Medienschau: taz– Intendantin Sonja Anders im Porträt
Nicht bissig
Nicht bissig
31. Dezember 2024. "Ich möchte vermitteln, dass Theater nicht beißt" – mit dieser Selbstaussage betitelt die taz das Porträt der künftigen Hamburger Thalia-Intendantin Sonja Anders.
Anders stamme aus einfachen Angestellten-Verhältnissen, wuchs nach der Trennung der Eltern bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf und wolle heute mit ihrem Theater beweisen, dass "Herkunft nicht stigmatisieren und von der Theaterkunst als Lebensmittel ausschließen muss", so Jens Fischer in seinem taz-Porträt der aktuellen Leiterin des Schauspiels Hannover und designierten Thalia-Intendantin.
In Hannover habe Anders "Geschlechterparität bei der Auswahl von Schauspielenden praktiziert und ein wohltuend diverses Ensemble engagiert", so Fischer. Die Theatermacherin, die ihre Kolleg*innen "Sunny" rufen, lege "in unseren Krisenzeiten großen Wert auf lichtsuchende, energiespendende Inszenierungen und lässt die Freuden der Diversität feiern".
(taz.de / chr)
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Ein weiteres Problem ist die ständige Forderung nach Geschlechterparität. Zwar ist die Förderung von Gleichberechtigung wichtig, doch sollte dies nicht zu einer künstlichen Einschränkung führen. Die Kunst sollte nicht von äußeren Vorgaben bestimmt werden, sondern von der Qualität der Talente und Ideen. Eine Parität, die auf Geschlecht basiert, kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechts und nicht aufgrund ihrer Fähigkeiten eine Rolle erhalten. Der Fokus sollte immer auf der besten Leistung und der passendsten künstlerischen Vision liegen, nicht auf der Erfüllung einer Paritätsvorgabe. Auf lange Sicht könnte dies der Kunst und ihrer authentischen Entfaltung schaden.“
Toi Toi Toi!
Schade nur, dass solche Porträts immer wie eine nachträgliche, völlig unnötige Bewerbung auf Posten klingen, die ja längst an die Porträtierten vergeben wurden. Ein wenig klingen Solo-Personifikationen von "Diversität" und sozialer Verantwortung - deren persönlicher, durch eine Frau Khuon beglaubigter Nachweis - immer ein wenig nach Teufelskreis. Es geht schließlich um Gleichheit, Gleichberechtigung, Diversität. Und, liebe*r Orpheus, mit Leistungs- und Genialitätsideologie Kulturinstitutionen einen Sonder-/Ausnahmezustand ("Kunst") erstreiten zu wollen, führt nur in die Reproduktion eines Immergleichen, das seit Jahren immer brutaler wird: Patriarchal zementierte Pseudo-Dynamik.
Das Jahr wird uns an den Theatern ganz kräftig in den Arsch treten. Es geht wieder einmal darum, kräftigst für die Relevanz der Bühnen zu streiten. Und das mit voller Energie! Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen, so wenig wir uns durch den Druck der Verhältnisse zu Opportunisten umdrehen lassen dürfen. Unser schlagendes Argument wird nicht hinter den Kulissen laut und kommt nicht im Rathausgang oder im Hinterzimmer beim Bürgermeister oder in den Regulierungswahn-Anstalten der Gewerkschaften zur Geltung: Das Einzige, was wirklich zählt, ist der Theaterabend selber, ob nun ausgebuht oder bejubelt, gleichgültig: Nur Lebendigkeit ist immer gefordert. Wenn wir hier wahr sind, sind wir unangreifbar.
Ich wünsche einen guten Rutsch ins Neue Jahr!
Schön finde ich, dass Frau Anders jetzt zu ihrer Vorliebe für Romanstoffe steht, wie in dem Interview zu lesen ist. Beim Antritt der Intendanz in Hannover sagte sie noch, Romanadaptionen auf der Bühne würde sie eher ablehnen, da da „immer so ein Erzähler auf der Bühne herumschwirrt“, um dann leider genau damit einen Großteil des Spielplans damit zu bestreiten. In einem Interview der HAZ vom 30.12. fallen Frau Anders - nach den Highlights ihrer Intendanz gefragt - leider auch nur Inszenierungen aus den ersten zwei Jahren ein.
Ich bin mittlerweile leider sehr ernüchtert. Frau Anders scheint ohne Zweifel eine tolle Arbeitgeberin und Teamleaderin zu sein. Leider hat sich von dem Drive aber wenig auf´s Publikum außerhalb der Premieren-Hochklatsch-Blase übertragen. Die Zuschauer:innenzahlen, die #6 anführt, scheinen dem ja eher nicht zu widersprechen.
Die taz bewertet es als positiv, dass sich ein großes Staatstheater darüber Gedanken macht, wie neue Publikumsschichten angesprochen werden können - ohne dabei andere zu verlieren. Wer sich das Programm des Schauspiel Hannover ansieht, erkennt, dass es eben eine große Bandbreite gibt: ganz klassische Stoffe, Angebote für Schulen, aber auch Stücke, die sich an ein diverses Publikum richten. Das sollte doch die Aufgabe des Stadttheaters sein: verbinden, statt ausgrenzen. Angebote machen, einladen, sich öffnen. Ein Haus für alle sein. Was ist falsch daran?
Zu Thorsten Weckherlin: Sie zitieren Zahlen, die noch von der Corona-Pandemie beeinflusst sind, da 2022 teilweise noch Beschränkungen galten. Das Schauspiel Hannover hat 2023 eine repräsentative Bevölkerung- und Publikumsbefragung in Auftrag gegeben und auch veröffentlicht. Die Zahlen geben einen sehr viel differenzierteren Einblick. Die Zahl der Abonnenten ist am Schauspiel Hannover gestiegen, was nur wenigen Theatern in Deutschland gelingt. Es gehen heute insgesamt sogar viel mehr Menschen in Hannover ins Theater, wenn auch nicht mehr so häufig wie früher.
Zu Thomas Rothchild: Die taz hat sich offenbar für die Biografie von Frau Anders interessiert und damit auf einen allgemein anerkannten Missstand hingewiesen. Dass in Deutschland gerade mal 32% der öffentlich getragenen Theater von Frauen geleitet werden (Quelle: Deutscher Kulturrat) und dass es nur selten Menschen aus „bildungsfernen“ Schichten in Führungspositionen schaffen, ist ja nun mal ein trauriger Fakt - und hat rein gar nichts mit der Qualität des Programms oder den Inszenierungen zu tun. Es ist trotzdem richtig und wichtig darauf hinzuweisen, auch ohne gleich irgendwelche Quoten auszurufen.