Vergesst die Selbstverwirklichung!

von Esther Slevogt

Berlin, 26. März 2010. Ja, was sagt man nun zu alledem? Die Welt ist alles, was an Klischee von ihr existiert, weil ein Menschenbild zwischen all dem Schrott, den Werbung und Filmindustrie produzieren, sowieso nicht mehr aufrechtzuerhalten ist? Was soll das überhaupt sein, ein Mensch? Kann es außerdem sein, dass auch ein Dramatiker vor lauter Medienkonsum die Wirklichkeit gar nicht mehr von den entsprechenden Zurichtungen in Funk und Fernsehen (und dem Theater, das glaubt: so ist sie, die sogenannte Welt) unterscheiden kann? Aber trotzdem so tut, als sei er der letzte, der noch weiß, wo die Grenze verläuft, an der das richtige Leben aufhört und das falsche beginnt?

Verzweiflungsabziehbilder

Aber zurück ins Berliner Ballhaus Ost, wo gestern "Wenn es Nacht wird. Männer am Rande des Nervenzusammenbruch" uraufgeführt wurde, dem Untertitel zufolge "Szenen und Samples von Falk Richter". Die gesamte Ballhausrückwand füllt ein Porträt von George Clooney, der jüngst als neoliberaler Hermes und manischer Flugmeilensammler (der nur auf Flughäfen zu Hause ist) das Gesicht von Jason Reitmanns Film Up in the Air war, dem diese Inszenierung einiges verdankt, nicht nur manchen Dialog. George Clooney, der in den USA erst ein gefragter Serienheld war, bevor er in Hollywood reüssierte, gefeierte Projektionsfläche für jene werbungsgenerierte Frauen- und Männerträume, die dieser Abend aufs Korn nimmt: in den nämlich lauter Figuren eingeführt werden, die nur noch nach dem abgestandenen Glamour dieser mediokren Kunstwelten gieren.

Das ist ihr Unglück, behauptet das Stück, das nun lauter Verzweiflungsabziehbilder in rasenden Bildfolgen vorbeirauschen lässt: ein getrenntes junges Elternpaar, das Übergabemodalitäten für das gemeinsame Kind aushandelt und sich dabei üble Kränkungen um die Ohren haut. Ein Homosexueller, der seinen Ex durch die Wohnungstür anjammert, bis er eingelassen wird. Eine Frau, die ihrem Mann vorwirft, in seinen Träumen ein Leben ohne sie zu führen. Ein Manager beim Therapeuten. Ein Pornofilmregisseur bei der Arbeit. Lauter Menschen, die irgendeiner jämmerlichen Selbstverwirklichung oder erbärmlichen Liebesversuchen hinterherhecheln. Wobei Richter mit jeder Zeile seinen Figuren abspricht, überhaupt ein Selbst zu haben, dessen Verwirklichung sich lohnen würde. Eigentlich gibt er nur ziemlich armselige Gestalten zum Abschuss frei.

Puppen-Soaps vor George Clooney

Aber dann ist da noch die Inszenierung von Christian Weise, der diesmal mit dem Puppentheater Halle und den Puppenbauerinnen Suse Wächter und Franziska Müller-Hartmann zusammengearbeitet hat. Gemeinsam haben sie das Maskenhafte an Falk Richters Menschenbild zugespitzt, lassen die Schauspieler tatsächlich mit Menschenmasken spielen, auf denen jedes Gesicht zur Fratze erstarrt ist: der Psychoanalytiker mit zurückgekämmter blonder Haarpracht und von Betroffenheit zerfurchter Mine; der Manager mit den herrisch aufgerissenen Augen und einem zum Schrei halbgeöffneten Mund; die junge Frau, Asiatin vielleicht, die in einem banalen Schönheitsschmerz eingefroren scheint – das ist ein Kunstgriff, der den Text und all seine Klischees zur Farce zuspitzt, und so erst die Abgründe aufreißt, um die er sich bemüht.

Die Bühne wirkt wie eine schrottige Rumpfversion der Ausstattung zu Falk Richters Inszenierung von Sarah Kanes "4:48 Psychose" im Winter 2001 an der Berliner Schaubühne, obwohl Jan Pappelbaum und nicht, wie damals, Katrin Hoffmann für das Bühnenbild verantwortlich ist (und manchmal fragt man sich, ob hier die Lebensgier wohl bloß noch verspottet wird, die vor zehn Jahren Kanes Dramatik noch existenziell grundieren konnte?).

Hinten ein Glaskasten, durch dessen Scheiben die Fratze George Clooneys als Schönheits- und Lebensideal droht. Vorn ein Podest mit Tischchen und Bett, über dem ein Monitor hängt, wo es immer wieder kleine Filme gibt, die live aus dem Innern des Glaskastens übertragen werden: Szenen, in denen Handpuppen und Marionetten Sequenzen aus Fernsehserien nachspielen, mit deren Herstellung unter ihren Masken die Akteure befasst sind. Etwa eine Soap aus dem Leben einer Standby-Kraft für eine global operierende Leih- und Zeitarbeitsfirma, die man bei ihrer stupiden Tätigkeit an einem Infrarotscanner beobachten darf (ja, nur der Dramatiker hat eben einen Beruf, der das Leben lebenswert macht). Oder eine Pornofilmsequenz mit Marionetten, bei deren Übertragung die Charaktermaske heftig onaniert, stellvertretend für die 700 anderen in der Hotelkette, die diesen Film in ihrem Serviceprogramm hat, wie man hört.

Rabenväter, Rabensöhne

So weit, so grotesk und unterhaltsam. Auch eines super agierenden Ensembles wegen, fast alle vom Neuen Theater Halle, dem auch das Puppentheater angegliedert ist: Steffi König, Sebastian Fortak, Hannes Benecke, Arne van Dorsten, Max Braun oder Kerstin Daley. Wenn dann die Sache nicht auch noch zutiefst moralisch wäre. Denn soviel Selbstverwirklichungsdrang fordert natürlich Opfer. Und wie wusste schließlich schon Wilhelm Busch: "Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe!"

Es gibt nämlich eine Rahmenhandlung. In einem Altersheim wartet eine alte Frau darauf, dass ihre Söhne zu Besuch kommen, oder wenigstens anrufen. Sie hat Geburtstag und auf ihrem Tisch anstelle der Söhne drei Barbiemänner aufgestellt. Denn kein Sohn kommt. Seit Jahren das Gleiche schon. Die Handys sind ausgeschaltet, derweil sie ihren erbärmlichen Lebensversuchen nachgehen, bei denen wir ihnen zwei Stunden lang zusehen dürfen. Und Mutter (gottseidank von der resoluten Hannelore Schubert gespielt) wartet deshalb umsonst. So wie der Junge, der am Flughafen von seinem Manager-Filmproduzenten-Wichtigtuer-Vater vergessen wurde. Bis dann die alte Mama aus dem Altersheim ausbüxt, das Kind am Flughafen findet, man sich zum Brüder-Grimm-haften-Märchenduo zusammenfindet. Und schon wieder eine neue Geschichte beginnt. Die wir hier aber lieber nicht mehr erzählen wollen.

Wenn es Nacht wird. Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs
Szenen und Samples von Falk Richter
Koproduktion des Puppentheaters Halle mit dem Ballhaus Ost und der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch"
Inszenierung: Christian Weise, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Daria Kornysheva, Musik: Jens Dohle, David Günther, Masken: Suse Wächter, Puppen: Fransziska Müller-Hartmann, Marionetten: Lilian Matzke, Video: Ralf Arndt, Dramaturgie: Maria Viktoria Linke.
Mit: Sebastian Arranz, Hannes Benecke, Max Braun, Kerstin Daley, Arne van Dorsten, Sebastian Fortack, Steffi König, Hannelore Schubert.

www.ballhausost.de

www.kulturinsel-halle.de

www.hfs-berlin.de

 

Was dem Redakteur Nikolaus Merck in den Sinn kam, als die Ankündigungsmail zur diesem Falk-Richter-Abend im nachtkritik-Postfach eintrudelte, lesen Sie im Redaktionsblog. Er war auch zugegen als Christian Weise im September 2009 am Ballhaus Ost seine ziemlich durchgeknallte Lewis-Carrol-Version Alice Under Ground zeigte, mit Starspielerin Anne Tismer.

 

Kritikenrundschau

"Es ist tatsächlich eine Nachtvorstellung, die hier geboten wird - aber eine, wie es sie in dieser Virtuosität sonst nirgendwo zu sehen gibt," schreibt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (3.4. 2010) nach der Premiere in Halle. "Weise hat für diesen zeitweise knallharten, am Ende aber wunderbar sentimentalen Abend ein Ensemble aus halleschen Puppen- und Schauspielern sowie Berliner Gästen zusammengestellt, das jeder Erwartung gerecht wird." Der Regisseur stapele Fläche auf Fläche, bis sein Erzählraum Tiefe gewinnte: "Während sich im Vordergrund Masken und Menschen begegnen, werden in dem dahinter liegenden, um 90 Grad gedrehten Raum die Puppen-Videos gedreht, die für den Zuschauer in Echtzeit auf einem Bildschirm und einem Vorhang erscheinen." Multitasking-Theater nennt der Kritiker das: "eine Simultan-Situation für die Generation der verzettelten Netzwerker – also für jene, die auch urbanen Unbehausten, die auch durch Falk Richters Geschichten geistern." Richter sei ein Meister im Erfinden absurder neoliberaler Biografien im Zeitalter der Globalisierung, die er zudem mit medialen Fiktionen verlinke: "Wer lebt hier noch ein wirkliches Leben – und wer spielt schon in einer Seifenoper? Die einzigen Figuren, die ohne Masken durch die Welt gehen, sind eine alte Frau und ein kleiner Junge – alleingelassen und vergessen, aber immer noch mehr bei sich selbst als die Transitreisenden oder die sexsüchtigen Internet-Junkies."

 

 

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