Großer Titel, kleiner Ertrag

von Esther Boldt

Frankfurt, 2. Oktober 2007. "Europäische Dramaturgien des 21. Jahrhunderts", lautete der furchterregende, fast monströse Titel einer Tagung, die am Sonntag zu Ende ging. Veranstaltet wurde sie vom Master-Studiengang Dramaturgie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, gemeinsam mit der Hessischen Theaterakademie (HTA) – einem Zusammenschluss von Hessischen Theaterinstituten und -häusern, der seit 2002 besteht.

Uns pflegen, heißt euch pflegen

von Rolf Kemnitzer, Andreas Sauter und Katharina Schlender

Berlin, September 2007. Seit Jahren gibt es einen scheinbaren Boom neuer Stücke auf deutschen Bühnen. In immer weniger Tagen immer mehr Uraufführungen zu stemmen, wurde ein Trendsport für Intendanten nach dem Motto: "Schöner Theater machen heißt schneller produzieren und schneller spielen!" Die tatsächlichen Aufführungszahlen sind allerdings rückläufig. Meist werden Stücke kein zweites Mal inszeniert. Die Honorare für Stückaufträge, Ur- und Erstaufführungen gehen in den Keller.

Auf den Bierbänken der Demokratie

von Dirk Pilz

Halberstadt, 14. September 2007. Es geschah in der Nacht vom 8. auf den 9. Juni diesen Jahres in Halberstadt: Mehrere Schauspieler des Nordharzer Städtebundtheaters wurden von rechtsextremen Schlägern angegriffen. Sie kamen von der Premierenfeier nach der "Rocky Horror Picture Show" im nahe gelegenen Harzer Bergtheater, als Neonazis aus der Kneipe "Spucknapf" heraus angriffen. Einem der Tänzer wurden Zähne ausgeschlagen, dem Gitarrist die Nase gebrochen, die anderen kamen mit kleineren Blessuren davon.

Potenzierung des Grauens

von Hans-Christoph Zimmermann

22. August 2007. Die Darstellung des Terrors im Konzentrationslager gehört seit Ende der Nazizeit zu den großen Tabus der Kunst. Je größer der Abstand zum historischen Ereignis, desto löchriger wurde allerdings das Verdikt. Ob Paul Celan, Primo Levi, Martin Sherman, Frank Beyer u.v.m., später dann mit emphatischen Diskussionen auch in Populärformaten wie der Fernsehserie "Holocaust" oder Art Spiegelmans "Mouse"-Comic. Jetzt zeigte die niederländische Theatertruppe Hotel Modern ihre Figurentheater-Produktion "Kamp", zu deutsch "Lager", über Auschwitz bei den Salzburger Festspielen und löste – auch bei Kritikern – begeisterte Reaktionen aus. Warum eigentlich?

Für Geld geht alles

von Jan Oberländer

Berlin, 7. Juli 2007. Als die beiden Boulevard-Bühnen Komödie und Theater am Kurfürstendamm Ende 2006 von Schließung und Abriss bedroht waren, gab es aus der Öffentlichkeit, aber auch aus der Politik zahlreiche Solidaritätsbekundungen für die traditionsreichen Spielstätten. Im Hinblick auf den Einsatz des Regierenden Kultursenators Klaus Wowereit meint nun die Grünen-Abgeordnete und Vorsitzende des Kulturausschusses Alice Ströver im Gespräch mit nachtkritik.de: "Alles Krokodilstränen".

Texte antworten auf Texte oder Was ist ein Dramatiker?

von Michael Börgerding

Hamburg, 26. Juni 2007.

 

"Wen kümmert's, wer spricht, hat jemand gesagt, wen kümmert's wer spricht." (Samuel Beckett)

 

1.

"Die Geburt des Zuschauers ist zu bezahlen mit dem Tod des Dramatikers." (Roland Barthes)

1969 antwortete Michel Foucault auf die Frage "Was ist ein Dramatiker":

Von Formen und Förmchen

von Oliver Bukowski

Berlin, 25. Juni 2007. Ob als Fertigstück, Lego-Bausatz oder Würfelbecher – die sog. Postdramatik hat die Klaviatur der Mittel und Möglichkeiten eines Bühnenabends angenehm breit gemacht. Das scheint jetzt sogar auf die Juroren überzuschwappen. Die handverlesenen Herrschaften (oder die, die gerade dazu Zeit hatten) strengen sich an, in ihren Entscheidungsweisen selbst a bisserl artifiziell zu werden. Jury-art?

Das Handy des Erwählten

von Nikolaus Merck und Petra Kohse

Berlin, 22. Juni 2007. Alles begann in Mülheim, wo das Regie-Kollektiv Rimini-Protokoll am 2. Juni für sein dokumentarisches Stück Karl Marx: Das Kapital, Erster Band den diesjährigen Dramatikerpreis gewann. Das sei aber gar kein Theaterstück, tönte es bald wütend aus dem Blätterwald. Doch, das sei wohl eins, schallte es nicht minder erregt zurück. Wir fassen die wesentlichen Positionen zusammen:

1. Akt

Die Siegesfeier in Zürich begann gleich nachdem Gerhard Jörder in Mülheim die Entscheidung der Jury verkündet hatte: Rimini Protokoll gewinnt den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis für das Stück "Karl Marx: Das Kapital, Erster Band". Während sich das Regie-Kollektiv in der Schweiz, wo es an seiner Version von Friedrich Dürrenmatts Klassiker "Besuch der alten Dame" arbeitete, noch zuprostete, legten die Leute im Frankfurter Verlag der Autoren zornig die Stirnen in Falten. Zehn Tage trugen sie sich mit ihrem Widerwillen, dann schickten sie eine Pressemitteilung in die einschlägigen Journalistenbüros: Der Mülheimer Preis zeichne eine "herausragende Produktion, eine intelligente Regie, eine neue Theaterform" aus, "nur eines nicht: einen Dramatiker". Was das Verlagsteam unerhört fand, denn schließlich sei Mülheim das Festival für neue Stücke. Und genau darum, um ein Stück, scheint es sich für die VerlegerInnen der Autoren bei "Das Kapital, Erster Band" nicht zu handeln.

2. Akt

Diese Position inspirierte dessen alten Weggefährten Peter von Becker am 19.6.2007 zu einer Erwiderung im Berliner Tagesspiegel: Von Becker rekapituliert noch einmal die Arbeitsweise der Riministen. Casting, authentische Personen, Experten, Entwicklung eines Drehbuchs aus persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen. Damit aber ähnele "Karl Marx" einem "traditionellen Theaterscript wesentlich mehr als beispielsweise Elfriede Jelineks in Mülheim mehrfach ausgezeichnete 'Textflächen-Prosa' ohne festgelegte Rollen". Überhaupt: was sei denn ein Theaterstück? "Heute gibt's dafür kein Dogma mehr", alles sei erlaubt und Aufregung ganz fehl am Platze. Überdies genügten die Scripts von Rimini Protokoll einer wesentlichen Bedingung für Theaterstücke: sie seien "nachspielbar".

3. Akt

Der Kritiker der Süddeutschen Zeitung, Christopher Schmidt, legt unter dem Titel "Die Zerstückten" am 22.6.2007 historisch grundsätzlich nach. Das ist schön. Er beginnt mit Thomas Mann und dessen Papst-Erzählung "Der Erwählte", der vom romantischen Topos des Künstlers handle, "der nur ein Instrument sei, Empfangenes weiterzugeben". Widersprochen worden sei dem unter anderen von Paul Valéry und Gottfried Benn, die Geschriebenes nicht als Offenbartes, sondern als Gemachtes begriffen haben wollten. Schmidt hält es für ein Kennzeichen der Postmoderne, dass der Glaube ans Wort erschüttert, an die Stelle des souveränen Autors "dekonstruktivistische Schreibweisen" getreten seien, "die mit den Mitteln von Zitat und Montage Demokratie herstellen sollen". Elfriede Jelinek. Rimini Protokoll.

Rimini Protokoll? "Casting und Compilation sind bei dieser Form von Dokumentartheater schon die halbe Dramaturgie und die inszenatorische Leistung die andere Hälfte." Wobei sich die "derzeitige Konjunktur dokumentarischer Formen" auf dem Theater auch dem "Wunsch nach Unmittelbarkeit und Authentizität" verdanke. Das Theater werde zum "Content-Merger", zum "Volksempfänger". Gleichzeitig hätte der Wettbewerbsdruck zugenommen – der Regisseur müsse zum Originalgenie werden, dafür schärfe er sein Markenprofil, die Arbeiten werden wiedererkennbar, sprich: verwechselbar, womit wiederum das Neuheitsgebot des Marktes verletzt wird.

Dieses Dilemma werde, so schließlich die historische Conclusio, von Poeten wie Dokumentaristen aufgelöst, indem sie sich wieder als Medien verstehen und alle Widersprüche in ihr Selbstbild eingemeinden würden. Das Geburtstrauma des Künstlers in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, sich nämlich als Sprachrohr einer Muse zu verstehen, sei damit jedoch nicht überwunden. Der Künstler habe "bloß den Arzt gewechselt. Kein Gott gibt ihm zu sagen, wie er leidet, sondern das Telefonbuch von Hamburg. Und statt Kirchenglocken läutet nur das Handy des 'Erwählten'".

Weitere Beiträge zu dieser Autorschaftsdebatte von Michael Börgerding und Oliver Bukowski. Außerdem zwei Presseschauen zum Thema: hier und hier.

 

Mühlen der Macht

von Georg Petermichl

Wien, 30. Mai 2007. Der Moment der Ernüchterung stellt sich ein, wenn sich die Saalpforten schließen, und der Journalist ist vorher nicht hindurch geschritten: Spätestens dann nämlich wird klar, dass die gesammelten Erfahrungen des Theaterabends nicht für eine Kritik ausreichen werden. Ein seltenes Dissonanzerlebnis beim gestrigen Festwochen-Premierenabend von "König Lear" im Wiener Burgtheater.

Alice und all die anderen Als-Obs

von Esther Slevogt

Berlin, 29. Mai 2007. Seit es das Internet gibt, gibt es immer wieder Versuche, die virtuellen Welten des www auch theatralisch zu erkunden. Sei es, dass das älteste aller Medien in seinem Guckkasten von Beklemmungen gepackt wird. Und Ängsten, nicht mehr zeitgemäß zu sein. Sei es, dass die unterschiedlichen virtuellen Spielwiesen, Chats, Foren und Online-Rollenspiele eigentlich nach dem Vorbild des Theaters strukturiert sind und schon deswegen nach Kommunikation und Auseinandersetzung mit ihrem Vorbild schreien.

Unterkategorien