altDas Unmögliche wahr machen

von Simone Kaempf

26. Januar 2012. Die Ankündigung, dass jenes Buch, das Thomas Brasch nie geschrieben hat, nun mit diesem vorliegt, wie es im Klappentext heißt, mag verlockend klingen, auch ein bisschen verwegen. Ganz sicher führt sie auf die falsche Spur. Es ist sogar genau das Gegenteil, willl man am Ende ausrufen: "Die Kinder der Preußischen Wüste" ist wohl eher das, was Brasch zu schreiben gescheut hat. Was überhaupt nicht gegen das Buch spricht. 

Der Roman aus der Feder von Klaus Pohl erzählt die Geschichte des Dramatikers, Autors und Regisseurs, der 1977 mit einer beträchtlichen Anzahl literarischer Texte aus der DDR in den Westen ausreiste, dort als Autor und Filmregisseur ungleiche Erfolge feierte, aber sich schon bald heillos in dem Versuch verrannte, seine eigene Biographie in Literatur zu verwandeln.

pohl brasch

Brasch alias Robert Papst, wie er im Roman heißt, will diesen Roman "zerfetzt, traumzerfetzt, alptraumverfetzt", sich selbst bis auf die Knochen abnagend, in fantastischen Sprüngen und wilden Schnitten.

Die Vergangenheit durchwandern

Klaus Pohl hat nun, zehn Jahre nach Braschs Tod und zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, die epische Form gewählt. Es ist nicht die schlechteste. Die Jahrzehnte verdichten sich im Erzählstrom. Die Figuren verbinden sich mit der historischen Stimmungslage, ohne dass von Politik je konkret die Rede ist, und vor allem bleiben sie immer der Mittelpunkt in dem großen Erzählbogen von einer Kindheit in der DDR mit einem Vater, der schnell Parteikarriere machte, über eine Haftstrafe wegen staatsfeindlicher Aktivitäten, bis ins West-Berliner Künstlermilieu der 80er Jahre.

Es ist keine Vernichtung wie sie Brasch vorgeschwebt hat, sondern eine kontinuierliche Durchwanderung der Vergangenheit, an der Klaus Pohl selbst teilgenommen hat: Er spielte in Braschs Filmen und gehörte zu dem inner circle von Künstlern und Freunden, die in der Westberliner Wohngemeinschaft gemeinsam arbeiteten und lebten.

Das ist erlebt, das ist erfunden

Die Nähe hätte er in einer autobiographischen coming-of-age story ausspielen können. Aber alles Voyeuristische ist dem Roman fremd. Pohl bleibt dem realen Brasch mit seiner Kunstfigur Robert Papst immer an der Seite, nie sich über ihn erhebend, und erzählt seine Künstlerwerdung als einen völlig natürlichen Vorgang. So erfährt man mehr nebenbei, dass er während der NVA-Kadettenausbildung im Alter von zwölf, dreizehn Jahren mit dem Schreiben begann, um von der Schule zu fliegen. Und als sie beendet war, nur vehement darüber schweigen konnte.

Nicht die politsche Opposition durch die Mittel der Kunst steht hier im Zentrum, sondern eine Form der Unmöglichkeit, die sich bei aller Produktivität wiederholt und außer Kontrolle gerät, als ein Verleger ihn nach der DDR-Ausreise beauftragt, einen Roman über sein eigenes Leben zu schreiben, an dem er sich bis zu seinem Tod unerlöst aufreiben wird.

"Meine Geschichte? Die muss ich genauso schreiben, wie ich sie kenne? Ich kenne sie nicht. Ich habe sie erlebt, aber sie ist erfunden", erklärt Robert Papst einmal. Im Nachwort sagt wiederum Klaus Pohl, dass zahlreiche Originalzitate in die Handlung integriert sind, die er eben nicht erfunden hat, aber doch wie eine Fiktion aufschreibt.   

Zeugnis abgelegt

Und dieser Kniff funktioniert. "Die Kinder der Preußischen Wüste" liest sich wie ein historischer Roman, der seine Figuren mit leichter Hand durch die Ereignisse und Plots schickt, aber auch das große Gefühl nicht scheut. Für die Nachwelt wird Zeugnis abgelegt über das Milieu Ost-Berlins, das wie eine große Familie erscheint, in der Pohl auch die wichtigsten Wegbegleiter fiktionalisiert hat und parallel die Geschichte der Sängerin Nora erzählt, der ersten Liebe von Papst. Als reales Vorbild Klaus Pohls verbirgt sich hinter ihr Klaus Pohls Ehefrau Sanda Weigl. Aber das ist gar nicht bedeutend zu wissen.

Allen voran macht der Roman Thomas Brasch auf eine Art und Weise lebendig, die seine Zerrissenheit als seine persönliche Geschichte erzählt, aber in der Tradition einer Parabel die historischen Prozesse immer durchscheinen lässt und den Brüchen eine geschlossene Form entgegensetzt.

Klaus Pohl:
Kinder der Preußischen Wüste, Roman.
Arche Literatur Verlag Zürich, Hamburg 2011, 495 Seiten, 24,90 Euro

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