Peinliche Wühler

von Michael Bartsch

8. April 2021. Im Jahr 2021 stehen weitere wichtige Wahlen an, und in diesem Frühjahr werden in Kommunen und Ländern teils verspätet coronagestresste Krisenhaushalte beschlossen. Die AfD und die vielerorts schon zu ihrer Light-Version mutierten Freien Wähler nutzen die "Gunst" knapper Kassen, erneut gegen ideologisch missliebige "linksextreme" Vereine und Institutionen Attacken zu reiten, auch gegen große Bühnen. Getarnt werden diese Streichungsanträge mit der "Verantwortung", die schrumpfenden Einnahmen im Interesse aller nach neuen Prioriäten zu verteilen. Im Klartext läuft dieses Ansinnen auf ein Ausspielen der Kultur gegen Gewerbe und Soziales hinaus.

Orpheus digital

von Georg Kasch

Berlin, 31. März 2021. Musiktheater in Zeiten sozialer Distanz – das klingt zunächst einmal nach sicherer Bank. Während sich das Sprechtheater erst an die Aufbereitung fürs Netz herantasten musste, hatte die Oper bei Pandemiebeginn schon einen guten Vorlauf. Mit Live-Übertragungen in Kinosäle und gelegentlichen Internet-Streams hatten die großen Häuser längst wertvolle Erfahrung gemacht. Zudem konnten viele von ihnen auf ein Archiv aus Hochglanzvideokonserven klassischer Inszenierungen zurückgreifen. Entsprechend wurde seit Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 rausgekloppt, was die Bestände hergaben. Sogar live gestreamte Premieren gab es etliche. Dass die Show hier derart ungebrochen weitergeht, liegt – neben ordentlicher Budgets und Sponsoren, die fürs Freitesten zahlen – auch am internationalen Reisezirkus: Wer die Sänger:innen und Dirigent:innen nicht zum verabredeten Zeitpunkt nutzt, hat danach kaum eine Chance, sie noch einmal für Endproben zusammenzukriegen.

Eine neue Selbstverständlichkeit

Eva Hubert im Interview mit Stephanie Drees

24. März 2021. Vergangene Woche, am 15.3.2021, ist Klaus Dörr als Intendant der Volksbühne zurückgetreten. Nach nur vier Monaten hatte damit der Theaterbetrieb seinen nächsten Machtmissbrauchs-Skandal: Erst im November 2020 trennte sich das Staatstheater Karlsruhe von Peter Spuhler als Generalindentant. Klaus Dörr werden Machtmissbrauch in Form von sexueller Belästigung, Mobbing und Altersdiskriminierung vorgeworfen, erstmals öffentlich geworden in einem Hintergrund-Artikel der taz. Bei Themis, der Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt im Kulturbereich, reichten zehn Frauen Beschwerde ein. Mit Eva Hubert, einer der beiden Vorstände von Themis, sprach Stephanie Drees über die Arbeit der Organisation.

Reißt die Barrieren ein

10. März 2021. "Jeder Mensch, der eine Behinderung hat, braucht ganz essentiell Selbstironie, weil sonst kann‘s schon mal anstrengend werden", sagt die Schauspielerin Lucy Wilke. Im Theater sichtbar zu werden, ist für sie nicht nur ein persönliches Anliegen: "Es ist die ganze Gesellschaft, die abgebildet wird, und da gehören Menschen mit Behinderung schließlich auch dazu." Gemeinsam mit dem queeren Tänzer Paweł Duduś hat die Sängerin und Schauspielerin, die mit spinaler Muskelatrophie lebt, ein Stück über Selbstermächtigung erarbeitet: Ihre freie Produktion "Scores that shaped our friendship" ist zum Theatertreffen 2021 eingeladen.

Triple-F für Most Female

von Stephanie Drees

8. März 2021. Im europäischen Theater sind Männer stärker repräsentiert als Frauen und nehmen öfter hochrangige Positionen ein. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie zu Geschlechterverhältnissen an europäischen Bühnen, die von der European Theatre Convention (ETC), einem Zusammenschluss von 44 europäischen Bühnen,  in Auftrag gegeben wurde, "um in allen Unterhaltungssektoren vorherrschende, geschlechtsspezifische Ungleichheiten und mangelnde Vielfalt aufzudecken und Veränderungen voranzutreiben". Bei "prestigeträchtigen Positionen" im Bereich der Dramatik, Regie und Technik dominierten die Männer, Frauen seien "an der Spitze der Hierarchie weniger präsent" und häufiger prekär beschäftigt. Für nachtkritik.de hat Stephanie Drees mit der Geschäftsführerin der ETC Heidi Wiley gesprochen.

Den Mainstream entern

Raúl Krauthausen im Interview mit Esther Slevogt

5. März 2021. Das Videoportal TikTok hat in Deutschland ein Kulturförderprogramm aufgelegt. Insgesamt 5 Millionen Euro sollen Kulturinstitutionen "beim Einstieg in die digitale Kommunikation und dem Erreichen neuer Zielgruppen" unterstützen, wie es in der Ausschreibung heißt. Zur Förderung eingereicht werden können "Projekte, die sich mit dem Thema Diversität künstlerisch auseinandersetzen und kulturelle Teilhabe ermöglichen". Geförderte Institutionen werden verpflichtet, ihre Aktivitäten mit mindestens acht Videos pro Monat auf TikTok zu begleiten. Taugt Tiktok als kultureller Vermittlungskanal? Wir haben via Zoom kurz bei Raúl Krauthausen nachgefragt, der zur Jury gehört. Der studierte Kommunikationswirt ist Inklusions-Aktivist (u.a. Gründer der Sozialhelden) und Medienmacher. In dieser Eigenschaft hat er die Internetseite Leidmedien.de gegründet, einen Online-Ratgeber für Sprache und Behinderung. Krauthausen bloggt und bespielt mit großem Erfolg (und enormen Follower:innenzahlen) verschiedene soziale Medien wie Twitter und Instagram. Und Tiktok natürlich.

"Ich sehe so viele weiche Intendanten rumeiern"

Sebastian Hartmann im Interview mit Christian Rakow

4. März 2021. Mit seiner Adaption von Thomas Manns "Zauberberg" hat Regisseur Sebastian Hartmann einen der Streaming-Hits der Corona-Saison gelandet. Knapp 10.000 Aufrufe erzielte die Online-Premiere nach Angaben des Deutschen Theaters Berlin, die Produktion ist zum Berliner Theatertreffen 2021 eingeladen. Mit zwei beweglichen und vier statischen Kameras sowie der Live-Bildregie von Jan Speckenbach wurde die Inszenierung, die ursprünglich für eine analoge Premiere im November 2020 erarbeitet war, internetfähig gemacht.

Die Normalität des gemeinschaftlichen Arbeitens

von Sibylle Berg

3. März 2021.

Ausgerechnet Regieanweisungen …

… war mein erster Gedanke, als ich begann, Herrn Wolfs Text zu lesen.

Als hätten wir gerade keine anderen Sorgen, wir, die Theaterschaffenden ohne Theater. Wir, die AutorInnen, die nichts mehr schreiben, weil keiner weiß, wann wieder etwas aufgeführt werden kann.

Im Förder-Irrgarten

23. Februar 2021. Mitte Januar veröffentlichte Julischka Eichel ihren Offenen Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters, in dem sie darlegte, dass freie Schauspieler*innen auch fast ein Jahr nach Beginn der Lockdowns von den Hilfsprogrammen noch immer nicht erreicht werden. Anfang Februar enthielt die Überbrückungshilfen III des Wirtschaftsministeriums dann eine "Neustarthilfe" für Soloselbständige, die auch unständig beschäftige Schauspieler*innen beantragen können. Hat Julischka Eichels Brief dazu beigetragen, diese Lücke in den Förderprogrammen zu schließen? Darüber spricht die Schauspielerin im Theaterpodcast #33 mit Susanne Burkhardt und Elena Philipp.

Mit einer URL in die digitale Zauberwelt

von Sophie Diesselhorst

12. Februar 2021. Unter dem Label minus.eins erforschen Nils Corte und Roman Senkl die Möglichkeiten von VR-Räumen fürs Theater. Sie entwickeln virtuelle Räume für Theaterarbeiten, Festivals und Konferenzen – zuletzt im Januar für den ersten Teil der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft, der dieses Jahr auf Mozilla Hubs stattfand. Im schriftlich geführten Interview mit nachtkritik.de sprechen Nils Corte und Roman Senkl über die Potenziale von Plattformen wie Mozilla Hubs für das Theater.