Immer noch Sprengstoff

20. September 2023. In dieser Spielzeit stehen in den Metropolen viele queere Stoffe auf den Spielplänen. Zuweilen auch in kleineren Städten. Anders im Osten Deutschlands. Dabei ergäbe sich hier vermutlich die Reibung, die Theater lebendig erhält.

Von Georg Kasch

20. September 2023. Was bringt die neue Spielzeit? Ziemlich viele queere Themen. Noch 2018 konstatierte Johannes Kram in "Theater heute": "Während im Inneren der deutschen Theater halbwegs offen schwul lebende Schauspieler kein Problem sind, gibt es dort kaum aktuelle queere Stoffe." Natürlich gab’s schon früher Stücke und Inszenierungen mit queeren Motiven. Aber man musste mitunter doch genauer hinschauen und -hören, um sie zu finden (Ausnahmen wie das gerade wieder verstärkt gespielte "Engel in Amerika" bestätigen die Regel).

Jetzt aber: Glitter and be gay im deutschsprachigen Theater! Und zwar gar nicht nur in der stets dominierenden Boy-meets-boy-Variante, wiewohl sie nach wie vor besonders präsent ist: Matthew Lopez‘ schwules Sittengemälde im Netflixformat "Das Vermächtnis“ eröffnet in Bamberg die Spielzeit und wird in Münster wiederaufgenommen; Philipp Stölzl, mit dem Münchner "Vermächtnis" beim Theatertreffen eingeladen, wärmt am Residenztheater "Andersens Erzählungen" auf (mit Crossover-Kitschrand, aber so was ist ja bekanntlich Geschmacksache); Leo Meiers herrlich verstrahltes "zwei herren von real madrid" wird in Hannover inszeniert. Außerdem gibt’s neue autofiktionale Werke von Falk Richter an der Berliner Schaubühne und Eduard Louis in Regensburg.

Aber es glitzert auch im Sinne von Genderqueer und den anderen Buchstaben von LGBTQIA*: Wilke Weermann inszeniert in Bamberg Kim de l'Horizons "Hänsel & Greta & The Big Bad Witch". L’Horizons preisgekrönter Roman "Blutbuch" kommt in Bern, Hannover, Magdeburg und Essen auf die Bühne. Heidelberg bringt Leonie Lorena Wyss‘ "Blaupause" zur Uraufführung, Hannover die Stückentwicklung "Leyla. Fragmente" von Miriam Ibrahim mit Texten von Fatima Moumoun, Dresden die Bühnenfassung von Hengameh Yaghoobifarahs "Ministerium der Träume".

Frischzellenkur auch in der Oper

Und das sind nur die neuen Stoffe. Kaum eine Shakespeare- oder Oscar-Wilde-Komödie, die nicht zumindest in Ansätzen queer erzählt wird. Und kaum eine Freie-Szene-Produktion, die Queerness nicht mitdenkt. Nicht mal die Boulevardbühnen, wo die Welt eigentlich noch "in Ordnung ist" (meistens geht in heterosexuellen Beziehungen irgendwer fremd, bis die Paare am Ende wieder zusammenfinden), bleiben verschont. Im Oktober schlüpft am Berliner Renaissance Theater Sven Ratzke in die Rolle von Pat Gems "Marlene" – jene Kultrolle, die hier um 2000 herum Judy Winter unzählige Male gegeben hat.

Auch die Oper bekommt vereinzelt eine queere Frischzellenkur. Das Theater St. Gallen hat bei Komponist Tobias Picker ein Werk über "Lili Elbe" bestellt, eine der ersten Menschen weltweit, die geschlechtsangleichende Operationen hat durchführen lassen. Übrigens gilt hier wie schon bei "Das Vermächtnis“´": Wenn die Stoffe das Stammpublikum herausfordern, helfen konservative Erzähl- und Kompositionsformen (klingt immerhin gut, verspricht die Partitur).

Jenseits von Leipzig oder Dresden

Das sind nur wenige Beispiele von vielen. Was allerdings auffällt: Jenseits der Metropolen, in denen eigentlich alle großen Häuser queere Formate, Geschichten oder Ästhetiken im Programm haben, sei’s in Österreich, der Schweiz oder Deutschland, sind es ausgewählte Theater, die entsprechende Schwerpunkte setzen: Bamberg, Bern, Dortmund, Hannover, Graz, Karlsruhe, Münster, Tübingen fallen auf. Aber was ist zum Beispiel mit dem Osten jenseits von Leipzig und Dresden, dort, wo queere Erzählungen seltener auf ein junges, studentisches Publikum treffen?

Gera zeigte 2022 "Liebe macht frei". Magdeburg macht, wie gesagt, "Blutbuch", auch "Tschick" lässt sich finden (wiewohl man darüber streiten kann, ob das eher beiläufige Coming Out eines Protagonisten ein Stück queert). Das ist nicht viel.

Homo- und transfeindliche Hetze

Der Fall des Wildwechsel-Festivals zeigt aber auch, welchen Sprengstoff Queerness als Thema und Praxis zuweilen noch besitzt. Der usprünglich eingeladenen queerfeministischen Produktion "Lecken" begegnete massiver Gegenwind; als sie wegen fehlender Gelder wieder ausgeladen werden musste, bemühte man sich, jeden Verdacht des politischen Einknickens wegzuwischen.

"Queere Personen werden hier als Gefahr, als das Feindbild für Familie, Kinder und die Gesellschaft, inszeniert", erzählte das Kollektiv CHICKS* nach den Angriffen und der Absage, "in den Beiträgen vermischen sich homo- und transfeindliche Hetze mit antisemitischer und ableistischer Sprache." Immerhin kündigt das Theater Plauen-Zwickau als Reaktion auf die Angriffe eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen Queerness, Diversität, Empowerment und Antirassismus in der nächsten Spielzeit an. Da kommt noch was.

Vielleicht ist der Wunsch vermessen, queere Stoffe mit einem Publikum zu konfrontieren, dass völlig anders tickt als in den Großstädten. Vielleicht ist es belehrend. Vielleicht gehen potentielle AfD-Wähler*innen auch nicht ins Theater. Aber vermutlich ergäbe sich doch eine Reibung und gesellschaftliche Diskussion, die Theater lebendig erhält – und die es als Frischekur auch immer wieder braucht.

 

Kolumne: Queer Royal

Georg Kasch

Georg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" blickt er jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt.

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Kommentare  
Kolumne Kasch: Ergänzung Halle und Schwerin
Sicher auch noch nicht viel, aber: sowohl Halle als auch Schwerin machen diese Spielzeit auch "Gabriel" von George Sand
Kolumne Kasch: Auch in Hof
Ich erlaube mir den Hinweis, dass wir in Hof „The Legend of Georgia MacBride“ spielen werden.
Kolumne Kasch: Weitere Ergänzungen
Oder was ist mit "Movie Star" in Dresden, oder mit "Schernikau" in Dessau, oder "Legit Love" als ständige Diskurs-Party-Reihe in Magdeburg, oder "Späti Deluxe" als queeres Mitmachrevue am Staatstheater Schwerin, "La Cage aux folles" am Theater Vorpommern ... Ab wann gilt man als "queeres" Theater, lieber Herr Kasch? Wie viele explizite Stücke müssen dafür im Programm sein?
Kolumne Kasch: Zartes Pflänzchen geopfert
Lieber Georg Kasch,
bitte nochmal drüber gehen über den Text. Ich finde, das wirklich wichtig, dass auch die vielleicht zarten Pflänzchen auch in so einem Medium wie nk differenziert gewürdigt werden und nicht einer schmissigen These geopfert werden sollten, die einen Text "rund" macht.
Kolumne Kasch: Ergänzungen + Erwiderungen
Liebe Maria, liebe:r Queen,

es geht mir nicht darum, Label zu verteilen. Sondern zu fragen, woran es liegt, das – zumindest beim kursorischen Blick über die Spielpläne – ein Ungleichgewicht auffällt. Wenn die Beispiele für queere Stoffe (queere Erzählweisen und Künstler:innen lassen sich aus Spielplänen eh kaum ersehen) viel zahlreicher sind als angenommen – umso besser. Genau für solche Ergänzungen und Erwiderungen wurden die Kommentare bei nachtkritik.de erfunden. Und wenn ich mich in meiner Annahme geirrt haben sollte, freue ich mich natürlich.
Kolumne Kasch: Hinweis
Auf queer.de ist zuletzt auch ein sehr übersichtlicher und detaillierter Überblick über queere Produktionen auf deutschen Bühnen erschienen: https://www.queer.de/detail.php?article_id=46846
Kolumne Kasch: Ostdeutschland klein gemacht
Warum werden hier Ostdeutschland und seine Bewohner*innen so klein gemacht? Warum schauen Sie, lieber Herr Kasch, nicht sorgsamer hin?
Kolumne Kasch: Fehlerkultur
Lieber Georg Kasch,
so leicht können Sie sich das nicht machen. Erst hauen Sie eine steile Behauptung raus, die nicht auf sorgfältiger Recherche beruht, sondern auf "kursorischen Blick in die Spielpläne". Und wenn dann Menschen in der Kommentarspalte das korrigieren und ergänzen, sagen Sie, hey, dafür wurde die Kommentarspalte erfunden. Das war mir und sicher vielen anderen nicht klar: damit Sie Ihren Job schludrig und ohne Sorgfalt machen können, wurde die Kommentarspalte bei nachtkritik.de erfunden, damit dann Leser*innen die Recherche machen, für die Sie zu faul waren? Echt? Und in der nächsten Runde sollen wir wieder Verständnis haben, dass Qualitätsjournalismus Geld kostet und wir zahlen sollen? Qualitätsjournalismus hat aber mit Sorgfalt, Mühe, Recherche zu tun. Und mit Fehlerkultur: ich hätte das souverän und richtig gefunden, wenn Sie geschrieben hätten, Entschuldigung, meine Behauptung war nicht gut recherchiert und belegt. Stattdessen: Ist doch prima, wenn ich unrecht habe nachdem Sie leichtfertig extrem viele Theater und Macher*innen gedisst haben, das ist nicht Fehlerkultur.
Kolumne Kasch: Ergänzung aus Erfurt
Kleine Ergänzung: in der STUDIO.BOX des Theaters Erfurt gab es 2023 als deutsche Erstaufführung "Pleasure", Kammeroper von Mark Simpson, incl. Infostand vom Queeren Zentrum Erfurt bei jeder Vorstellung.
https://www.theater-erfurt.de/stuecke/pleasure
Kolumne Kasch: Nicht selbstverständlich
@8: Weitgehend valide Punkte bei Ihnen, aber recht steiler Ton; jedenfalls für meine Ohren. Und, ja, Qualitätsjournalismus darf etwas kosten. Wenn wir mal den Umweg über die Werbegelder der öffentlich subventionierten Häuser weglassen, ist nk für Sie und uns alle kostenfrei. Das ist nicht selbstverständlich und finde ich schon erwähnenswert und bin sehr dankbar dafür! (Zumal wie üblich davon auszugehen ist, dass man als nk-Autor nicht Millionär wird.) Spenden helfen mit Sicherheit. Auch für mehr Recherchezeit, vermute ich. Und das wäre doch prima.
Kolumne Kasch: Recherche
Lieber Herr Kasch, ich schätze Sie sehr, aber da haben Sie wirklich halbherzig recherchiert - nach Ihrem Hinweis auf das Theater in Gera fand ich allein auf der Homepage dort (zum Theater Gera gehört da auch der Standort Altenburg - also noch "jenseitiger der Metropolen") zwei weitere Produktionen mit queeren Themen.... da haben Sie echt geschludert
Kolumne Kasch: Anregung
Ich lese so oft auf nachtkritik Texte über ostdeutsche Theater - in den Kritiken kommen sie aber selten vor. Vor allem die nicht, welche jenseits von Dresden und Leipzig sind. In den Texten wimmelt es vor Ressentiments und doch scheinen sie nicht interessant genug, sie einmal genauer zu betrachten und auch die speziellen Sorgen, die sie haben. Es wird berichtet ÜBER die Görlitz-Zittau, Plauen-Zwickau, Altenburg-Gera, Annaber-Buchholz etc. - und das immer mit der Perspektive aus Berlin und westdeutschen Metropolen. Sie haben so einen interessanten Podcast. Mich würde wahnsinnig interessieren, wenn dort mal die Damen und Herren Morgenroth, Zarmini, Kressin, Weyde oder Löschner erzählen würden, womit sie zu kämpfen haben und warum manche Themen eher zaghaft angefasst werden. Aber leider kommen die Theatermacher*innen aus der ostdeutschen Provinz bei nachtkritik so gut wie nie selbst zu Wort. Man berichtet lieber über sie. Schade.
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