Medienschau: Die Zeit – Zur Premieren-Absage in Osnabrück

Unter dauernervöser Beobachtung

Unter dauernervöser Beobachtung

18. Juli 2025. "Wie steht’s um die Kunstfreiheit abseits der Metropolen?", fragt Die Zeit, ausgehend von der Premierenabsage in Osnabrück, über die auch wir berichtet hatten.

"Wenn man dieses Land besser verstehen möchte, lohnt es sich, abseits der schrillen Schaubühnen-Inszenierungen und des schamlosen Volksbühnen-Exhibitionismus einmal nachzuschauen, was im Schatten der Großstadt-Bühnen passiert", leitet die Artikel-Autorin Marlene Knobloch ihre Recherche ein. Diese beruht auf den Gedankenprotokollen der Künstlergruppe um den Regisseur Lorenz Nolting und die Dramaturgin Sofie Boiten, auf Gesprächen mit weiteren künstlerisch Beteiligten und, da sich die Intendanz nicht äußern wollte, auf einem Ende Juni erschienenen Artikel der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Rekonstruktion eines Zerwürfnisses

Chronologisch wird der Weg zur Absage geschildert. Auf der einen Seite steht in Knoblochs Zeit-Beitrag Osnabrück als katholisch geprägte Stadt und der Intendant Ulrich Mokrusch, der sich dem Generalvikar der katholischen Kirche verbunden zeigt und der mit einem Verbot von Vaterunser und Gottesdienst-Elementen in der Inszenierung sein gläubiges Publikum schützen will. Auf der anderen Seite steht das künstlerische Team, das gerade in der Stadt, in der laut vom Bistum beauftragter Studie mindestens 400 Kinder und Jugendliche Opfer sexueller Gewalt in der katholischen Kirche wurden, auf Grundlage vieler Studien zeigen möchte, "mit welchen Narrativen es die Kirche bis heute schafft, den Diskurs zurückzuhalten", wie Nolting zitiert wird. "Ödipus Exzellenz" wäre seine dritte Inszenierung in Osnabrück gewesen, die erste auf der großen Bühne – "ein eigentlich wichtiger Schritt für die Regiekarriere", so Autorin Knobloch.

Mokrusch habe in der dritten Probenwoche das Team einbestellt und Augenzeugen zufolge gesagt, er fühle sich von der im Text enthaltenen Gottesdienst-Szene "missbraucht" und "beschmutzt". Für den an der Inszeneirung mitwirkenden Karl Haucke, der als Kind in einem katholischen Ordensinternat über mehrere Jahre hinweg von einem Pater missbraucht und vergewaltigt wurde, sei das Theater ab diesem Moment "kein sicherer Raum" mehr gewesen: "Uns Betroffenen diese Begrifflichkeit zu stehlen, um damit ein individuelles Machtinteresse zu verwirklichen, ist nicht verboten. Aber es ist unanständig", zitiert ihn Die Zeit.

Provokation auf Probe?

Zum Bruch zwischen Intendant und Inszenierungsteam kommt es danach: "Später wird der Intendant ein Papier vorlegen, das die Künstler unterschreiben sollen, in dem sie versprechen, keine religiösen Symbole zu diskreditieren. Den Gottesdienst dürfe man 'probieren', allerdings unter Aufsicht. Die Künstler ihrerseits möchten die volle künstlerische Freiheit und Vertrauen zurückgewinnen, heißt konkret: die Erlebnisse und Diskussionen der letzten Tage in das Stück mit einfließen lassen. Als der Intendant Ulrich Mokrusch das hört, feuert er die Künstler."

Um "Reibung" sei es Nolting und Team gegangen, zitiert ihn die Journalistin. "Nur scheint es, als wäre gerade nicht die beste Zeit für Reibung. Das Publikum, die Stadträte werden wie der Rest des Landes konservativer", schreibt Knobloch. "Avantgarde-Legenden wie der Regisseur Frank Castorf inszenierten sich ihren Rebellen-Ruf in der Provinz (so hartnäckig, dass das Theater Anklam irgendwann als 'Westfernsehen' galt). Wo und wie darf der Nachwuchs heute die Grenzen testen, ohne den dauernervösen Blick von Theaterleitungen oder Mitgliedern der Stadtgesellschaft?"

(Die Zeit / eph)

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