Medienschau: Berliner Zeitung – Florentina Holzinger über ihr nächstes Stück. Und die Volksbühne

"Irgendwer wird es tun müssen"

"Irgendwer wird es tun müssen"

26. Mai 2024. "Also wir hungern danach, uns unsere eigenen Bedingungen zu schaffen", sagt die Choreografin Florentina Holzinger im Gespräch mit Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung, der sie im Vorfeld der Schweriner Premiere ihrer Opernperformance "Sancta" befragt. 

Ein eigenes Haus sei dennoch ein abstrakter Gedanke, "weil ich gar nicht ganz überblicke, was alles an Pflichten und Lästigkeiten dranhängt, die mich in meiner künstlerischen Freiheit wiederum begrenzen könnten." Seidler will noch mal konkreter wissen, ob sie sich für die Intendanz der Berliner Volksbühne interessiert. Holzinger: "Ich verdanke René (Pollesch, Anm. d. Red) unendlich viel und liebte ihn sehr. Ohne ihn hätte es 'Ophelia' nicht gegeben." Trotzdem sei sie aus den genannten Gründen in dieser Frage zwiegespalten. "Ich bräuchte ein gutes Budget und ein gutes Team. Irgendwer wird es tun müssen. Die Leute sind immer so besorgt. Ich denke, dass den Job lieber jemand machen sollte, der sich wie ich keine Sorgen um die Zukunft des Theaters macht."

(sle)

Kommentare  
Medienschau Holzinger: Bewerbung?
Na wenn da das mal für die Volksbühne keine angemessen launige Bewerbung ist!
Medienschau Holzinger: Genie-Vorstellung
Ja, genau. Künstler*innen, die sich vornehmlich darum kümmern, dass sie für sich und ihre Produktionen gute Bedingungen schaffen können, dabei aber nicht zu viele Lästigkeiten ertragen möchten und sich keine Sorgen über die Zukunft machen möchten... genau solche Leute, sollten Theater leiten und Verantwortung für über hundert Mitarbeitende übernehmen. Klingt wie 1867, aber befriedigt sicher deutsch-romantische Vorstellungen von Genies, deren Kollateralschäden aus herremenschhafter Egozentrik lässlich sind, solange bloß niemand mit ernsthaften Managementfähigkeiten einen Posten übernimmt, der eben solche verlangen könnte. Das wär ja noch schöner, wenn Theater 2024 von Menschen die "Lästigkeiten" des Berufs beherrschten und als ihre Aufgaben annehmen.
Medienschau Holzinger: So wird das nichts
Sensationell. Einerseits wird allgemein (auch in der Presse) laut darüber geklagt, dass es bei der Findung von Theaterleitungen zu wenig um die professionelle Eignung zum Umgang mit (zum Teil) sehr großen komplexen Strukturen und der Verantwortung für sehr viele Menschen in ihrem Arbeitsumfeld gehe, andererseits wird dann doch jemand, der mitteilt, dass sie (in diesem Falle) "gar nicht ganz überblicke, was alles an Pflichten und Lästigkeiten dranhängt" für geeignet gehalten. So wird das alles nichts.
Medienschau Holzinger: Keine Floskeln mehr
Das Problem ist, dass wirklich jede Person auf dieser Welt mit einem Budget von, sagen wir, 300.000 EUR einen interessanten Theaterabend auf die Bühne bringen könnte. Auch oder gerade ein Mensch, der noch nie ein Theater von innen gesehen hat. Große Bühne, gut ausgebildetes Personal, eine Idee und Geschichte und viel Geld. Ich glaube, dass sogar fast jede theaterferne Person einen interessanteren Theaterabend auf die Bühne brächte als die angesagte und angepasste Bubble. Viel wichtiger aber für eine Volksbühne sind: Anbindung und echtes Engagement in Sachen Anwohner:innen und Nachbarschaft, lokale Probleme und Arbeitskämpfe, ein Interesse an Community Building. Eine "bossy" Intendantin, die sich keine Sorgen ums Theater oder um den Rest der Welt macht, ist für die Volksbühne einfach ungeeignet. Eine Kunst für die Kunst, während die demokratische Gesellschaft am Ende ist, der Klimawandel vermeintlich ausgesessen wird und mit einem "Weiter so" dem Rechtsruck eine "Brandmauer" entgegengesetzt wird, die für mehr Abschiebungen plädiert, ist obsolet. Keine Floskeln mehr, sondern echtes zivilgesellschaftliches Engagement sind gefragt. Kunst kann so viel mehr als Effekte und Affekte anzuspitzen. Die Volksbühne sollte für die Stadtgesellschaft und ihre Anliegen geöffnet werden, ein Ort des Austauschs sein. Es gibt doch so viel mehr zu behandeln als die Frage, ob "Patriarchat und Kirche ein interessanter Nährboden" für Künstler:innen sind. Wir sind so kurz davor, diese Demokratie endgültig und resignativ aufzugeben. Die Volksbühne wird jetzt gebraucht für den großen Ruck...
Medienschau Holzinger: Zur Kenntnisnahme
Bitte nehmen Sie den untigen Thread von März '24 und die dortigen 43 Beiträge zur Kenntnis: Darin ist das meiste zum Thema bereits beschrieben und sind nahezu alle denkbaren Kandidaten genannt!
In meinen Posts habe ich dargelegt, daß ein Direktorium aus Holzinger/ Vinge / Macras / Kennedy / Mondtag nicht das geschichtsphilosophische und administrative Format in persona besitzt, um die Volksbühne Berlin zu leiten und vor allem aus der Führungsposition heraus wieder zu beleben, daß Nicolas Stemann als Intendant keinesfalls satisfaktionsfähig, und daß ein nicht-regieführender Manager bzw. Dramaturg oder Kurator, wie Matthias Lilienthal, Thomas Oberender und Chris Dercon, keine passende Besetzung für die dringend nötige, inszenatorische Strahlkraft und dialektisch-linksradikale Prägung des exzeptionellen Brecht-Erbes am Rosa-Luxemburg-Platz wäre.
https://www.nachtkritik.de/medienschau/medienschau-sz-wer-leitet-kuenftig-die-berliner-volksbuehne
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