Der lange Weg in die Pensionszeit

von Elena Philipp

Berlin, 19. Dezember 2009. Regisseur und Intendant Claus Peymann ließ im Interview mit einer Berliner Lokalzeitung am 11. Dezember wissen, warum er Carlo Goldonis 1761 entstandene "Trilogie der schönen Ferienzeit" als Stück zur Krise wählte: "Eine Gesellschaft, die auf Pump lebt, alle sind bankrott, alles kracht zusammen – das kommt mir alles sehr aktuell vor". Wohl gesprochen. Doch zu sehen ist von der Aktualität in den ganzen vier Stunden: nichts.

Ein sommerlich durchsonnter Salon mit pinkfarbenen Wänden und einem imposanten Spiegel. Italienische Oper im Hintergrund, ein befrackter Diener (Martin Schneider), der den Koffer seiner Herrschaft packt. Es geht in die Sommerfrische. Auftritt Leonardo (Lucas Prisor) aus der linken von zwei Türen: nackt. Der junge Herr beliebte zu saunen. Noch rasch einige Liegestützen mit blankem Gemächt, die im Parkett zu Erstickungsanfällen führen, ein paar Dehnübungen, und Leonardo ist bereit. Er will Giacinta (Katharina Susewind) gewinnen, Erz-Rivalin seiner Schwester Victoria (Marina Senckel) und Tochter des vermögenden Filippo (Martin Seifert).

Ökonomie und Emotion

Er liebt sie, und er braucht sie: ihre Mitgift soll ihn vor dem Bankrott bewahren. Die Sommerferien, sie sind so teuer! Prisor wirft seine Hände in die Höhe, läuft hektisch auf und ab, fast meint man, ihn mit den Augen rollen zu sehen. Wer vor den anderen Reisenden gesellschaftlich bestehen möchte, braucht Champagner, Schokolade und Trüffel. Oder das It-Kleid der Saison, in diesem Fall "einMariage", ohne das Victoria sich abzureisen weigert, weil Giacinta auch schon eines hat. Geordert wird jetzt, bezahlt wird später. Der Luxus auf Pump ist eine Investition, Anzahlung für ein lukratives Geschäft: die Heirat. Ökonomie und Emotion sind in Goldonis Komödien-Trilogie aufs Engste verschränkt.

Gier, Selbstüberschätzung, Leichtfertigkeit – Vieles von dem, was der Managerkaste im Zuge der Finanzkrise angelastet wurde, ist in Goldonis Figuren angelegt. Der Schmarotzer Ferdinando (Christopher Nell) etwa bandelt mit Giacintas Tante Sabina an, einer steinreichen, uralten Witwe auf Männerfang. Carmen-Maja Antoni spielt sie mit lockend rotem Mund und wippenden Löckchen. Sie lässt den jungen Gecken in ihrem Dekolleté wühlen und seufzt begeistert den noch jüngeren Tognino (Winfried Goos) an. Ein Lacherfolg. Ferdinando würde sie heiraten – Nell mit schmierigem Bärtchen deutet auf Knien einen Antrag an –, doch die Bedingung ist eine Schenkung der reichen Alten an ihn. Ferdinando hat sich bei den Sommergästen durchgefressen, und er will mehr, mehr, mehr. Sabina ist entrüstet und mit ihr weite Teile des an diesem Abend sympathetischen Publikums im Berliner Ensemble, das jede Umbaupause für einen Zwischenapplaus nutzt.

In die Gesellschaft hineinschlagen

Am Schluss gewinnt Leonardo Giacintas Hand, doch nicht ihr Herz – und nicht die Mitgift, denn Filippo ist so pleite wie sein Schwiegersohn. Die hohen Erwartungen sind enttäuscht, alle haben, was sie wollten, und sind doch unglücklicher als zuvor. Es regnet in den Salon, der Spiegel ist zerbrochen.

Die Gier also, der Neid, der Wettbewerb. Das ist die noch heute gültige Ebene der Trilogie. Die emotionale Mäßigung von Giacinta, einer verblüffend unabhängig gezeichneten Frauenfigur. Die Ehrvorstellungen des 18. Jahrhunderts jedoch, die Probleme von reichen Familien vor 250 Jahren – das kann Peymann nicht mit "aktuell" gemeint haben. Um gesellschaftliche Wirkung zu entfalten, wie er es sich im oben genannten Interview selbst auf die Agenda gesetzt hat – "der große komplexe Griff, dass Theater aus der Mitte der Gesellschaft in diese hineinschlägt" –, bräuchte es eine irgendwie geartete Vorstellung oder Darstellung von Gesellschaft, ein Anliegen, einen Interpretationsansatz. Doch: nichts davon.

Brav wird vom Blatt gespielt, jedes Goldoni-Wort müssen die sechzehn Darsteller mit einer extragroßen, das Gesagte verdoppelnden Geste über die Rampe servieren und mit forcierter Körperaktion auf Boulevardkomik trimmen. Dazu kommt eine Prise Altherren-Schlüpfrigkeit, wenn die Damen ihre Röcke lupfen. Dieser Komödien-Klippklapp wirkt zeit-, ort- und leblos: Weder die Spielweise, noch die Sprache oder die Kulissen verweisen auf irgendeine Realität jenseits ihrer selbst.

Trauerspiel

Auch die Kostüme (Wicke Naujoks), die im ersten Teil pink, in der "schönen Ferienzeit" weiß und bei der Rückkehr schwarz sind, ermöglichen über die Farbigkeit hinaus keinen Interpretationsansatz: Mafiosi-Schick und altertümlicher Morgenrock, Samtkleid und Aerobic-Style, alles ist möglich. Nur ein Hinweis auf acht Prozent Kreditzinsen und die Victoria-Beckham-Frisur von Marina Senckel haben sich als Reminiszenz an eine Welt außerhalb des Theaters in die Spielfassung von Jutta Ferbers und Hermann Beil bzw. die Peymann'sche Umsetzung geschlichen.

Provokation à la Peymann bedeutet, dass Ferdinando rülpst und die Zofe Brigida (Ursula Höpfner-Tabori) pikiert schaut. Unglaublich. Das ist der Mann, der vor zehn Jahren seine Intendanz am Berliner Ensemble mit dem Anspruch antrat, der "Stachel im Arsch der Mächtigen" zu sein? Mag ihm diese Aussage wie ein Mühlstein um den Hals hängen, seinen Großmachtanspruch scheint er noch nicht aufgegeben zu haben. "Das Lustspiel über Menschen, die über ihre Möglichkeiten leben – emotional und finanziell", heißt es in der BE-Ankündigung zur Premiere. Und das Trauerspiel über einen Theatermenschen, der seine Fähigkeit zur Selbsteinschätzung verloren zu haben scheint. Vier vergeudete Stunden.

 

Trilogie der schönen Ferienzeit
von Carlo Goldoni
Inszenierung: Claus Peymann, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Wicke Naujoks.
Mit: Carmen-Maja Antoni, Christina Drechsler, Anna Graenzer, Ursula Höpfner-Tabori, Corinna Kirchhoff, Marina Senckel; Winfried Goos, Boris Jacoby, Manfred Karge, Christopher Nell, Lucas Prisor, Martin Schneider, Martin Seifert, Sabin Tambrea, Georgios Tsivanoglou.

www.berliner-ensemble.de

 

Mehr zu Claus Peymann: über seine Zukunft am Berliner Ensemble; seine Auseinandersetzung mit Hausbesitzer Rolf Hochhuth; seinen Fernsehauftritt beim Theatertreffen 2009; seine Inszenierung von Frühlings Erwachen im Dezember 2008 im Berliner Ensemble.

 

Kritikenrundschau

"Peymann zeigt die hochgradig verschuldeten Sommergäste keineswegs als italienisch temperamentvolle Versammlung von Hasardeuren, sondern zumeist als gemütlich-larmoyante Spießer, die sich in getragenem Tempo durch ihre Sehnsüchte, Zukunftspläne und Zahlungsunfähigkeiten schwindeln", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.12.) und schließt ihren Text mit dem Fazit: "Selbst wenn sich in Goldonis Trilogie vorwiegend Luftikusse und Hochstapler in viel zu langen Ferien tummeln, die sie sich gar nicht leisten können - so hausbacken und langweilig wie Peymanns vierstündige Inszenierung sind sie jedenfalls nicht."

Im Tagesspiegel (21.12) wird Andreas Schäfer mit Blick auf Claus Peymanns Goldoni-Inszenierung "Trilogie der schönen Ferienzeit" am Berliner Ensemble von Entsetzen, ja von Abscheu gepackt: "Viereinhalb Stunden sitzt der Zuschauer in einer erlesen ausgestatteten Altherrenfantasie, gewissermaßen in Peymanns persönlicher Peepshow. Dass Peymann immer genüsslicher blutjunge Schauspieler und Schauspielerinnen besetzt, lässt sich schon länger beobachten. Dieser Abend aber wagt sich tief ins Lüstern-Unappetitliche hinein. Dabei müssen keine Genitalien mehr entblößt werden, allein die Körpersprache, mit der die jungen Schauspieler auf die Klamauktube drücken, hat etwas Pornografisches, nicht zu reden von der dauererregten Stimmlage." Nur Carmen-Maja Antoni und Corinna Kirchhof erinnerten mit "bewunderungswürdiger Fassung" daran, "wie ein Theater aussehen könnte, das diesen Namen verdient".

Für Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (21.12.) haben sich in Peymanns Aufführung über weite Strecken "mit großer Zuverlässigkeit die dunkelsten Ahnungen" erfüllt, "die einem die Vorurteilsfreude eingibt bei der Kombination von deutschem Bums- und Ranschmeißtheater mit italienischer Komödie." Neunzig Prozent der Figuren seien "debil und persönlichkeitsgestört – zur Type plattgebügelt. Sie machen gerade das, was Goldoni an der Commedia dell'arte überwinden wollte: Sie zeigen keine komplexen Charaktere, sondern sie karikieren Charaktereigenschaften wie Eifersucht, Geilheit, Eitelkeit, Gier, Übellaunigkeit, Strenge und Dummheit in vielen Varianten." Und das täten sie auch noch "viel zu langsam und viel zu sehr um Deutlichkeit bemüht." Dass es dennoch rührende Momente gebe, liege an Katharina Susewinds Giacinta, bei der "der tragische Zwiespalt zwischen Moral und Gefühl kenntlich" werde, "und zwar gerade vor dem Hintergrund dieser hanebüchenen Inszenierung".

Gegen den Kritikerstrom schwimmt Hans-Dieter Schütt im Neuen Deutschland (21.12.) mit einer freundlich-warmherzigen Sicht auf Peymann an: "Seine Regie greift nicht zu, sie lehnt sich eher zurück und sichert den Raum ab, den sich Schauspieler nehmen mögen für ein Spiel, von Einfällen unbedrängt. Dies Gemächliche, Blanke, Unaufgeregte inmitten des vordergründig Lustigen mag man bieder nennen – Peymann nimmt das Stück, er nimmt es nicht bloß als einen Anlass. Wer mit seinem eigenen Witz-Verständnis in einen nicht gar zu großen Widerspruch gerät zu jener Geradlinigkeit dieses Regisseurs, die in Altersmilde überging – der wird nach vier Stunden als Belohnter gehen. Theater in der Balance von Gaukelspaß und maßbetontem Grimm; noch im satirischen Zugriff: gütiges Erbarmen." Und auch das Ensemble erhält Lob: Peymanns spielende Truppe erweise "sich erneut als Mischung aus Stützen des Hauses, großartigen Gästen und immer wieder jungen Darstellern, die Peymann präzise, glaubwürdig in die Kontur führt." 

Peymann, schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (23.12.), demonstriere "seine Form von Altherrentheater". Goldonis "Trilogie der schönen Ferienzeit" sei eine Satire gewesen "auf die Theokratie der Falschheit seiner Epoche"; doch sei dem Stück "nicht dadurch geholfen", dass man es "im falschen Ton und rosa Ambiente eines pseudobarocken Plüschkragentheaters" aufführe. Peymann unterhalte leider "ein geradezu pornographisches Verhältnis zum Humor". Alles müsse "ausagiert und in Großaufnahme gefühlt sein, alle Erregungen kommen sofort zur Sache", der Zuschauer müsse "umstandslos" kapieren, worum es geht. Der Regisseur habe "seinen Darstellern jedes Vertrauen in die Intelligenz ihrer Figuren ausgetrieben", und "Fünfziger-Jahre-Heimatfilme" seien "frauenbewegt" gegen "die Art, wie Peymann Rollenklischees reproduziert". "Hysterische Zickenkriege", alte Frauen, "deren Notgeilheit sie zum Feind des Denkens macht", oder "kaugummikauende Lolitas" bevölkerten einen "Patriarchen-Kosmos". Eine "trampelnde, laute, durchsichtige und keine einzige Sekunde komische Arbeit", die weniger von der "bankrotten Moral einer Konsumgesellschaft" als vom "Bankrott eines Regisseurs" erzähle.

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