Wenn da nur nicht diese Menschen wären

von Christoph Fellmann

Zürich, 9. Januar 2010. Es ist einer der schönsten Momente in Franz Kafkas "Verwandlung": Der zum Käfer gewordene Gregor Samsa realisiert, was für ein utopisches Potenzial in dem steckt, was ihm da widerfahren ist. Eben war er noch ein fleissig kuschendes Arbeitstierchen unter der Fuchtel eines Provinzprokuristen. Jetzt nutzt er den Tag für ausgiebige Spaziergänge an den Zimmerwänden, und faul an der Decke hängend, verspürt er eine "fast glückliche Zerstreutheit".

Wenn da nur nicht immer noch diese Menschen wären, die jenseits der Zimmertür hausen. Wenn da nur nicht Gregor Samsas Familie wäre. Sie ist es, die den Sohn und Bruder, der doch nur ein harmloser Käfer ist, erst zum Monster macht. Nina Mattenklotz, die Kafkas berühmte Erzählung in der Kammer des Zürcher Schauspielhauses zeigt, spürt genau diesem Prozess nach.

Drei Normalmonster von nebenan

Es ist darum ein kluger und tragender Einfall, nicht Gregor Samsa, sondern dessen Vater, Mutter und Schwester zu verwandeln. Bald stehen sie mit übergrossen Maskenköpfen da. So warten sie, bis sich das Problem im Nebenzimmer erledigt hat, helfen hie und da ein wenig nach, erleiden auch gelegentliche Skrupel und freuen sich am Ende doch, dass der Käfer tot und die Tochter damit endlich heiratsfähig ist. Drei Normalomonster von nebenan, im Prinzip unschuldig, aber wer ist das nicht. Drei Gutmeinende, aber auch Unheilvolle.

Allerdings landet die Regie dabei zu schnell bei der Kleinbürgerdenunziation. Die Masken geben den Menschen einen leicht retardierten Eindruck, und natürlich wird in diesem Haushalt ausgiebig gestrickt, gierig mit Geld gewedelt und der Tee aus einem biederen Kännlein heraus verleert. Jaja, genau so sieht es aus, wo die Feigheit wohnt und Geräusche aus dem Nebenzimmer zunehmend mit "Mach doch die Tür zu, Grete" beantwortet werden.

Diabolischer Schlusspunkt

Interessanter sind da schon die Szenen, in denen Nina Mattenklotz die Not sichtbar macht, die in so einer "Familienpflicht" steckt, "zu dulden, nur zu dulden". Dann hocken Vater, Mutter und Schwester ziel- und ratlos vor Gregors Zimmer, eine Familie, die durch das seltsame Ereignis schlicht zum Stillstand gebracht worden ist: "Was für ein stilles Leben diese Familie nun führte." Diese fast reg- und tonlosen Minuten sind die stärksten des Abends.

Und Gregor Samsa? Der bleibt in dieser Inszenierung ganz Mensch, ja, wird es gemessen an seiner wachsenden Nacktheit immer mehr. Leider vertraut Nina Mattenklotz ihrer Idee dann doch nicht ganz, die Verwandlung der Hauptfigur nur über die Verwandlung seiner Umgebung zu spiegeln. Und so muss Sean McDonagh seinen Gregor Samsa dann im etwas penetrant jammernden Tonfall, später sogar als eminenten Schmerzensmann spielen.

Hätte er doch statt Psychologie nur Natur spielen dürfen: Was dann möglich gewesen wäre, zeigte McDonagh erst, als sein Gregor Samsa schon tot war. Da setzte er seiner Familie nochmals die Masken auf und registrierte staunend, ja leicht belustigt, mit welch unbedacht lieblosen Worten seine Nächsten ins normale Leben zurückkehrten. Es war ein diabolischer Schlusspunkt hinter einen etwas unentschlossenen Abend.



Die Verwandlung
nach Franz Kafka
Regie: Nina Mattenklotz, Bühne: Silke Rudolph, Kostüme: Lena Hiebel, Dramaturgie: Katja Hagedorn und Meike Sasse. Mit: Franziska Machens, Sean McDonagh, Nicolas Rosat, Cathrin Störmer.

www.schauspielhaus.ch


Mehr lesen über Kafkas Verwandlung im nachtkritik-Archiv. Im Oktober 2009 setzte der italienische Theatermacher Antonio Latella Die Verwandlung und andere Erzählungen Franz Kafkas am Schauspiel Köln in Szene.

 

Kritikenrundschau

Der Familie Samsa sei "die Verkäferung schon im Namen eingeschrieben", schreibt Tobias Hoffmann in der Neuen Zürcher Zeitung (11.1.) und fragt, wie man Kafkas "narrativen Kunststück in einer Theaterfassung Paroli bieten" solle. Regisseurin Nina Mattenklotz entscheide sich "für eine Verlagerung der Metaphorik", der Gregor-Darsteller Sean McDonagh "verkörpert eine leidende menschliche Kreatur, ohne stimmliche oder körpersprachliche Käfereien". Sichtbar würden Vater, Mutter und Schwester auf der Bühne verwandelt: "Wasserkopfähnliche Masken machen ihre archetypischen Funktionen des Tyrannen, der Dulderin und der Verführerin sichtbar, betonen aber auch ihre depressive Erstarrung. Dem Zerfall der Familie entspricht der Zerfall der anfangs noch durch ein vielstimmiges Erzählen bestimmten dramatischen Struktur."

 

 
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