Kontraproduktive Moral

von Gesine Danckwart, Angela Richter und Sabrina Zwach

10. Juni 2021. In der zweiten Staffel von "Applaus Applaus" sprechen wir mit Thomas Schmidt, der für seine wissenschaftliche Arbeit über Leitungsstrukturen im Theater Lob und harsche Kritik und gelegentlich auch Drohbriefe erhält. Wir treffen die Kostümbildnerin und Modedesignerin Bettina "Tine" Werner und sprechen mit ihr über die Tatsache, dass Kostümbild oft überhaupt nicht als inhaltlich künstlerische Arbeit wahrgenommen wird. Der Schauspieler und Musiker Camill Jammal erzählt von Frust und Lust, in einem Ensemble zu spielen und fantasiert mit uns über ein Theater der Zukunft. Und wir sprechen mit der Dramaturgin Valerie Göhring über ihre Lust, eine Generation abzulösen und darüber, dass Debatten über Moral mitunter kontraproduktiv sind.

Draußen vor den Theatertüren

8. Juni 2021. Alles muss raus! Theater, das bedeutet in diesem Sommer vor allem draußen spielen: Vor dem Schloss, dem Dom, auf dem See oder auf den eigens errichteten Open-Air-Bühnen von Stadt- und Staatstheatern. Corona-sicher und nur bedingt wettergeschützt begegnen die Schauspieler und Schauspielerinnen ihrem Publikum jetzt bei Tageslicht.

Wie geht es jetzt weiter?

von Gesine Danckwart, Angela Richter und Sabrina Zwach

27. Mai 2021. Drei Theatermacherinnen mit sehr unterschiedlichen Wegen begreifen den pandemiebedingten Einschnitt und hysterischen Stillstand als Chance zum Nachdenken und Gegenfragen: Wie geht es jetzt weiter? Was muss im Theater eigentlich sein? Was kann auf den Prüfstand? Was brauchen wir so gar nicht mehr? Wie lassen sich die Theater, ihre Berufe und Fertigkeiten, ihre Narrative, ihre Kunst, ihre Aktualität in gesellschaftlichen Diskursen nach Innen und Außen abbilden? 

Fragen ohne Aufschub

von Christian Rakow

26. Mai 2021. 24 mächtige grönländische Eis-Blöcke platzierte das Künstlerduo Olafur Eliasson und Minik Rosing im Dezember 2018 vor der Tate Modern in London. Für die Produktion Ice Watch, zum Jahrestag des Pariser Klima-Abkommens. Die Klötze schmolzen dahin, wie das Eis in Grönland selbst. Ein starkes Symbol für die Folgen der Erderwärmung. Um es herzustellen, wurden 55 Tonnen Treibhausgase (CO2-Äquivalente) in die Luft geblasen. So ließen es sich Eliasson/Rosing von der Umweltagentur Julie's Bicycle errechnen. Das Gros der Umweltlast (82%) entstammte dem Schiffstransport und der Kühlung des Eises, etwa 16 % machten die Flugreisen des Teams aus. Für dieselben Emissionen hätte man zwei Schulklassen von London nach Grönland und zurück fliegen können, kalkulieren Julie's Bicycle. An der Tate sahen tausende Menschen die Installation, über die mediale Verbreitung noch zehntausende mehr. Eine gute Kosten-Nutzen-Balance?

Machtfragen

20. Mai 2021. Wie führen Sie Ihr Haus? Wie gestalten Sie Veränderung? Und wie viel Demokratie verträgt der Theaterbetrieb? Das haben die Herausgeber*innen des Sammelbandes "Theater und Macht – Beobachtungen am Übergang", einer Kooperation von nachtkritik.de und der Heinrich-Böll-Stiftung, zehn Intendant*innen und Leitungsteams zwischen Augsburg und Zürich gefragt. Inspiriert sind die acht Fragen u.a. von der Intendant*innen-Befragung in der Publikation "Unternehmensethik für den Kulturbetrieb" (2012) von Daniel Ris, der als Intendant der Burgfestspiele Mayen nun selbst zu den Befragten gehört.

Kickstart und dann Ebbe?

19. Mai 2021. Was wird bleiben vom digitalen Turbo-Wandel, den die Theater im letzten Jahr hingelegt haben? Immerhin haben sie investiert, in Ausstattung und Know-Hhw. Videotechniker*innen haben sich zu Livestream-Expert*innen fortgebildet und Mitarbeiter*innen der Öffentlichkeit zu Community Manager*innen. Neu geschaffen wurden auch Positionen, die es am Theater bislang nicht gab: Digital-Entwickler*innen.

Deutsche Identität erweitern

Natasha A. Kelly im Gespräch

19. Mai 2021. Nach Bekanntwerden der Rassismusvorfälle am Düsseldorfer Schauspielhaus hat Ende März 2021 ein Schwarzes Künstler*Innenkollektiv um Natasha A. Kelly die Zusammenarbeit mit dem Theater beendet. Ursprünglich sollten die Künstler*innen im Rahmen der 360° Förderung, die das Schauspielhaus mit Spielzeitbeginn 2019/20 erhalten hat, um sich diverser aufzustellen, zwei Theaterprojekte realisieren. In einem Offenen Brief wandten sich Kelly und das Kollektiv an den Düsseldorfer Intendanten Wilfried Schulz, den Oberbürgermeister und die NRW- Kultusministerin. Darin kündigten sie die Zusammenarbeit mit dem Theater auf. Statt an einen sicheren Ort zu kommen und künstlerisch arbeiten zu können, hätten sie sich in Strukturen wiedergefunden, die sie in ihren Rassismuserfahrungen retraumatisierten. Als Konsequenz forderten sie eine eigene Bühne. Erste Gespräche mit politisch Verantwortlichen haben inzwischen stattgefunden. Im Zoom-Interview mit Esther Slevogt spricht Natasha A. Kelly über Planungs- und Gesprächsstand.

Schwimmen im vergifteten Wasser

17. Mai 2021. Der Brexit hat für viele britische Künstler*innen unmittelbaren Einfluss auf ihre Schaffensmöglichkeiten. Zuvor war das Arbeiten in ganz Europa für sie durch die EU-Binnenfreizügigkeit unkompliziert, nun sieht alles anders aus. Forced Entertainment ist eine der renommiertesten britischen Theatergruppen der Post-Drama-Ära. Gegründet wurde sie 1984 – mitten in der Thatcher-Ära. Künstlerischer Leiter ist Tim Etchells. Im Interview mit Stephanie Drees spricht er über Auswirkungen einer Situation, von der viele dachten, sie nie zu erleben.

Wiederkehr der Schrumpfszenarien

von Michael Bartsch

Mai 2021. In Zittau möchte wohl mancher Theaterfreund die berühmte Blumenuhr anhalten angesichts des Stündleins, das ihre Porzellanglocken dem Gerhart-Hauptmann-Theater schlagen sollen. An der Neiße, weniger auch im Nachbarkreis Bautzen, herrscht derzeit Alarmstimmung ob eines neuerlichen Theatergutachtens, dessen Umsetzung einen massiven Eingriff in die ohnehin auf ein Minimum geschrumpften Theaterstrukturen bedeuten würde.

Beschwörungen im digitalen Exil

von Christian Rakow

Berlin, 13. Mai 2021 | online. Im Garten bei der Burger-Bude ist es noch ein wenig leer. Dort, wo im üblichen Festival-Mai die Theaterfans und Theaterfachmenschen sich mit überteuerten Getränken verköstigen und die Auswahl der "zehn bemerkenswertesten" Inszenierungen der Saison diskutieren, streunen Minuten vor Aufführungsbeginn gerade zehn verlassene Hanseln herum. Avatar-Hanseln. Denn dieser Garten ist eine 3D-Anmitation, gebaut mit Mozilla Hubs, sieht ein bisschen aus wie Computer-Rollenspielwelten Anfang der 2000er (Gothic & Co.).