Richtig Leben mit Musik

von Andreas Klaeui

Zürich, 11. Dezember 2010. "Sölli? Sölli? Sölli? Oder sölli nöd?", singt er mal – sollte ich? Oder lieber doch nicht? – und dies ist ja genau das Dilemma. Ach, wenn man sich doch nicht immer entscheiden müsste! Ach, wenn man doch wüsste, welches die richtige Wahl ist. Der coole Drink (sagt man noch "cool"?), das passende Outfit, die richtige Feriendestination. Geri Weibel ist der Protagonist einer Kolumne, "Richtig leben mit Geri Weibel", die der frühere Werber und nachmalige Bestsellerautor Martin Suter für das NZZ-Folio schrieb, der klassische Loser in der Clique, der jedem Trend nachhechtet und doch immer zu spät kommt, es ist ein wenig wie beim Hasen und dem Igel.

Im Weit-weg-Land

So steht er also stets ein wenig abseits in der indirekt leuchtenden Limbo-Bar von Bühnenbildner Hugo Gretler, kann sich nicht entscheiden zwischen Bloody Mary und Corona (mit Zitrone? im Flaschenhals?), während die Trendsetter der Clique unter sich bleiben und schon lange einen trockenen Sherry bestellt haben. "Was dörfs sii? Di schwersti Frag im Läbe" – was darf es sein? Das ließe sich sogar metaphorisch verstehen. Sich für etwas zu entscheiden heißt ja auch, sich gegen das andere zu entscheiden, ach, wenn man doch nur immer neutral bleiben könnte! Geri Weibel ist vielleicht auch ein typischer Schweizer, jedenfalls haben liebenswert-verhemmte Figuren wie er eine (Deutschschweizer) Witztradition. So hat es wohl über das Zürcher Szene-Kolorit hinaus eine gewisse Berechtigung, wenn auf der Schauspielhausbühne nun konsequent alle Schwizerdütsch sprechen, selbst der zugewanderte Deutsche (der in Zürich nicht fehlen darf) mit typischem Akzent.

Ein Mundartmusical auf der Pfauenbühne! Man darf schon kurz den Atem anhalten – und gleich zurückfinden zum Courant normal. Hier findet keinerlei Umwälzung statt, die Kritik bleibt milde, die Story harmlos, und selbst wenn Geri am Ende, von der überwältigenden Macht eines ersten authentischen Gefühls getrieben, kurz die Emanzipation wagt und abhaut, wird er doch sogleich, auch im Weit-weg-Land, wieder von seinen Zwängen eingeholt. Er kann einfach nicht erwachsen werden: Geri ist ein Ewigjugendlicher, ewig Adoleszierender, auch so gelesen stellt die Figur dem Schweizer kein gutes Zeugnis aus – aber so weit muss man an diesem Abend gar nicht gehen.

Tüüf im Muul e fremdi Zunge

Man darf affirmativ bleiben wie die Inszenierung von Stefan Bachmann und sich einfach unterhalten lassen: von den sicher gesetzten Pointen und umwerfenden Reimen – "Dritti Räie, äng umschlunge / Tüüf im Muul e fremdi Zunge" –, von den liebevoll karikierten Szenetypen und -stereotypen, von der Anschaulichkeit und der Präzision der Beobachtung. Von der Musikalität und dem Tempo des geschliffenen Ensembles und einer Regie, die nichts weiter tut, als dem Text genau zu folgen und dabei ihre Qualität in zahllosen phantasievollen Details erweist.

Michael Neuenschwander meistert die dankbare, aber auch gefährliche Geri-Rolle, die doch sehr leicht in Klischee und Charge kippen könnte, mit Bravour, hinreißend in Verklemmung und Nicht-aus-sich-Herauskönnen. Und es sind ja alle ganz fabelhafte Sänger! Denn das Schönste bleibt, wie es beim Musical zu sein hat, die Musik: Stephan Eichers melancholische und ironische Songs, die sich gewitzt an Stimmungen und Motive anschmiegen, den Figuren Tiefe geben und, begleitet von einer formidablen Band unter dem (seinerseits durchaus angesagten) Pianisten Jean-Paul Brodbeck, den Abend erst wirklich zum Ereignis machen.


Geri (UA)
Singspiel von Martin Suter und Stephan Eicher
Regie: Stefan Bachmann, Musikalische Leitung: Stephan Eicher, Reyn Ouwehand, Bühne: Hugo Gretler, Kostüme: Esther Geremus, Dramaturgie: Andrea Schwieter.
Mit: Michael Neuenschwander, Carol Schuler, Martin Rapold, Jan Bluthardt, Nicolas Rosat, Mike Müller, Susanne-Marie Wrage, Roberto Guerra, Sarah Hostettler und den Musikern: Jean-Paul Brodbeck, Manuel Troller, Ivo Schmid, Christian Niederer, Bernhard Schoch, Bernhard Bamert.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr zu den Inszenierungen Stefan Bachmanns finden sie im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Der "mehrköpfige Hauptakteur des so reizvollen wie reizenden Abends" sei Jean-Paul Brodbeck am Flügel, um ihn herum "eine Jazzband, die sich hören lassen darf. Und wie!" Derart angetan lässt sich Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (13.12.2010) vernehmen. Geri Weibel, erläutert sie, "betrat die Fettnäpfchen der Stadtzürcher Szene im Rahmen jener Kolumnen, die Martin Suter einst für das 'NZZ-Folio' schrieb". In Stefan Bachmanns Uraufführung werde es allerdings nie schlimm, "alle Herzen im Saal schlagen für Michael Neuenschwanders Geri, der den medisanten Klatschmäulern in der Runde tapfer die Stirn bietet und zuletzt am besten lacht". Suter zeige "mit freundlicher Ironie (...), was die Cüpli-Fraktion in unserer kleinen Stadt erregt". Den vereinten Stimmen der "Schickimickis" füge Stephan Eicher als Komponist die Noten bei, "auf dass es fetze"; der Chorus glänze mit "modischer Pseudomundart". Liebevoll arbeite die Inszenierung an der "Feinzeichnung" ihrer Figuren, Bachmanns Regie finde "mit der perfekten Mischung aus Leichtigkeit, Jux und Melancholie durch die aneinandergereihten Anekdoten bis zum Happy End". Weltbewegend sei das zwar alles kaum, "aber ein wunderbares Amüsement".

Die Bühnendisziplin des "Schweizer Mundart-Musicals", hat laut Simone Meier vom Tages-Anzeiger (13.12.2010) in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt, ein "Rückzug in die Rückbesinnung". Hier sei immerhin "schon ein bisschen weniger Provinz (...) als anderswo, und auch Wert und Wesen der Schweiz werden so gut wie gar nicht verhandelt". Die Schicksale der Suter-Figuren ähnele "jeweils einem sehr dünnen Blatt Papier", die Nacherzählung der Handlung sei entsprechend "unbedeutend und uninteressant". Allerdings würde von Suter "angenehm unprätentiös erzählt", mit einem "bewundernswerten Gespür für kleine Pointen und dramaturgische Einfälle", mit "feiner Ader für eingängige Verse (...) und poetische Abgründe". Eichers Musik sei "eine pure Betörung", "grosses Kino" und "wohl mit Leichtigkeit die schönste Musical-Musik, die es in der Schweiz seit der 'Niederdorfoper' zu hören gab". Bezüglich Bachmanns Regie möchte Meier "etwas ketzerisch fragen: Ist sie wirklich da? Ist sie so unauffällig, weil der Raum so klein ist, die Bewegungsmöglichkeiten in einer Bar so spärlich sind? Oder liegt gerade in dieser ungekünstelten Alltagsnähe, in diesen bestens vertrauten Slapstickmomenten ihre Genialität?" Fazit: "von Martin Suter schöngeschrieben und von Stephan Eicher schönkomponiert, weit weniger heimatselig als befürchtet und ein Hauch von nichts, ein Luxemburgerli der leichten Unterhaltung."

"Die Verwandlung der ironischen Reflexionsfläche in eine Bühnenfigur bietet kaum Probleme", stellt Martin Halter (FAZ, 14.12.2010) fest: "Schon in den Glossen machte der Held eine gewisse Entwicklung (...) durch, und übermäßige Charaktertiefe ist im Musical sowieso nicht gefragt." Im Grunde seien alle Suter-Helden "nach ähnlichen Mustern gestrickt: lässig elegante, lebensuntüchtige Edelspießer, reich oder wenigstens Meister in der Kunst des Schuldenmachens, aber im Grunde tragische Figuren". Geri mache da keine Ausnahme, und "Michael Neuenschwander gibt diesem gehemmten, verhockten Trendheini nie an die Karikatur preis. Selbstzweifel, Entscheidungsschwäche und das vorauseilende "okay" gehören bei ihm gewissermaßen zur postmodernen condition humaine." Die Musik sei "über allen Zweifel erhaben, die Ausstattung liebevoll bis ins Detail, und das Timing stimmt". Das Jazzquartett spiele "hinreißend"; das Ensemble singe und tanze "so beschwingt, dass auch ein paar verrutschte Töne und Pointen die gute Laune nicht stören können". Natürlich sei Suters vertonte Glossensammlung "nur Gebrauchskunst" und "von eher niedriger Fallhöhe". Dieser Abend sei "gute Unterhaltung, altmodisch solide und professionell handgemacht. Schweizerische Präzisionsarbeit eben".

"Die Handlung um den verklemmten Loser Geri, der von der Partycrowd hingebungsvoll gemobbt wird, ist sujetgemäß vernachlässigenswert", schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (22.12.2010). Michael Neuenschwander spiele den Geri "mit feinporiger Komik als wunderbar windelweichen Adabei und vergrübeltes Zeitgeist-Chamäleon im auberginefarbenen Samtanzug, unterstützt von einem Ensemble, das sich bei aller Spottlust nie auf die Pointen draufsetzt und dem Züri-Slang eine ungeahnte Lautpoesie entlockt". Auch singen könne die Truppe, wobei die Songs "so gut sind, dass dieser fein abgeschmeckte Cocktail von Bar-Jazz und Retro-Pop einem zwar mächtig in die Beine, aber nicht mehr aus dem Ohr geht." Und so sehe man gerne darüber hinweg, dass "diese helvetische Alternative zu 'Kir Royal', thematisch etwas passé ist. Aber vielleicht muss man einfach akzeptieren, dass das In-Sein in der Schweiz nie aufgehört hat, das Bewusstsein zu bestimmen."

 

 
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