Zoomster's Paradise

von Sophie Diesselhorst

3. Juni 2020. Natürlich, der Chor der Murrenden ist laut vernehmbar. In froher Erwartung der Wiederaufnahme des "regulären" Theaterbetriebs erklären Kritiker*innen und Publikum, dass sie keine Lust mehr haben auf Theater im Internet: "Langsam reicht es mit den Zoom-Performances", schreibt Nicholas Potter in der taz. Im Nachgespräch zu Lisa Stieglers Georg-Büchner-Livecam-Performance "Lenz" vom Residenztheater München bekennt eine Zuschauerin: "Länger als eine Dreiviertelstunde wäre ich auf keinen Fall dabeigeblieben." Sogar Ex-nachtkritik-Redakteur und Kolumnist Wolfgang Behrens gestand jüngst, wie gering seine "Verweiltoleranz" bei Online-Theaterangeboten ist.

Neues, das anknüpft

von Sabine Leucht

München, 19. Mai 2020. Als Avatare sehen Barbara Mundel und Viola Hasselberg ein bisschen ungelenk aus. Schön aber ist, dass die virtuellen Doubles der künftigen Intendantin der Münchner Kammerspiele und ihrer Chefdramaturgin barfuß sind und die vergnügten Original-Stimmen ihre Steifbeinigkeit vergessen lassen. Eine Handvoll Schauspieler*innen aus dem künftigen Ensemble sagen kurz via Zoom "Hallo" und man kann in dem gigantischen Mosaik gerade noch viele alte Bekannte und eine vordergründige Diversität ausmachen, da schaltet der Vimeo-Livestream (nachzuschauen hier) schon in die Kammer 1, von der aus Barbara Mundel und Team die Pressekonferenz ins Virtuelle senden.

Wir haben ein Ensemble hier, und das wird spielen

von Sascha Westphal

16. Mai 2020. Manche Schlagworte erklingen überall in der deutschsprachigen Theaterwelt, vor allem wenn ein neues Team ein Haus übernimmt und seine Pläne vorstellt. Auf eine Handvoll Formulierungen könnte man dann fast schon Wetten abschließen. Denn welche Intendantin, welcher leitende Dramaturg würde nicht verkünden, dass man "Theater für die Stadt machen will". Und schon sind Begriffe wie "Labor" und "Agora" auch nicht mehr fern. Überaus beliebt ist zudem noch die (Selbst-)Vergewisserung, dass das Theater der ideale, wenn nicht gar der einzige Ort sei, an dem unsere Gesellschaft Perspektiven für Gegenwart und Zukunft entwickeln kann. Gegen all das ließe sich kaum etwas sagen, wenn die Arbeit an dem Haus in der Folge sichtbar von diesen Gedanken und Ideen geprägt wäre. Nur offenbart sich oft recht schnell eine auffallende Kluft zwischen vorherigem Anspruch und tatsächlicher Wirklichkeit.

Zurück aus dem Netz

12. Mai 2020. Acht Wochen nach der Theaterschließung heißt es in Hessen, NRW und Sachsen: Es darf wieder geöffnet werden – unter strengen Hygienevorschriften. Spielen ist erlaubt, mit mindestens 1,5 Metern Abstand, die Körper-Kontakt-Kunst geht auf Distanz. Nur: Welches Theater ist unter diesen Bedingungen möglich? Wird das nicht "ein Theater zum Abgewöhnen", wie der Intendant der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier vermutet? Oder doch eine Chance, etwas Neues zu versuchen? Darüber sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp im Theaterpodcast #25 mit der Theater-Kritikerin Cornelia Fiedler und dem Schauspieler Martin Wuttke.

Theaterpodcast 2020 05 StadionDerWeltjugend 2016 06 28 1 560 ConnyMirbach uFreilichtspiel: "Stadion der Weltjugend" von René Pollesch, 2016 im Autokino Kornwestheim bei Stuttgart © Conny Mirbach

Weshalb ich Achille Mbembe für einen Vortrag bei der Ruhrtriennale eingeladen habe

von Stefanie Carp

7. Mai 2020. Die drei Kölner Vorlesungen von Achille Mbembe im vorigen Juni in brechend vollen Sälen vor Tausenden junger Menschen, mit denen er bis Mitternacht diskutierte, die ihn nicht gehen lassen wollten, waren eine große Beglückung und Bereicherung. Am dritten Abend verabschiedete er sich schon um 22 Uhr etwas erschöpft: And now we go to dinner.
Hätte sich in diesen Sommerabenden in Köln irgendjemand vorstellen können, dass der gleiche Mann kein Jahr später wegen eines für Bochum angekündigten Vortrags öffentlich in Stücke gerissen würde.

100 Millionen Fass Öl

von Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner

#am Ende des Textes könnt Ihr die Zukunft befragen 🌱


6. Mai 2020. Als im Februar der erste Text unserer Reihe erschien, sah es so aus, als sei Corona ein auf die chinesische Provinzhauptstadt Wuhan beschränktes Phänomen. Inzwischen ist die öffentliche Debatte von der Frage dominiert, wie mit dem Virus umgegangen werden soll. Während viele Virolog*innen und Epidemiolog*innen mit Hinweis auf die Gefährlichkeit des Virus voreilige Lockerungen der Bewegungs- und Begegnungseinschränkungen kritisieren, wird inzwischen in unserem Kolleg*innenkreis auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität gedrängt. Sogar von Bevormundung und Diktatur der Wissenschaftler*innen ist die Rede – eine bemerkenswerte Verdrehung von Ursache und Wirkung.

Schon live kompliziert genug

von Rolf Bolwin

Köln, 27. April 2020. Plötzlich streamt das Theater im Netz. Corona macht's möglich. Zwar gab es einzelne, vor allem größere Opernhäuser, die hatten sich schon zuvor auf dieses Terrain gewagt. Man wollte das Feld nicht der Metropolitan Opera oder Covent Garden mit ihren Kinoübertragungen überlassen. Aber das Schauspiel? Nein, hieß es meist, wir spielen live und dabei bleibt es.

Entgelt als Abschaltfaktor

eine nicht-repräsentative Umfrage von Rainer Glaap

Bremen, 26. April 2020. Das Streaming-Angebot der Kultureinrichtungen hat mit Beginn der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Schließung von Kultureinrichtungen massiv zugenommen. Die Theater, Opern- und Konzerthäuser reagieren damit auf die versperrten Häuser und möchten ihren Besucher*innen helfen, die vorstellungsfreie Zeit zu überbrücken.

Öffnungs-Szenarien dringend gesucht

Interview mit Marc Grandmontagne von Simone Kaempf und Elena Philipp

24. April 2020. Die Corona-Pandemie hat das deutsche Theatersystem hart getroffen. Vielen Privattheatern droht schon jetzt das finanzielle Aus, freie Künstler*innen bangen um ihre berufliche Existenz. Und die fatalsten Auswirkungen der Krise könnten erst noch anstehen. Wie geht es weiter? Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, spricht sich für eine baldige Wiedereröffnung aus und sagt: es muss geprobt werden, es muss in irgendeiner Weise wieder gearbeitet werden können.

Für die baldige Wiedereröffnung

23. April 2020. Die Corona-Krise stellt den Theaterbetrieb und seine Menschen vor kurz-, mittel- und langfristige Unsicherheiten. Die vielen freien Kulturschaffenden, von denen das Theater lebt, beklagen das schnelle Versiegen der Soforthilfen der Länder, das viele auf die Grundsicherung zurückwirft um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Theater-Institutionen wissen nicht, wann sie ihre Säle wieder für ein Publikum öffnen können. Was sie wissen, ist: Im Jahr 2020 wird wesentlich weniger Geld eingenommen, und mit der Wirtschaftskrise wird die nächste Sparrunde kommen, in der die Kommunen und Länder, die die Theater finanzieren, unter Druck geraten und diesen Druck weitergeben werden. Welche Strategien hat die Kulturpolitik in dieser Situation? Sophie Diesselhorst und Janis El-Bira telefonierten am 16. April 2020 mit der Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters (CDU).

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