Plädoyer für das Provinztheater

von Andreas Jüttner

29. November 2007. Umfassende Thesen zum deutschen Theater haben meist ein Problem: Da sie von einem Menschen formuliert werden, können sie angesichts des enorm vielfältigen Theaterangebots unmöglich umfassend gültig sein. Das betrifft auch Stefan Keims Plädoyer für ein populäres Theater, dem dennoch die Ehre gebührt, den Stier des konservativen Rollback endlich mal konstruktiv bei den Hörnern zu packen und ihm durch differenzierte Benennung eines Problems das Futter zu entziehen. Denn wer auf Teufel komm raus originell sein will, dem passiert es zwangsläufig, dass er mal Einfälle statt Ideen serviert und so für Wasser auf den Mühlen der Werktreue- und Spiralblock-Fraktion sorgt. Daher ist das "Plädoyer für ein populäres Theater" (das ja nicht konservativ sein muss) durchaus angebracht.

Das populäre Theater lebt...

Noch angebrachter ist freilich, dass Keim seinen Text zwar so betitelt, aber differenziert genug vorgeht, in seiner Argumentation vor allem der Wertschätzung des populären Theaters das Wort zu reden. Denn, und das hält Keims Text (aus argumentativen Gründen?) zurück: das populäre Theater existiert. Wäre es nicht so, die üppige deutsche Theaterlandschaft befände sich aufgrund von massivem Publikumsschwund längst in weitaus dramatischer Erosion als sie es ohnehin tut. Abonnenten kennen das populäre Theater häufiger als die Kritiker. Es findet meist außerhalb der so genannten Theaterzentren statt, und seine Abwesenheit bei Veranstaltungen wie dem Theatertreffen muss gar nicht beklagt werden – es spielt seine Rolle dort, wo Theater hingehört: vor Ort.

Was in den meisten Fällen bedeutet: in der so genannten Provinz. Dorthin aber kann die überregionale Kritik schon aufgrund ihrer Kapazitätsgrenzen nicht kommen – weshalb sie am Prinzip des deutschen Stadttheatersystems wacker vorbei arbeitet. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn beide Seiten sich dessen bewusst wären. Das von Keim geforderte Selbstbewusstsein dürfte in vielen Fällen kein radikales Umdenken erfordern. Sondern nur weniger radikales Umdeuten, das ohnehin oft nur der Hoffnung auf ein paar überregionale Beobachter entspringt.

Dass dies möglich ist, zeigt schon ein Stichprobenblick ins aktuelle Repertoire eines Hauses, hier des Badischen Staatstheaters Karlsruhe: "Quer durch Jerusalem" – ein wirklich packendes Nahost-Familiendrama, schnörkellos inszeniert und mitreißend gespielt. "Zweifel" – ein beklemmendes Psychoduell in einem well-made-play vom Broadway, Spannung ohne Regiemätzchen. "Eines langen Tages Reise in die Nacht" – Schauspielertheater wie man es sich nur wünschen kann. Und natürlich "Der Gott des Gemetzels", dessen Omnipräsenz zwischen Bremen und Bodensee vom Drang der Theater nach unterhaltendem Stoff zeugt.

... aber man spricht nicht darüber

Es findet also statt. Nur: Darüber gesprochen wird nicht. Jedenfalls nicht im Feuilleton. Da watscht man allenfalls mal Thomas Ostermeier wegen eines komödiantischen Rohrkrepierers ab. Spielen aber auch die "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" von Richard Alfieri eine Rolle, die landauf landab wohl fast so häufig inszeniert werden wie "Der Gott des Gemetzels"? Wird das fast vollständig auf Unterhaltung setzende Sommertheater-Programm zwischen Bad Hersfeld und Bad Kissingen wahrgenommen? Würde Anthony Shaffers "Revanche" besprochen, wenn es irgendwo zwischen Detmold und Dinslaken als Kontrafaktur zur neuen Verfilmung von Kenneth Branagh mit Michael Caine und Jude Law (die sicher besprochen wird!) gespielt würde?

Wohl kaum. Was nicht so schlimm wäre, aber ein schiefes Bild ergibt, wenn jene, die qua Amtes nur nach Neuem Ausschau halten, aus den sich dementsprechend überbietenden Verrenkungen der Beobachtungsobjekte eine Krise des Systems diagnostizieren. Wer beispielsweise über Jahre hinweg Handschriften von Inszenierungen wie das Top-Interessenkriterium wirken lässt, muss nun nicht darüber staunen und wehklagen, wenn nun mancher Regienachwuchs das Handwerk vernachlässigt.

Wobei die Einforderung von Handwerk auch berücksichtigen muss, dass Keims Wunsch nach "Unterhaltungstheater auf einem Niveau, das außerhalb des deutschen Theaters keiner erreicht" etwas befremdlich klingt, wenn man die hiesige Situation mit dem angelsächsischen Theater vergleicht. Londoner Bühnen mögen eine "konventionelle" Ästhetik pflegen – aber sie können es sich gar nicht leisten, ihr Publikum nicht zu unterhalten. Was auch heißt: Sie können es sich nicht leisten, es mit Biederkeit zu langweilen. Wenn im Theater etwas Schaden anrichtet, dann die Gleichsetzung von "konventionell" mit "bieder". Auch, weil sie im Umkehrschluss verunsicherte Theaterleiter mitunter dazu bringt, auf das Wegbleiben eines experimentunwilligen Publikums mit Biederkeit zu reagieren.

"Zentrale Kunstform"?

Freilich bleibt die Frage, ob man sich darüber überhaupt so sehr den Kopf zerbrechen muss, wird das Theater doch tatsächlich nicht mehr "als zentrale Kunstform" wahrgenommen. Wie aber auch? Was kann in einer zersplitterten Gesellschaft noch zentral sein? Nicht einmal mehr das Fernsehen, dessen öffentlich-rechtliche Vertreter gerade dem Internet hinterherhecheln. Das Beispiel "Contergan", das Keim anführt, ist ein seltener Leuchtturm in einem nebligen Meer, in dem im Minutentakt neue Quallen um Aufmerksamkeit heischen. Der mediale Durchlauferhitzer-Mechanismus lässt nichts Zentrales mehr zu – oder bestenfalls für die wenigen Tage, in denen es Quote und Auflage bringt. So erträumenswert das Theater als Diskurszentrum ist: In einer Gesellschaft, deren Ästhetik durch senderübergreifende Pilcherisierung sturmreif geschossen wird und der durch allabendliche Talkrunden-Sedierung jeder Glaube an den progressiven Effekt von Diskussionen ausgetrieben worden sein dürfte, müsste es mächtig rackern, um die Freude an einem solchen Ort so sehr wiederzubeleben, dass es überregional spürbar wäre.

Schauspielerparade!

Das muss Theater aber gar nicht sein. Schließlich wird allerorten die Finanzierung stehender Ensembles damit verteidigt, Kunst für eine Stadt oder eine Region bieten zu wollen. In diesem Raum löst Theater durchaus auch Anteilnahme, Ärger, Denkanstöße und Diskussionen aus. Oft weniger wegen der Regie. Denn ins Theater gehen die meisten Besucher nach wie vor wegen denen, die sie zu sehen bekommen: den Schauspielern. So hätte eine Rückbesinnung auf den Wert von populärem Theater tatsächlich ein Verdienst: Sie könnte die eigentlichen Protagonisten, die bei Regie-Rezensionen oft zu kurz kommen, wieder in den Mittelpunkt rücken. Wenn Keims engagiertes Plädoyer dazu führt, dass Spielfreude über das Weihnachtsmärchen und den Liederabend hinaus wieder salonfähig wird, wäre schon einiges gewonnen.

Abschließend: Wenn auch ich mir etwas wünschen dürfte

Was trotz aller Vernetzung in der Theaterbranche immer noch fehlt, ist eine Überblickshilfe, wie oft es begeisterndes Theater und bemerkenswerte Darsteller auf dem "flachen Land" gibt.

Lässt sich nicht irgendwo (hallo Bühnenverein!) eine Rubrik anlegen, in der regionale Kritiker Produktionen, die sie an "ihrem" Haus schätzen, schlaglichtartig auflisten? Nicht, um die Häuser auf diesem Weg um Aufmerksamkeit buhlen zu lassen (auch wenn es jenseits des Premierenmeinungsdrucks auch mal Provinz-Schlaglichter im Großfeuilleton erlauben würde). Nein: Schon allein, weil auch die x-te Auflage von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf", die nie auf ein Festival kommen wird, Meriten haben kann, die einen Tipp für Durchreisende wert sind.

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