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Nachvollzug eines Lebenswegs

von Rudolf Mast

Hamburg, 28. Oktober 2011. Wenn die Bretter des Theaters die Welt bedeuten, ist die Welt dann eine Scheibe? Diese Frage stellt sich dem, der am Freitag zur Premiere von "Der Fremde" nach Albert Camus die kleine Spielstätte des Thalia Theaters in der Gaußstraße betritt und als Spielfläche eine Scheibe erblickt. Die Vorankündigung hatte leise Zweifel an dem Unterfangen geweckt, weil sie Camus' Roman als "Schlüsselwerk der Philosophie des Absurden" preist. Und auch wenn diese Einschätzung ein Werk der Prosa wohl etwas überfrachtet, bleibt die Erfahrung, dass die Welt ziemlich flach werden kann, wenn das Theater sie zu erklären versucht.

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Kleider tragen Menschen

von Elske Brault

Hamburg, 1. Oktober 2011. Ein Mann, der durch die Jahrhunderte geht und dabei zur Frau wird, ein Spiel mit Geschlechterrollen und Identitäten: "Orlando" ist eine Steilvorlage für Regisseur Bastian Kraft und seinen Bühnenbildner Peter Baur. Beide haben bereits einen ähnlich gelagerten Roman als opulent ausgestattetes Vexierspiel auf die Bühne gebracht: Helene Hegemanns Axolotl Roadkill. Auch in "Orlando" geht es – zumindest in der Fassung, die Dramaturgin Beate Heine gemeinsam mit Kraft aus dem Roman destilliert hat – um das Verhältnis von Kunst und Leben, von Pose und Persönlichkeit, von Sinneseindrücken und ihrer gedanklichen Verarbeitung. Mit der Biographie der Romanfigur Orlando stellt Virginia Woolf die Frage, wie überhaupt aus einem realen Leben ein Buch werden könne. Auf der Bühne blättern die wechselnden Erzähler die Seiten eines Bilderbuchs um – ein Kunstwerk für sich.

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Tickende Weltuhr im Bauch

von Georg Kasch

Hamburg, 3. September 2011. Am Anfang dreht sich nur ein Baum auf der dunklen Bühne, aus dessen wackelnder, klingelnder Krone zwei Narren purzeln, spielbereit. Am Ende liegt die Bühne wieder wüst und leer, nicht mal ein Baum schüttelt sich – aber die zwei Clowns sind immer noch da. "Ich will nicht mehr spielen, es ist doch alles sinnlos", jammert er. Und sie? Zirpt im kindlich süßesten Quengelton: "Trotzdem spielen". Bis das Licht verlischt.

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… und unterm Dach das Paradies

von André Mumot

Hamburg, 28. April 2011. Die Welt wird sein, wie sie immer ist – ziemlich unromantisch und brutal. Aber immerhin geht sie ihren Gang irgendwo weit unten, wo wir ihr nicht zuschauen müssen. Nur eine Bodenluke öffnet sich, und das Ensemble verschafft sich Zutritt zu dem zweistöckigen Dachboden, der die Bühne des Thalia Theaters einnimmt: Spitz zulaufende Schrägen und schwere Holzbalken, all das schummrig beleuchtet, voller dunkler Winkel und Gerümpel, das sich zusehends vermehrt.

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Schatzischmatz sucht die Revolution

von Elske Brault

Hamburg, 9. April 2011. Faust hatte nur zwei Seelen in der Brust. Der arme Wicht. Wo doch heute jedes Kind weiß, dass man seine Persönlichkeitsaktien auf verschiedenen Banken anlegen muss.

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Wovon man nicht sprechen kann, muss man singen?

von Katrin Ullmann

Hamburg, 2. April 2011. Es ist ein Konzert. Und es ist Borchert. Felix Knopp spielt, nein: singt darin den Beckmann, jenen Kriegsheimkehrer, der nicht heimkehren kann. Beckmann ist ein Mann ohne Identität, ein Soldat, ein vom Krieg Traumatisierter. Er ist einer, der nach Schuld und Verantwortung fragt, er ist Mörder und Opfer und vor allem ist er einer, der draußen bleibt, "draußen vor der Tür" der Gesellschaft. Borchert schrieb das Stück 1946 zunächst als Hörspiel. Er schrieb es – so heißt es – in nur wenigen Tagen. Ein Jahr später erfuhr es seine Uraufführung an den Hamburger Kammerspielen.

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Was machen wir jetzt hier?

von Elske Brault

Hamburg, 30. März 2011. Das Körber-Studio Junge Regie ist ein Treffen der Nachwuchsregisseure – und ein Wettbewerb: Der Regisseur der besten Inszenierung darf an einem Staatstheater seine nächste Produktion herausbringen. Aber der diesjährige Gewinner Gernot Grünewald will das womöglich gar nicht – einen literarischen Text zu inszenieren, kommt für ihn nicht in Frage.

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Die Talente von morgen

von Elske Brault

Hamburg, 25. bis 27. März 2011. Auf der Bühne geht nichts mehr, wenn Laura Linnenbaum von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/Main ihre Fassung des Erfolgsromans "Schlafes Bruder" beginnt. Die Bühne nämlich ist so vollgestellt mit Lautsprechern und einem Keyboard, dass die beiden Darsteller ausweichen müssen auf den Zuschauerraum. Da scheinen sie anfangs einer von uns zu sein, Besucher wie wir: Sie kichern, prusten, amüsieren sich darüber, dass auf der Bühne nur Nebelschwaden wallen und im Übrigen nichts passiert.

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Gewalt ist eine Schönheit

von Katrin Ullmann

Hamburg, 19. März 2011. Zwei Tote, die Projektion unzähliger (Atom)Explosionen auf einer rechtzeitig heruntergelassenen Leinwand und ein teilnahmslos abgehender Nikolai Stawrogin: Das ist das Ende, das Ende von Kornél Mundruczós "Dämonen"-Bearbeitung am Thalia in der Gaußstraße. Im Original, in Dostojewskis Roman von 1871/72, gibt es ebenfalls ein paar Tote, darunter auch Stawrogin: Er erhängt sich an einer Seidenschnur.

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Die Tragödie als Orgelspiel

von Simone Kaempf

Hamburg, 25. Februar 2011. Sand fliegt in die Höhe. Mit beiden Armen durchpflügt Antigone den schwarzen Erdhügel und stößt so markerschütternde wie fremdländische Klageschreie aus, deren Echohall effektvoll verstärkt ist. Ihre Knie rutschen im Sand, die Hände werfen den Sand, die Augen sind orangeschattig ummalt, und es ist nicht nur Trauer, es ist allem voran Wahnsinn, der ihr in den Glieder zu stecken scheint.

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Von russischer Schauspielwucht

von Daniela Barth

Hamburg, 31. Januar 2011. Volleyball. Männer und Frauen spielen sich eine Zeit lang wortlos über ein Netz einen Ball zu. Dann erscheint eine kleine, ältere Frau, die im zwar abgeklärten, aber doch tragischen Ton über ihre Vernichtung berichtet. Das wird sich wie ein roter Faden durch die ganze, dreieinhalbstündige Inszenierung ziehen. Wie auch das "Netz", das im Laufe des Abends als Absperrgitter von sibirischem Gulag wie auch deutschem KZ dienen wird. Das "Kleine Schauspielhaus" (Maly dramatitscheski teatr) aus St. Petersburg gibt sich auf Thalias Brettern die Ehre.

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Wikileaks lässt grüßen

von Daniela Barth

Hamburg, 22. Januar 2011. Ein großer Abend. Ein langer, fast vierstündiger Abend. Ein verstörend ambivalenter Abend – verstörend, weil aufrührerisch, aber dabei so unaufdringlinglich (soweit man das im Theater behaupten kann). Ein Abend voller Knutschereien, Kabbeleien, mit Tränen, Blut und einem bunten, wilden, schillerschen Salat voller Intrigen. Jette Steckels "Don Carlos"-Inszenierung im Thalia Theater gerät zum Ereignis besonderer Güte und zur wunderbaren Einstimmung auf das zweiwöchige internationale Theaterfestival "Um alles in der Welt – Lessingtage", dessen Programmheft eine Vielzahl von interessanten Ein- und Ausblicken zu bieten verspricht.

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Der Charme des Fragmentarischen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 21. Januar 2011. Irgendwann im Jahr 2004 entdeckt Don DeLillo das Foto. Die Aufnahme zeigt einen Mann, der nach dem 11. September 2001 durch die Straßen irrt. Er ist voller Asche und Staub, er trägt eine Tasche. Don DeLillos Hauptfigur in seinem Roman "Falling Man" (erschienen 2007) gibt es da bereits. Doch bis dahin ist es nur eine Figur in DeLillos Kopf. Sechs Jahre arbeitet DeLillo an seinem Roman, liest, schreibt und recherchiert. Bei seiner Recherche entdeckt er jenes Foto und fragt sich "Wer ist dieser Mann? Was ist seine Geschichte? Was hat es mit dieser Tasche auf sich?" – und begibt sich fortan "wie ein Detektiv in meine eigene Handlung."

Quote mit Shakespeare

von Rudolf Mast

Hamburg, 27. November 2010. Über Theater wird wieder geredet! In Kantinen, auf Podien und im Feuilleton, über Städte wie Dessau und Halle, Leipzig und Wuppertal. Leider geht es dabei nur ums Geld. Anlass sind zum wiederholten Male Sparmaßnahmen, die viele Theater in ihrer Existenz gefährden. Der Tenor ist dabei stets derselbe: "Finger weg von unseren Bühnen!" Der Aufschrei ist berechtigt, denn zwar stimmt, dass vor allem die Kommunen, die ja die meisten Theater unterhalten, sparen müssen. Fakt ist aber auch, dass es gute Gründe gibt, die deutsche Theaterlandschaft zu erhalten.

Durchs Kinderzimmer am laufenden Band

von André Mumot

Hamburg, 21. November 2010. Manchmal wirkt ein bisschen Abstand Wunder. Deshalb ist es ein Segen, dass der Fall Hegemann samt Skandal längst abgeschlossen ist. Und vielleicht ist es auch ganz gut, dass die erste ernst gemeinte Dramatisierung von "Axolotl Roadkill" (nach der Puppenparodie von "Das Helmi") nicht am Ort der Handlung über die Bühne geht und Berlin somit keine Gelegenheit bekommt, sich selbstverliebt in abgefuckter Ödnis zu suhlen.

In Gottes totem Winkel

von Ulrich Fischer

Hamburg, 20. November 2010. Das Luminato Festival im kanadischen Toronto hatte in diesem Sommer einen Schwerpunkt auf das Thema Arm und Reich gesetzt. Die Leitung bat namhafte Dramatiker aus der Dritten und Ersten Welt, Stücke zum Thema einzureichen, als Deutschen Roland Schimmelpfennig. "Peggy Pickit Sees the Face of God" wurde im Juni in Toronto uraufgeführt. Einen Tag nach der deutschsprachigen Erstaufführung im Deutschen Theater in Berlin kam nun Wilfried Minks' Inszenierung in Hamburg, im Thalia raus. Thalia, Deutsches Theater, Toronto – Schimmelpfennig genießt offenbar Vertrauen.

Vom affigen Kriegskasper gebissen

von Daniela Barth

Hamburg, 30. Oktober 2010. Willkommen in der Talkshow. Thema: Der Krieg der Kulturen. Oder: Das Leben ist ein Witz. Und: Ja. Griechenland... und ja, Troja... Vier Männer haben sich aus den Stuhlreihen - das Bühnenbild ist ein Zuschauerraum - erhoben, in denen sie zuvor lässig lümmelten, bauen sich vorm Auditorium auf und quatschen erstmal locker drauf los. "Helena denkt, oh Mann, jetzt steh' ich in 'ner toten Möwe, das geht ja gar nicht", Julian Greis schüttelt kokett seine blonde Lockenperücke, spielt mit seinen Fingern und parliert dann weiter: "Wär' ich ein räudiger Kadaver - und nicht ich / wär' ich ein stinkendes Stück Dreck - nicht Helena / Helena - ich?"

Durch des Stemanns holden belebenden Blick

von Katrin Ullmann

Hamburg, 22. Oktober 2010. Zuletzt hat sich Peter Stein daran gewagt. An den ungekürzten Faust, Teil I und II. 2000 war das. Für die Expo in Hannover. 30 Millionen Mark, so heißt es, kostete die Produktion für die Stein eine eigene Firma mit über 80 Mitarbeitern gründete. 35 Schauspieler bestritten die insgesamt 22 Stunden währende Aufführung. Bruno Ganz gab den Faust, Johann Adam Oest und Robert Hunger-Bühler den Mephisto, Dorothee Hartinger das Gretchen. Bis zur Ermüdung werktreu war diese Inszenierung, auch wenn Peter Stein die Zuschauer gelegentlich zwischen den Spielstätten hin- und herwandern ließ. Pathetisch, poetisch und bis ins allerletzte Detail genau.

Musikalisierung eines verunglückten Lebens

von Michael Laages

Hamburg, 2. Oktober 2010. In ein paar wenigen Jahren ist es dem ungarischstämmigen Musiker David Marton ja tatsächlich gelungen, so etwas wie ein eigenes Genre zu kreieren. Ausgehend von den Berliner Sophiensälen erobert er mit den extravaganten Kreationen aus der eigenen Werkstatt mittlerweile die eigentlich musiktheaterfremden Schauspielbühnen: zuerst die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, dann das hannoversche Schauspielhaus, im folgenden das Wiener Burgtheater, Det Kongelige Teater in Kopenhagen und nun das Thalia Theater in Hamburg. Dabei ist er noch immer ein Fall für Spezialisten und eine Produktion mit ihm alles andere als eine sichere Sache.

Sein oder Sein oder was? 

von Rudolf Mast

Hamburg, 18. September 2010. "Mehr Inhalt, wen'ger Kunst." Gibt man das "i" hinzu, das Schlegel in seiner Übersetzung von 1843 dem Versmaß opferte, dann ist in diesem längst zum Sprichwort gewordenen Zitat aus Shakespeares "Hamlet", noch einmal 250 Jahre älter als die Übersetzung, ziemlich genau die Erwartungshaltung formuliert, die das Publikum, aber auch die über Subventionen entscheidende Politik, an das zeitgenössische Theater heranträgt. Welterklärung, Bildung und Orientierung stehen noch immer auf dem Auftragszettel.

Diva an Deck

von André Mumot

Hamburg, 4. September 2010. Irgendwann fragt man sich nur noch: Wann kommt sie denn nun endlich, die Flut, und macht Schluss mit all dem Bühnenelend? Oder immerhin: Wann kommt Nadja? Das könnte zumindest Walter Giller durch den Kopf gehen, der an diesem Abend in einer der ersten Reihen im Thalia-Theater-Zelt sitzt. Denn natürlich ist er hier, weil die Frau, mit der er seit 1956 verheiratet ist, in der neuen Revue von Schorsch Kamerun einen kleinen Auftritt hat. Der erfolgt erst gegen Ende – lässt dafür aber in Sachen Pomp und Umstand und Trara nichts zu wünschen übrig. Nadja Tiller, die bereits als anrüchiges Freudenmädchen des Wirtschaftswunder-Kinos eine abgeklärte Grande Dame war, wird auf einer Tingeltangel-Sänfte ins Bühnenrund getragen: eine hoheitsvolle Senioren-Cleopatra, standesgemäß eingekleidet in schwarzem Abendkleid und Goldcape, zugleich eine morbid bedrohliche Königin der Nacht.

Kabumm Bumm Morgentau

von Daniela Barth

Hamburg, 13. Mai 2010. Die "Bin Sa'at LTD. Import Export" hat sich im Thalia Theater in der Gaußstraße eingenistet: In dieser Firma mit dem Tiger als Emblem dient eine Garage zugleich als chaotisches Flüchtlingslager, Airport und unaufgeräumte Schauspielerwerkstatt. Darsteller Felix Knopp schlägt den Gong: Seine drei Kollegen treten an die Lesehilfen und typisieren zur Erhellung des Premierenpublikums ihre Figuren. Das übliche Werkzeug (Geste, Mimik, Kostüm, Sprache) dient hier der überspitzten Handhabung - und entbehrt einer gewissen Komik nicht.

Im Lagerhaus der Emotionen

von Rudolf Mast

Hamburg, 23. April 2010. Am Thalia Theater geht die erste Spielzeit der neuen Intendanz zu Ende, und ein Programm auf die Beine zu stellen, dem Haus ein anderes Gesicht zu geben, das ist für alle Beteiligten ein Kraftakt. Am Ende dieses ersten Jahres steht nun eine Premiere, die auch an den Beginn gepasst hätte: "Große Freiheit Nr. 7" nach Helmut Käutners Film, der 1943 gedreht, 1944 nach der Uraufführung zensiert und erst ab 1945 ein Erfolg wurde, ist neben vielem anderem eine Liebeserklärung an Hamburg.

Und beim Engtanz sehen wir uns nicht

von Katrin Ullmann

Hamburg, 24. März 2010. Schwermütig stimmt er eine russische Weise an. Singt und dreht sich im Kreis. Dann beginnt er sich auszuziehen, tanzt wild und wilder, sein Gesang wird verrückter. Die Arme wie Vogelflügel ausgebreitet. Gleich vergräbt er sie wieder tief in seiner Unterhose und zieht auch diese aus. Er nimmt sich den ganzen Bühnenraum und tanzt seinen durchgedrehten Tanz – bis er gewaltsam von der Bühne getragen wird.

Hans Christian, der Freak

von Rudolf Mast

Hamburg, 6. März 2010. Wer Luk Percevals Salzburg-Berliner Inszenierung Molière von 2007 gesehen hat, wird lebhaft in Erinnerung haben, wie die denkwürdige Aufführung aus Werk und Leben eines Autors eine Art kollektive Biographie formte, um damit etwas über das Leben heute zu erzählen.