trautmann), die europäische Antagonistin der brasilianischen Medea, weiß nur zu gut, dass sie nicht mehr viel zu melden hat: "Und das schwarze Mädchen kennt meine Angst. ... Ich hör wie sie sagen: was soll man nur mit euch anfangen mit euch durchsichtigen Angsthasen." Aber auch Medea (Alexandra Tavarez) muss ihre Rolle aushandeln.

Ihr Sohn (Clayton Mariano), eifrig auf europäische Etikette bedacht und voll Scham, weil er Müll sammelt, findet ihr Verhalten unangemessen. Was sie tut? "Ich lache. Mit mir. Über die Dinge. Wie ein Europäer. Im Einvernehmen. Verschwörerisch. Wie einer den andern ungefragt achtet." Ihr Lachen, ihr dunkles Gesicht veranlasst die furchtsamen Weißhäuter jedoch zu panischer Flucht, wie sie amüsiert berichtet. Die bedrohliche 'Schwarze' – ohne Stereotype kommt die Wahrnehmung des anderen offenbar nicht aus.

Tilmann Köhler betont die kulturellen Klischees und neutralisiert sie zugleich, indem er sie in seiner Inszenierung theatral überdreht. Besonders die Sprachbarriere hat es ihm angetan: Medeas Sohn übersetzt die Worte seiner Mutter für das Publikum aus dem Portugiesischen und wird dabei von einer Vierergruppe in Regenmäntel gekleideter Überwacher mit zunehmender Aggression sprachlich auf Vordermann gebracht: "Auf Deutsch", fordern sie, wenn er Englisch spricht, "deutlich!" bellen sie.

Überwindung der Sprach- und Denkbarrieren

Dann wechseln die Rollen, und der Sohn darf die vier Figuren fordern. Wie in der Sprachschule nebeneinander aufgereiht, müssen sie ein Textfragment von Völcker auf Deutsch vorlesen – den Monolog einer "weißen Stimme", die die Arbeitswilligkeit der Brasilianer lobt. Wer falsch betont, bekommt einen Klaps auf den Kopf und muss den Satz wiederholen. Minutenlang kann man sich über die rhythmisch sorgfältig austarierte Textverlesung amüsieren, weil ein deutsches Wort ums andere herrlich absurd klingt – "hübsch" wie ausgespuckt, "Schweizer" wie Schwarzer ("Ich hasse Deutschland. ... Ich sag, ich bin Schweizer").

Konzentriert sich Völcker in ihrem Text auf die beiden Sprecherinnen und die Tragik der schuldigen Kolonialerben, reduziert Köhler seine Inszenierung auf die Sprachebene. Mit dem Mutter-Sohn-Konflikt eröffnet er den Szenenreigen, mit einer Spielszene beendet er ihn. Vitor Vieira, Lígia de Oliveira und Kai Meyer werden von den übrigen Darstellern als Puppen ausstaffiert und bewegt. Sie kratzen sich, wackeln verrückt mit dem Kopf und behalten die Bewegungsrituale bei, auch als sie von den Puppenspielern sich selbst überlassen werden – perfekte Marionetten.

Wo nichts verfallen kann

Vor Völcker wird an dem Abend Dal Farra gegeben. Ein metallener Frachtcontainer. Koffer krachen auf die Bühne, acht namenlose Menschen taumeln ins Scheinwerferlicht. Auf der Reise, auf der Suche – "Die [neuen] Argonauten", ausgezogen, das Goldene Vlies zu finden, dort, wo für die Europäer schon einmal Eldorado lag: in Südamerika. "A" (Clayton Mariano) nimmt Tuchfühlung mit den Eingeborenen oder vielmehr einer Einwohnerin auf. "B" (Vitor Vieira) will für die Revolution kämpfen, "SIE" (Martha Kiss) fordert das goldene Fell.

Autor Alexandre Dal Farra sendet die drei aus dem sterbenden Kontinent Europa per leck geschlagenem Boot gen Südamerika, wo "nichts verfallen kann, weil nie etwas wirklich fest auf den Beinen stand". Dal Farras Vorlage wird gegen Ende pathetisch – die Suchenden lernen das wirklich Wichtige zu schätzen: zwischenmenschliche Beziehungen. Doch meist ist das Stück recht klamaukig, was Köhler und seine Gruppe nutzen, um die Stimmung im Zuschauerraum anzufeuern.

Das Goldene Vlies ist ein Flokatimantel

Felipe Riquelme und Martha Kiss schaukeln sich in einer Verführungsszene zur Knallchargen-Persiflage hoch – er grunzt, schmachtet und wirbt mit großer Geste. Ein fast babylonischer Sprachmix beherrscht die Bühne – "die Suche bring us here", "tu as peur, Frosch" –, Samba wird getanzt und "O Haupt voll Blut und Wunden" intoniert. Auf den Koffern lässt sich surfen, bei einer Party dienen die großen Exemplare als Hocker, die kleinen markieren die Cocktailgläser, über die Köpfe gehalten, stellen sie die auf der Wasseroberfläche treibenden Gepäckstücke nach dem Sinken des Bootes dar.

Ein besonderer Publikumserfolg ist die Berlin-Szene: Die Gäste auf dem Spreeboot – rechts ein Museum, links die Museumsinsel, links ein Museum, rechts eine Galerie, noch ein Museum, da hinten eine zeitgenössische Galerie – aaah! Döner bitte. Hallo! Der Koffer – original GDR? Yes, yes, original. Berlin macht Spaß – doch dieser Zustand ist prekär. Die türkische Putzfrau (Lígia de Oliveira), die das Goldene Vlies, einen Flokati-Mantel, von der Straße aufgelesen hat, gibt die Kassandra: "Das Leben hier ist leicht – although I don't know how long it will last." Insgesamt eine Projektpräsentation mit einigem Tiefgang.


Haut aus Gold
"Die neuen Argonauten" von Alexandre Dal Farra und "Medea und Glauke. 11 Kolonialskizzen" von Tine Rahel Völcker
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Gilvan Coelho de Oliveira, Musik: Jörg-Martin Wagner.
Mit: Martha Kiss, Ligia de Oliveira, Alexandra Tavarez, Antje Trautmann, Clayton Mariano, Kai Meyer, Felipe Riquelme, Vitor Vieira.

www.gorki.de


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