Das ist unerträglich!

von Volker Lösch

9. Oktober 2020. Liebe Nachbar*innen, jeden Tag schaue ich beim Verlassen meines Wohnhauses in Charlottenburg auf die Stolpersteine. Und denke dann an die vielen Jüdinnen und Juden, die Tod und Vernichtung erfahren haben, denunziert und verhaftet von ganz normalen Berlinerinnen und Berlinern – vor gar nicht so langer Zeit, hier bei uns, in Charlottenburg. Mich macht das immer wieder fassungslos und traurig, aber in erster Linie macht es mich wütend. Und meine Wut wird umso größer, wenn ich als Bewohner dieses Kiezes feststelle, dass in meiner unmittelbaren Nachbarschaft derselbe Geist herrscht, der so eine Barbarei wieder möglich machen würde.

Feen wachklatschen und Ängste durchstehen

9. Oktober 2020. Eigentlich beginnt das Problem schon beim Begriff: "Kinder– und Jugendtheater". Was soll das sein? Ein Theater, das Themen behandelt, die nur Kinder und Jugendliche bewegen? Geschichten von Mut, Freundschaft, Zusammenhalt und einer tapferen Heldin, die über das Böse siegt. Niedlich inszeniert und zum Mitsingen? Natürlich nicht. Theater für junges Publikum ist so komplex und herausfordernd wie Theater für Erwachsene. Ob es eine eigene Sparte für Kinder und Jugendliche überhaupt braucht, besprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp im Theaterpodcast #29 mit der Regisseurin Mina Salehpour und dem Kulturjournalisten Patrick Wildermann. 

Aus drei mach eins

von Thomas Rothschild

30. September 2020. Bis vor kurzem konnte man im Stuttgarter Raum – in der Stuttgarter Zeitung, den Stuttgarter Nachrichten und der Esslinger Zeitung – jeweils drei kompetente Rezensionen von Stuttgarter Premieren lesen. Das hat sich geändert. "Der Besuch der alten Dame", der am 26. September Premiere hatte, wurde von einer Kollegin besucht, deren Kritik in allen drei genannten Zeitungen, die eine lange und ehrenwerte Geschichte haben, veröffentlicht wurde. Das ist das Ende der journalistischen Vielfalt, des kulturellen Diskurses, der Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Meinungen. Das kann einem Theater nicht egal sein.

Schöner Schein, der eine Welt bedeutet

11. September 2020. Ein Blick – und die erste Botschaft ist überbracht: Kostüme orientieren in Sekundenschnelle über den gedanklichen Ort, an dem eine Inszenierung angesidelt ist. Kleider machen Leute und erst recht machen sie Figuren: ein Faust in schwarzer Bomberjacke und mit Granny-Brille erzählt etwas anderes als ein Faust in Lederhose und schwarzem Mantel. Wenn sie über die Wirkung einer Inszenierung so deutlich mitentscheiden – warum sind die Namen derer, die das Kostümbild gestaltet haben, nicht so bekannt wie die der Regisseur*innen? Im Theaterpodcast #28 zur Frage, warum das so ist und was ein gelungenes Kostüm im Theater bedeutet. Und wie wirken sich die Corona-Regeln auf die Arbeit der Kostümbildner*innen aus?

Macht und Aufsicht

von Thomas Heskia

2. September 2020. Über 300 Theatermitarbeiter*innen demonstrieren vor der Sitzung des Verwaltungsrates ihres Theaters. Es geht um die Person des Generalintendanten, dem interner Machtmissbrauch und ein toxisches Arbeitsklima vorgeworfen werden, und dem in der Sitzung später der Verwaltungsrat dennoch das Vertrauen ausspricht.

Die Krise als Brennglas

14. August 2020. Nach dem Shutdown öffnen die Theater derzeit wieder – und die September-Spielpläne muten an, als hätte es Corona nie gegeben. Rausgehauen wird, was längst geplant und geprobt war, in der Hoffnung, es möge nicht wieder schlimmer kommen. Weiter wie zuvor: Ist das das Motto? Hat die Krise die Häuser nicht verändert? Welche Weichen können und müssen jetzt gestellt werden, um Theater zukunftssicher zu machen? Über Theaterschaffen im Coronamodus, den Intendant*innenjob und zeitgemäße Leitungsmodelle sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp im Theaterpodcast #27 mit der Potsdamer Intendantin Bettina Jahnke und dem Regisseur Antú Romero Nunes.

Kampf den Aerosolen!

von Harald Raab

20. Juli 2020. Ein Gespenst geht um an allen Theatern – COVID-19. Die gute Nachricht: man glaubt, mit rigoros ausgedünnten Reihen im Zuschauerraum, ausreichend Abstand der Sitze und Maskenpflicht in Garderoben und Pausenräumen die Gefahr bannen zu können. Die schlechte Nachricht: Die Virologen und Raumhygiene-Spezialisten gelangen immer mehr zu der Ansicht, dass eine der Hauptansteckungsquellen in geschlossenen Räumen Aerosole sind,  die Viren also, die mit der Atemluft eines Infizierten in die Umgebung gelangen und wegen ihrer geringen Größe stundenlang im Raum schweben können.

Intendant unter Beobachtung

Anna Bergmann im Gespräch mit Esther Slevogt

19. Juli 2020. Bis vor kurzem hatte das Badische Staatstheater in Karlsruhe den Ruf, ein modernes Vorzeigehaus zu sein. Das hatte vor allem mit der seit 2018 amtierenden Schauspieldirektorin Anna Bergmann zu tun, die als erste Amtshandlung eine hundertprozentige Regie-Frauenquote einführte. Inzwischen wurde das von Generalintendant Peter Spuhler geleitete Mehrspartenhaus von einer Führungskrise erfasst, in der dem Intendanten unter anderem Machtmissbrauch und ein toxisches Arbeitsklima vorgeworfen werden. Im Zuge dessen wurde ein Spartenleiter nach Vorwürfen sexueller Übergriffe freigestellt.

Noch ein Vertrauensvorschuss

von Georg Patzer

17. Juli 2020. "Von Haltung & Verhalten" und "Von Macht & Verführung" steht auf den letzten Spielzeitheften des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Stets setzte der amtierende Generalintendant Peter Spuhler auf politisches Theater, in den letzten Wochen allerdings werden die Spielzeit-Motti eher auf seinen Führungsstil bezogen.

Ehre füllt den Kühlschrank nicht

von Cornelia Fiedler

4. Juli 2020. Es ist deprimierend: Die neusten Zahlen zu Frauen im Kulturbetrieb zu sichten macht keinen Spaß. Der Blick auf das Einkommen von Künstler*innen generell liest sich noch immer als gesellschaftliches Armutszeugnis; und die Fakten zu Freiberufler*innen im Speziellen bestätigen die schlimmsten coronainduzierten Befürchtungen. Einerseits. Andererseits tut es richtiggehend gut, sich mit diesen Statistiken zu konfrontieren. Weil es klarzieht, dass kein individuelles Verschulden vorliegt, wenn nach dem Shutdown plötzlich die Hartz-IV-Anträge auf dem Küchentisch in der Kreativen-WG liegen. Weil wir schlicht in Strukturen leben und arbeiten, die die geringe Wertschätzung kultureller Arbeit ebenso reproduzieren wie die Schlechterstellung von Frauen.