Und plötzlich Walgesang

20. Juni 2023. Schlechter Leumund der Kritik seit Goethe: "Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent!" Was aber, wenn man mehr technisches Know-how ins Geschäft bringt und ChatGPT den Rezensent(innen)-Job machen lässt? Wird's dann pässlicher? Eine Probe aufs Exempel.

Von Wolfgang Behrens

20. Juni 2023. Für mich kam ChatGPT einige Jahre zu spät. Wie hätte ich mir ein solches Werkzeug gewünscht – als ich noch ein Nachtkritiker war, morgens um 6.30 Uhr mit dem Redaktionsschluss im Nacken und dem plötzlichen Stillstand im Sprachzentrum des Hirns, das doch eigentlich den nächsten Satz hätte hervorbringen sollen! Ich hätte, anstatt in Panik zu verfallen und vom Schreibtisch zum Kühlschrank, zum Küchenfenster, zur Toilette und wieder zurück zum Computer zu tigern, einfach den bislang geschriebenen Text in ChatGPT eingegeben und es (ihn? sie?) gebeten, einen nächsten Satz oder Absatz zu schreiben.

"Das hätte nicht nur meine Schreibblockade aufgelöst, sondern mir auch die Möglichkeit gegeben, neue Perspektiven und Ideen zu erhalten, um meine Kritiken zu bereichern und meinen Artikel rechtzeitig abzuschließen. ChatGPT wäre eine unschätzbare Unterstützung gewesen, um meine Arbeit effizienter und produktiver zu gestalten."

Super! Das zum Beispiel ist ein Vorschlag ChatGPTs für den zweiten Absatz des hier vorliegenden Textes. Na gut, das Ergebnis mag ein bisschen bieder sein (eine zweite Aufforderung, etwas origineller und mehr im Stile des Autors zu formulieren, erbrachte immerhin: "Hätte ich doch nur einen Flaschenpost-Boten gefunden, der meine Gedanken aufsammelt und sie in eine magische Maschine wirft, die daraus neue Worte webt und den Text in meinem Namen vollendet.") Aber der kreative Schreiber muss das ja nicht wörtlich übernehmen, doch vielleicht vermittelt einem die "magische Maschine" wenigstens – sie vermutet es sogar selbst – eine neue Idee oder Perspektive.

Lyrische Meisterleistung

Wobei das mit dem Neuen und dem Originellen so eine Sache ist, denn ChatGPT ist im Grunde gerade nicht originell. Die von dem Programm erledigte Aufgabe besteht vielmehr darin, auf die schriftliche Eingabe einer Userin oder eines Users die wahrscheinlichste Antwort auszuspucken. Man kann die Maschine dabei natürlich herausfordern und sie bitten, möglichst unerwartet zu reagieren (spontaner Test: "Während du verzweifelt nach dem nächsten Satz suchst, schallt plötzlich ein Walgesang durch dein Büro und inspiriert dich zu einer lyrischen Meisterleistung.") Doch auch das solchermaßen herausgekitzelte Unerwartete bleibt ein Produkt der Wahrscheinlichkeit.

Martin Wuttkes Hommage an Einar Schleef

Die eigentliche Krux bei der Sache freilich ist: So richtig geeignet für Theaterkritik dürfte ChatGPT ohnehin nicht sein, denn es (er? sie?) war bei der Aufführung gar nicht dabei. Für Beschreibung, Hermeneutik und Urteil fällt ChatGPT somit komplett aus – da können sich die Kritiker:innen leider gar nicht helfen lassen. Wobei es trotzdem nicht uninteressant ist, dem Wahrscheinlichen nachzuspüren. Kann ChatGPT etwa am Ende einer Theaterkritik ein gutes Resümee platzieren? Probe aufs Exempel: Liebes (lieber? liebe?) ChatGPT, schreibe bitte den letzten Absatz einer 15 Jahre alten Kritik neu!

"Insgesamt gelingt es Martin Wuttke mit seiner Inszenierung von 'Faust' am Berliner Ensemble, Einar Schleefs Erbe auf eindrucksvolle Weise zu ehren. Durch geschickte Anwendung von Schleefs künstlerischem Stil und einer persönlichen Note verleiht Wuttke der Aufführung eine faszinierende und kraftvolle Atmosphäre, die das Publikum tief berührt. Mit beeindruckender Präzision und Dynamik präsentiert er eine moderne Interpretation von Goethes Meisterwerk, die den Geist des Schleef-Theaters wiederaufleben lässt und zugleich neue Akzente setzt. Wuttkes 'Faust' ist eine Hommage an einen großen Regisseur und ein eindringliches Theatererlebnis, das noch lange nachwirkt."

Wow! Toll! Wo hat ChatGPT das her? Aus meinem alten Text? Na, hoffentlich nicht! Aber woher dann? Versuchen Sie es selbst! Wenn man ChatGPT auffordert, eine richtig, richtig gut geschriebene Theaterkritik zu imitieren, dann erhält man ständig Hülsensalat à la: "Anne Baders Interpretation von Ibsens Meisterwerk geht über die bloße Inszenierung hinaus. Sie ist eine transformative Erfahrung, die uns dazu bringt, über die Grenzen der Gesellschaft, Moral und Wahrheit nachzudenken. Sie regt zum Nachdenken an und hinterlässt ein Echo in unseren Köpfen und Herzen, das noch lange nach dem Verlassen des Theaters nachhallt."

Floskeln for Future

Das könnte eine beruhigende Nachricht für alle Theaterkritiker:innen sein: ChatGPT wird ihnen die Arbeit nicht abnehmen und nicht einmal erleichtern. Die beunruhigende Nachricht allerdings ist diese: Welcher Trainingsinput bitte schön hat ChatGPT dazu gebracht, Texte wie die oben generierten für gute Theaterkritiken zu halten? Wenn an der Auskunft, ChatGPT generiere (nach Vorbild des nahezu unendlich zugefütterten, von Menschen erzeugten Sprachmaterials) die wahrscheinlichsten Texte, auch nur das Geringste dran wäre, dann müsste man sich wohl Sorgen um das Niveau der aktuellen Theaterkritik machen. "Die Inszenierung regt zum Nachdenken an." Lass mal stecken, ChatGPT! Solche Floskeln braucht wirklich keiner. Und keine.

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war

Wolfgang Behrens

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, war von 2017 bis 2024 am Staatstheater Wiesbaden tätig – zunächst als Dramaturg, dann als Schauspieldirektor. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er unter anderem in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

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Kommentare  
Kolumne Behrens: Faktenwürfeln
Diese Überschrift werde ich noch häufig zitieren: "Floskeln for Future".

Ich habe als kleine Übung ChatGpt mal ein Programmheft zu Schostakowitschs Symphonie #14 schreiben lassen. Obwohl die engl. Wikipedia zum Lern-Corpus gehört, halluzinierte die AI wild vor sich in und hat die Fakten wohl ausgewürfelt.

Und die Fakten zu dieser Symphonie haben sich über 40 Jahre nicht geändert ...
Kolumne Behrens: Welche Version?
GPT3.5 oder 4?
Kolumne Behrens: Schon lange?
"Erfahren Sie mehr über die Chancen und Herausforderungen des Einsatzes von KI in der Theaterkritik in diesem fesselnden Artikel von Wolfgang Behrens."

"Erfahren Sie mehr über die Potenziale und Grenzen von KI in der Theaterkritik in diesem spannenden Beitrag."

"Ein faszinierender Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen der KI in der Kritik."

Könnte es sein, dass es Textgeneratoren schon viel, viel länger existieren und extensiv genutzt werden?
Kolumne Behrens: Eingestanden und zugestanden
#3: Ja, das kann sein, aber es wird noch nicht so lange eingestanden und auch noch nicht so lange auch den weniger "wichtigen" RedakteurInnen/JournalistInnen zugestanden...
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