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Sie werden damit nicht durchkommen!

von Annette Hoffmann

Basel, 23. September 2011. Das Programmheft weiß: kein Kind wurde während dieser Produktion geschädigt. Obgleich einige Kinder in der Zeit der sechswöchigen Proben ihre Eltern selten sahen und gleichzeitig 1,5 Billionen Kinder in Afrika an Unterernährung, Wassermangel und unzureichender ärztlicher Versorgung starben.

"Ein Volksfeind" von Henrik Ibsen ist ein moralisches Stück und die Investoren und stillen Teilhaber sitzen mitten unter uns und wollen nicht genannt werden. Henrik Ibsens Drama, das Simon Solberg nun für das Schauspielhaus des Theater Basel eingerichtet hat, ist vor allem ein aktuelles Stück.

Der Geschichte vom Bäderarzt Stockmann, der einer Reihe von Typhusfällen auf den Grund geht und das durch die Industrie verunreinigte Wasser als deren Auslöser erkennt und für Aufklärung sorgen will, in der Stadt aber auf Filz, Interessengemengelagen und Profitgier stößt und am Ende als Volksfeind gebrandmarkt wird, sieht man kaum ihr Alter an. Das Drama wurde 1883 uraufgeführt. L'art pour l'art ist von Solberg, der sich in einem Jahr zusammen mit Thomas Schweigen und dem Dramaturgen Martin Wigger die Schauspielleitung des Theater Basel teilen wird, nicht zu erwarten.

Auf dem Boden der Tatsachen

Das Establishment steht in Person des alerten Bürgermeisters mit Hornbrille und zurück gegeltem Haar (Martin Hug) vor dem geschlossenen Vorhang und preist den "friedlichen Geist der Eintracht" an, erst auf Deutsch, dann auf Pidgeon-Politiker-Englisch, am Ende auf Französisch. "Unser Kurbad" kündigt er groß an, um in einer Verlegenheitsgeste zu enden. Das Bad, das der Stadt Wohlstand bringen soll, ist ein armseliger Teich. Nicht einmal die Einfassung ist fertig geworden, auf dem letzten noch fehlenden Stein steht groß "Made in China" (Bühne: Maren Greinke).

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Foto: Judith Schlosser

Die Revolution jedoch ist in Basel weiblich. Denn derweil nimmt seine Schwester, die Badeärztin Katrin Stockmann die Laborergebnisse in Form eines Handtuches in Empfang. Inga Eickemeier erdet die Rolle Stockmanns. Weitaus weniger selbstgerecht und überdreht als bei Ibsen könnte sie eine Schwester jener Demonstrantinnen sein, die derzeit in Chile für eine gerechtere Bildungspolitik protestieren und von jenen, die im Februar in Dresden den Neonazis ihr "No pasarán!" entgegenhielten. Ihre Katrin Stockmann ist eine Gesellschaftsveränderin auf dem Boden der Tatsachen. Das trägt die Inszenierung, die so auch an politischer Relevanz gewinnt.

Die Gefährlichkeit der Mikroorganismen

Dass Simon Solberg gerade einmal 75 Minuten für diesen Ibsen braucht, liegt nicht etwa daran, dass er sich durch den Text schludern würde. Nein, die Striche sind schlüssig und mitsamt der tagespolitischen Einschübe klingt es wie aus einem Guss, die Finten gegen die Presse, Investoren und Lobbyisten sind wirksam gesetzt. Solberg verzichtet nur weitgehend auf Szenenwechsel und schwerfällige Requisiten. Mitunter hat die Inszenierung des 32-jährigen Solbergs dadurch etwas von der Unmittelbarkeit des Kinder- und Jugendtheaters, da sie an die Macht der Reduktion und Vorstellungskraft glaubt.

Gilt es, die Gefährlichkeit der Mikroorganismen zu demonstrieren, die das Wasser verunreinigen, führen Thomas Stockmann (Florian Müller-Morungen) und Hovstadt (Andreas Tobias) ein Ballett mit Händen und Füßen auf. Wenn Katrin Stockmann öffentlich ihren Bruder kritisiert, ähnelt dies einem Kasperletheater, bei dem sie Gegenstände einsetzt und projiziert. Um etwa die Globalisierung zu demonstrieren, legt sie ihren Kopf unter einen Schuh, der Titel von Grimms Märchen entlarvt die Behauptungen des Bruders als Lügen und stellt die Welt als veränderbar dar. So nachhaltig können einfachste Mittel sein.

Übertönungsmaschinerie der Medien und Lobbyisten

Die Handtücher sind dabei so etwas wie die Währung der Inszenierung. Sie werden hin und her gereicht, nicht zuletzt bei den pantomimischen sportlichen Einlagen, auf ihnen sind ganze Dialoge abgedruckt und später ergeben sie eine Fahne auf der Bühnenwand. Und wirklich ist dieser Konflikt um die eigene Haltung und um Korrumpierbarkeit exemplarisch.

Denn mit Klamauk hat dies nichts zu tun. Solberg hat ein unverkrampftes Verhältnis zur Unterhaltung und analysiert sie dennoch als Teil der Übertönungsmaschinerie von Medien und Lobbyisten. Das wirkt in dieser Inszenierung unverbraucht, witzig und verrät doch den politischen Anspruch nicht. Diese Mischung könnte geeignet sein, das Schauspiel Basel neu aufzustellen.

In einem Jahr dann mehr davon.

 

Ein Volksfeind
nach Henrik Ibsen
Regie: Simon Solberg, Bühne: Maren Greinke, Kostüme: Katja Strohschneider, Dramaturgie: Ole Georg Graf.
Mit: Roland Bayer, Nicole Coulibaly, Inga Eickemeier, Dirk Glodde, Martin Hug, Florian Müller-Morungen, Andreas Tobias.

www.theater-basel.ch

 


Kritikenrundschau

Ganz und gar verblüffend findet Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (26.9.2011), "wie frisch, wie unverbraucht und aktuell Ibsens ätzende Polemik gegen die öffentliche Meinung" bei Solberg wirke. Inga Eickemeier schaffe es, "den Zuschauer zum Sympathisanten der Radikalisierung dieser Kämpferin gegen Verlogenheit und Opportunismus zu machen" – auch, weil Solberg sie "eine idealistische Aktivistin von heute sein lässt, ohne dass das je aufgesetzt wirkt". Am schönsten gelinge die Verkleinerung angeblich komplexer Zusammenhänge auf das menschliche Maß, wenn Inga Eickemeier "wie in einer Folge der "Sendung mit der Maus" ("Das ist Peter") mit Hilfe von drei Plastikschweinen und einem Stiefel Kapitalismus, Globalisierung und Schuldenkrise erklärt. Da kann man sich manche Talkshownebelkerzen sparen."

Erfrischend aktualisiert hat auch Rosemarie Tillessen diesen "Volksfeind" erlebt, wie sie im Südkurier (26.9.2011) schreibt. Solberg habe eine sehr eigenwillige Bildsprache erfunden, "die oft grotesk und skurril daher kommt und manchmal an Kinder- und Kasperletheater erinnert." Dabei scheue er auch nicht vor Blödelnummern zurück. Im Laufe des Abends steigere sich das zu eindrücklicher Dichte.

 
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