Medienschau: Deutschlandfunk, Berliner Zeitung – Zum 30. Todestag von Heiner Müller

Die Welt als Wildnis

Die Welt als Wildnis

30. Dezember 2025. Heute vor dreißig Jahren starb Heiner Müller im Alter von 66 Jahren. Im Deutschlandfunk erinnert Stefan Keim mit vielen O-Tönen an den großen Dramatiker und Regisseur.

 "Ich habe seit Jahrzehnten das dringende Bedürfnis, Komödien zu schreiben, aber mir fällt nichts Komisches ein," sagt er da zum Beispiel. 

Hier das ganze Feature.

In der Berliner Zeitung erinnert sich Stephan Suschke (€).

(DLF / BLZ / sle)

Kommentare  
Medienschau Heiner Müller: Kein Gedenken am BE?
Ich finde es schon sehr erstaunlich, dass das Berliner Ensemble es nicht schafft, einen der größten
Dramatiker des 20. Jahrhunderts und gleichzeitig seinen ehemaligen Intendanten anlässlich seines 30. Todestages mit einer Veranstaltung zu ehren, Nicht mal eine Meldung war dies offenbar wert.
Medienschau Heiner Müller: Arturo Ui am BE?
...und bei der Gelegenheit:
Was ist eigentlich mit Müllers Inszenierung "Arturo Ui"?
Der BE-homepage ist zu entnehmen "Heiner Müllers legendäre Inszenierung mit Martin Wuttke wird seit 20 Jahren am Berliner Ensemble gespielt – thematisch ist sie heute aktueller denn je."
Abgesehen davon, dass wir uns nicht im Jahr 2015 befinden (Premiere war 1995), wann wird die Produktion endlich wieder aufgenommen? Vielleicht kann NK mal bei der Pressestelle des Berliner Ensembles nachfragen.
Medienschau Heiner Müller: Passt ins Bild
Eine Mitarbeiterin des Hauses hat mir erzählt, dass Herr Reese nicht nur das Archiv weggeben und das berühmte Kreis-Logo weitestgehend aus der Öffentlichkeit entfernt hat, sondern bei Amtsantritt sogar einen Schamanen oder so etwas Ähnliches beauftragt haben soll, der die Räume „exorziert“ haben soll… auch wenn letzteres wahrscheinlich eine der typischen Theaterlegenden ist, so würde es doch zumindest zu dem Eindruck passen, dass ein Traditionshaus wieder einmal von jemandem geleitet wird, der mit dieser Tradition nichts anzufangen weiß…
Medienschau Heiner Müller: Er glaubte?
Im Radio-Feature von Stefan Keim heißt es übrigens sehr schön westdeutsch, als erzählt wird, dass Heiner Müller, Anfang 20, in der DDR blieb, während seine Eltern in den Westen gingen: "Er glaubte an den Sozialismus." Doof-religiös war er also, der Mann, nicht etwa zur Analyse fähig und nicht womöglich von einem besseren, weil antifaschistischen Deutschland überzeugt - wie man ja auch hätte formulieren können. Und klar, alle Anfang-20-Jährigen ziehen immer mit Mutti und Vati gemeinsam um, vor allem nach drüben! Das erscheint jedem logisch, der sich komplett den post-antikommunistischen Zeitgeist ins Hirn geschaufelt hat.
Medienschau Heiner Müller: Wünschelrute
Klingt wie ein Aprilscherz, die Geschichte ist aber keine Legende, sondern stimmt, leider. Der "Schamane" war ein Wünschelrutengänger (im Ernst), sollte das BE im Auftrag des neuen Intendanten "ausräuchern" und vom "bösen Geist" des Vorgängers befreien. Nachzulesen übrigens damals hier bei NK sowie in der Berliner Zeitung. Das kam nicht bei allen Beschäftigten des Hauses gut an, besonders bei den vielen, die schon Jahre am Haus waren.
Medienschau Heiner Müller: Exorzismus
Da bist Du mal wieder irgendwelchen Vorurteilen aufgesessen. Die Idee, die Räume ausräuchern zu lassen kam nicht von Herrn Reese, sondern vom Ensemble. Und es ging nicht um das Vertreiben der schlechten Energie Heiner Müllers, sondern um eine Art symbolischen Neuanfangs, eine Art Verbindung von Alt und Neu- wenn man bedenkt , dass Theater selbst einem mystischen Ursprung hat und Messe und Vorstellung nicht do weit entfernt sind - dann das eine schöne Idee. Ich war übrigens dabei damals: habe nicht geräuchert ( ausser meinen Raum, sondern vom Pförtner bis Dramaturgen alle spirituell beraten, das ist auch eine Kunst, die sehr nahe am Theater ist. ( bin übrigens Schauspielerin und Regisseurin). Und: ich bin Heiner Müller 1992 in der Kantine des DT persönlich begegnet- habe mich damals mit ihm lange unterhalten: auch über Hellsehen!! Er fand das toll! - ich finde Esoterik oder Exorzismus übrigens total blöd: ich nenne das „spirituell-autodidaktische-Erforschung“- und es ist -wie oben erwähnt- sehr nahe am „Theatereeforschen“- und war wahrscheinlich sehr passend für das BE..schöne Grüße!
Medienschau Heiner Müller: Glückwunsch zum 97.
Lieber Heiner Müller,
Du fehlst mir so sehr, und Dein Platz ist seit 30 Jahren leer - niemand am Theater hat diesen seit Deinem Tod einnehmen und ausfüllen können! Umso lauter "reden" Deine Texte, Gedanken und Stücke, aber richtig gehört werden sie leider immer noch nicht! Ich käme zwar nicht auf die Idee, Dich an Deinem Todestag zu ehren, aber am Literaturforum im Brecht-Haus läuft am 16. Januar immerhin eine Veranstaltung in Berlin für Dich mit Stephan Suschke: Ich freue mich für Dich, daß sie ausverkauft ist!
Nein, stattdessen habe ich seit 2004 ja alle fünf Jahre Deine runden Geburtstage in verschiedenen deutschen Städten gefeiert: z.B. "Heiner Müller 75" mit Heiner Goebbels in Bochum oder "Heiner Müller 90" mit Ginka Tscholakowa in Leipzig - mit ihr war es besonders schön!
Aber dieser DLF-Radiobeitrag von Stefan Keim offenbart leider schon in der kurzer Einleitung, daß Du in Westdeutschland 30 Jahre nach Deinem Tod immer noch völlig falsch rezipiert wirst: "Die Inszenierungen von Heiner Müller waren düster und zynisch." - Oh-Mann, welch ein Bullshit, diese Düsternis und dieser Zynismus, mit dem Deine Werke westdeutsch beschrieben und betrachtet werden, wird seit 50 Jahren wiederholt und kopiert! Aber beides offenbart Herrn Keims westdeutsche Ahnungslosigkeit von Deiner grundlegend emanzipatorischen Ästhetik. Genauso wie dieses (auf wissenschaftlichen Tagungen unwidersprochene) zynische und düstere Geraune von Deinem vermeintlichen Posthumanismus. Ha! Das kommt mir wirklich dummdreist vor, Dich als großen Denker posthum damit verunglimpfen zu wollen.
Du bist ja längst tot und brauchst Dich nicht mehr aufzuregen... Mir aber tut es weh, wenn Du Dich deswegen in Deinem Grabe umdrehen mußt! Denn Du hast auf eine so unfaßbar wirkungsästhetische Art dramatisiert, das Humane in unserer inhumanen Welt zu erkennen und zu nobilitieren! Trotz alledem. Und zwar durch Deine Negative Dialektik, wie ich das in meinem Buch "Besiegte durch Schmerzerfahrung" 2012 nenne. Der Vorgang des Rezipierens ist bei Dir also mit dem Lesen bzw. Zuschauen längst nicht beendet, wenn Du das historische Grauen, die zivilisatorischen Greuel und menschliche Zerstörungswut in Deinem "Dialog mit den Toten" höchst realistisch beschreibst und drastisch wiederauferstehen läßt: "Das einzige, was ein Kunstwerk kann, ist Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär!" (HM)
Irgendwie scheine ich einer der wenigen Westdeutschen zu sein, der Deine Negative Dialektik überhaupt verstanden hat. Haha! Wir sind uns vermutlich so sympathisch, weil Du ein Menschenfreund, Visionär und Utopist bist, der trotz alledem die Hoffnung in das Humane nicht aufgeben konnte.
Ich vermisse die, und sehne mich nach, der nötige(n) Radikalität auf den Bühnen, vor allem wenn es um Deine Stücke geht: Dabei wäre es wirklich wichtig, einer mittleren und jungen Generation Erfahrungen mit Deiner marxistischen (nicht: "sozialistischen") Geschichtsphilosophie zu verschaffen. Mir und einer mittleren Generation fehlt ein dialektischer Denkraum der hoffnungsvollen Sehnsucht und des Humanen, den Du an der Akademie der Künste bis zuletzt gehalten hast. Daß Du diesen am gegenwärtigen BE und anderswo zu Deinem 30. Todestag nicht mehr eingeräumt bekommst, zeigt den massiven Verlust an Widerstandswille und -fähigkeit der Kunst. Ob ein Stück von Dir dann auch tatsächlich authentisch auf die Bühne gebracht wird, sei dahingestellt. Aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß mit Deinem Tod auch eine ganze Epoche gestorben ist.

Ich hoffe, daß das BE lieber zu Deinem 100. Geburtstag 2029 spätestens wieder den "Arturo Ui" von Dir spielen läßt! Aber Du kannst diese Stille um Deine Person und Stücke an Deinem neuen Platz gewohnt mit Whiskey, Zigarren, Witz und (Selbst-)Ironie aushalten, weil Du durch Dein veröffentlichtes Werk bleiben wirst: "Das Beispiel zählt - der Tod bedeutet nichts." (HM)

Herzlichen Glückwunsch zu Deinem 97. Geburtstag heute!
Dein Mark
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