"Der einzige Autor, der mich im Theater interessiert"

von Milo Rau

Auf dem Weg nach Berlin, 21. Mai 2018.

Liebe Freundinnen und Freunde,

als Anleitung zu dieser Rede haben mir die Kollegen von den Berliner Festspielen freundlicherweise eine Reihe von vier Leitfragen zugestellt, auf die ich auf der Zugfahrt zum Alfred-Kerr-Darstellerpreis geantwortet habe, soweit es mir zeitlich möglich war. Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen.

Stadttheater der Zukunft

von Milo Rau, Stefan Bläske, Steven Heene, Nathalie De Boelpaep und dem Team des NTGent

Gent, 18. Mai 2018.

Vorbemerkung

Jede Institution hat Regeln, so auch das Theater, doch werden sie kaum jemals bekannt gemacht. Zum Beispiel ist es an fast allen deutschen Stadttheatern eine unausgesprochene Regel, dass Produktionen (wenn überhaupt) nicht über die Sprachgrenzen hinaus getourt werden – aus Kostengründen oder wegen der Unmöglichkeit, Techniker und Schauspieler entsprechend zu disponieren. Das betrifft auch die Inhalte: Es werden die immer gleichen Klassiker des bürgerlichen Zeitalters gespielt, von Schnitzler über Ibsen bis Dostojewski und Tschechow. Neu entwickelte oder gar aussereuropäische Stücke kommen, wie nichtprofessionelle oder fremdsprachige Schauspieler, Aktivisten oder freie Gruppen nur in Seitenprogrammen und auf Studiobühnen vor. Man muss sich entscheiden: Freie Szene oder Stadttheater, Produktion oder Distribution, Klassikeradaptionen für ein bürgerliches Publikum oder internationaler Tour-Zirkus für die globalen Eliten.

Das reicht nicht!

von Anne Peter

11. Mai 2018. Beim Berliner Theatertreffen regieren gerade die Frauen. Männerdämmerung ist angesagt. Faust wird zum brabbelnden Lustgreis, Gretchen zum subversiv fordernden Chor. Die griechischen Helden werden zu populistischen Kriegstreibern, die Troerinnen zu wortmächtigen Opfern. Geleitet wird das Festival von einer Frau, die Jury ist zurzeit mehrheitlich weiblich besetzt. Das "Unlearning"-Begleitprogramm diskutiert die Krise des Patriarchats und die Geschlechterungerechtigkeit am Theater.

Vorschlag-Hammer

von Sebastian Huber

8. Mai 2018. Wie ist es aktuell um den Zustand der Kritik bestellt? Schlecht, das sagen Kunstschaffende natürlich immer. Die Klage übereinander gehört längst schon zur Folklore der Beziehung zwischen Kunst und Kritik. Mitunter aber gibt es auch handfeste Gründe, sich über die alte Regel hinwegzusetzen, die besagt, dass man Kritiker tunlichst nicht kritisiert, und ein paar Fragen zu stellen.

Schulpakete auch für Theater

27. April 2018. Im Herbst 2016 begründeten der Dramaturg Harald Wolff und der Bühnen- und Kostümbildner Gregor Sturm im Zusammenhang mit dem Ensemble Netzwerk, der Dramaturgischen Gesellschaft und dem Bund der Szenografen die Aktion "40.000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten" – als Aufforderung an Theaterleute, in einer breiten Informationskampagne Politiker*innen darüber aufzuklären, was Theater alles leisten und unter welchen Bedingungen sie es tun. Im Herbst 2017 ging die Aktion in eine zweite Runde – Zeit, einen der "informierten Abgeordneten" zu fragen, was er aus dem Zusammentreffen mit den Theaterleuten gelernt hat und was für Vorschläge er für die Verbesserung der Theaterarbeit hat. Sophie Diesselhorst hat den Essener SPD-Bundestagsabgeordneten Dirk Heidenblut in Berlin getroffen.

Lebbares Modell gesucht

23. April 2018. Als Joachim Lux, Intendant des Hamburger Thalia Theaters, vor einer Woche seinen Spielplan für die Saison 2018/2019 vorstellte, sprach er auch von einem Mitbestimmungsmodell in seinem Haus. Mehr "Mitspracherecht in künstlerischen Fragen" durch die Bildung eines entsprechenden Gremiums sei geplant, berichtete das Hamburger Abendblatt. Georg Kasch hat nachgefragt.

Von diversen Zukünften

21. April 2018. Überstürzt ging es zu Ende: Nachdem über die Berufung des Kunstkurators Chris Dercon zum Theaterintendanten an der Berliner Volksbühne drei Jahre lang erbittert gestritten wurde, ist er Mitte April von seinem Amt zurückgetreten – früher als erwartet. Um die Causa Volksbühne geht es in der April-Ausgabe von "Der Theaterpodcast". Ein weiteres Thema ist das Verhältnis von Theater, Gesellschaft und Digitalisierung. Außerdem sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp über Beispiele von Theater als "Staatsmedium" in Rechtsruck-Ländern.

Propaganda mit Kunstanstrich

von Sophie Diesselhorst

17. April 2018. Heute mal ein Blick ins Kinder- und Jugendtheater, wo bekanntlich die Fundamente unseres kulturellen Verständnisses gebildet, in den höheren Altersgruppen auch verhandelt werden. Wo die politischen Verhältnisse gewissermaßen an der Grasnarbe zu packen sind.

#Wakingthefeminists war der Wendepunkt

19. April 2018. Seit Anfang der laufenden Spielzeit ist Selina Cartmell Intendantin des geschichtsträchtigen Gate Theatre in Dublin (wo u.a. Orson Welles seine Schauspielkarriere begann). Ihre Berufung fällt in eine Zeit, in der die irische Kulturszene sich seit 2015 unter dem Label #Wakingthefeminists selbstkritisch zum Thema Geschlechtergerechtigkeit befragt und zunehmend Frauen auf vorher vorwiegend männlich besetzte Leitungspositionen gelangen. Cartmell ist selbst Regisseurin – zu einer weiblichen Perspektive aufs Theatermachen, ihre Forderung nach einer Frauenquote und dem Erfolg von #Wakingthefeminists hat Sophie Diesselhorst sie befragt (read the interview in English here).

"#Wakingthefeminists has been a watershed"

19. April 2018. Selina Cartmell is Artistic Director of The Gate Theatre, Dublin since the beginning of the current season (founded in 1928, The Gate has been home to many famous artists, among others Orson Welles, who started his acting career here). Cartmell's appointment came in the middle of a debate about gender equality in Irish cultural life. Since 2015, the #Wakingthefeminists movement has been campaigning for more women in leading positions and a quota. Sophie Diesselhorst has asked Selina Cartmell about the possibilities of this movement for theatre – and her feminist perspective as a director (deutsche Übersetzung des Interviews hier).

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