Vor uns liegen Monate der Angst-Arbeit

1. Juli 2020. Die Corona-Krise hat in vielen Bereichen bereits existierende Probleme verschärft oder zumindest sichtbar gemacht. Auch in der Gegenwartsdramatik, wo die Folgen der Pandemie besonders den Autor*innen noch lange schaden könnten – sagt der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz im Gespräch mit Andrea Heinz. Aber der Lockdown hat Schmalz auch dazu inspiriert, sich verstärkt um die Dramen-Analyse zu kümmern und ein neues Forschungsprojekt anzustoßen.

"Sie haben Lügen erzählt"

von Kirill Serebrennikow

Bevor der russische Regisseur Kirill Serebrennikov am 26. Juni 2020 in Moskau zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt wurde, hielt er am Montag, 22. Juni, vor dem Gericht in Moskau eine Rede, die wir hier dokumentieren. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Birgit Lengers, Dramaturgin am Deutschen Theater in Berlin. Sie weist darauf hin, dass die ersten Buchstaben jedes Absatzes im russischen Original folgende Aussage ergeben: "ICH BEREUE NICHTS. IHR TUT MIR LEID."

Das Theater der feinen Unterschiede

von Francis Seeck

25. Juni 2020. Seit Kurzem wird im Kulturbereich vermehrt über soziale Ungleichheit gesprochen: Der Begriff Klassismus (engl. classism), der analog zu Rassismus und Sexismus eine Diskriminierungs- und Unterdrückungsform beschreibt, etabliert sich langsam auch im Deutschen – und wird immer seltener mit der Kunstepoche Klassizismus verwechselt (vgl. Seeck/Theißl 2020).

Landestrauer

von Alfred Kerr

Berlin, 11. August 1901. Die zweite Kaiserin des neuen Reiches ist in das unentdeckte Land gezogen, aus des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt. Berlin steht im Eindruck dieses schmerzlichen Vorgangs. Die Verstorbene hat eine gesonderte Stellung eingenommen, was das innere Verhältnis der Nation zu ihr betrifft. Ihr gegenüber waren die Gefühle nicht alltäglich: sie hatte besonders glühende Verehrer, und es gab andererseits Leute, die sie mit Nachdruck befehdeten. Aber beides, die große Zuneigung und die stille Abneigung, floss zuletzt ineinander in einziges Gefühl der Ehrfurcht vor den tiefen Schmerzen, die sie erfahren. Da wurden alle einig. Sie war die Kaiserin der Schmerzen.