Medienschau: Diverse – Neuer Volksbühnenintendant

Wo ist Osten?

Wo ist Osten?

7. Februar 2025. Matthias Lilienthal wird im nächsten Jahr die Intendanz der Volksbühne Berlin übernehmen. Erste Kommentare schätzen die Personalie ein.

"Die Volksbühne steht nicht in München und ist viel mehr der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Umbruchzeiten verpflichtet als der feinen Sprechtheaterkunst für Connaisseurs und Genießer. Hier könnte Lilienthals ('Kunst finde ich ja immer erst mal scheiße') Konzept aufgehen", so Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (7.2.2025). "Damit nun alles irgendwie klappt, ist es unbedingt nötig, die legendäre wunderwirkende, aber auch kapriziöse Belegschaft für eine neue Idee zu gewinnen und einen Zusammenhalt herzustellen. Die Konfliktpotenziale mit dem Artistic Board müssen gut gemanagt werden – Holzinger ist die Arbeit mit ihrem eingeschworenen Ensemble gewohnt und gewillt, sich die Bedingungen zu schaffen, die sie braucht."

Simon Strauß von der FAZ versteht die Entscheidung als "eine gegen die kulturelle Identität des Hauses". Denn mit der so lange hier bewirtschafteten "Schicksalskategorie 'Ost'" hätten weder Lilienthal noch Holzinger oder Freitas etwas zu schaffen.

Als "gute Nachricht für Berlin und die Theaterwelt" bezeichnet Rüdiger Schaper die Berufung im Tagesspiegel. Nach "all den Katastrophen seit dem Abgang von Frank Castorf" brauche die Volksbühne Sicherheit. Für "das schönste Theater der Welt", wie Lilienthal bei der Pressekonferenz zu seiner Vorstellung erklärte, müsse man aber zugleich immer die "Ausnahmesituation" finden. Den Künstler*innen verspricht der künftige Intendant bei diesem Anlass eine "Freiheit, die auch Scheitern einschließt" – und "Spaß miteinander". Für Schaper wurde damit der "Fels in der Brandung" gefunden, ein "sehr bewegliches Gestein".

"In dieser Situation die Leitung der Volksbühne zu übernehmen, erfordert Wagemut. Es geht um nicht weniger als darum, dieses Theater neu zu erfinden und so zu retten.Wenn jemandem zutrauen ist, diesen Harakiri-Job ohne größere Schäden zu vollbringen, dürfte es Matthias Lilienthal sein", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (8.2.2025). Und: "Langweilig wird es mit ihm im Theater nicht."

(miwo / sd)

Mehr dazu: Den Kommentar von nachtkritik.de-Redakteur Janis El-Bira lesen Sie hier. Hier die Meldung zur Berufung von Matthias Lilienthal.

Kommentare  
Medienschau Lilienthal: Everybody's Darling
Everybodies Darling ist am Ende Everybodies Arschloch.

Was für eine mutlose Entscheidung! Und die Bubble jubelt…

Wie innovativ, Rimini Protokoll einen Abend über den Osten machen zu lassen! Bloß niemand aus dem Osten zu Wort kommen lassen!

Wie innovativ, Holzinger zu holen, die soviel zu tun hat, dass sie nur ihre Projekte machen wird…

Jetzt wird der Ost-Tanker zum internationalen Festspielgewummer.

Chance verpasst. In 10 Jahren ist die Volksbühne ein Gastiertheater!
Medienschau Lilienthal: Durch die Hintertür?
Die wirklich interessante Frage ist doch, wie die Volksbühne mit einem um 2 Millionen gekürzten Budget weiterarbeiten soll. In der Pressekonferenz sagte Lilienthal so etwas wie, dass man darüber in Zukunft reden müsse. Chiallo mit Pokerface sagte dazu nichts. Karin Baier hatte bei ihrer Berufung ans Hamburger Schauspielhaus die drohenden Kürzungen noch wegverhandelt. Für Lilienthal scheint das kein Thema gewesen zu sein. Wie er mit diesen Kürzungen einen Spielplan gestalten will, bleibt sein Geheimnis. Im nächsten Haushalt sind laut Presseinfo weitere, noch härtere Kürzungen vorgesehen. Die Probleme werden also noch größer. Dann gibt es nur noch die Lösung, das Haus in einen reinen Festpielbetrieb umzuwandeln oder ganz zu schließen. Mit einem Festpielbetrieb kann Holzinger gut leben. Sie hat ja auch gesagt, dass Lilienthal die Drecksarbeit machen muss (z.B. die Gewerke, die Werkstätten abbauen?). Sozusagen das Derconsche Konzept, an dem Lilienthal ja indirekt oder direkt beteiligt war durch die Hintertür.
Medienschau Lilienthal: Was wollt Ihr?
Es scheint mir, als wäre das Volksbühnenpublikum das mit Abstand Konservativste, das jaaa nur nichts anderes will. Aber sie sind doch sehr Einflussreich und toll und hipp - so, dass alle Einlenken. Lilienthal ist ja der Kompromiss schlechthin, und auch damit sind sie im tollen Berlin nicht zufrieden. Wie langweilig, wie altbacken.

Wer würde passen? Wer passt einem Publikum, das in Castorf und Pollesch noch immer das Radikalste sieht, und Holzinger eher erduldet, als feiert, weil hip, jung und Frau*?

Nicht, dass ich falsch verstanden werde: ich finde das alles grossartige Künstler:innen. Aber es gibt auch andere, die auch Radikal und toll sind und sich mit weissichnichtwas beschäftigen. Und Internationalität ist an sich doch nichts Schlechtes? Das ewige rumhängen im „Osttheater“ ist doch langsam gähn.

Was wollt ihr - #1?
Kommentar schreiben