"Go on, Martin Linzer! Go on!"

von Wolfgang Behrens

März 2014. Beim Blick in die Theatermagazine dieses Monats begegnen wir dem Interview-Reenactor Robert Wilson, dem Westentaschen-Uli Hoeneß André Schmitz, den historischen Freaks und den Leibeigenen der Regisseure. Und was wäre eine Magazinrundschau ohne einen Abstecher zur Stadttheaterdebatte?


theaterheute3-14Theater heute

Unter der Überschrift "Wattn ditte" lässt Chefredakteur Franz Wille gleich zu Beginn des März-Heftes die Berliner Affäre um den jüngst wegen eines Steuerdelikts zurückgetretenen Kulturstaatssekretär André Schmitz Revue passieren. Es gab ja viele in Berlin, die diesen Rücktritt bedauerten und – angesichts des 2012 eingestellten Verfahrens und der getilgten Steuerschuld von 20.000 Euro – sogar für überflüssig hielten, denn – so Wille – "als gut vernetzter Impresario hatte sich Schmitz Meriten erworben und sicher mehr Sachkenntnis ins Staatssekretärsamt eingebracht als mancher tatsächliche Kultursenator vor ihm." (Anmerkung für Nicht-Berliner: In Berlin hält sich der Regierende Bürgermeister selbst für berufen, als Kultursenator aufzutreten.)

Wille hält dagegen: "So versteht man inzwischen besser, warum Schmitz nicht den leisesten Protestlaut gegeben hat, als er bei der Verwendung der City Tax für Künstler und Freie-Gruppen-Förderung vom Regierenden rüde ausgebremst und im Regen stehen gelassen wurde: Schmitz war Wowereit seit Sommer '12 sehr zu Dank verpflichtet." Da ist was dran: Dass ein ängstlich im Verborgenen gehaltener Steuerfleck auf der Weste eines Staatssekretärs am Ende der Freien Szene viel Geld gekostet haben könnte, das wäre schon ein kleiner Skandal. Auch Willes Gesamtbilanz für Schmitz liest sich nicht allzu positiv: "Politisch bleiben wird von Schmitzens Zeit ab 2006 ein Hang zum Bewahren (...). Die Kehrseite des Bewahrens ist das Konservieren, und gerade im Theaterbereich durften unter der kumpelhaften Käseglocke von Wowereit/Schmitz Intendanten ewig bleiben, solange nur die Zahlen stimmten. Künstlerisch hat niemand nachgefragt, da wären auch beide überfordert gewesen." Man hätte bei Theater heute nachfragen können, und da heißt es nun: Peymann, Ostermeier, Castorf? "Edelboulevard und Stagnation".

Sehr amüsant liest sich in der März-Ausgabe ferner eine Interview, das Eva Behrendt mit den Geschwistern Yael und Michael Ronen geführt hat, beide längst als Regisseure im deutschsprachigen Raum unterwegs. (Kostprobe Yael Ronen: "Die Deutschen denken ja oft, wenn sie im Theater nicht leiden, ist es nicht intelligent.") Und dann gibt es noch einen penibel recherchierten Archiv-Krimi um den kürzlich bei einem österreichischen Antiquar aufgetauchten Iffland-Nachlass. Ruth Freydank, ausgewiesene Kennerin der Berliner Theatergeschichte, hält für diejenigen, die die verrückte Geschichte um diesen Fund verfolgt haben, einige Überraschungen bereit. Sie hat sich z.B. die Mühe gemacht und in der nicht publizierten Leipziger Dissertation des ehemaligen Akademie-der-Künste-Archivars Hugo Fetting (der das Iffland-Konvolut an das Antiquariat aus seinem Privatbesitz verkauft hat) nachgeschaut, welchen Standort dieser für die Iffland-Akten angibt. Und siehe da: Quellenangabe "Archiv der Staatsoper". Seltsam, Herr Fetting!

deutschebuehne3-14Die deutsche Bühne

Redakteur Detlev Baur war auf der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft, berichtet von dort, hat aber auch eine kleine Erhebung per Fragebogen zu den persönlichen Arbeitsbedingungen der Dramaturgen durchgeführt. Die Ergebnisse sind witzig verpackt, aber im Grunde alarmierend: Die wöchentliche Arbeitszeit sei "selten unter 60 Stunden", organisatorisches Arbeiten nehme inzwischen mehr Raum ein als kreative Arbeit, die wenigsten könnten sich vorstellen, "den Beruf bis zur Rente zu betreiben, oder 'nur wenn es gelingt, einen 'eigenen' Weg zu finden.'" Was ist wohl mit "eigenem" Weg gemeint? Der Weg zur "gesunden Stressabstumpfung", wie es einige Zeilen zuvor heißt? Familienleben sei immerhin möglich, "aber nur mit Erfindungsreichtum". Vielleicht werden wir diese Erkenntnisse ja demnächst in ein Dienstags-Diagramm gießen!

Das Schwerpunktthema des März-Heftes aber ist das Inklusionstheater. Im einleitenden Essay erzählt Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard die Geschichte des integrativen Theaters und geht darin bis ins 19. Jahrhundert zurück, in dem "Behinderte im Zirkus und auf dem Jahrmarkt ausgestellt" wurden, "gemeinsam mit 'Exoten', Groß- und Kleinwüchsigen und anderen Menschen, die nicht der Norm entsprachen. Die Freakshows bedienten voyeuristische Bedürfnisse. Sie lösten Staunen und Lachen aus, die Schönheit des Skandals. Den Zuschauern wurde die Möglichkeit gegeben, sich der eigenen Normalität zu versichern und ihr Selbstbewusstsein zu stabilisieren." Vermutlich (sagt nicht Frau Deuflhard, sondern sage ich, wb) ist dieses Muster der Freakshow bis heute auf der Rezipienten-Seite nicht gänzlich außer Kraft. Und vielleicht wurde gerade deswegen (wieder Deuflhard) "das Freakshow-Thema in den letzten Jahren von unterschiedlichen Künstlern offensiv aufgegriffen." Genannt werden "Freakstars 3000" von Christoph Schlingensief, "Menschen!formen" vom Theater Hora und "Dschingis Khan" von Monster Truck.

Deuflhard lässt auch Peter Radtke, einen Schauspieler mit Glasknochen, zu Wort kommen: "Mit einem behinderten Darsteller kommt ein Realismus auf die Bühne, der das Nachspielen einer Figur verhindert und den 'schönen Schein' auf der Bühne sprengt." Der Behinderte "könne nie nur als Schauspieler gesehen werden, er sei immer auch Prototyp des Behinderten." Der Schwerpunkt selbst ist dann weit gefächert: Von Jérôme Bel, der noch einmal über Disabled Theater spricht, über das Schauspielerpaar Franziska Walser und Edgar Selge, die sich in einem Verein für psychisch erkrankte Menschen engagieren, bis zur Frage, wie barrierefrei unsere Theater sind, spannt sich der Bogen.

tdz3-14Theater der Zeit

Kurioserweise hatte auch Theater der Zeit im Februar-Heft einen Inklusions-Schwerpunkt für März angekündigt, der nun jedoch noch auf sich warten lässt. Wollte man der Deutschen Bühne großzügig den Vortritt lassen? Der Ersatzschwerpunkt heißt: Robert Wilson. Wer zufälligerweise auf der Pressekonferenz mit Robert Wilson vor den Berliner "Einstein on the Beach"-Aufführungen war, konnte dort etwas Erstaunliches erleben: Wilson schien nämlich größere Teile seines TdZ-Gesprächs mit Frank Raddatz zu reenacten. Aber vielleicht war ja auch schon das Gespräch mit Raddatz ein Reenactment. Jedenfalls kann man hier alles Wesentliche noch einmal nachlesen: "Viele Regisseure nehmen sich ein Stück oder eine Oper und versuchen, die Wörter mit Bildern zu veranschaulichen. Das hat mich schon immer außerordentlich gelangweilt. (...) Deswegen arbeite ich häufig mit Kontrapunkten: Das, was ich sehe, ist eine Sache, das, was ich höre, eine andere, und wie sich die beiden Ebenen, wenn sie zusammengefügt werden, gegenseitig verstärken und aufladen, eine dritte. Dieser Glaube, dass etwas illustriert oder dekoriert werden müsste, ist etwas ganz Furchtbares. Leute gehen auf Schulen, um Bühnenbild oder Ausstattung zu studieren. Ich würde diese Schulen am liebsten niederbrennen. Dekor gehört nicht auf die Bühne." Nun ja, irgendwie dekorativ sind die Bühnen Wilsons aber auch ...

Des weiteren antwortet in der März-Ausgabe Roland May, Generalintendant des Theaters Plauen-Zwickau, auf das "Rostocker Signal" von Stefan Rosinski und Sewan Latchinian, das in der TdZ-Februar-Ausgabe erstveröffentlicht wurde und mit dem die beiden Theaterleiter den (einem schwelenden Tarifkonflikt geschuldeten) Austritt des Volkstheaters Rostock aus dem Bühnenverein begründeten. May kommt der Aufruf zum "Wandel durch neue Ideen" zumindest nachfragebedürftig vor und er erläutert, dass an anderen Theatern "seit Jahren mit Haustarifen gearbeitet" werde. In Rostock komme "die Variante ins Spiel, gänzlich auf Tarifverträge zwischen Arbeitgeberverband und Gewerkschaften zu verzichten. Auslöser für diesen sogenannten Befreiungsschlag ist aber doch wohl die versäumte Rücklage von zu erwartenden Tarifnachzahlungen für das Orchester durch die Geschäftsführung. Der Begriff des Neuen ist in Zeiten, in denen Zukunft eher als Bedrohung wahrgenommen wird, verdächtig. Und so ist es wohl auch vorerst nur die alte Fratze 'Verzicht', die uns hier angrinst. Das ist erst einmal Verzicht auf Einkommen, aber auch der Verzicht auf die Achtung der Leistung aller Mitarbeiter."

Und May bringt ein bemerkenswertes Beispiel: In seiner Zeit am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau hätten sie "in ähnlicher Not wie jetzt in Rostock im Rahmen der Theater-GmbH eine Tochtergesellschaft gegründet und alle Techniker dort mit eingefrorenen Löhnen versammelt. In der Folge hatten wir anhaltende Schwierigkeiten, mittelfristig qualifiziertes Personal zu bekommen."

Zum Schluss noch einmal zu den Dramaturgen. Das Kritikerurgestein Martin Linzer reitet in seiner Kolumne "Linzers Eck" unter dem Titel "Es lebe die Zettelwirtschaft!" eine herrliche Parade gegen eine bestimmte Art, Dramaturgie zu betreiben. Eigentlich verbietet sich ein Zitat, man muss das im Ganzen lesen. Trotzdem ein kleiner Ausschnitt: "Was mich an den Staatstheaterprogrammheften, speziell des Deutschen Theaters, so nervt, ist ja nicht nur die Bildungsoffensive, sind nicht nur die liebedienerischen Autoreninterviews, die stets den Eindruck erwecken, als lieferten die Autoren die Fragen gleich mit, um ja auch ihre gesammelte Weisheit vermitteln zu können, es ist vielmehr eine Haltung, die meinem Verständnis von Dramaturgie (...) nicht wirklich entspricht und die mit einem Verlust von Distanz zum Haus, zu den Mitarbeitern, zum Gegenstand der Arbeit einhergeht. Gäbe es eine nach meinem Verständnis funktionierende Dramaturgie, so hätte es vielleicht einige Aufführungen gar nicht, einige möglicherweise anders gegeben. Wären Dramaturgen nicht nur Leibeigene ihrer Regisseure und billige Öffentlichkeitsarbeiter des Theaters ..." etc. Wie die Beatniks einst Allen Ginsberg beim Vortrag von "Howl", so möchte man jetzt Martin Linzer zurufen: "Yeah, Martin! Go on! Go on!"

 

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