Zahm, albern und durchgeknallt

von Andreas Klaeui

Zürich, 14. Januar 2010. Ist er zahm geworden? Bei allen exzessiv über mehr als fünf Stunden ausgebreiteten Castorfschen Formmerkmalen, beim ganzen Anspielungsreichtum, allen Ausschweifungen im freien Assoziieren, blitzartig erhellenden oder auch nur albernen Kurzschlüssen: Dieser Zürcher "Hofmeister" wirkt übers Ganze doch nur wie vom Blatt gespielt. Liegt es an der Vorlage, die in sich derart divergierend in tausend Teile zerbirst, dass jede Regieanstrengung sie nur mühsam zusammenzuhalten versuchen kann?

Jakob Michael Reinhold Lenz' "Hofmeister" ist eine – grandios! –  krude und karikaturale Tragikomödie um einen Hauslehrer, "Hofmeister", mit dem sprechenden Namen "Läuffer": ein Läufer, das war zu Lenz' Zeiten ein Lakai.

Zwischen Kastration und Zähnestochern

Er muss dem ungeratenen Sohn eines cholerischen Majors Bildung und Manieren beibringen, macht statt dessen Gustchen, der Tochter des Hauses, ein Kind, sie müsste aber Graf Wermuth heiraten, Cousin Fritz, der Gustchen auch liebt, sitzt derweil wegen einer Studentendummheit im Gefängnis, sie will sich ertränken, Wermuth kann nicht schwimmen, Läuffer kastriert sich, was ihm dann doch auch wieder leid tut – nun gut, ein Lotteriegewinn macht der Sache zuletzt ein leidliches Ende; dreifache Hochzeit. Neben der Malaise der Privaterziehung werden beiläufig auch die verderblichen Einflüsse des Zähnestocherns besprochen, zum Beispiel, oder die Vorzüge des Tabagismus.

Der Untertitel "Vorteile der Privaterziehung" ist natürlich blanke Ironie, Lenz verdingte sich selber als Hauslehrer und litt darunter; eine biografische Lesart liegt also auf der Hand, und natürlich zieht Castorf zusätzliche Materialien hinzu: namentlich Büchners einschlägige Novelle ("Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg …"), Lenz’ eigene Goethe-Satire "Pandaemonium Germanicum", die Rihm-Oper "Lenz", die Castorf schon in Wien inszenierte, und "Die Schlacht" von Heiner Müller.

Teutsche Misere zwischen Rüben und Stroh

Blau-weiß-rot liegen die Farben der Aufklärung auf Hartmut Meyers eleganter Bühne in Stoffbahnen ausgelegt; zwischen Rüben, über die man immerfort drollig jonglieren muss, und Stroh zum Dreschen.

Frank Castorf interessiert sich vor allem für die komischen Aspekte der Tragikomödie – will sagen, er lässt die Tragik lediglich in kurzen Momenten aufblitzen, der Rest ist mehr oder weniger distanziert präsentiertes, mehr oder weniger albernes Lustspiel.

Die wahre Tragödie ortet Castorf in den ideologischen Folgen: Wenn die Revolutionsführerin Marianne, als Büste noch heute in jedem französischen Schulzimmer präsent, mit entblößter Brust ganz wie auf dem ikonischen Gemälde von Delacroix das Volk anführt – aber in SA-Uniform und, "Die Fahne hoch!", mit Hakenkreuz. Da kommt Heiner Müller ins Spiel, Frontlinien des Zweiten Weltkriegs überblenden eine griechisch-russische "Ostfront" aus Hofmeister-Zeiten, und die knechtselige Ideologie (die Bert Brecht einst in einer eigenen Bearbeitung des "Hofmeisters" als "Das Abc der Teutschen Misere" identifiziert hat) hat ihren finstersten Auftritt.

Hinreißende Einzelkämpfer

Freilich ist Castorf ein Idealist im Lenz'schen Sinne, und womöglich ist es ja dies, was ihn hier so zahm aussehen lässt. Aber der Text hätte nicht nur der theoretischen Unterfütterung, sondern auch eines zusammenführenden inszenatorischen Zugriffs bedurft.

So zersplittert Lenz' rasende Dramaturgie in eine monologische Nummernrevue, mit großartigen Momenten, gewiss, fabelhaft durchgeknallt stellenweise, manchmal auch bloß laut, mit hinreißenden Einzelkämpfern: Robert Hunger-Bühler, der dem Major tolstojsche Einsamkeitsdimensionen gibt, Lilith Stangenberg als Gustchen, die schön schlampig schmollen kann, Niklas Kohrt als Läuffer, der vor allem in den Passagen aus Büchners Novelle aus der Halbflüssigkeit seines Hofmeisters auflebt, Siggi Schwientek, mal wieder herrlich handgestrickt, oder Patrick Güldenberg, der sich als abgebrannter Student mit Todesverachtung in einen Wolfspelz hüllt und überhaupt als kapitaler Komödiant erweist. Sie alle tragen zu diesem Abend tolle Einzelmomente bei – die man sich mit Ausdauer ersitzen muss.

 

Der Hofmeister
von Jakob Michael Reinhold Lenz
mit "Die Schlacht" von Heiner Müller, "Lenz" von Georg Büchner und "Pandaemonium Germanicum" von J.M.R. Lenz u.a.
Regie: Frank Castorf, Bühne: Hartmut Meyer, Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes, Licht: Markus Keusch.
Mit: Niklas Kohrt, Gottfried Breitfuss, Robert Hunger-Bühler, Ursula Doll, Lilith Stangenberg, Julia Kreusch, Franz Beil, Aurel Manthei, Patrick Güldenberg, Winnie Böwe, Irina Kastrinidis, Rudolf K. Rath, Siggi Schwientek.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr zu Frank Castorf? Na ja, in unserem Glossar steht schon einiges. Und wenn Sie mal bitte unter "Suche", rechts oben in der Spalte, den Namen Castorf eingeben möchten, dann kommt noch mehr.

 

Kritikenrundschau

Zum allgemeinen Bedauern für das Schicksal des Jakob Michael Reinhold Lenz kommt für
Ulrich Weinzierl bei der "Castorf kastriert Lenz" titelden Tageszeitung Die Welt (16.1.2010) nun noch hinzu, dass er in Zürich auch noch Frank Castorf in die Hände gefallen ist. "Es ist fünf Minuten nach 12, als sich endlich der Wortvorhang senkt: "So lebte er hin." Das ist der Schlusssatz der Büchnerschen Erzählung, die hier ebenso ausgiebig wie andächtig vorgetragen wird, von "Woyzeck"-Zitaten gar nicht zu reden. Auch Heiner Müllers "Die Schlacht" darf üppig gastieren, unter anderem mit einem lebenden Bild, das dem berühmtesten Gemälde von Delacroix auf seine Weise huldigt: Castorf, eine Art DDR-Michel, leiht der revolutionären "Marianne" statt der Trikolore die Hakenkreuzfahne. Wenn das nicht Regietheater und Ideologiekritik vom Feinsten ist! Stars dieser Castorfiade sind ein stinkender Uralt-Traktor und ein Quartett von hochbegabten indischen Laufenten. Wenigstens brüllen die nicht: Sie schnattern."

Auch Christian Gampert im Deutschlandfunk (16.1.2010) zeigt Anteilnahme für den toten Dichter Lenz: "Sähe er diese Aufführung, seine Verzweiflung würde wohl noch größer werden. Denn Frank Castorf peppt seine Nichtinszenierung mit Texten der reaktionären Schweizer Volkspartei, Opernfragmenten von Wolfgang Rihm und mit Heiner Müllers "Schlacht" auf, weil preußischer Drill direkt in Krieg und Faschismus führt. Die besten Momente hat der Abend, wenn die Hauptfigur Büchners 'Lenz'-Erzählung vorträgt: Die depressive Denk- und Gemütsstörung des Dichters Lenz, der sexuelle Selbsthass seines Alter Ego, des Hauslehrers Läuffer, das wäre ein Ansatz gewesen. Aber nichts wird weitererzählt, nichts wird ernst genommen in Castorfs exaltiertem Kindergarten, nicht der Kampf zwischen Bürgern und Adel, nicht die sexuelle Not, nicht das Erziehungsdrama. Sondern: Läuffer entmannt sich selbst, und Castorf kastriert das Stück." Fazit: "Hauslehrer Castorf aber sollte man schnellstens in den Vorruhestand schicken. Seine rechthaberische Pose ist längst reaktionär geworden, und er ist der Schweizerischen Volkspartei ähnlicher, als er denkt."

"Gut fünf Stunden Theater von erst packender, dann verfransender, schliesslich peinlicher Qualität" hat Barbara Villiger Heilig, Chefkritikerin der Neuen Zürcher Zeitung (16.1.2010) gesehen. "Denn der alternde Regie-Rabauke spielt das Stück vom Blatt und collagiert die Extras hinein." Eine Hauptrolle übernehme dabei der Souffleur, "und wer bis zum Schluss ausharrt, erlebt den Auftritt von vier allerliebst schnatternden Gänsen, die wahrscheinlich dem für seine Kalauer berühmten Regisseur den Gänsemarsch blasen sollen." Die Lust auf Scherze vergehe dem Publikum etwa gegen Mitternacht, "wenn die Schauspieler vor lauter Müdigkeit schielen und mit den Ohren wackeln." Doch was in schluderige Improvisationsübungen ausarte, beginne immerhin grossartig. "Schreiende Komik, buchstäblich." Aber dann "Schauplätze in fliegendem Wechsel, endlose Verwicklungen, wachsendes Chaos, überhandnehmende Blödeleien, Klappbetten, Pistolenschüsse, Blutlachen, Gurkensalat, Hakenkreuze und ein Planschbecken, in dem alles baden geht."

Für immerhin anderthalb Stunden von fünf habe die Inspiration gereicht, schreibt Christopher Schmidt in der Südeutschen Zeitung (16.1.2010), was er nach den letzten Flops als deutliches Lebnenszeichen wertet. Bereits die Bühne von Hartmit Meyer setze "die Schizophrenie der deutschen Geschichte ins Bild." Und wie der Landadel mit seinen Turmfrisuren bei jedem Auftritt diesen Rübenacker balancierend überwinden muss, ist für den Kritiker ein ingeniöses Zeichen für den Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit. Schmidts persönlicher Höhepunkt: als der Major mit einem Traktor auf die Bühne gefahren kommt. "Aber nicht die PS-Stärke ist hier ausschlaggebend, sondern wie Hunger-Bühler seine Eifersucht nonverbal zum Ausdruck bringt: indem er Heugabel und Schaufel an das untreue Paar verteilt und sie zu Erntehelfern degradiert. Der Aberwitz und die Chuzpe, der szenische Mehrwert, der entsteht, wenn Castorf solche spielerischen Kommentarebenen etabliert - es ist genau das, was ihn berühmt gemacht hat."

"Das hat Lenz jedenfalls nicht verdient: Slapstick in Unterhosen, ländlich-schändliches Gebrüll, hysterische Arien und running gags bis zum Abwinken," findet hingegen Martin Halter Frankfurter Allgemeine Zeitung (16.1.2010) "So buchstabiert Castorf das ABC der deutschen Misere fünf Stunden lang bis zum bitteren Ende. Irgendwann rezitiert der Hofmeister Büchners "Lenz" in SS-Uniform und singt das Horst-Wessel-Lied, und dann steht auch schon der Russe vor Berlin und brüllt: 'Hittler kaputt!' Dabei sei dies Lenz' größter Wurf und ein Drama von fast Shakespeareschen Ausmasssen, das selbst Goethe (der zu seinem labilen Studienfreund eher Distanz hielt) Respekt und Ergötzen abgenötigt habe. "Aber Castorf tritt Lenz unerbittlich breit, die Figuren platt, und reitet so Komödie wie Tragödie tot."

"Castorf zerlegt und baut neu auf, doch er glättet nicht; und das ist gut so," sieht Alexandra Kedves in der Baseler Zeitung (16.1.2010) wiederum den Abend. Frank Castorf, der Intendant der Volksbühne Berlin und als Stücke-Stürmer eine Institution, habe am in der Schiffbau-Halle einen typischen Castorf zur Premiere gebracht. Der klinge zwar, da und dort, wie ein ausgeleierter Leierkasten. "Und trotzdem trägt der fünfstündige Szenenfluss das Boot unserer Aufmerksamkeit über eine ganz erstaunlich weite Strecke: Das ist das Wunderbare dieses Abends!" Das Direkteste und Beste dieser Inszenierung ist aus Sicht der Kritikerin das, was in ihren dunkleren Nischen zu entdecken ist: "das Ringen eines Künstlers ums Theater, seine Ängste, sein Ehrgeiz, seine Verzweiflung: Lenz."

"Auf der Suche nach Neuem hängt Castorf als sein eigener Epigone fest," schreibt Margarethe Affenzeller in der Wiener Tageszeitung Der Standard (16.1.2010). Denn aus ihrer Sicht fliegen in dieser fünfstündigen, von Witz und Ödnis gleichermaßen durchfluteten Theatercollage die Metaphern tief: "Die Trikolore zieht eine lange Bahn quer über die Bühne, eine abgekippte Fuhre Rüben lässt die Nobilität immer wieder über die sinnbildlich anwesende Ausbeutung der Arbeiter- und Bauernklasse stolpern." Das sei allerdings weniger Lenz als Büchner und Müller. Auch die ein oder andere "schöne Castorf-Szene" wird protokolliert. Isgesamt verzettelt sich jedoch "der Meister" mit einem Stück, "das ihm offensichtlich zu wenig Fläche bot."

 

 
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