Von Formen und Förmchen

von Oliver Bukowski

Berlin, 25. Juni 2007. Ob als Fertigstück, Lego-Bausatz oder Würfelbecher – die sog. Postdramatik hat die Klaviatur der Mittel und Möglichkeiten eines Bühnenabends angenehm breit gemacht. Das scheint jetzt sogar auf die Juroren überzuschwappen. Die handverlesenen Herrschaften (oder die, die gerade dazu Zeit hatten) strengen sich an, in ihren Entscheidungsweisen selbst a bisserl artifiziell zu werden. Jury-art?

Das Handy des Erwählten

von Nikolaus Merck und Petra Kohse

Berlin, 22. Juni 2007. Alles begann in Mülheim, wo das Regie-Kollektiv Rimini-Protokoll am 2. Juni für sein dokumentarisches Stück Karl Marx: Das Kapital, Erster Band den diesjährigen Dramatikerpreis gewann. Das sei aber gar kein Theaterstück, tönte es bald wütend aus dem Blätterwald. Doch, das sei wohl eins, schallte es nicht minder erregt zurück. Wir fassen die wesentlichen Positionen zusammen:

1. Akt

Die Siegesfeier in Zürich begann gleich nachdem Gerhard Jörder in Mülheim die Entscheidung der Jury verkündet hatte: Rimini Protokoll gewinnt den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis für das Stück "Karl Marx: Das Kapital, Erster Band". Während sich das Regie-Kollektiv in der Schweiz, wo es an seiner Version von Friedrich Dürrenmatts Klassiker "Besuch der alten Dame" arbeitete, noch zuprostete, legten die Leute im Frankfurter Verlag der Autoren zornig die Stirnen in Falten. Zehn Tage trugen sie sich mit ihrem Widerwillen, dann schickten sie eine Pressemitteilung in die einschlägigen Journalistenbüros: Der Mülheimer Preis zeichne eine "herausragende Produktion, eine intelligente Regie, eine neue Theaterform" aus, "nur eines nicht: einen Dramatiker". Was das Verlagsteam unerhört fand, denn schließlich sei Mülheim das Festival für neue Stücke. Und genau darum, um ein Stück, scheint es sich für die VerlegerInnen der Autoren bei "Das Kapital, Erster Band" nicht zu handeln.

2. Akt

Diese Position inspirierte dessen alten Weggefährten Peter von Becker am 19.6.2007 zu einer Erwiderung im Berliner Tagesspiegel: Von Becker rekapituliert noch einmal die Arbeitsweise der Riministen. Casting, authentische Personen, Experten, Entwicklung eines Drehbuchs aus persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen. Damit aber ähnele "Karl Marx" einem "traditionellen Theaterscript wesentlich mehr als beispielsweise Elfriede Jelineks in Mülheim mehrfach ausgezeichnete 'Textflächen-Prosa' ohne festgelegte Rollen". Überhaupt: was sei denn ein Theaterstück? "Heute gibt's dafür kein Dogma mehr", alles sei erlaubt und Aufregung ganz fehl am Platze. Überdies genügten die Scripts von Rimini Protokoll einer wesentlichen Bedingung für Theaterstücke: sie seien "nachspielbar".

3. Akt

Der Kritiker der Süddeutschen Zeitung, Christopher Schmidt, legt unter dem Titel "Die Zerstückten" am 22.6.2007 historisch grundsätzlich nach. Das ist schön. Er beginnt mit Thomas Mann und dessen Papst-Erzählung "Der Erwählte", der vom romantischen Topos des Künstlers handle, "der nur ein Instrument sei, Empfangenes weiterzugeben". Widersprochen worden sei dem unter anderen von Paul Valéry und Gottfried Benn, die Geschriebenes nicht als Offenbartes, sondern als Gemachtes begriffen haben wollten. Schmidt hält es für ein Kennzeichen der Postmoderne, dass der Glaube ans Wort erschüttert, an die Stelle des souveränen Autors "dekonstruktivistische Schreibweisen" getreten seien, "die mit den Mitteln von Zitat und Montage Demokratie herstellen sollen". Elfriede Jelinek. Rimini Protokoll.

Rimini Protokoll? "Casting und Compilation sind bei dieser Form von Dokumentartheater schon die halbe Dramaturgie und die inszenatorische Leistung die andere Hälfte." Wobei sich die "derzeitige Konjunktur dokumentarischer Formen" auf dem Theater auch dem "Wunsch nach Unmittelbarkeit und Authentizität" verdanke. Das Theater werde zum "Content-Merger", zum "Volksempfänger". Gleichzeitig hätte der Wettbewerbsdruck zugenommen – der Regisseur müsse zum Originalgenie werden, dafür schärfe er sein Markenprofil, die Arbeiten werden wiedererkennbar, sprich: verwechselbar, womit wiederum das Neuheitsgebot des Marktes verletzt wird.

Dieses Dilemma werde, so schließlich die historische Conclusio, von Poeten wie Dokumentaristen aufgelöst, indem sie sich wieder als Medien verstehen und alle Widersprüche in ihr Selbstbild eingemeinden würden. Das Geburtstrauma des Künstlers in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, sich nämlich als Sprachrohr einer Muse zu verstehen, sei damit jedoch nicht überwunden. Der Künstler habe "bloß den Arzt gewechselt. Kein Gott gibt ihm zu sagen, wie er leidet, sondern das Telefonbuch von Hamburg. Und statt Kirchenglocken läutet nur das Handy des 'Erwählten'".

Weitere Beiträge zu dieser Autorschaftsdebatte von Michael Börgerding und Oliver Bukowski. Außerdem zwei Presseschauen zum Thema: hier und hier.

 

Mühlen der Macht

von Georg Petermichl

Wien, 30. Mai 2007. Der Moment der Ernüchterung stellt sich ein, wenn sich die Saalpforten schließen, und der Journalist ist vorher nicht hindurch geschritten: Spätestens dann nämlich wird klar, dass die gesammelten Erfahrungen des Theaterabends nicht für eine Kritik ausreichen werden. Ein seltenes Dissonanzerlebnis beim gestrigen Festwochen-Premierenabend von "König Lear" im Wiener Burgtheater.

Alice und all die anderen Als-Obs

von Esther Slevogt

Berlin, 29. Mai 2007. Seit es das Internet gibt, gibt es immer wieder Versuche, die virtuellen Welten des www auch theatralisch zu erkunden. Sei es, dass das älteste aller Medien in seinem Guckkasten von Beklemmungen gepackt wird. Und Ängsten, nicht mehr zeitgemäß zu sein. Sei es, dass die unterschiedlichen virtuellen Spielwiesen, Chats, Foren und Online-Rollenspiele eigentlich nach dem Vorbild des Theaters strukturiert sind und schon deswegen nach Kommunikation und Auseinandersetzung mit ihrem Vorbild schreien.

Nachtkritik ohne Sofa

von Robin Detje

Berlin, 4. Mai 2007. Münchner Kammerspiele, mittlere Großpremiere. In der Pause drückt der Jungkritiker den Mund an den Hörer des an die Wand geschraubten Münzfernsprechers und versucht, ganz in der Wand zu verschwinden, damit kein Kollege ihm die ungeheuerliche Story ablauschen kann, die er schwitzend der Textaufnahme diktiert: "Blablabla, blablabla, blablabla, zur Pause verhaltener Applaus."

Tatsächlich geschieht das Wunder, und am nächsten Morgen stehen die drei Sätze Wort für Wort auf Seite Eins der großen und berühmten Tageszeitung. Kurz darauf befindet die Redaktion, das Theater habe seinen Nachrichtenwert verloren, und die Nachtkritik wird abgeschafft.

Chaos hinter den Kulissen

von Dirk Pilz

Thessaloniki/Griechenland, 29. April 2007. Gut vierhundert Theatermacher, Bühnenfunktionäre und Journalisten sind in den Süden gereist. Zum elften Mal wurde letztes Wochenende dort der "Europa-Preis für das Theater" und zum neunten Mal der "Preis für Neue Theaterwirklichkeiten" verliehen.

Zähne zeigen

Eine Zeitungs-Umschau von Nikolaus Merck

30. März 2007. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung diskutiert Claus Peymann mit Gabriele von Lutzau, im Oktober 1977 Stewardess auf der Lufthansa-Maschine "Landshut", die von palästinensischen Terroristen entführt wurde.

Warum beschäftigt sich die Kunst mehr mit den Tätern als den Opfern fragt die ehemalige Stewardess. Und Peymann antwortet: die Faszination an den Tätern ist einfach größer, tja, "es liegt in der menschlichen Psyche", aber, stimmt ja, es wäre ganz wichtig die Geschichte der Opfer aufzugreifen, aber es wäre ja doch wohl sehr langweilig.

Ohne Gott und Sonnenschein

Eine Vermutung von Dirk Pilz

Berlin, 4. Mai 2007. Der Konsens macht staunen. Das deutsche Theater spielt antike Stoffe und lässt die Götter außen vor. Als wären sie alte Onkels mit weißem Bart, die immer Bescheid wissen und das arme Menschenvolk gängeln. Auf solche Götter kann durchaus verzichtet werden. Nur sind und waren sie das nie.

Könnte Lara Croft die Ophelia spielen?

von Esther Slevogt

November 2001. Das Theater ist groß, und in schlechtem Zustand. Wie man hineinkommt, ist nicht auf Anhieb zu erkennen. Auch die letzte Premieren-Ankündigung wirkt ziemlich veraltet. Der Aphra-Behn Theaterkomplex, von dem hier die Rede ist, gehört zum enormen Tagungsgeländes der Association for Theatre in Higher Education (ATHE), und hat schon bessere Tage gesehen. Die ATHE ist eine Art Dachverband, in dem etwa 2.000 US-amerikanische Theaterwissenschaftler, Hochschullehrer und darstellende Künstler organisiert sind.

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