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Depressionen muss man sich erstmal leisten können

von Matthias Weigel

Berlin, 16. Juni 2012. Eigentlich lautete die Forderung in diesem Jahr ja nicht mehr "Komödie". Im vergangenen Jahr waren beim Wettbewerb der Berliner Autorentheatertage ausdrücklich Stücke dieses Genres erwünscht gewesen. Der diesjährige Alleinjuror Tobi Müller hatte hingegen als Forderung ausgerufen: "Sei nicht du selbst!" Aus den Einsendungen wurden drei Siegerstücke ausgewählt, die in der Langen Nacht der Autoren in Werkstattinszenierungen am Deutschen Theater zu sehen waren. Und das Ergebnis ist komischer, als man es vielleicht vermutet hätte.

"Totberlin"

"Totberlin" von Sarah Tabea Paulus macht den Anfang. Darin wird die assoziative Verquickung eines sozialen/humangeografischen Stadtbegriffs mit der Psyche eines Individuums (namens Fox) versucht. Vor allem aber erzählt sich das Kammerspiel einer Dreierbeziehung zwischen Fox, dem sympathischen Depressiven, der nach dem fünften Selbstmordversuch mal wieder in der Anstalt ist, seiner Schwester, der extrovertierten, charismatischen Glas, und schließlich Chantal, dem "Passivmenschen mit Walzencharakter", dessen Trägheitsfaktor hoch ist.

lange nacht totberlin 560 arno declair-h"Totberlin": (von links) Franziska Melzer, Melanie Straub, Alexander Khuon, Marc Eisenschink. Foto: Arno DeclairDer Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer setzt den Text sanft ins schicke Bühnenbild von Merle Vierck, einer großen Wand, in die ein großes Quadratisches Guckfenster eingelassen ist. Während einem bei den im Text angelegten Wortspielen (die fünffach genähten Pulsadern von Fox seien "Nudelsalat", die Nazis hätten in der Klinik "Reichsausschusskinder" misshandelt) das Lachen mindestens im Halse stecken bleibt, verschlägt es die Schauspieler (Melanie Straub und Franziska Melzer aus Potsdam, Alexander Khuon vom DT) mehr und mehr in Blödeleien. Da wird Naheliegendes ausgetrampelt, doppelt illustriert, nach Albernheits-Pointen gefischt. Die Geschichte erlangt keine Fallhöhe, so dass das die Verzweiflung über das plötzliche Verschwinden der Schwester Glas recht spurlos vorüberplätschert. Das Gefühl eines recht zusammengeschraubten Textes, der nicht richtig in Fluss kommen will, bleibt spätestens nach dem Epilog zurück, in dem sich noch eben der "Eigene Tod", der "Natürliche Tod" und der "Glückliche Tod" über ihre Vormachtstellung streiten.

"Schafinsel"

Mit dem Stück "Schafinsel" hat Nina Büttner bereits den Nachwuchs-Förderpreis des Else-Lasker-Schüler-Preises gewonnen. Ihr Stück ist das zweite des Abends, das in einer sogenannten Werkstattinszenierung präsentiert wird: Freilich allesamt "vollständige" Inszenierungen mit hochkarätigem Ensemble und opulenten Ausstattungen, allein möchte man kulanterweise den Credit "Uraufführung" noch nicht verbrauchen.

lange nacht schafinsel 560 arno declair h"Schafinsel": Olivia Gräser, Simone von Zglinicki, Almut Zilcher. Foto: Arno DeclairDie Komik dieses zweiten Teils jedenfalls speist sich größtenteils schon aus der Handlung des Stückes. Munter wird hier heimlich Morphium in Drinks gerührt, wenn man jemanden loswerden möchte, Abiturient Henning stottert nur beim Wort "Zitronensäurezyklus" nicht, seine alte Mama entdeckt auf Morphium ihre Libido wieder. Doch das ist nur der Rahmen für die Geschichte von Nori, die von ihrem Freund auf den Strich geschickt wird, sich um ihre alkoholabhängige Mutter kümmert und sich in den Abiturienten Henning verliebt, wodurch sie noch mehr Gewaltausbrüche ihres Partners ertragen muss ( – der sich mit den Worten entschuldigt: "Die untere Gehaltsklasse kann sich keine Depression leisten. Da muss dann die Verwandtschaft herhalten.").

Regisseur Hasko Weber widmet sich dem Stück mit verhältnismäßig deutlicher Regiehandschrift, stellt einige Textpassagen um, lässt andere singen, entwickelt vor allem reiche, spielstarke Szenen, die auch von Timing und Virtuosität von Almut Zilcher (als Alki-Mutti) und der wunderbar entrückten Körperlichkeit von Olivia Gräser als Nori leben. Die extreme Fallhöhe, die der Text durch die Kombination aus Comedy-Elementen und brutalem Familiendrama erhält, fällt der Well-Made-Inszenierung allerdings größtenteils zu Opfer.

"Wir schweben wieder"

Zuletzt schließlich das Stück "Wir schweben wieder" von Charlotte Roos, gerade erst zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Um das Zentrum der Striptease-Tänzerin und ehemaligen Hochseilakrobatin Edith ranken sich die drei Geschichten: Die einer Alltags-Amokläuferin, die nicht beachtet wird und den Vorbeikommenden am liebsten in die Fresse schlagen will; die eines erwachsenen Sohnes, der von seinem verstorbenen Vater nicht nur die vererbten Brillen, sondern auch Meinungen und Gewohnheiten übernimmt; und die eines Langzeitdepressiven, der aus Rücksicht seine Freundin endlich dazu bringen will, mit ihm Schluss zu machen. Die verschrobenen, sehr herzlichen Bewohner der Parallelwelten haben allesamt gemeinsam, dass sie an einem Punkt angekommen sind, an dem sie nicht mehr rebellieren, sondern ganz ruhig ihr Schicksal vor sich hin leben – selbst die dauerschreiende Alltagshasserin ist darin beruhigend stoisch.

lange nacht wir schweben wieder 3 560 arno declair h"Wir schweben wieder": (von links) Natalia Belitski, Bernd Moss, Sven Fricke, Natali Seelig. Foto: Arno Declair

Cilli Drexel hat den streckenweise monologischen Text konzentriert auf die Bühne gebracht. Auf unterschiedlich gelagerten Plattformen leben die Parallelexistenzen vor sich hin, bis irgendwann alle aufeinandertreffen und für einen letzten Moment vereint sind. Bei diesem letzten Stück entspringt die Komik schließlich aus den höchst liebenswerten Figuren, die aber allesamt ihren Schlag haben: Sie alle sind beispielhafte Fragmente der menschlichen Unlogik, der intelligenzgemachten Probleme, der überzivilisierten Umgangsformen. So treffend und unaufgeregt ist das ganze Menschsein in diesen Figuren aufgerollt.

Wollte man also nach einem Trend dieser langen Autorennacht suchen, so ist es jedenfalls dieser: die unbedingt humorvolle und trotzdem respektvolle Spiegelung der menschlichen Schwächen, Verfehlungen oder Abgründe. Erzählt durch unterschiedlichste Milieus, krude Figuren, absurde Konstellationen, mit der klassischen Wirkung der Tragikomödie.

 

Lange Nacht der Autoren 2012

Totberlin
von Sarah Tabea Paulus
Regie: Tobias Wellemeyer, Ausstattung: Merle Vierck, Musik: Marc Eisenschink / Gundolf Nandico, Video: Marc Eisenschink / Merle Vierck,
Dramaturgie: Karolin Trachte, John von Düffel.
Mit: Alexander Khuon, Melanie Straub, Franziska Melzer, Marc Eisenschink.

Schafinsel
von Nina Büttner
Regie: Hasko Weber, Bühne: Oliver Helf, Kostüme: Syzzy Syzzler, Musik: Ingo Schröder, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Olivia Gräser, Almut Zilcher, Andreas Döhler, Simone von Zglinicki, Kilian Ponert, Ingo Schröder.

Wir schweben wieder
von Charlotte Roos
Regie: Cilli Drexel, Bühne: Christina Mrosek, Kostüme: Linda Tiebel, Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Natali Seelig, Sven Fricke, Bernd Moss, Natalia Belitski, Judith Hofmann.

www.deutschestheater.de


Mehr zu den Langen Nächte der Autorentheatertage: wie berichteten über die Ausgaben 2011 und 2010, 2009 und 2008, die teilweise noch am Thalia Theater Hamburg stattfanden. Für heidelberger-stueckemarkt.nachtkritik.de schrieb André Mumot über Charlotte Roos' Wir schweben wieder.

 

 

 
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