Medienschau: Die Welt – Das Phänomen Julien Gosselin

Totale Effektästhetik

Totale Effektästhetik

26. August 2025. "Hat die Theaterästhetik im 20. Jahrhundert immer wieder versucht, den Guckkasten des Theaters aufzubrechen und die berühmte vierte Wand zwecks Einbruchs von Realität zu durchlöchern, lässt einen Gosselin umgekehrt über den Umweg Film in die Illusionsbude hineinkriechen.

Man schaut durchs Kameraobjektiv wie durchs Schlüsselloch", schreibt Jakob Hayner in Die Welt über den 38-jährigen französischen Regie-Star Julien Gosselin, der im deutschsprachigen Raum (zuletzt mit "Le Passé" bei den Salzburger Festspielen) sehr geteilte Kritiker*innen- und Publikumsreaktionen hervorruft. 

"So bricht auch die Live-Kamera das Bühnenbild nicht auf und zerlegt es in Videowelt und fraktales Subjekt, sondern schließt es mit geradezu unheimlicher Glätte. Ebenso im Schauspiel, wo im bruchlosen Anschmiegen an die Rolle wieder Rotz und Wasser geheult werden darf, als hätte es Brecht & Co. nie gegeben."

"Gosselin zeigt bedrohte oder untergehende Welten mit kaputten Leidenschaften, zerstörerischen Gefühlen und fatalen Affekten – und enthält sich zugleich jeder Bewertung dessen. Von diesem Großillusionismus geht eine Faszination aus, die auch dadurch nicht beschädigt wird, dass Gosselin sehr wohl den ganzen Apparat zeigt, den er zu seiner Erzeugung braucht", so Hayner. In „Le Passé" seien das beispielsweise Dutzende Techniker, die live das Bühnenbild ab- und wieder aufbauen. "Gosselin verbirgt seine Tricks nicht, doch das Offenlegen der inneren Mechanik kratzt hier nicht am Illusionismus, hat keine kritische Funktion mehr. Es bleibt äußerlich, dient gar als ästhetisches Dekor. Die postdramatischen Taschenspielertricks haben ausgedient, hier herrscht eine höhere Bühnenmagie, die alles überstrahlt."

"Mit Gosselins totaler Effektästhetik ist ein Punkt der Ununterscheidbarkeit erreicht, an dem völlig unklar ist, ob die aufs Eintauchen gebürstete Wiederkehr der Illusion wirklich zukunftsweisend oder doch nur Resterampe des Abgestandenen in neuer Verpackung ist."

(Die Welt / sd)

Kommentare  
Medienschau Gosselin: Kritische Theorie
Als nicht-Deutsche im Deutschland zu leben und dauernd kritische Theorie beeinflusste Rezeption und dekonstruktiv-kritisches Theater zu lesen und sehen, freue ich mich immer riesig, wenn mal eine nichtdeutsche Regie Theater macht, das mich fasziniert, überwältigt und anders fühlen lässt. Aber ja: Deutschlands Angst ist davor ist nachvollziehbar. Obwohl die Kritik doch mehrheitlich auf ein Publikum abzielt, das sowieso kaum noch kommt. Die künstlerische Vielfalt macht es doch aus. Und vielleicht schafft es Gosselin auch ein theaterfernes, Serien- und Filmgeschultes Publikum ins Theater zu locken. Das wäre zu begrüssen.
Medienschau Gosselin: Postdramatisches Besteck
Das Interessante an dem Artikel ist ja nicht, ob der deutschsprachige Raum illusionistisches Theater will oder nicht will. Eher wird gefragt, wie es sein kann, dass das postdramtische Besteck zum Dekor verkommt und kein kritisches Verhältnis mehr erzeugt?
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