Endlich angekommen

von Nikolaus Merck

30. Juni 2017. Eitel Sonnenschein in Wien, da der zuständige Bundesminister für Kunst und Kultur, Verfassung und Medien Magister Thomas Drozda den neuen Burgtheaterdirektor Martin Kušej den Medien präsentierte. Er freue sich, "den wichtigsten Regisseur des Landes" für das "wichtigste Theater des Landes" gewonnen zu haben, strahlte der Magister. Und der Künftige in Jeansjacke und krawattenlosem Blauhemd gleichsam sein Desinteresse am austriakischen Hof- und Kleiderordnungszeremoniell nach außen kehrend, revanchierte sich für die Freundlichkeit mit einem Herzensbekenntnis: "Ich kann nicht anders, ich bin halt Österreicher, deshalb ist der Burgtheaterdirektor ein besonderer Job", zudem sei er, anders als früher, diesmal gerufen worden, laut genug, um das beschauliche München für neue Wiener Herausforderungen hinter sich zu lassen.

Der blinde Fleck

2. Juni 2017. Wie halten sie's mit den Schauspieler*innen? Diese Frage kam immer wieder auf im Zuge der Debatten um die beiden neuen Intendanzen in Berlin. Ohne festes Ensemble starten an der Volksbühne Chris Dercon und Marietta Piekenbrock in die nächste Spielzeit. Oliver Reese versammelt am Schiffbauerdamm eine Riege hochkarätiger Spieler*innen, allerdings mit monochronem Hintergrund. Wie viel Diversität ein Stadttheater-Ensemble nötig hat, diskutieren Nikolaus Merck und Elena Philipp im Podcast.

Das Herz des Spiels

von Georg Kasch und Christian Rakow

Berlin, 30. Mai 2017. Große Fußstapfen locken ihn, scheint’s. Der Gang ins Berliner Ensemble ist der Eintritt in eine mächtige Traditionslinie: von Ernst Josef Aufricht, Bertolt Brecht, Helene Weigel, Ruth Berghaus und Heiner Müller. Sie alle nennt Oliver Reese auf seiner Antrittspressekonferenz, die heute Vormittag im Rangfoyer des Berliner Ensembles über die Bühne ging. Vorgänger Claus Peymann ward aus dieser Linie geflissentlich ausgespart. Manchmal ist auch ein Verschweigen ein Seitenhieb. Und durchaus verständlich als zarte Retourkutsche für die harten Kanten, die Peymann gegen seinen Nachfolger zu Zeiten ausgeteilt hatte (wegen der Nichtverlängerungen des Peymann-Ensembles, wegen der Nähe zum "Phänotyp" Tim Renner, man erinnert sich...).

(K)ein Ende des Nomadentums

von Astrid Kaminski und Elena Philipp

Berlin, 29. Mai 2017. Tanz: der einen Frust, der anderen Lust? Oder: Liegt da gerade ein Theater im Sterben und ersteht als Tanzhaus wieder auf? Chris Dercon, ein tanzzugewandter Intendant, zwei Haus-Choreograph*innen (Mette Ingvartsen, Boris Charmatz), neun von 16 Spielzeit-Produktionen mit Tanzhintergrund: Wie reagiert die Tanzszene eigentlich auf das neue Programm der Volksbühne Berlin? Gleich mal vorweg: Orchestrierter Jubel sieht anders aus.

"Seien Sie doch ein bisschen kosmopolitisch!"

von Julika Bickel, Elena Philipp und Christian Rakow

Berlin, 16. Mai 2017. Nach der Pressekonferenz zum Programm seiner neuen Volksbühne (ab August 2017)  rannten alle auf Chris Dercon los, um Fragen zu stellen. nachtkritik.de beantwortete der zukünftige Intendant der Volksbühne Berlin Fragen zum Stand des Ensemble-Aufbaus und seinem künftigen Repertoire. Er erinnerte sich auch an die profunde Frisuren- und Bartkritik, die nachtkritik.de bei einem seiner früheren Auftritte geleistet hatte. Die Fragen stellten Elena Philipp und Christian Rakow, die Bilder videografierte Julika Bickel.

An den
ehemaligen Regierenden Bürgermeister
und Kultursenator der Stadt Berlin
Herrn Klaus Wowereit

 

Berlin, den 22.4.2017

Sehr geehrter Klaus Wowereit,

Vor einigen Tagen las ich Ihr Interview mit der FAZ zu Fragen der Berliner Kulturpolitik, des traurigen Schicksals der Volksbühne, zu Claus Peymanns Ausscheiden als Direktor des Berliner Ensembles usw.

Der Informierte Künstler

von Thomas Schmidt

Diese Ersetzung der Macht des Einzelnen durch die der Gemeinschaft ist der entscheidende kulturelle Schritt.
(Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, 1930)

 

Themen: Zukunftsfonds statt Fusionen | Zentrale Rolle des Ensembles | Der Informierte Künstler | Das Drei-Stufenmodell der Mitbestimmung | Überspielhonorare | Einheitstarifvertrag | Nicht-Verlängerungs-Sperre bei Intendantenwechsel | Drei-Gliedriges Gagensystem

 

3. April 2017. Im ersten Beitrag der von nachtkritik.de maßgeblich gestalteten Stadttheaterdebatte hat Matthias von Hartz die Frage aufgeworfen, ob dem Stadttheater noch zu helfen sei? (11/2011) Seitdem ist viel passiert. Das ensemble-netzwerk hat sich gegründet und zwingt die großen Player (Bühnenverein, Gewerkschaft) zu ernsthaften Gesprächen; Art but Fair arbeitet an einer neuen Arbeitsethik, und die Dramaturgische Gesellschaft überrascht gemeinsam mit dem ensemble-netzwerk mit gelungenen Lobby-Initiativen (40.000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten). Zuletzt haben Harald Wolff, Stephanie Gräve/Jonas Zipf, Christian Rakow und Marcel Klett in ihren Debattenbeiträgen das Theater, das Ensemble und neue Leitungsformen auf deren Zukunftsfähigkeit geprüft.

Warum nachtkritik.de zahlen?

Bitte keine Ästhetisierung von Rechts

25. März 2017. Kann man mit den Feinden der Offenen Gesellschaft reden? Soll man überhaupt? Zuletzt tastete sich das Zürcher Theaterhaus Gessnerallee an den Rechtspopulisten Marc Jongen heran, um dem Eindruck zu wehren, dass an Hochkulturorten nur linke Positionen Gehör finden. Die Kritik ließ nicht auf sich warten. In aller Vehemenz. Das Zürcher Podium wurde abgesagt. Ein Streitgespräch fand trotzdem statt: auf nachtkritik.de, wo die Pros und Contras rund um die Veranstaltung wochenlang diskutiert wurden. Im Podcast in Zusammenarbeit mit Deutschlandradio Kultur reflektiert nachtkritik.de-Redakteurin Sophie Diesselhorst die Problemlage rund um den Diskurs mit Rechtsaußen. Das Gespräch führt Susanne Burkhardt, Redakteurin von Deutschlandradio Kultur.

Unter Ängstlichen

von Dirk Pilz

März 2017. Es ist ja nicht so, dass es einen Mangel an Religion auf deutschsprachigen Bühnen gäbe. Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" zum Beispiel: von Bamberg bis Berlin gern inszeniert. Überhaupt sind Stücke über die vermeintliche Problem-Religion Islam hoch im Kurs. Aber auch sonst spielen Glaubensfragen ständig eine Rolle, so oder so. "Nathan der Weise", "Hamlet", "Faust": lauter viel gegegebene Klassiker mit deutlichem Religionsbezug. Religion gehört schließlich nicht erst in der Gegenwart zu den umstrittensten und heikelsten Themen überhaupt.

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